Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

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Theologische Literaturzeitung 1941 Nr. 7/8

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der Spätantike, Joseph Bidez, Professor in Gent und
Mitglied des Institutes in Paris, ist seit seinem Erschei-
nen ein unverrückbarer Besitz der Wissenschaft — aber
leider nur der Wissenschaft. Das glänzend geschriebene
Buch, das gewiß zu den Zierden der neueren französi-
schen Literatur gehört, hat in seiner ursprünglichen Ge-
stalt mur unter den Kennern der Meisterschaft Bidez'
Leser gefunden. In seiner deutschen Gestalt hat das
Buch während des jetzigen Krieges innerhalb von 4 Mo-
naten zwei Auflagen erlebt, die dritte ist in Vorbereitung,
— so sind die Deutschen!

Der greise Forscher, Mitglied der preußischen Aka-
demie und bewährter Freund vieler deutscher Gelehrter,
hat die Arbeit seines Lebens der Aufhellung der spät-
antiken Geistesgeschichte als Philologe gewidmet. Die
einzige wesentliche Schrift über Porphyrius, den wirk-
lichen Verbreiter und Förderer des Neuplatonismus, von
dem alle Denker abhängig sind, die dem Abendland Plo-
tins Gedanken vermittelt haben, ist aus Bidez' Feder ge-
kommen. Daneben hat er grundlegende Ausgaben für die
Kirchenväter bearbeitet — sein Philostorgius hat die
Sammlung des großen Godefiroy überholt. Vor einigen
Jahren hat er mit seinem Freunde Franz Cumont die
Reste des hellenisierten Magier des Ostens, des sog.
Zoroaster, Ostanes und Hystaspes gesammelt und her-
ausgegeben (s. diese Zeitschrift 1939, Sp. 127). Seime
maßgebende Mitarbeit an dem Katalog der astrologi-
schen Handschriften ist hier zu erwähnen. Aber über
alledem steht doch die Arbeit an der Hinterlassenschaft
Kaiser Julians. Bereits 1922 legte er wieder in Gemein-
schaft mit Franz Cumont die Akten dieses einzigartigen
Lebens, d. h. die Briefe und Erlasse soweit sie erhalten
bzw. in Nachrichten überliefert sind, in bewunderungs-
würdiger Meisterschaft vor. Seit Jahren aber erscheint
in der ausgezeichneten Sammlung der Collection Bude
eine Ausgabe sämtlicher Schriften des Julian, die Bidez
nach den Satzungen der Collection Bude mit einer Über-
setzung ins Französische versieht. Diese Ausgabe ist
noch nicht abgeschlossen. Wir wünschen, daß dieses
einzigartige Denkmal spätantiker Geschichte und helle-
nischen Geistes am Abend hellenischer Gesinnung bald
von dem bejahrten Bidez abgeschlossen wird.

Das Leben Julians, so heißt der Titel des nunmehr in
deutscher Übersetzung erschienenen französischen Bu-
ches, ist nun aus der ganzen Fülle der Kenntnis der gei-
stigen und geschichtlichen Überlieferung des 4. Jahrhun-
derts entstanden. Der Verlag Callwey, insbesonders aber
sein Mitarbeiter Hermann Rinn, der die Übertragung
ins Deutsche mustergültig geliefert hat, hat sich ein be-
sonderes Verdienst erworben, dieses Werk dem deut-
schen Leser in einer beispielhaften, eben nur von Deut-
schen zu leistenden Ausstattung mitten im Kriege ge-
schenkt zu haben. Das Buch ist in der deutschen Gestalt
gleichsam ein neues geworden. Der Verlag hat es ver-
standen unter Heranziehung so sachkundiger Berater
wie H. Lietzmann, Franz Dölger-München, Edmund Wei-
gand-München, Richard Delbrück-Bonn dem Werk eine
solche Gestalt zu geben, daß es jetzt erst recht als die
grundlegende Darstellung der römisch-hellenischen Welt
vor ihrem Versinken in der Zeit des Heraufkommens des
abendländischen Europas im Sturm der Völkerwande-
rung genannt werden kann. Übrigens hat Bidez selbst
die deutsche Ausgabe noch durch eine Erweiterung der
Anmerkungen auf den Stand seiner letzten Forschungen
gebracht. Neben die ausgezeichnete Übersetzung tritt
ferner ein ausgewähltes Bildmaterial, das die Welt der
Spätantike in ihrer „klassischen" Zeit uns recht vor
Augen zu rücken geeignet ist. Dölger hat ein feinsinni-
ges Vorwort dem Buch vorangestellt. Erwähnung ver-
dient ein kleiner Beitrag von v. Schönebeck, der auf
einige sassanidische Darstellungen des Sieges über Ju-
lian hingewiesen hat.

Kaiser Julian, der letzte Sproß des konstantinischien
Hauses, in dem sich gleichsam die Welt der höchsten
Blüte der römischen Kaiserzeit des 2. Jahrhunderts noch

einmal verklärt, hat gerade in Deutschland so viel An-
regung zum Überdenken jenes weltgeschichtlichen Pro-
zesses der Verwandlung der christlichen Kirche aus der
Gemeinde der Heiligen zur Kirche als Geschichtsmacht
des heraufkommenden Europas gegeben. Denn in Julian
ringt sich die unauslöschliche Macht griechisch-römi^
schen Wesens, wenn auch überdeckt durch den geistigen
Zerfall durch orientalisches Wesen, noch einmal zur po-
litischen Macht empor, erlangt noch einmal einen Sieg
gegen die andrängenden neuen Mächte am Rhein und
I sucht in genialem Zugriff die zentrifugalen Kräfte im
Innern zu binden. Man sah vor Bidez in Julian allzusehr
den romantischen Reaktionär, sei es nun daß man seinen
I entschlossenen Kampf gegen die Kirche verklärte oder
| ihn als den Apostaten brandmarkte. Wir wissen nun
| durch Bidez, daß diese Art Julian zu sehen mit den
Quellen sich nicht vereinigen läßt. Gewiß, der Spröß-
ling alter römisch-hellenischer Familie mütterlicherseits
j hätte durch seine geradezu einzigartigen Empfindsam-
keit infolge seiner Erziehung ein Romantiker werden
I kö'nnen, aber durch die Kraft des noch so sehr durch
J Mysterienwesen und theosophische Philosophie verun-
stalteten griechischen Erbes und durch die von ihm
allein klar begriffene politische Aufgabe ist Julian in
seiner durch ein überaus kurzes Leben tragisch abge-
brochenen Regierung in der Tat der letzte römische
Kaiser wie sein Vorbild Mark Aurel geworden. Mit pein-
licher Berücksichtigung der weitschichtigen Überlieferung
hat nun Bidez das Bild der Zeit Julians gezeichnet. Eine
Fülle sorgfältigst ausgewählter Zitate aus dem reichen
Schrifttum des 4. Jahrhunderts macht die Darstellung
zu einem Zeugnis der letzten Zeit der Spätantike. Gerade
das Bild des einzigartigen Julian ist wie kaum eine an-
l ^.gpe Persönlichkeit der nichtcbristlichen Welt bekannt.
Und daher ist die Darstellung des Lebens Julians be-
sonders geeignet die Reifezeit des römischen Reiches und
des antiken Erbes, kurz vor dem Verlöschen klar uns
vorzurücken. Man muß sich immer bei dem Studium
der Geschichte und des Geistes des 4. Jahrhunderts ver-
gegenwärtigen, daß alle Traditioin der Antike für uns
heute völlig verlöscht wäre, hätten nicht im jener Epoche
die Griechen und Christen aus so verschiedenen äußeren
Voraussetzungen noch einmal das Erbe zusammengefaßt
und in der uns bekannten Gestalt dem'kommenden Euro-
pa überliefert. Julian hat zweifellos das Verdienst, daß
I er, wenn auch für ganz kurze Zeit und unter heftigstem
j Widerspruch nicht bloß einer herrisch in die Geschichte
eingreifenden Kirche, dieses wahrhaft weltgeschichtliche
Unternehmen, die Kontinuität zwischen Antike und Euro-
pa gesichert hat. In der Umgebung Julians, bei der im-
mer wieder den neueren Betrachter die Gestalten orien-
talischer Theosophie und Mysterienwesens überraschen,
sind aber die Männer vereinigt gewesen, die die politi-
sche Sicherung der letzten Gestalt antiker Überlieferung
gewährleisteten. Die Charakteristik der Persönlichkeit
Julians, die unserem Blick durch Bidez' Arbeit völlig
i offen liegt, ist so überzeugend, daß für die Zukunft
i Bidez' Darstellung maßgebend sein wird. Den heutigen
| Leser wird die meisterhafte Gestalt des Buches immer
j wieder mitreißen ; ich bin aber der Überzeugung daß das
j Bild der Epoche Julians — wir werden aber ebenso über
! die Ära Konstantins und seiner Söhne, also über den
Zeitraum von 330—365 genauestens belehrt — auch
die Forschung durchaus beleben wird — denn das aus
den Quellen in hingebender Arbeit erhobene Bild der
1 Epoche wird als Ganzes wieder zur Besinnung und Er-
i forschung vieler Einzelheiten anregen. Ich denke da an
| die Rolle der Philosophenschulen als Bildungsstätten
! der Zeit, die Einfügung der Gesetzgebung in den Geist
! der Zeit, die militärische Verfassung des römischen Hee-
res, die politischen Pläne gegen die Sassaniden im
j Osten, die innige Verwobenheit der christlichen Kirche
mit den tiefreichenden Strömungen des Zeitgeistes.

Eins sei aber besonders hervorgehoben: es macht die
I eigentümliche Prägung der Zeit und aller Persönlichkeit
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