Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

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Theologische Literaturzeitung 1941 Nr. 7/8

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zeichnet werden. — Freilich, dem „Menschen unserer
Zeit", wie es im Titel heißt, wird vieles verschlossen
bleiben, weil der Verf. sich oft in allzu schwierigen Ge-
danken bewegt, denen zu folgen hier und da äußerst
schwierig ist. Auch die Ausdrucksweise ist nicht leicht.
Das ist bedauerlich, denn es dient nicht dem verfolgten
Ziel.

Aeußerlieh ist das Werk wie ein Kommentar ange-
legt; Textgrundlage ist das Markusevangelium, an Hand
dessen der Verf. seinem Anliegen Ausdruck gibt. Eine
Textauslegung im üblichen Sinne findet sich jedoch nur
gelegentlich. Im Allgemeinen dienen die eingeschobenen
Textabschnitte nur zu einer Ueberleitung zu einem neuen
Thema, wobei auch das Hilfsmittel allegorischer Inter-
pretation nicht vermieden wird. Alle Themata aber zielen
immer auf das eine Grundthema: Jesus Christus als
den Erneuerer der Schöpfung aufzuzeigen, und d. h. als
die einzige Möglichkeit der Rückkehr zu Gott. Insofern
ist das Buch so sehr aktuell, als es nicht über die Dinge
spricht, als vielmehr an den Leser die Aufforderung
und den Appell richtet: tua res agitur (s. S. 241). Und
weil Jesus Christus als die Möglichkeit der Rückkehr
zu Gott gesehen wird, darum steht die Aufforderung an
den Menschen im Vordergrund, zunächst und vor allen
Dingen offene Augen für den Schöpfungsrest zu haben,
der noch nicht verschüttet ist. „Nur, wo der Schöpfungs-
rest noch restet in der Geschichte, da ist noch Schoß-
bereitschaft für Geburt von obenher, da allein kann es
noch Kirche geben, da allein wird die Geschichte zum
Weg in die Vollendung, da allein ist noch Ansatzpunkt
für die große Verwandlung. Der Schöpfungsrest ist
das Kostbarste, was es in der Welt überhaupt noch
gibt" (S. 364f.).

Schon hier spürt man die Unterschiedlichkeit von
mancher theologischen These unserer Tage. Wir ent-
sinnen uns, wie sehr die Tatsache betont wurde, daß der
erste Glaubensartikel ohne den zweiten nichtig und eitel
wäre. Hier bei Schütz finden wir die umgekehrte These:
der zweite Artikel ist ohne den ersten unvollständig. Ich
meine, wir müssen Schütz für die Unterstreichung ge-
rade dieses Zusammenhanges dankbar sein.

Die natürliche Folge dieser Schau ist die Rückstel-
lung alles Lehrmäßigen. Jesus Christus ist keine Lehre,
„sondern das Leben der neuen Schöpfung" (S. 486).
Aufgabe der Kirche ist darum das Stehen mitten in der
Welt; es gilt Christus, der im Heiligen Geiste Gegen-
wart ist, zur Wirksamkeit kommen zu lassen. Daß der
Heilige Geist wirke, das ist es, worauf alles ankommt.
„Es hängt alles daran, daß mein Nächster erwache, be-
vor ihm das Ebenbild entgleitet und er Masse werde.
Daß unser Volk bereit sei, Christus zu begegnen, wenn
er wieder durch es hindurchsclireitet" (S. 227). Das
Gebot der Stunde ist daher die Bitte um den Geist, die
der Verfasser auch seinem ganzen Werk vorausschickt:
veni creator Spiritus! Denn der Geist — „das ist die
Gestalt seiner (Christi) Anwesenheit: die Gestalt in der
Zeit. Es gibt nur eine Möglichkeit für alle Christus
nachgeborenen Geschlechter: den Geist. Der Geist ist
der mit uns gleichzeitige Christus. Durch den Geist
leben wir auf Erden das christianische Leben" (S. 451).
„Der Geist ist die Fortdauer der Fleischwerdung Gottes"
(S. 452).

Im Zusammenhang damit steht eine schroffe Wendung des Verf.
gegen jede Überbetonung der Eschatologie, und gegen jede Richtung
innerhalb der Theologie, die — wie der Verf. sagt — aus der Welt
hinaus in die Eschatologie flieht (vgl. bes. S. 330 ff.)- Hier tritt eine
enge Berührung des Verfassers mit dem vierten Evangelium in Er-
scheinung, die auch sonst zu beobachten ist. Aber so wenig dem
vierten Evangelium die Frage der Eschatologie gleichgültig ist, so
wenig ist das auch bei Schütz der Fall. Nur — anderes scheint ihm
wichtiger. — Es ist auffallend, daß Schütz nicht das Johannesevange-
lium seinem Buch zu Gründe gelegt hat. Manche seiner Oedanken
hätte er dem Text zwangloser anschließen können. Nun ist er ge-
zwungen, johanneische Oedanken immer wieder ergänzend heranzu-
ziehen. Am deutlichsten wird das bei der Besprechung des Kreuzes-
todes Jesu. Hier bietet Schütz eine Exegese, die sehr wohl an Joh 19
anschließen könnte (der Verf. betont z. B., wie im Sterbenden schon

der Auferstehende spürbar wird u. a. m.), die aber mit dem Bilde des
| Gekreuzigten nach Mk 15, der in völliger Verlassenheit sein Leben
dahingibt (nach V. 40 f. stehen die Frauen „von Ferne"), weniger
zu tun hat.

Damit im Zusammenhang steht noch ein weiteres. Es ist ja bc-
I kannt, wie verschieden — nicht gegensätzlich, aber unterschiedlich —
Johannes und Paulus die Herrlichkeit Christi schildern. Die Nähe des
I Verf. zum vierten Evangelium bringt es nun mit sich, daß sein Buch
j mit den Gedanken des Paulus am wenigsten Berührung hat. Hier wird
■ es spürbar, wie die Rückstellung der Eschatologie, die einer Ueberbe-
; tonung derselben gegenüber m. E. durchaus zu Recht besteht, doch
! von Paulus wegführt. Und es ist höchst gezwungen, wenn der Verf.
durch den Begriff jrupoixn«, den er für das N.T. (nicht für das klas-
sische Griechisch! Vgl. Bauer, Wörterbuch s. v. oder M. Dibelius,
Exkurs nach I Thess 2,20) sachlich falsch durchweg (?) mit „An-
wesenheit" wiedergeben will, seine Oedanken von der Anwesenheit
Christi im Geist in die paulinische Theologie durch I Thess 5, 23 ein-
führen will (S. 454 f.).

Das ist ja gerade der Reichtum des N.T., daß es die
in Christus erschienene heilsame Gnade Gottes in so
mannigfacher Gestalt darbietet. Der Verf. hat die eine
Seite m. E. recht erkannt, und willig beugen wir uns
seinem Appell. Er hat insonderheit in unseren Tagen
ein Recht und einen Anspruch darauf, gehört zu werden.
Aber freilich, im N.T. klingt noch mehr auf; ich denke
1 dabei insbesondere an die uns durch Luther so entschei-
dend gewordenen christologischen Gedanken des Paulus.
Nicht, daß sie in diesem Buche ganz fehlten, aber in
einem Gesamtbild vom „Evangelium" werden sie doch
einen entscheidenderen Raum beanspruchen müssen.
Berlin H. Seesemann

Si ck e n b e r g e r, Josef: Erklärung der Johannesapokalypse.

Bonn: Peter Hanstein 1940. (200 S.) gr. 8°. RM 5.50; geb. RM 7—.

Bei einer Anzeige dieser Erklärung der Apk. darf
der Leser vor allen Dingen Aufschluß darüber erwarten,
wie ihr Verfasser arbeitet. Daß S. die Apk. auf den
Apostel Johannes zurückführt, darf als selbstverständ-
lich gelten. Wichtiger, wie er ihre Entstehung erklärt:
ihr zu Grunde liegen zahlreiche Visionen, die Joh. in
der Einsamkeit seines Aufenthalts auf Ratmus hatte, und
die er in der Apk. zu einem Buch zusammenfaßte, er-
füllt von der Gabe der Prophezie und der Auslegung.
Dieser Entstehung des Buches entsprechend muß nach
S. die Auslegung vorgehen, deren Aufgabe es nicht sein
kann, weit- oder kirchengeschichtliche Deutungen einzu-
führen, noch überhaupt zeitgeschichtlich zu arbeiten.
„Die Apk. ist also keine Darstellung der damaligen Zeit,
durch die man wie durch ein Transparent die Zukunft
erkennen kann, sondern ein Zukunftsgemälde, das auch
mit einzelnen Farben der Gegenwart gemalt worden ist"
(S. 26).

Von diesen Voraussetzungen her ist die Exegese
durchgeführt, die, ohne daß Einzelheiten genauer erör-
tert würden, die Apk. Vers für Vers durchnimmt. Aus-
einandersetzungen mit anderen Ansichten erfolgen — wo
sie hier und da auftauchen — ohne ausdrückliche Be-
tonung, so daß der Kommentar für die Leser, die sich
der Leitung Sickenbergers anvertrauen wollen, eine gute
Einführung in die Apk. bietet. — Mir erscheint eine
gänzliche Ablehnung der zeitgeschichtlichen Deutung un-
möglich; m. E. ist sie, wie auch dieser Kommentar
zeigt, etwa bei c. 11,13 oder 17 nicht zu vermeiden.
Doch ist hier nicht der Ort, diese Frage erneut aufzu-
greifen. Sehr problematisch ist mir, was S. zu 20, 4—6
über die „erste Auferstehung" schreibt. Diese vergei-
stigte Deutung ist angesichts des klaren Wortlauts kaum
möglich.

Berlin H. Seesem ann

KIRCHENGESCHICHTE: ALTE KIRCHE

Bidez, Joseph: Julian, der Abtrünnige. Übersetzt von Hermann
Rinn. 2. Aufl. München: Georg D. W. Callwey [1940]. (432 S. mit
23 Abb.) 8°. RM 9.50.

Das vor 10 Jahren in Paris erschienene Buch des
unter den Lebenden besten Kenners 'der Geistesgeschichte
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