Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

67.1942

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Theologische Literaturzeitung 1942 Nr. 1/2

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che Bedeutung der Reformation Luthers". Es zerfällt in die
den Religionswissenschaftler schon durch ihre Überschrif-
ten interessierenden beiden Abschnitte: „Die religionsge-
schichtliche Bedeutung Luthers" und „Christentum und
Kultur". Bevor wir jedoch näher darauf eingehen, be-
darf die Frage nach der Eigenart der Seebergschen Lu-
therinterpretation in ihrem Verhältnis zu den bereits ge-
nannten Auffassungen der Klärung. Das soll in der
Weise geschehen, daß wir zugleich zu der umstrittenen
Art der Darlegungen Seebergs Stellung nehmen. Dabei
werden wir umsoniehr um ein rein sachliches Vorgehen
bemüht sein, als es sich um einen wissenschaftlichen
Streit handelt, der als solcher nicht — und diese Gefahr
ist im vorliegenden Falle wohl nicht ganz von der Hand
zu weisen — in verletzende Feststellungen ausarten darf,
denen dann vielleicht sarkastische üeistreichigkeiten auf
dem Fuße folgen. Geschieht es auf diese Weise doch nur
zu leicht, daß man eines Tages vorerst ganz Uninteres-
sierte, oder auch solche, die am besten unbeteiligt zu
lassen sind, in einen Streit hineinzieht, der nicht ihr
Streit ist. Das alles ist überflüssig, weil es nicht der
wissenschaftlichen Erkenntnis dient.

Im vornherein sei bemerkt, daß wir an Seebergs Buch
Ausstellungen zu machen haben, die sich gelegentlich
mit denen Hirschs berühren. Trotzdem tragen sie einen
anderen Akzent, und zwar deshalb, weil wir keinen
Augenblick übersehen zu sollen meinten, daß Seeberg ja
bereits zwei Bände seiner groß angelegten Luther-Mono-
graphie vorgelegt hat, denen gegenüber das hier zur
Sprache kommende Buch nur als eine Art Interimsbuch
für Studierende und weitere Kreise der Gebildeten gelten
kann. Zweifellos ist eine sachlich gliedernde Gesamt-
darstellung von Luthers Theologie ein schwieriges Werk.
Und sicher gibt es bisher auch keinen, der diese Aufgabe
zureichend gelöst hätte. Jedoch allein schon in Anbe-
tracht der noch immer wirksamen Geschichtsmächtigkeit
einer Gestalt, wie es die Luthers ist, dürfte das auch un-
möglich sein. Dann bleibt aber gar nichts anderes übrig,
als sich mit der Tatsache immer neuer einschlägiger
Versuche, die nicht zureichen, abzufinden. Man wird sie
sogar, sobald man durch jede Art von dogmatischer, die
Geschichtlichkeit auch jeder Systematik nur zu leicht
übersehender Betrachtungsweise zu einem radikal ge-
schichtlichen Denken durchgestoßen ist, ausdrücklich be-
jahen müssen. Danach kann der von Hirsch an Seebergs
Buch angelegte Maßstab als diesem nicht wirklich adä-
quat gelten. Hier sind dann Hermann und Koehler allein
schon durch den Tenor ihrer Darlegungen, weil er mehr
der wirklichen Sachlage entspricht, hinsichtlich ihrer Be-
urteilung des Seebergschen Buches Hirsch gegenüber im
Recht. Damit kommen wir zur Sache selbst.

Bei der Lektüre des Seebergschen Buches gewinnt
man wohl sehr bald den Eindruck, daß der an und für
sich begrüßenswerte Versuch des Verfassers, den Leser
mit Luthers Theologie in möglichst lebendige Berührung
zu bringen, immer wieder zu stilistischen und vor allem
sachlichen Uligenauigkeiten in der Argumentation ge-
führt hat, die geeignet sind, eine unter Umstanden so-
gar scharfe Kritik herauszufordern. Dafür einige Bei-
spiele.

Von Th. Harnacks Werk über Luthers Theologie be-
merkt Seeberg, hier spräche die Orthodoxie. Der nächste
Satz lautet: "Im Zug der Theologiegeschichte ist es noch
öfters zur Beschäftigung mit der Theologie Luthers ge-
kommen; wir denken an Albrecht Ritsehl und
seine Schüler..." (S. 2). In diesem etwas banal klingen-
den Satz fehlt nun gerade im Unterschiede zum Vorher-
gehenden die theologische Kennzeichnung, die nun aber
deshalb wichtig gewesen wäre, weil sich der auf Hegel
fußende Seeberg selbst ja von Ritsehl in religiöser Hin-
sicht durch die positive Schätzung der Idee gegenüber
der Person unterscheidet. Da nun aber Luther und
Ritsehl in diesem wichtigen Punkte offenbar zusammen-
stimmen, hätte Seeberg gut daran getan, die hier auf-
brechenden geistesgeschichtlichen Fragen grundsätzlich

zu klären. Dann hätte ihn der scharfsinnige Vorwurf
j Hirschs, er behandele einen homo religiosus, der von
| einem zwingenden Gewissenserlebnis bestimmt gewesen
j sei, wesentlich als geistesgeschichtliches Phänomen, nicht
| so leicht treffen können, wie das nun der Fall ist.

Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit der Seeberg-
schen Diktion, daß sie mit teils nicht ganz genauen, teils
j geistreichen Wendungen gewissen geschichtlichen Er-
scheinungen manchmal ihr geschichtliches Gewicht nimmt.
So heißt es beispielsweise auf S. 12: „Die Krisen Lu-
; thers haben sich um den zentralen Haltepunkt gedreht,
auf dem die mittelalterliche Kirche beruht..." Das liest
I sich fast wie eine Krankengeschichte unter vielen anderen
! zur Zeit einer Epidemie. Der weltgeschichtliche Rang
der Krisen Luthers wird auf diese Weise gleichsam ver-
j deckt. Ferner: nach Seeberg stehen zentrale Gedanken
Luthers in naher Beziehung zur deutschen Mystik. Schon
der nächste Satz lautet: „Davon läßt sich nichts abtnark-
| ten, mag auch noch so sehr die protestantische Theologie
I von Ritsehl bis Barth sich in zumeist minder tiefsinnigen
\ Abgrenzungen von Mystik und Evangelium gefallen"
j (S. 26). Nun: diese Abgrenzungen beziehen sich inner-
halb der sog. dialektischen Theologie in erster Linie auf
[ den von Ritsehl wiederum geschätzten Schleiermacher,
| wobei dann beispielsweise Barths „Römerbrief" eine be-
j merkenswert positive Stellung zur deutschen Mystik des
j Mittelalters einnimmt oder jedenfalls einnehmen zu kön-
I nen behauptet. Man sieht, die unkritische Anwendung
i von religionswissenschaftlichen Allgemeinbegriffen ist
vom ÜbeL Gerade diese Begriffe pflegen zu Verallge-
meinerungen zu führen, die vor der Wirklichkeit keinen
I Bestand haben. Außerdem täuschen solche Allgemeinbe-
j griffe eine gar nicht vorhandene Klarheit nur zu leicht
j vor. So schreibt Seeberg auf S. 27: „Auch die deut-
I sehe Mystik ist... stark mit neuplatonischen Ein-
I flüssen durchsetzt... Diese geistesgeschichtlichen Zusam-
menhänge besagen jedoch nichts über ,das Deutsche' in
seinem Wesen; denn die Gestaltung des Ganzen ist
deutsch, so gut wie die Bilder Dürers deutsch sind, auch
wenn sie sich mit Stoffen aus der biblisch-jüdischen Ge-
schichte beschäftigen". Ein Buch, das Luther mit der
deutschen Gegenwart in lebendige Berührung bringen
will, hätte gerade auf die Frage nach der Methode und
den Kriterien für die Feststellung des als deutsch zu
: Kennzeichnenden die Antwort nicht schuldig bleiben dür-
j fen. Seebergs Ausführungen auf S. 33 lassen freilich die
l Annahme zu, daß er bewußt auf ein Eingehen auf die
eben umrissenen Fragen verzichtet hat, weil er sie für
I überflüssig hält. Wer anders sollte uns — so argumen-
tiert Seeberg wohl — sagen, was deutsch ist, wenn nicht
die deutsche Mystik oder Luther der Deutsche? Darum
; gehen nach Seeberg diese Erscheinungen jeden Men-
schen, d. h. jeden Deutschen an. In diesem Sinne kann
I er dann sagen, Luthers Theologie sei auf das Leben je-
des Menschen ohne Verschnörkelung oder künstliche

■ Sublimierung, ohne Kunst und Technik zugeschnitten.
Angesichts der offenbaren Übertheologisierung, die Lu-
ther in neuester Zeit hat erleiden müssen, wirkt ein sol-

I eher Satz zunächst befreiend. Trotzdem schlägt er bei
I ruhiger Überlegung nicht durch, weil er nämlich die ge-
wichtige Frage zunächst nach der lutherischen Anthropo-

■ logie aufwirft, die Seeberg leider offen gelassen hat.
Hier wird dann aber noch weiterzugehen und überhaupt

! zu fragen sein, ob die Beschäftigung, ja das Ringen mit

j den „letzten Fragen" heute noch mit theologischem, und

[ zwar wie bei Luther, mit biblisch-theologischem, oder ob
sie nicht vielmehr mit anthropologischem, und zwar mit
radikal anthropologischem Ansatz, wie er sich ja gerade

j in der deutschen Geistesgeschichte mehrfach angekün-
digt hat, in Angriff genommen werden muß. Erst wenn

i dieses Entweder-Oder als solches erkannt ist, kann doch
wohl überhaupt geschichtlich genügend fundiert die Fra-

j ge nach dem, was deutsch ist, aufgeworfen werden.
Selbst im Hinblick auf Luther wird man so mit der Ant-

I wort zum wenigsten zögern. Und erst, wo es dazu ge-
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