Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

Zitierlink

157 Theologische Literaturzeitung 1941 Nr. 5/6

158

finden, in denen sich ihm diese Welt darbietet. Solche lium Protest ist, sondern daß das Evangelium dieWahr-
Formen bot die Orthodoxie verbunden mit einem be- heit ist. Und das ist unser lutherischer Glaube, daß
stimmten Weltbild. Sic aber versagen heute begreiflicher- im Evangelium das Wunder geschehen ist, daß die Wahr-
weise. Zur Problematik hat er weder Kraft noch Zeit; ! heit für uns da ist.

für einfache, unmittelbar eindrückliche und mit unserer Rankfurt a. o. Kurt Schröder

heutigen Weltauffassung übereinstimmende Form der
Verkündigung haben wir Theologen weder Kraft

noch Fälligkeit. Der Verf.. bietet statt dessen eine heute PRAKTISCHE THEOLOGIE

übliche Katherdogmatik im kurzen Zügen mit Barth sehen--.--

Einsehlägen, die'das Weltbild der Bibel (Urständ Sun- ; Tillmann, Prof. Dr. Fritz: Die sonntäglichen Episteln im
denfall, Christus, Auferstehung) initenthalten. Er arbeitet Dienste der Predigt erklärt. 4. Aufl. Düsseldorf: Moseiia-Ver-
mit ebenso üblichen groben Vereinfachungen des tnt- j lag 1940. (VII, 740 s.) 8°. geb. RM8-.

Aveder— Oder: entweder der Mensch unterwirft sieh Uralt ist in der katholischen Kirche die Übung, die

<iott oder er verfällt der Hybris — entweder Schriftlesungen (Epistel und Evangelium, bezw. Evange-
schwächt er das sittliche Gebot ab od e r er muß sich die ijum ocjer Epistel) der Somntagsmessen dem Volke in
Rechtfertigung aus Glauben gefallen lassen. Als ob es der Volkssprache auszulegen; speziell in Deutschland
außerdem nicht andere sehr achtungswerte Möglicbkec- | läßt sich diese Übung mindestens seit Bonifatius und
ten gäbe. Gewiß, der Verf. hat sieh seiine Arbeit nicht ^ Karl dem Großen (neben den deutschen „katechetischen"
leicht gemacht, aber er steht zu einseitig im Bann einer . mKj den deutschen ,,Moral"-Predigten) nachweisen, zu-
bestimmten Theologie. Es fehlt ihm die selbständige I
Kenntnis des Sachverhalts, wie er heute ist (der heutige
Techniker ist weit entfernt, an eine vollständige Beherr-
schung der Natur zu glauben), überhaupt die Kenntnis
einer Wirtschafts- und politischen Ethik. Unbegreiflich
ist mir, wie er schreiben kann, die Frage der Technik sei
»von der Theologie lange überhört" worden, „bis Lilie
den ersten Versuch unternahm, der Technik eine binn-
deutung vom Glauben her zu geben" (S. 102). Ich er-
innere nur an sein eigenes Referat über die trertiicnen
Oedanken von K. Heim (S. 85), ferner an Fr. Naumann,
der nur vorübergehend erwähnt wird. So kann ich aas
Buch nicht für eine Bereicherung der Literatur über das
Thema halten. Es zeigt die Merkmale einer Anfangerar-
beit, zu deren Gegenstand nicht ein so wichtiges und
schwieriges Thema gemacht werden sollte. Bei, dem
Eifer den Verf. zeigt, ist es jedoch nicht ausgeschlossen,
daß ihm einmal ein reifer Erfolg beschieden sein kann.

Marhurg/Lahn Oeorg W ü n s c h

Echternach, Lic. habll. Dr. Helmut: Die verborgene Wahrheit.

Von den Grenzen des Denkens und von der jense.hgen Wahrheit. Ber-
lin: Furche-Verlag [19381. (17*.) 8°. RM 4,80; geb. 5.80.
Auf die Frage: Was ist Wahrheit? kann das e.n-

ünige menschlich! Denken keine richtige Antwort geben.

Das* Paradox der Offenbarung Gottes in der Zed kann

nicht einmal in dialektischer Redeweise; erfaßt werden.

„Jede Wahrheit ist Unwahrheit;jede Unwahrheit lebt

von der in ihr verborgenen Wahrheit. Die Unmogheh-

keiten und Widersprüche treiben das geschicl thehe Ge-
schehen aus sich heraus" (S. 20). Solch'/'""^fr. ^'r;

bel bleibt alle Geschichte, weil die Wahrheit min er

transcendent ist. Auch auf die Frage MCh fein Men-
schen besitzt der Mensch nie die Wahrheit. Das «tt

dem Leser bei dem Gang durch die Geschichte de -

losophie, der in der hoffnungslosen Aussicht endet.

„Zwischen Kierkegaard und Nietzsche wird das chr.s -

hch-a^rdländiscbe Geistesleben bis zu seinem hm- ^ ^ ^ ^ daß ^ ^ ^ ^ ^

lerpenoein \a. oi;.. . peecn die Wahrheit, legung der Epistel angesprochen werden kann." So ent-

Sie '£to ^ÄÄSRIE Begriff nach senieden arbeitet T. durchaus. Natürlich weist er ständig
zeitig ir I . r S ffzei tritt der Mensch, der : die für die heutige andere Situation nötige Linienführung
dieTin i ^ \ '".^Ifrlit eeSfli'' (S- 72). ! nach, aber mit dem immer wiederholten Anspruch, daß
Unwahrheit tat, der Wahr*" SeXSditnatisdr-' der Literalsinn des Textes auch von der neuen Situation
Das Denken das entweder e sent.eu ^ muß. Daß j dabd immer voraus.

SS^SS^nt^Si i tU3 momentan im Glau- setzt, die katholische Entwickelt^ widerspreche in kei-

bensakt i ALt Zr Verkündigung, im Akt der Anbe- nem Falle dem Texte je eigentlich, das erleichtert ihm

£S im Aktded Sakramentsempfangs. Für dies Ge- die Hinführung des Textes auf die neue Situation in

genwärtig-Sein der Wahrheit in Christus im Sakrament nicht geringem Maße; doch mindert das nicht die exe-

und W?>rt soll das bei der Wahrheitsfrage auf seme ^f.^^^^^J^ ^ an wel-

Qrenzcn o-r«toßf>n<> Denken offen werden. : eher er immer testnalt. itechnisch geht T. so vor: Zuerst

Vio FnrS n nnriI Konica uenz ist in diesem Buch ! gibt er die Ubersetzung des Textes nach der Vulgata,

darauf verwandt daß Luthertum steter, unerbittlicher dann den griechischen Text mit eigener Übersetzung,

Protest uta^'iphro und Kirche, weil die reine Wahr- hierauf eine eingehende nach allen Richtungen der exe-

heiHJ. 'SSfwett Jmgetn £nn. Das echte Ärgernis «tischen Wissenschaft offene Exegese, schließlich eine

Welt am Evangelium ist aber nicht, daß das Evange- | Zusammenfassung und Handreichung für den Prediger;

nächst die Tatsache sehr einfacher und von der lateini-
schen Tradition her befruchteten Predigten (siehe darü-
ber viele Nachrichten bei A. Hauck, Kirche ngeschiehte
Deutschlands, besonders im II. Bande), seit etwa 1200
in Beispielen selbständiger, oft origineller Art (vgl. etwa
die ins 13. und 14. Jhdt gehörenden „Altdeutschen
Predigten", welche A. E. Schönbach 1888—1891 vor-
legte). Doch auch im hohen Mittelalter (und dauernd
bis heute) lief die deutsche Perikopen-Predigt neben
vielen anderen deutschen Predigtarten einher (Heiligen-
predigt, Bußpredigt, Festpredigt mit dem Festgedanken
als Thema, Moralpredigt, Dogmapredigt, Predigt über
liturgische Texte und Dinge, Kasualpredigt; seit der Re-
formation auch apologetische und polemische Predigt).
Um den Beginn des 20. Jhdts. wiesen in vorderster
Reihe der Rottenburger Bischof Paul Keppler und der
Luzerner Professor und Kanonikus Mer enberg (u. a. m.)
die Prediger auf die Perikopen-Auslegung (überhaupt
auf die Bibel-Predigt) hin; Arieyenberg konnte sich da-
bei immer wieder auf J. M. Sailer berufen (dessen Pre-
digten über das Buch Tobias, München 1780, sich mit
Sciileiermaehers „Hausstandspredigten", Berlin 1820,
messen können). Inzwischen erlebte nun der Katholizis-
mus eine tiefgehende „Bibelbewegung", die sich natür-
lich auf die Predigt auszuwirken beginnt.

Wie weit die deutsche katholische Perikopen-Predigt
seit Keppler und Meyenberg fortgeschritten 9ein muß,
das kann man nunmehr aus dem Werke von Fr. Till-
mann (4. Auflage seit 1920, und das bei den Episteln!
T. gab 1918 „Die sonntäglichen Evangelien" heraus;
auch dieses Werk erreichte mehrere Auflagen) gut er-
kennen. Mit einer geradezu „evangelischen" Härte bin-
det T. den Prediger an den Text und dessen wörtliche
Bedeutung; noch Meyenberg hatte einen zweifachen
Schriftsinn aus dem vierfachen des Mittelalters ent-
wickelt; und im Hinblick auf Keppler kann T. (beim 4.
Advent) sagen: „Eine andere, auch von Keppler ver-
tretene Erklärung der Perikope entfernt sicli soweit von
ihrem ursprünglichen Sinn, daß sie nicht mehr als Aus-

i„,------ ----—
loading ...