Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

67.1942

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Theologische Literaturzeitung 1042 Nr. 3/4

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Anfang des 18. Jahrhunderts wieder erlahmten, mysti-
sche Herzensfrömmigkeit und entschiedenes Christentum
in England erneuerte. Das Interesse an ihm ist gewach-
sen, seitdem man sich wieder mehr mit Jakob Böhme
befaßt, von dem Law stärkstens beeinflußt ist.

Die vorliegende Arbeit, eine von Friedrich Heiler an-
geregte Marburger Dissertation, hat zum Hauptinhalt die
Stufenfolge des mystischen Erlebnisses und die mysti-
sche Theologie von Law. Diese Kap. III—V bilden den
Kern der Abhandlung. Der Verf. schließt sich in seiner
Auffassung an Evelyn Underhill an und nimmt deren
Stufenfolge des mystischen Erlebnisses zur Richtschnur:
„1. Das Erwachen des Selbst. 2. Die Reinigung des
Selbst. 3. Die Erleuchtung des Selbst. 4. Die dunkle
Nacht der Seele. 5. Das Leben der Einigung" (S. 52).
Im IV. Kap. werden diese fünf Stufen einzeln bei Law
nachgewiesen und ausführlich geschildert. Das V. Kap.
befaßt sich mit Laws mystischer Theologie in ihrer Be-
ziehung zum mystischen Erlebnis. Darin werden folgen-
de Unterthemata abgehandelt: 1. Wiedergeburt und Tau-
fe. 2. Gottesbegriff und Ursprung des Bösen. 3. Die
Wiederbringung aller Dinge. 4. Die christlichen Kon-
fessionen, Christentum und Heidentum.

Methodologisch ist anzuerkennen, daß der Verf. mit
ausführlichen Quellenbelegen und unter Heranziehung
ausgedehnter Lektüre von Literatur über die Mystik seine
Anschauungen gut unterbaut. Inhaltlich kommt ihm viel j
darauf an, immer wieder nachzuweisen, daß eine innere
Einheit durch alle Phasen von Laws Entwicklung geht.
Dieser Gesichtspunkt ist deshalb so wichtig, weil seit
1733 der Einfluß Böhmes auf Law wirkt, während seine
besonders bekannten Werke: A Treatise ort Christian
Perfection (1726) und A Serious Call tu a Devout and
Holy Life (1729) vor diesem Termin liegen.

Weniger befriedigend als die skizzierten Hauptkapi-
tel sind die Zugaben. In Kap. VI will Minkner Bedeu-
tung und Eigenart der Mystik von William Law heraus-
arbeiten. Das Kapitel scheint mir wenig gelungen zu
sein; denn er zählt eigentlich nur einiges auf, was bei
anderen Mystikern, z. B. Böhme, zu finden sei, während
es bei Law fehle. Eine positive Charakteristik wird nicht
sichtbar. Desgleichen scheint mir das dogmatische Urteil
des Verfassers nicht tief genug zu gehen. Es ist ihm ge-
wiß das Recht zuzugestehen, eine von dem bewußten
Protestantismus abweichende Anschauung von Luther
zu haben. Aber weder die Berufung auf eine von der
maßgeblichen neutestamentlichen Forschung abseits füh-
rende Jesus-Interpretation (S. 142, Anm. 14), noch die
bloße Behauptung von „Luthers Einseitigkeit" (S. 142)
dürften genügen, um ein so zentrales und folgenschwe-
res Thema wie die Frage nach dem Wesen der Gnade
förderlich zu behandeln. Was der Verf. auf S. 140 ff.
vorträgt, um den christozentrischen Charakter und das
Ernstnehmen der Gnade in Laws Gedankenwelt zu be-
weisen, streift bedenklich an das Verfahren einer peütio
principii. Denn er interpretiert Gnade usw. von vorn-
herein so, daß Laws Gedanken sich gut einfügen, wäh-
rend doch das Problem gerade darin besteht, ob denn
ein solcher Gnadenbegriff usw. theologisch befriedigend
sei.

Vielleicht wäre es eine größere Hilfe für den Leser
und eine schönere Abrundung der an sicli verdienst-
lichen Arbeit gewesen, wenn der Verf. statt der jetzt zu
fragmentarisch gebliebenen Abschnitte eine kurze Bio-
graphie Laws beigefügt hätte. Doch sei der Arbeit auch
in ihrer jetzigen Fassung gedankt, besonders dafür, daß
sie die Aufmerksamkeit auf eine beachtliche Gestalt ge-
lenkt hat, eine Gestalt, an der sich die Wechselwirkung
zwischen englischem und deutschem Protestantismus gut
demonstrieren läßt. Von Deutschland her wirkt stärk-
stens Böhme auf Law ein. Er regt dann wiederum in
England den Methodismus, besonders John Wesley, an
und wirkt durch seine oben genannten zwei frühen Trak-
tate auch auf Deutschland stark zurück. Der Hallesche
Pietismus hat sich dankbar zu diesen Anregungen be-

kannt, auf ihn gehen auch die deutschen Übersetzungen
jener Schriften von Law zurück.

Marburg-Lahn Heinrich F r i c k

Bonus, Arthur: Aus schaffender Seele. Eine Auswahl aus seinen
Werken. Zusammengeordnet u. eingeleitet v. Rudolf Grab s. Wei-
mar: Verlag Deutsche Christen (o. }.). (119 S.) 8°.

Bonus, der 1941 77 jährig starb, soll in unserer be-
wegten Zeit nicht vergessen werden; ja es ist durchaus
möglich, daß er, der mit Lagarde und Chamberlain zu
den Vorkämpfern deutschen Glaubens gehört, erst nach
seinem Tode zu starker Wirkung kommt. Daß er Theo-
log, in seiner Jugend auch Pfarrer, war und Christ blieb,
braucht dem nicht im Wege zu stehen. Daß die national-
kirchlichen deutschen Christen ihn auf den Schild he-
ben, ist nicht ohne Recht; daß B. zu selbständig war, um
nur einer Gruppe zuzugehören, und daß er in den
heutigen Kämpfen nicht mehr Stellung genommen hat,
bleibt vorbehalten. Dichter, Vorzeitforscher und Prophet,
wie es im Norden (mit ungleich stärkerer Wirkung auf
seine Zeit) Grundtvig war, gibt er auch denen viel An-
regung, die ihm sachlich dann widersprechen; als Kenn-
zeichen seiner Art seien zwei von Grabs angeführte
Worte wiedergegeben:

Ob die Religion nicht zu viel Kultur in sich geschluckt hat zwi-
schen jener Zeit, wo wie Kierkegaard höhnte, der Fischer Petrus um
ihretwillen von der Obrigkeit gepeitscht wurde, und der Zeit, wo
ihre Verkünder darin geprüft werden, in welchem Jahre es geschah?
(S. 57).

Das christliche Erlebnis ist die Einordnung des Leids in die
Weltbejahung. Dies ist die Bedeutung des „Kreuzes". Wer über das
Christentum hinaus will, muß sich vor allem darüber klar sein, 'laß
er nicht unter dies Erlebnis heruntersinken darf (S. ()')).

Manches aus der Art von B., sein Gegensatz gegen
die Verschulung der Religion, seine lebendige Anschau-
ung von der Geschichte bildender Kunst, wird schon aus
dieser kurzen Auswahl deutlich. Die Stichworte, die der
Herausgeber am Rande jedes Stücks gibt, sind verständig
gewählt. Zu bedauern ist, daß er die Fundstellen nicht
angibt. So kann icli S. 24 oben einen in. E. sinnstören-
den Druckfehler nicht berichtigen. Solche Schriften von
B., die heute vergriffen sind, sollten neu gedruckt wer-
den, und vorläufig bald, nicht zu spät ein Verzeich-
nis seiner Zeitschriftenaufsätze (Kunstwart, Chr. Welt
u.s.w.) geschaffen werden; er schrieb bisweilen gleich-
zeitig unter mehreren Decknamen. Möge das Buch von
Grabs zu weiterer Beschäftigung mit Bonus anregen!

Niederbobritzsch H. Mulert

K ü h n e, Johannes: Friedrich von Bodelschwingh der Ältere.

Osnabrück: A. Fromm 1941. (b4 S., 1 Titelb.) kl. 8° Schöpferi-
sche Niederdeutsche. Bdch. 8. RM 1.20.

Mit warmen Worten schildert K. Leben und Werk
Friedrich von Bodelschwinghs. In einem vorbereitenden
Abschnitt ziehen die Jahre vorüber, die B. vom Eltern-
haus bis zur ersten größeren Station als Pastor in Dell-
wig führten. Wir erleben im Fortlauf die Schöpfung
Bethels als „der Stadt der Barmherzigkeit", die uns B.s
Wesen als von der Liebe zu Gott und den Menschen
erfüllt mit bewegtem Herzen erkennen läßt. In einem
umfassenden Gemälde sehen wir B. als Organisator, Pä-
dagoge und Sozialpolitiker größten Stils von Aufgabe zu
Aufgabe schreiten und sich den meisten von ihnen auch
vorbildlich gewachsen erweisen.

Mehrfach ist es dem Verf. daran gelegen, die Un-
möglichkeit aufzuzeigen, eine religiös-geniale Persönlich-
keit aus ihrer rassischen Herkunft restlos zu erklären.
Die häufige Wiederholung dieses an sich richtigen Ge-
dankens ermüdet.

Ein kleines Buch, aber wer wissen will, was
christliche Liebe vermag, dem kann es Gewaltiges zeigen,
z. Zt. im Wehrdienst W. Lemke

Tilemann, Heinrich: Ernst der Fromme. Herzog von Sachsen-
Ootha. Festrede, geh. auf d. 9. HochschiMtagg. d. Luther-Akademie
zu Sonderhausen am II. August 1940. Gütersloh: Bertelsmann 1940.
(10 S.) gr. 8° Studien d. Luther-Akad. H. 15. RM —70.
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