Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

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Theologische Literaturzeitung 1941 Nr. 7/8

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des christlichen Dogmas: nämlich eine Dreiheit von
Gott, Christus und Maria. Der Verf. stellt die Frage, wie
diese Ersetzung des hl. Geistes durch Maria zu erklärein
sei. Zur Erklärung führt er drei Dinge an, die dabei
mitgewirkt haben können: 1. den weitverbreiteten Ma-
rienkult, der zwar nicht Lm Dogma, aber doch in dem
frommen Empfinden des gläubigen Volkes die Jungfrau
Maria ganz nahe an Gott heranrückte. 2. die Tatsache,
daß das Wort für Geist in den semitischen Sprachen ein
Femininum ist. 3. die Ansicht gnostischer Sekten, die
im hl. Geist die „Mutter" Christi sahen. Diese Ansieht j
hat Mohammed wohl, wie der Verf. durch wirklich
scharfsinnige und einleuchtende Ausführungen wahr- I
scheinlich macht, in der Polemik mit den Jakobiten ent-
wickelt (S. 48). Mohammed selbst hat nach Ansicht
des Verf.s nie daran gedacht, die christliche Trinität im
echten dogmatischen Sinne zu leugnen.

Das Kapitel IV behandelt die Stellung der Trinität
bei den islamischen Polemikern, die von allem Anfang
an den Kampf gegen das Trinitätsdogma aufgenommen
haben.

Über die Trinität entwickelte sich eine riesige polemische Litera-
tur, die eigentlich gegenstandslos war, da der Koran über die Trinität
im richtig verstandenen dogmatischen Sinne überhaupt keine Aussage
enthielt. Im einzelnen werden dann wieder die einschlägigen Polemiker
behandelt: Al-Häsimi (t nach 830), Al-öähiz (t 869), Ibn Hazm,
der sich als erster ganz ausführlich mit den christlichen Argumen-
ten auseinandersetzte, As-Sahrastänl (t 1153), Sihäb ad-din al Qaräfi
(f 1285/6), der in einer sehr ausführlichen und systematischen Polemik
die Unsinnigkeit und Inkonsequenz des christlichen Dogmas zu be-
weisen suchte, Ibn Taymiyyah (f 1327), der in einer ausführlichen
Auseinandersetzung von philosophischer Tiefe und formal-scholastischer
Methode die im Koran bekämpfte Pseudo-Trinität zugleich mit der
dogmatischen Trinität zu widerlegen versuchte, Ibn al-Qayyim al-
Gawziyyah (t 1350), Al-Maqnzi (t 1442), At-Turgumän (um 1420),
Abü-l-Fadl (um 1530)', der die Trinität mehr mit allgemeinen Er-
wägungen als absurd zu erweisen versuchte, AI-Hindi (um 1850). Die-
ser Überblick über die islamische Trinitätspolemik zeigt, daß die isla-
mischen Polemiker von der koranischen Pseudo-Trinität (Gott, Christus,
Maria) völlig abgesehen und gegen die Trinität des christlichen Dog-
mas polemisiert haben. Mit falschen Grundsätzen und irrigen Vor-
stellungen, so erklärt der Verf. am Schluß, hätten die islamischen
Polemiker also die Wahrheit bekämpft, da sie der lichtvollen Wirk-
lichkeit des christlichen Begriffes nichts entgegenstellen konnten.

Nach dem großen islamischen Philosophen und Theo-
logen Al-Ghazäll (f 1112) sind die hauptsächlichen Glau-
bensunterschiede zwischen Christentum und Islam zwei:
1. die Göttlichkeit Christi. 2. die Trinität- Wenn nun, so
faßt der Verf. am Schluß die Bedeutung seiner Unter-
suchung zusammen, seine Thesen richtig seien, dann kä-
men die hauptsächlichen Gründe in Wegfall, die bisher
die islamische Welt von der christlichen trennte.

Aber von den beiden Thesen, die der Verf. zu erwei-
sen versucht, ist nur die zweite richtig: daß der Trini-
tätsbegriff Mohammeds nicht der des christlichen Dog-
mas ist. Die zweite These — Mohammed habe zum Glau-
ben an die Göttlichkeit Christi geneigt — ist unbewiesen
und unbeweisbar. Was der Verf.. als angebliche „Be-
weise" anführt, zeigt sich bei näherem Zusehen als zu
wenig beweiskräftig. Und dieser These stehen entschei-
dend die drei angeführten Koranstellen entgegen, die
auch durch keine gewundenen Interpretationskünste aus
der Welt geschafft werden können.

Die Methode, mit der der Verf. interpretiert und
argumentiert, ist reichlich unzulänglich. Sie erinnert in
ihren Spitzfindigkeiten an die Sophistik der entarteten j
Spätscholastik mit ihrer „Kunst", jeden gewünschten Be-
weis durch allgemeine Erwägungen oder gewagte Inter-
pretationen zu erzwingen. Leider sind auch die wichtigen
Ergebnisse der neuen Koranphilologie (Nöldeke-Schwally-
Bergsträsser u. a.) unberücksichtigt geblieben. Bei diesen
starken Unzulänglichkeiten beschränkt sich das Haupt-
verdienst des Verf.s darauf, die islamischen Korankom-
mentatoren und Polemiker auf christologische Äußerun-
gen hin durchgesehen und das Material dafür hier zu- ;
sammengetragen zu haben. Darüber hinaus bleibt dem
Verf. das Verdienst, die Frage nach der islamischen !
„Christologie" neu gestellt zu haben. Möge diese Frage i

bald ihre befriedigende Antwort erhalten in einer eben-
sowohl theologischen wie historisch-philologischen Mo-
nographie, die frei ist von den Unzulänglichkeiten der
vorliegenden Untersuchung!

Leipzig Georg Stadt in üller

Schneider, Dr. theol. Theodor: Die echte Einheit von Volks-
kirche und Bekenntniskirche. Versuch einer theologischen Klä-
rung der Zentralfrage des heutigen innerkirchlichen Ringens um die
Kirchengestaltung.. Dresden: C. Ludwig Ungelenk 1940. (IV,
236 S.) 8". RM 2—.

Das kirchliche Ringen unserer Tage scheint erwie-
sen zu haben, daß eine echte Einheit von Volkskirche und
Bekenntniskirche nicht möglich ist. Die vorliegende Dis-
sertation unternimmt es, die Möglichkeit: einer solchen
Einheit nachzuweisen.

Aus der gegenwärtigen Lage ergeben sich zwei Fra-
gen: 1) „Muß die Kirche nicht auch in ihrer Verkün-
digung Volkskirche sein?" und 2) „Muß die Kirche nicht
auch in ihrer Kirchenordnung Bekenntniskirche sein?"
So wird in einem 1. Teil Stellung genommen „Wider
eine folgenschwere Verkümmerung der volkskirchlichen
Haltung". Nicht die Landes- oder Staatskirche, nicht
die Massenkirche und die völkische Kirche ist Volks-
kirche, sondern die Kirche, die die Taufe als ein Ge-
schenk Gottes an die Menschen ernstnimmt. Sie bejaht
die „vorbereitende Schöpfungsoffenbarung" als „Quel-
le" jeden vorchristlichen Ethos. Die „vorbereitende
Schöpfungsoffenbarung" findet allein Erfüllung in Jesus.
Christus; jedoch führt auch sie schon den Menschen in
die Entscheidung des „Anerkennens". Die Entscheidung
des Christusgläubigen führt zum Bekenntnis des Schul-
digseins, das immer neu vollzogen werden muß. Ge-
schieht das nicht mehr, d. h. wird Christus abgelehnt,
ist dem Menschen bezw. dem Volk der Rückweg in ein
ursprüngliches naives Heidentum, weil dem dann die
eigentliche Bindekraft: die Furcht vor dem Göttlichen
fehlt, verschlossen. Der 2. Teil geht „Wider eine fol-
genschwere Verkürzung der Bekenntniskirche" vor und
deckt das verkehrte unterscheiden in eine „sichtbare"
und „unsichtbare" Kirche auf. Unsere gegenwärtige Not
„ist darin begründet, daß wir im körperschaftsmäßigem
Denken verhaftet sind. Entweder meinen wir geradezu,
die Kirche müsse eine Körperschaft sein. . . Oder wir
erkennen, daß die Kirche die Schar der Gläubigen ist,
meinen aber, es müsse doch außerdem noch etwas Kör-
perschaftliches für das äußere Kirchtum geben". Int
Neuen Testament finden wir von einer solchen Unter-
scheidung nichts, sondern nur die von zwei Gottesdienst-
weisen der einen Kirche: die des „vernünftigen Gottes-
dienstes" und die des Versammlungsgottesdienstes. Die
Kirche als „Leib Christi" ist bereits geordnet. Sein Leben
wird einmal geordnet durch das Wort Gottes, zu dessen
Austeilung das Amt der Verkündigung gegeben ist,
zum andern durch die Kirchenordnung, die Episkope,
modern ausgedrückt: durch die „Versammlungssteue-
rung", die in ihren gottesdienstlichen Funktionen unter
einem bestimmten Lebensgesetz steht. Sie ist nicht „Kör-
perschaftsordnung", sondern „Versammlungsordnung"
und hat selbst da, wo sie über Zeit und Raum der leib-
lichen Zusammenkünfte hinausragt, ihren Schwerpunkt
in der Versammlung. Luther kennt auch nur diese Dop-
pelschichtigkeit des Gottesdienstes der Kirche und nicht
die Doppelschichtigkeit der Kirche selbst. Bei den an-
dern Häuptern der Reformation ist dieser Kirchen begriff
noch zu Luthers Lebzeiten in das körperschaftsmärJige
Denken entartet. In einem 3. Teil wird skizzenhaft von
den gewonnenen Erkenntnissen aus der Um- und Neu-
bau unserer Kirche gezeigt.

Berlin Heinz B e u s t e r

Jundt, Dr. theol. Erwin: Auflösung der Kirche im totalen
Staat? Richard Rothes Gegenwartsbedeutung. Heidelbeig: Ev. VIg.
Jakob Comtesse 1940. (111 S.) 8°. RM 2.50.

Die Abhandlung (offenbar die erste wissenschaftliche

Veröffentlichung des Verf.) ist ein Versuch, der be-
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