Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

67.1942

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Theologische Literaturzeitung 1942 Nr. 1/2

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kommen ist, beginnt man doch wohl die mit der Luther-
gestalt der deutschen Geschichte gestellt Frage so scharf
zu sehen, wie sie gerade heute gesehen werden muß.
Hier haben wir dann also statt einer Seebergschen allge-
meinen Wahrheit ein Problem vor uns, wobei wir uns
bewußt sind, mit dieser Perspektive nun auch den Rah-
men der Fragestellung Hirschs grundsätzlich verlassen
zu haben.

Demgegenüber will Seebergs Buch die Kraft und
Substanz der christlicheil Theologie in der Gegenwart
steigern und mehren, indem es Luthers Theologie leben-
dig macht. Auf diese Lebendigmachung kommt es See-
beig an. Sie wird in erster Linie dadurch zu erreichen
versucht, daß Luthers Theologie mit zahlreichen Erschei-
nungen der deutschen Geistes- und Giaubensgeschichte in
Zusammenhang gebracht wird. Diese Erscheinungen wer-
den jedoch nicht wirklich vorgeführt, sondern, wenig-
stens in der Regel, nur gestreift. Weil nun aber eine
Reihe von ihnen, und hier in erster Linie Hegel, für
Seebergs eigene, wie er selbst meint, lutherische Kon-
zeption konstitutiv ist, überschattet die Unzulänglichkeit
in ihrer Darbietung die Darstellung von Luthers Theo-
logie, darüber hinaus wird diese aber in unzulässiger
Weise mit Erscheinungen auf eine Linie gerückt, deren
Verhältnis zu ihr zum wenigsten problematisch ist. Mit
denen, die Luther mit dem Rekurs auf die germanische
Erbsubstanz erklären, wie auch mit denen, die ihn der
Orientalisierung des modernen Europa bezichtigen,
schließlich mit der christlichen Interpretation der deut-
schen Geschichte überhaupt, die sich vor allem auf die
Tatsache der Erscheinung Luthers in der deutschen Ge-
schichte beruft und im übrigen streng theologisch vor-
zugehen pflegt, kann man sich auseinandersetzen, mit
Seebergs vielfach etwas schwimmenden Intentionen und
Argumenten kann man es nur sehr schwer.

Trotz dieser Ausstellungen besteht nun aber dies zu-
recht, daß es Seeberg fraglos versteht, einen schwierigen
Stoff gut gegliedert und interessant vorzutragen. Wie
lebendig werden in seinem Buch gelegentlich sogar ganz
abseitig erscheinende Dinge! Hier erweist sich nun
Seeberg ^loch wohl als der wirklichkeitsnähere Gelehrte
im Vergleich zu Hirsch, der das Buch unter keinen Um-
ständen als „Lehrbuch" gelten lassen will. Gewiß: ein
Lehrbuch im traditionellen Sinne ist es nicht, will es
auch nicht sein. Seeberg hat begriffen, daß man heute
zupacken und starke Anregungen empfangen haben und
weitergeben muß, will man überhaupt auf einem vielen
abseitig erscheinenden Gebiet gehört werden. Das sollte
man dann aber auch freimütig begrüßen, um zugleich
Erwägungen darüber anzustellen, wie es besser zu ma-
chen ist.

In diesem Zusammenhange bedarf noch ein weiteres
Moment der Erwähnung. Im Vorwort schreibt Seeberg
den kühnen Satz, es ginge ihm u. a. auch darum, Reli-
gion zu schaffen. Der Leser des Buches wird sehr bald
erkennen, was damit gemeint ist. Seeberg ist nämlich
mit Recht davon durchdrungen, daß eine wirkliche Be-
gegnung und Aussprache mit Luther nur innerhalb der
religiösen Sphäre erfolgen kann. Daß er dabei aber sein
eigenes, an Hegel geformtes Religionsverständnis mit
dem Luthers unkritisch identifiziert, ist wohl sein grund-
sätzlicher theologischer, daß er für eine grundlegende
religiöse Auseinandersetzung mit Luther keinen Raum,
ja kaum ein Organ hat, ist sein religionswissenschaft-
licher Fehler. Hier stellt eben Seeberg zu rasch Identi-
täten fest. In Wirklichkeit liegt schon zwischen Luther
und Hegel, dann aber vor allem zwischen Luther und
unserer Gegenwart nun einmal eine Welt, die schwerlich
zu überbrücken ist. Jedoch zur gründlichen Durchden-
kung gerade auch dieser Fragen regt Seebergs Buch
dank seiner geistesgeschichtlichen Verankerung und Le-
bendigkeit zweifellos an.

Das noch zu behandelnde Problem der deutschen
Sendung Luthers haben wir in unseren Ausführungen
schon mehrfach und immer wieder gestreift. Im Einzel-

nen ist dazu Seebergs Zusammenfassung auf S. 224 sei-
nes Buches heranzuziehen, wo es heißt: „Deutsch ist ein-
mal ... das ,Dynamische'... Deutsch ist sodann die tief-
j sinnige Idee von dem Gegensatz als dem Urgrund des
j Lebens... Deutsch ist schließlich die Zusamrnenziehung
j von Geist und Wirklichkeit in der Geschichte". Der
I wichtigste Punkt für Seeberg ist offenbar der letzte,
i Danach ist Geschichte als die Wirklichkeit zu verstehen,
j wie Seeberg verdeutlichend bemerkt, in welcher Gottes
, Wirken wirksam wird, jedenfalls sieht Seeberg die ge-
! nannten drei Züge bei Luther wirksam. „Was ihm fehit,
ist ein vierter wesentlicher ürundzug, der Glaube an die
Idee, wie er uns etwa bei Meister Eckhart leuchtend ent-
gegentritt, und wie er auf der irgendwie bestehenden
Wesensnähe Piatos zum ,Deutschen' beruht." Zu die-
j sen Gedanken haben wir jetzt kurz Stellung zu nehmen,
wobei das Schlußkapitel des Seebergschen Buches als
Ganzes Berücksichtigung finden soll.

Nach Seeberg bricht das Deutsche im Sinne des
Dynamischen bei Luther in der Weise durch, daß er
eine neue Stufe in der Religionsgeschichte heraufführt.
An die Stelle der magisch-dinglichen Religionsauffassung
ist mit ihm die religiös-geistige Religionsauffassung ge-
treten. Doch nicht nur mit dem Faktum des Neuanfangs
als solchem, vielmehr auch und gerade mit diesem Neu-
anfang sieht Seeberg den Tatbestand des Dynamischen
erfüllt.

Nun gründet der hier in Rede stehende üeistbegriff
im „Geist Christi". Soviel sich erkennen läßt, bedeutete
es eine entscheidende Wendung, als das Pneuina Christi
an die Stelle des Kyrios Christus trat, und zwar eine
Wendung vorn Personhaften weg hin zum Dinglichen
bzw. Abstrakten. Der Gegensatz, von dem auszugehen
ist, lautet demnach nicht „dinglich-geistig", sondern
„dinglich-personhaft". Sieht man diesen Sachverhalt als
gegeben an, dann entfällt damit für eine nicht mehr
magisch, und das heißt: dinglich, gegebenen Falls aber
auch geistig-abstrakt (pneumatisch), sondern religiös,
und das heißt: personhaft intentionierte Religionsauf-
fassung, der theologisch so beliebte Rekurs auf den Pia-
ton der Ideenlehre. Hier sei angemerkt, daß K. Holl in
seiner Studie über „Urchristentum und Religionsge -
schichte" zu der Unterscheidung zwischen Pneuina Chri-
sti und Kyrios Christus unter Zugrundelegung des pauli-
nischen Satzes, „der" Kyrios, sei „das" Pneuma, Stel-
lung genommen hat, während sich u. a. E. Lehmann in
dem von uns dargelegten Sinne zu der Unterscheidung
zwischen Magie und Religion in seinem religionsphäno-
menologischen Beitrag zu Chantepies religionsgeschicht-
lichem Lehrbuch geäußert hat. Ihre systematische Aus-
wertung haben diese Gedanken vor allem in Bornhau-
sens Religionsphilosophie gefunden. Demgegenüber ist
bei Seeberg zu vermissen, daß er nicht scharf genug
zwischen Ding, Idee und Person unterscheidet. Das spe-
zifisch dynamische, nämlich das personhafte Moment
bleibt bei ihm im Grundsätzlichen außer Ansatz. An
seiner Stelle steht da bei ihm die Idee. Unter diesen

j Umständen muß es aber als sehr fraglich erscheinen,
ob Seeberg das Moment der Dynamik wirklich auch in
seinem personhaften dynamischen Wesen zu bewahren
vermocht hat. Mit dem Abstraktum „Geist Christi" ist
die deutsche Dynamik jedenfalls nicht zu begründen, im
Gegenteil. Bestände daher in diesem wichtigen Punkte
Übereinstimmung zwischen Luther und Seeberg, dann
könnte hier nicht von Luthers deutscher Sendung ge-

' sprechen werden.

Nach Seeberg bricht das Deutsche bei Luther nun
aber auch in Gestalt der Idee vom Gegensatz als dem
Urgrund des Lebens durch. Bringt uns diese Perspek-
tive vielleicht dem gesuchten dynamischen Moment, dem
Personhaften näher? Auf den ersten Blick scheint es so.
Ist doch der Ausdruck für diese sich auf die Wirksam-
keit Gottes im Leben erstreckende Idee Christus. „Gott
schafft, indem er zerstört; Gott macht Leben, indem er

| sterben läßt..." Das wird an Christus sichtbar. In Wirk-
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