Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. 3/4

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wir auf die starken Töne achten, die diese Literatur als
heilige Schrift, als einzige Quelle der geheimnisvollen
Weisheit erklären (äth. Hen. 104, 10ff.; 100,19 u. ö.),
und auf die soteriologische Bedeutung des Henoch, die
St. klar heraushebt, dann legt sich der Schluß nahe, daß
hinter dieser Literatur umgrenzte Gemeindekreise stan-
den. Und wir können noch einen Schritt weitergehen:
diese Literatur scheint nach Galiläa zu gehören (vgl.
äth. Hen. 13,7). Sollte sich in dieser Literatur etwas
von der Besonderheit der galiläischen Frömmigkeit ge-
genüber der judäischen greifen lassen, auf die Walter
Bauer aufmerksam gemacht hat, als er zur Jülicherfest-
schrift seinen Beitrag über „Jesus der Gaililäer" bei-
steuerte? Es kann jedenfalls nicht zweifelhaft sein, daß
Jesus zu dieser Literatur Beziehungen hatte und daß sie
in der Urchristenheit eine große Bedeutung besaß. Dann
ergibt sich aber für die Ausbildung der neutestament-
lichen Geschichte im Allgemeinen und für die Christolo-
gie im Besonderen hier ein neuer Ansatzpunkt, der zu
einer weiteren Differenzierung der Betrachtungen führen
würde und der, da sich Jesus erkennbar von der Ge-
dankenwelt dieser Literatur unterscheidet, weiter führt
zu der Frage nach dem Eigenen und Besonderen, das
Jesus in die ganze Entwicklung mit seiner Verkündigung
und nicht minder mit seiner Erscheinung mitgebracht
hat. Damit stehen wir wieder am Ausgangspunkt unse-
rer Fragestellungen zu St. Buch. Von hier aus würde
der Weg nach vorwärts führen. In der Beurteilung des
vierten Evangelium z. B. würde man nicht nur die my-
thischen Formen des Gesandten, des himmlischen Men-
schen usw. sehen dürfen, wie es bei St. erscheint, son-
dern z. B. auch die durch das Eigene Jesu bestimmte],
nicht mythisch erklärbare Ausprägung des Sohnesgedan-
kens, die zum tiefsten des vierten Evangelisten gehört.

Wir brechen ab. Staerks umfassendes Werk enthält
reiches Material, das wir noch nicht so verarbeitet bei-
sammen hatten; es gibt wesentliche Durchblicke durch
schwierige religionsgeschichtliche Entwicklungen und Be-
gegnungen; es stellt vor eine Fülle wichtiger Fragen.
Der beste Dank gegenüber einer solchen Arbeit ist die
Aufnahme der Ergebnisse in ein Gespräch, das den Ver-
such macht, an einigen Punkten weiterzuführen aufgrund
der aufgeworfenen neuen Fragen.

RELIGIONSWISSENSCHAFT

Avila, Francisco de: Dämonen und Zauber im Inkareich. Aus

dem Khetschua übers, u. eingel. von Dr. H. Trimborn. Mit einem
Vorw. von O. Friederici. Leipzig: K. F. Koehlcr 1939. (XII, 143 S.,
III Taf.) gr. 8° = Quellen u. Forsch, z. Geschichte d. Qeogr. u.
Völkerkunde, hrsg. von A. Herrmann, Bd. 4. RM8 —; geb. RM 10—.

Die vorliegende Übersetzung ist ein Dokument von
hohem Wert für die Erkundung des Glaubens an die
Wirksamkeit übermenschlicher Mächte in einem Teil des
ehemaligen Imkareiches Südamerikas. Der Originaltext
in der Khetschua-Sprachc wurde einer sinngetreuen Über-
setzung vorangestellt. Ein völkerkundlicher oder sprach-
wissenschaftlicher Kommentar mußte ebenso unterblei-
ben, wie eine historische oder mythologische Auswer-
tung des Stoffes. Man wird dem Übersetzer für diese
Zurückhaltung dankbar sein, denn sonst wären noch
Jahre bis zur Veröffentlichung der wertvollen Schilde-
rungen de Avilas vergangen.

Der Verfasser, de Avila, war ein Findelkind, das in
Cuzco 1573, vermutlich von einer indianischen Mutter,
geboren wurde. Er erhielt den Namen seiner Pflege-
mutter einer geborenen de Avila und kam in die Schule
der Jesuiten, wo er die ersten Weihen empfing. 1592
siedelte er zur Fortsetzung seiner Studien nach Li-
ma über und trat in die Universidad de San Marcos ein,
wo er 1606 den Doktorgrad erwarb. Schon vorher hatte
er eine mehrjährige Pfarrtätigkeit unter den Indianern
ausgeübt, und zwar in San Damian de Huarochiri. Da
die Eingeborenen sich aber über seinen Eifer, angebliche

Erpressung und Amtsmißbräuche beschwerten, wurde
er trotz Freispruchs nach 14 jähriger Tätigkeit nach
; Huänuco versetzt. Doch wurde er zum „Visitator de
! idolatrias" ernannt und konnte so weiterhin auch in sei-
i nem früheren Bezirk Erhebungen über das Fortleben
des alten Glaubens anstellen. Seine Wirksamkeit bestand
im hinreißenden Predigen in der Khetschua Sprache
j und in der Bekehrung von vielen Tausenden von In-
dianern.

Das hier übersetzte Werk ist in seinen ersten sechs
; Kapiteln schon 1608 (also noch in San Damian) von
I Avila selbst in spanischer Sprache und hergerichtet für
> europäische Leser wiedergegeben worden. Diese Wieder-
S gäbe der „errores" und „supersticiones" wurde aber bei
i der Anklage und Versetzung Avilas abgebrochen und ist
nie vollendet worden. Dieser kleine Teil von den 31 Ka-
piteln des ganzen Werkes wurde 1873 durch Cl. R.
Markhain ins Englische übersetzt und veröffentlicht.
Eine Neuausgabe der spanischen Paraphrase der sechs
Kapitel'wurde 1918 durch Carlos A. Romero in Lima
vorgenommen, erstreckt sich jedoch nur auf die Kapitel
| 2—7. Der ganze Rest, insbesondere auf Grund des
Khetschua Textes, ist bisher noch nicht bekannt gewor-
I den. Infolge des spanischen Bürgerkrieges mußte Herr
Trimborn die Übersetzung der in Madrid befindlichen
I Handschrift unterbrechen. Auf diese Weise fehlt das
i 12. Kapitel und wenige Zeilen vom Schluß des letzten,
j Die Handschrift ist leicht lesbar. Der Schreibweise
I liegt die spanische Phonetik zu Grunde, die sich natür-
lich auch auf die Eigennamen erstreckt.

Das Werk besteht in einer Niederschrift der Aussagen indianischer
1 Gewährsmänner, die selbst in den beschriebenen Vorstellungen und
Einrichtungen ihrer Dörfer groß geworden waren. Es wird wohl ange-
j norameii werden dürfen, daß Avila aus seiner halb-indianischen Hcr-
| kunft heraus eine besonders gefühlsbetonte Teilnahme an den Indianern
bekundete und sich einerseits mit Eifer der Bekehrung widmete, anr
I dererseits aber doch den „errores" und „supersticiones" aus seinem
i vielfachen Verkehr mit den Indianern inneres Verständnis entgegen-
brachte. Dieses dürfte er selbstverständlich in keiner anderen Form
ausdrücken als in der einer überlegenen Ablehnung.

Berichte heutiger Reisender in den Ländern des ehemaligen Inka-
Reiches betonen die große Rolle des Totcnkultus.1 Oilt das auch für
die frühere Zeit? Oder haben sich die alten Gebräuche infolge der
Christianisierung nur auf bestimmte Gebiete zurückgezogen? Hat etwa
I nach Verlust der volklichen Selbständigkeit gerade das Gedenken an
die Zeiten entschwundener Größe und an die dahin gegangenen Men-
schen einen besonderen Gefühlswert erhalten? Es könnte so scheinen,
wenn man damit die Zeugnisse aus einer Zeit vergleicht, da die ganze
| alte Glaubenswelt noch lebendig war.

Auch hier beginnt, ähnlich wie in vielen Sagen archaischer Völ-
I ker, der Schöpfungsniythos mit der Überwindung einer älteren Gott-
! heit Yananamca-Tutanamca), was auf die Überlagerung älterer primi-
| tiverer durch die später tonangebender gewordenen Stämme deutet. Die
Schöpfung der „Menschen" wird zunächst dem Huallallo
I Carhuincho zugeschrieben, der den älteren Oott überwand. Doch
i auch dieser Entdecker des Feuers und Feuerdämon gehört anscheinend
einer werter zurückliegenden Vorzeit an, obwohl noch immer ein (an-
I scheinend primitiver) Stamm in der Gegend von Jauja, die Huanca,
seine Verehrung beibehalten hat, ihm Hunde opfert und sie verzehrt
' (S. 93 f., 106). Er gilt als böser Menschenfresser, der immer ein
Kind von zweien den Menschen wegnahm und das Blut trank. Als
eigentlicher Schöpfer des Menschen, der Erde und der Felder wird
l in Huarochiri aber Coniraya Huirakocha genannt, der auch
! „Kulturbringer" ist. Es wird (S. 5 Antn. 4) darauf hingewiesen, daß
der erste Bestandteil obigen Namens einheimisch, der zweite fremd
ist und von den Inkas eingeführt wurde. Bei der Beschreibung seiner
Persönlichkeit tritt ein charakteristischer Zug der späteren großen
Huak'a (Götter und Dämonen) hervor. Coniraya soll nämlich
früher in Menschengestalt einher gegangen sein. Es heißt: „Hierbei
stellte er sich mit seinem zerrissenen Hemd und seiner zerfetzten
■ Schulterdecke furchtbar arm, sodaß die Leute, welche ihn nicht er-
kannten, ihn einen elenden Lausekerl hießen. Und doch soll er es ge-
wesen sein, der alles erschuf: Dörfer und Felder, und die so treff-
lich erbauten Terrassen entstanden durch sein bloßes Wort. Und auch
die Kenntnis der Wasserleitungen brachte er. . . . Und nachdem ging
| er einher, stellte alles erdenkliche an und kränkte die Dorfgottheiten
mit seinem Witz" (S. 77 f.). Hierbei zeigt sich ein Zug sozialer

1) So Rafael Karsten (Helsinki) „Überbleibsel der Inka-Religion
im heutigen Peru und Bolivien", Archiv für Anthropologie NF.
Bd. 25/1, 1939, S. 36 ff.
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