Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

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Theologische Literaturzeitung 1941 Nr. 5/6

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sprechung nicht möglich. Die erkenntnistheoretische Ver-
wertung der angeführten Belege ist zum mindesten ein
recht problematisches Ding.)

f) S. 44 heißt es bezüglich des Verhältnisses von
Humanismus und Luther: „Dazu tritt der Gegensatz
zweier Bildungsbegriffe. Bei Erasmus ist das Stichwort
für Bildung .eruditio', d. h. Sprach- und Sachkenntnis
sowie dadurch erzeugte ,Kultur'. . . Bei Luther ist das
Stichwort für Bildung ,Geist'. Wahre Bildung — das
zeigt sich schon in der ersten Psalmen Vorlesung — ist
das Leben im Geist . . . Bildung ist Geist, und ihr Mit-
tel ist Glaube." Ich habe vergeblich darüber gegrübelt,
was der Verf. hier eigentlich meint. Daß Luther auf kei-
nen Fall Bildung im Sinne von Sprach- und Sachkunde
verachtet wissen wollte im Namen der Frömmigkeit!,
daß er für Bildung in diesem humanen Sinne mehr als
«ine Lanze gebrochen hat, darf ich doch beim Verfasser
als bekannt voraussetzen. Sollte er bloß das gemeint
haben, daß nach Luther nicht Wissen und Kunst, son-
dern die tiefe vom heiligen Geist gewirkte Herzenserfah-
rung wahre Erkenntnis Gottes in Christus gibt, daß
also keine Bildung die Tiefen menschlichen Lebens er-
schließt, die der Geist auf tut? Warum drückt er es
dann so verwirrend aus? Sollte er dadurch bestimmt
sein, daß erudire und eruditio in der ersten Psalmenvor-
lesung von der göttlichen Zucht und damit für den Be-
reich der religiösen Erfahrung gebraucht wird? Zum
mindesten muß man dem Verf. hier nachsagen, daß er
um einer schillernden Antithese willen auf vollständige
Klarlegung des Verhältnisses, das Luther zur humanisti-
schen Bildung hat, verzichtet hat.

Einige dieser Beispiele haben weitreichende Konse-
quenzen. So rührt das erste an eine Lieblingsassoziation
des Verls. Wo er nur kann, bringt er es an, daß der
nominalistisehe Positivismus, nach dem das Verhältnis
Gottes zur Welt und Geschichte bestimmt ist durch das
Statut, durch die von Gott gesetzte positive Anordnung,
für das Denken Luthers über Gott und Welt eine ent-
scheidende Grundlage bilden soll. Die Sakramentstheo-
rie, an der ich seiner Darstellung einen Widerspruch zu
Aussagen Luthers nachgewiesen habe, ist nur ein Bei-
spiel, bei dem die Assoziation sich zufällig zur greif-
baren These verdichtete. Nun ist über das Verhältnis
Luthers zum Nominalismus noch nicht das letzte Wort
gesprochen: das Ineinander von formaler Berührung mit
inhaltlichem Gegensatz bedarf noch gründlicher Erfor-
schung. Aber das ist klar, daß beim Verf. selbst diese
Lieblingsassoziation völlig in der Luft schwebt. Die The-
se seines Vaters, daß Luthers Unterscheidung von deus
abseonditus und deus revelatus auf die skotisisch-nomi-
nalistische von potentia absoluta und potentia ordinata
zurückgehe, hat der Verf. mit Recht aufgegeben. Damit
aber fehlt der These das Rückgrat. Das, was man wirk-
lich nachweisen könnte, eine sachlich irrelevante Be-
stimmtheit Luthers durch die Begriffstechnik des ihm
anerzognen Nominalismus, hat der Verf. selbst nicht
klar zur Darstellung gebracht. Die allgemeine geistes-
geschichtliche Einordnung aber kann der Verf. selbst
nicht so ernst meinen. Denn der nominalistisehe Positi-
vismus als ernsthafte geistesgeschichtliche Tendenz isit
im schärfsten nur denkbaren Widerspruch zu dem, was
der Verf. anderseits an Luther so gerne hervorhebt,
zu dem konkreten Geistgedanken, nach dem Gott in sei-
nem Verhältnis zur Welt der sich im Konkreten Verwirk-
lichende und Darstellende ist.

In diese Dunkelheit der letzten Praem.issen des Lu-
therverständnisses des Verf.s müßte man hineinleuchten,
wenn man ausführlich zum Verf. Stellung zu nehmen
das Bedürfnis hätte. Angesichts des Unbestimmbaren,
das dem Werke allenthalben anhaftet, besteht aber dies
Bedürfnis kaum. Vielleicht liegt das tiefste Gebrechen
des Buchs darin, daß es einen homo religiosus wie Lu-
ther, der von einem letzten zwingenden üewissenserleb-
Jiis bis in die feinste Verästelung seines Denkens und
Lebens hinein bestimmt ist, wesentlich als geistesge-

schichtliches Phänomen faßt. Dadurch löst sich Luthers
Theologie in eine widerspruchsvolle Einheit entgegen-
gesetzter Tendenzen notwendig auf: das alles zusammen-
haltende Band wird nicht sichtbar.

Aber, wie gesagt, eine sachlich gliedernde Gesamt-
darstellung von Luthers Theologie ist ein schwieriges
Werk, und es gibt bisher keinen, der die Aufgabe zu-
reichend gelöst hätte.

RELIGIONS WISSENSCHAFT

Rüdiger, Dr. Hans Helmut: Liederedda und germanische Seele.

Berlin: Dr. Emil Ebering 1939. (243 S.) gr. 8° = Oermanische Stud.

hrsg. v. Dr. Walther Hofstaetter H. 215. RM 9.60.

Dieser in mancher Hinsicht noch unausgeglichenen
Arbeit wird man nicht abstreiten können, daß sie in ihrem
Ergebnis zum Verständnis der Edda und im gewissem Sinne
auch der germanischen Seele Wesentliches beiträgt. Nur
schade, daß der Verf. das wichtigste Problem, das sein
Thema stellt: was an dem Gehalt der einzelnen Lieder
altgermanisch ist, was jüngeren Geistes schichten ange-
hört, höchstens hier und da einmal streift, im übrigen
aber den historischen Gesichtspunkt bewußt außer Acht
läßt. Die Folge ist und muß sein, daß man sich am
Ende in der Erkenntnis, welche der ja zeitlich und see-
lisch weit vom einander distanzierten Lieder und Liedteile
als Ausdruck germanischer Seele zu betrachten bezw. in
welchem Maße sie es sind, nicht gefördert sieht. Der
Verf. kennt die Probleme der Edda-Kritik umd auch ihre
Methoden wohl. Wenn er in den Vorbemerkungen über
das „Gefühl und die Auffassung der Texte" (Teil I)
für die Berechtigung seiner Methode eintritt, jedes Ge-
dicht unter Absehung von der philologischen Kritik
zunächst einmal als künstlerisches Ganzes zu betrachten
und zu versuchen den Schöpfergeist seines Dichters
zu erfassen, so wird man ihm das grundsätzlich
zugestehen. Aber das Thema „Edda und die germa-
nische Seele" ist doch nun einmal ein geistesgeschicht-
liches Problem, für dessen Lösung die geschichtliche
Einordnung der Lieder eine unerläßliche Voraussetzung
ist. Mit der Absicht des Verf. sich auf die ästhetisch-
psychologische Würdigung zu beschränken, steht im
übrigen die systematische Anordnung der Darstellung
nicht recht in Einklang, und brauchbare Ergebnisse er-
zielt er tatsächlich nur dort, wo er seiner Methode
umtreu wird und geschichtliche Entwicklungen aufzuzei-
gen sucht. Von den drei Hauptabschnitten des Buches
„Der Mensch und die Natur" (Teil II), „Der Mensch
umd das Leben" (Teil III), „Der Mensch und das Ge-
heimnis" (Teil IV) gehen besonders III und IV auf
Fragen der germanischen Religion und Ethik ein, vor
allem die Kapitel: Schicksal und Weltschmerz, Sittlich-
keit und Menschlichkeit, Todesahnung und Untergangs-
stimmung. Dem Problem des germanischen Schicksals-
glaubens gewinnt der Verf. von seinem Standpunkt aus
eine neue Seite ab, indem er auch den Schicksalsbegriff
der Edda wesentlich ästhetisch-literarisch würdigt. Er
sucht nachzuweisen, daß er mit Notwendigkeit aus der
Logik des Kunstwerkes und seines Stoffes erwachse.
Eine Entwicklung des Schicksalsglaubens als religiöses
Phänomen (im Zusammenhang mit einem Verfall des
Götterglaubens) erkennt R. nicht an; an ihre Stelle setzt
er eine literarische Entwicklung, die den Schicksalsbe-
griff als Komponente des tragischen Heldenliedes immer
schärfer und selbständiger herausarbeitet. Diese von
ihm angenommene Entwicklung läßt sich in kurzen Um-
rissen so wiedergeben.

In der ältesten, vom Preislicd nicht weit entfernten Form des
Heldenliedes war Schicksal nichts weiter als Verhängung des allen
Menschen bestimmten Todes und die Todesbercitschaft des Helden.
Die weitere Entwicklung der Kunst verlangte den tragischen Tod,
der durch das besondere Verhältnis zwischen Totem und Totschläger,
das in der voraufgehenden Handlung entwickelt wurde, bedingt war.
Die Spannung dieser dramatischen Situation konnte nur durch Zwangs-
läufigkeit sowohl der äußeren Handlung wie der aus dem Ehrgebot
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