Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

66.1941

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Theologisch« Literaturzeitung 1941 Nr. 1/2

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währsmann für die Juden nur den Abderiten, und viel-
leicht muß man die Stelle trotz Dornseiff 56 t. so inter-
pretieren, daß schon dieser selbst ältere Erwähnungen
des A. T. und des Volkes Israel überhaupt vermißt hatte.
Herodot fällt in der Tat aus, denn die von Joseph, a. O.
I 168ff. vorgebrachte Beziehung der II 104 genannten
Süoioi ol iv Tfi IIoAaiauvr] auf die Juden ist problema-
tisch und läßt jedenfalls nicht auf eine irgendwie kon-
krete Vorstellung von ihnen schließen. Bleiben die Verse
des Epikers Choirilos fr. 4 K., die ein an der Queue
des Xerxesheeres marschierendes Kontingent mit phoini-
kischer Sprache aus den Solymerbergen am breiten See
beschreiben und von Josephos a. O. 1 172 ff. ebenfalls
auf die Juden gedeutet werden.

Wenn Herodot VII 70 die dort genannten sonderbaren Pferdefell-
kappen den östlichen Aithiopcn zuschreibt, so tut er es nach Dorn-
seiff auf Grund der Choirilosverse in Erinnerung an Horn. Od. V
282 f., wo die Solymerberge in der Richtung des Landes dieser öst-
lichen Aithiopen vorgestellt werden. Aber ich kann mich der schon
von Mülder vertretenen Ansicht nicht anschließen, daß Herodot von
Choirilos abhängig wäre; Josephos zitiert diesen ja in chronologischer
Abfolge hinter Herodot, und wenn er ihn als (iojMnoTEpoc, yevö[ievoq
noiT)xi')5 bezeichnet, so nicht im Vergleich zu jenem, sondern abso-
lut im Sinne „ein ziemlich alter Dichter". Ich könnte mir also nur
denken, daß Choirilos die östlichen Aithiopen Herodots in Syrien
gesucht und mit den Juden identifiziert hat. Auch so wäre die Stelle
ja wichtig genug, insofern sie ein Zeugnis für Hierosolyma (ange-
deutet durch t;v SoÄvijiot.; opem) und das Tote Meer und dazu
noch einen Beitrag zur Geschichte der jüdischen Tracht lieferte (vgl.
noch Dornseiff, Ztschr. f. Ethnol. LXVIII 1936, 207 f., 1). Freilich
könnte die den Israeliten nach Lv. 10, 27 verbotene Ruodscbuf des
Kopfes, die Choirilos ihnen zuschreibt, von Rechtswegen nur ihren
Nachbarn zugekommen sein; es ist also sehr wohl möglich, daß
der Dichter überhaupt kein klares Bild von den Juden hatte, und so
kann man ihnen auch jene Kopfbedeckung nicht mit voller Zuver-
sicht zuschreiben.

Von recht oberflächlicher Kenntnis zeugt auch ihre Vennengung
mit den Brahmanen, die nach VC. Jaeger von Megasthenes aufgebracht
worden ist; darunter leidet auch die Schilderung des umherreisenden
jüdischen Weisen, die der Frühperipatetiker Klearchos von Soloi dem
Aristoteles in den Mund gelegt hatte (Joseph. I 175 ff.). Im übrigen
glaubt Dornseiff aber, daß eine solche Erscheinung damals durch-
aus möglich war (gegen H. Lewy, Harv. Theol. Rev. XXXI 1938,
210 ff.), und setzt sich mit Recht für die zeitlose Existenz jüdischer
Magie ein, die in der Bibel natürlich ,,ni»r als Gegenstand von Ver-
boten (Lv. 19,26. 31. Dtn. 18, 9 ff> oder als mirakuloser Kraft-
beweis göttlich begnadeter Propheten in Erscheinung tritt" (zu
Elias und Elisas mrvavü/ommc vgl. L. Bieler und O. Weinreich,
Arch. f. Rel. XXXII 1935," 228 ff.). Auch in Sachen der Septuaginta-
Übersetzung hält Dornseiff es nicht mit den Modernen, die sie aus
der kultischen Praxis der hellenisierten Gemeinden in Alexandreia er-
wachsen sein lassen, sondern mit der — allerdings auf alle Fälle
sehr entstellten — Überlieferung des Aristeasbriefes, wonach sie durch
Demetrios von Phaleron angeregt war, den Schüler jenes Theophrast,
der den Juden die Einführung der Tieropfer zugeschrieben hatte (bei
Porphyr, abst. II 26). Auch die von R. Härder hervorgehobene
Anspielung auf Gen. 1,28 bei Okellos 46 verteidigt er S. 55 f., 1 ge-
gen Wilamowitz' Interpolationsverdacht: damit hätten wir die erste
Bezugnahme auf den Wortlaut einer Stelle des AT., das dem Verfasser
natürlich schon in der Übersetzung der Septuaginta vorliegen konnte.
Alle früheren Zeugnisse über die Juden machen — abgesehen von
den problematischen Phocylidea — die Annahme einer älteren Über-
tragung nicht notwendig. Sicherlich warnt Dornseiff mit gutem
Rechte davor, sich der Annahme von Berührungen des frühen Hel-
lenentums mit dem Orient auch auf literarischem Gebiete nicht leicht-
hin zu verschließen (vgl. W. Otto, SB. Münch. 1940, 6, 68, 1. O.
Weinreich, Gnom. XVI 1940, 393 f.), aber daß gerade die Juden
und ihr Schrifttum irgend erheblich in den Gesichtskreis der vor-
hellenistischen Griechen getreten wären, läßt sich m. E. nicht absehen.
Bonn Hans Herter

Sc hm ökel, Lic. theol., Dr. phil., Prof. Hartmut: Die ersten Arier
im Alten Orient. Leipzig: C. Kabitzsch 1938. (VIII, 88 S., 14
Tfin.) 8°. RM 7.80.

Verf. sagt im Vorwort, daß in Zeiten, wo ein ganzes
Volk am geistigen Ringen teilhat und mitschaffen will,
eine Gefahr vorliegt: „Es ist die des vorschnellen Ur-
teils aus ungenügender Kenntnis oder halber Bildung
heraus, aus dem sich ein falsches oder zum mindesten
in manchem unzutreffendes Welt- und Geschichtsbild
entwickeln kann." So ist es zu begrüßen, daß die vor-

liegende Arbeit einen Fragenkreis behandelt, der ebenso
wichtig wie neuerdings vielbesprochen ist: das Auftreten
der ersten Arier im Orient.

Die große Kultur des sumeriseh-semitischen Morgen-
I landes hatte sich nach der Hochblüte des Hammurapi-
reiches erschöpft. Daß danach doch wieder ein Aufstieg
j erfolgte, ist der Blutauffrischung durch neueinströmende
unverbrauchte junge Völker zuzuschreiben. Und diese
unverbrauchten Völker waren nach Ausweis unserer heu-
tigen geschichtlichen Erkenntnisse Arier. Das führt
Schmökel im einzelnen vor. Er behandelt die Hethiter;
t die Könige und Fürsten der Amarn,a-Zeit, soweit sie
arische Namen tragen; die Hurriter; die Könige von
Mitanni. Beachtenswert ist dann eine zusammenfassende
j Darstellung der Geschichte der ersten Arier. Er be-
j schränkt sich nicht auf eine historische Darstellung, son-
dern bemüht sich auch, von der hurritisch-arischen Kul-
tur ein Bild zu geben, und legt daneben den Finger
; auf arisch anmutende Charakterzüge. Offenbar hat er
recht, wenn er die Wertschätzung der Persönlichkeit,
die der altorientalischen Welt sonst fremd ist, auf das
Konto arischen Einflusses bucht. Leider ist dahin auch
zu stellen der fehlende Wille zur Unterordnung, Haß,
Neid und Zwist bis hin zum Brudermord, wodurch das
i Leben dieser arischen Fürsten und Herren vergiftet
I wird. Eine bleibende Einwirkung auf die geschichtliche
I und kulturelle Entwicklung des vorderen Orients hat
diese Arierwelle nicht gehabt. Dazu war die Herren-
sehicht, um die es sich im wesentlichen handelt, zu dünn ;
sie wurde bald von der autochthonen Bevölkerung ab-
sorbiert.

Wer sich über die Tatsachen und Probleme dieses
Gebietes schnell orientieren will, der greife zu diesem
flüssig geschriebenen und auch mit den nötigen wissen-
schaftlicnen Nachweisen versehenen Buch, das sich außer-
dem durch zurückhaltendes und nüchternes Urteil aus-
zeichnet.

Hiddensee Arnold Gustavs

An drae, Walter: Das WiedererstandeneAssur. Leipzig : J.C.Hin-
richs 1938. (XII, 232 S., 80 Taf. [davon 1 farbige], 82 Textabb., 1 Plan)
gr. 8° = 9. Sendschrift der Dt. Orient-Gesellschaft. RM 17 - ; geb. RM 16 — .

Im Jahre 1912 veröffentlichte der Ausgräber von
Babylon, Robert Koldewey, ein für einen wei-
teren Leserkreis bestimmtes Buch „Das wiedererstan-
dene Babylon", das (neben den wissenschaftlichen Ver-
öffentlichungen der D. O. G. als den eigentlichen de-
taillierten Grabungsberichten) der Oeffentliichkeit von
den Ergebnissen der damals schon 12 Jahre währenden
Ausgrabung Kunde gab (1925 in 4. Auflage mit den
Ergebnissen bis zum Abschluß der Grabung 1917).
Es hing mit den Funden der Zeit Nebukadnezars (um
600 v. Chr.) zusammen, daß das Bild von Babylon
und seinem Turm wesentlich aus diesem Stadium rekon-
struiert wurde, wobei der Verf. dann die älteren Funde
zwischenein behandelte. Als eine bewußte Anknüpfung
an dieses Buch muß man, wie schon der gleichlautende
Titel andeutet, das Werk Walter Andraes ansehen,
der als Assistent in Babylon unter Koldewey tätig dann
von 1903 bis 1914 die Ausgrabung von Assur gelei-
tet hat. Das 1938 erschienene Buch1 Andraes (auf
das der Ref. erst nach seiner Entlassung aus dem
Heeresdienst einzugehen die Zeit findet) unterscheidet
sich zu seinem Vorteil in verschiedener Hinsicht von
seinem Vorgänger. Es beschreibt nicht nur, sondern ver-
sucht, das Wesen der Bauten und des Lebens in Assur
zu deuten, es ist auch in seinem zweiten (Haupt-)teil
„Assur in seinem geschichtlichen Werden" unmittelbar
an der Abfolge der verschiedenen Perioden von den
I Urschichten bis in die parthische Epoche orientiert.
Diesem Längsschnitt ist ein Querschnitt „Assur zur
Zeit des Königs Sanherib" (S. 3—55) vorangestellt wor-

1) Das Buch wird als 9. Sendschrift der Deutschen Oricnt-Gesell-
j schaff bezeichnet, obwohl es nicht wie die vorangehenden Schriften den
i Mitgliedern der Gesellschaft als solche zugestellt wurde.
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