Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. l/2

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mit ist schon die Weite des kulturgeschichtlichen Aus-
maßes, das wir hier vor uns haben, angedeutet. Darüber
hinaus bietet sich hier eine Fundgrube ohne Gleichen für
die personell- und familiengeschichtliche Forschung.

Aber auch kirchengeschichtliches Material ist reich-
lich vertreten. Es handelt sich dabei weniger um die
hier auch immer wieder anzutreffenden allgemeinen Pro-
bleme der Reformationsgeschkhte, wie der Einführung
der neuen Lehre, der Absetzung, Vertreibung und Ver-
sorgung der altgläubigen Geistlichen, des Kirchenbaues,
des Patronats und der kirchenregimentjichen Zuständig-
keit. Viel wichtiger sind die allgemeinen Verhältnisse der
Stifter und Klöster, der Bischöfe und ihrer Territorien,
der freien Städte und der unmittelbaren Herrschaften in
der Zeit und in den Folgeerscheinungen der Reformation.
Da haben wir es mit einer Fülle interessanter Einzel-
heiten zu tun. Wir nennen etwa aus Band I: Basel,
Deutschritterorden, Dorpat, Frankfurt-Main, Hohenlohe,
Isenburg, Lüttich, Maastricht, Pruntrut, Riga, Speyer,
Wied und Worms — und aus Band II: Animerschweier,
Besancon, Bisehweiler, Buchsweiler, Dann, Finstingen,
Hagenau, Kaysersberg, Oberehnheim, Saarbrücken.
Sehlettstadt, Straßburg, Weißenburg, Zabern. Mit den
meisten der hier angegebeneu Namen wird sich ohne
Weiteres eine kirchengeschichtliche Verknüpfung ergeben.
Das von Seh midiin in seinem Buche über die katho-
lische Restauration im Elsaß — vgl. Theol. Lit.-Ztg.
1936 Nr. 19 Sp. 347 f. — mitgeteilte, recht einseitig ver-
wertete Material erfährt hier eine vielseitige Erweiterung,
auch nach der anderen Seite hin, aus den Prozessen.

Die wiedergegebeuen Regesten umfassen die ganze
Zeit des Reichskammergerichts in seinem Bestehen; doch
ist das 16. Jahrhundert besonders gut berücksichtigt.
In der Einleitung zum zweiten Bande verzeichnet der
Bearbeiter kurz diejenigen Verfasser, die sich schon mit
den Straßburger Akten des Reichskammergerichts befaßt
haben. Sollte eine Fortsetzung dieses Werkes möglich
sein, so möchten wir doch dafür eintreten, daß die Rege-
sten in der Ausführlichkeit des ersten Bandes gegeben
werden; diese Ausführlichkeit ist zumal bei der Er-
örterung schwieriger kirchlicher Fragen unbedingt zu
empfehlen.

Berlin Otto Lerche

GESCHICHTE DER THEOLOGIE
UND PHILOSOPHIE

Ungrund, Schwester Magna, I. C: Die Metaphysische Anthro-
pologie der Heiligen Hildegard von Bingen. Münster i. W.:
Aschendorff 1938. (XVI, 122 S.) gr. 8° = Beitr. z. Geschichte d. Alten
Mönchtums u. d. Benediktinerordens, Heft 20. RM 6.75; geb. RM 8-.

Der Herausgeber dieser für die Erhellung der Ge-
schichte des Mönchtums bereits sehr bedeutsam gewor-
denen Beiträge, Abt Ildefons Herwegen schickt dem
Bande eine begründende Einführung voraus, weshalb er
eine Darstellung der Anthropologie der heiligen Hilde-
gard in dieser der Geschichtsforschung dienenden Samm-
lung herausbringt: als eine geistesgeschichtliche Arbeit,
die einer Leistung gilt, „in mystischer Schau gesehen
und ausgesprochen, bevor aristotelisches Denken seinen
Einfluß auf die mittelalterliche Welt des Abendlandes
auszuüben begann". Hildegard ist Zeitgenossin Bern-
hards von Clairveaux, dem gegenüber sie nach Herwegen
„Erbin und Vermittlerin altchristlichen Gedankengutes..
vor der sich ankündigenden neuen Epoche des Hochmit-
telalters" ist. In benediktinischer Tradition aufgewach-
sen, ist sie in ihrer Menschenschau erfüllt von altchrist-
licher Objektivität und germanischer Bewegtheit.

Die ungemein reiche Geisteswelt Hildegards erfährt
durch diese Arbeit Magna Ungrunds eine bedeutende
Aufhellung für die Gegenwart. Die früheren Forschungen
von J. Ph. Schmelzeis u. a., die neueren Spezialuntersu-
chungen, z. B. von J. Schäfer und Maura Böckeier, wer-

den hier in grundlegender Form fortgeführt, indem sich
die Verfasserin die große Aufgabe gestellt hat, die An-
i thropologie der hl. Hildegard schlechthin aus der Ge-
samtheit der Hildegardscheii Schriften zur Darstellung
| zu bringen. Sie hat diese Aufgabe mit Geschick und Takt
[ gelöst, und diese Arbeit ist so gehalten, daß sie sowohl
dem Fachmann wie dem religiös interessierten Laien viel
| Neues wird bieten können. Das Verständnis für ihr Un-
j ternebmen bereitet Magna Ungrund auf zweierlei Weise
; vor: sie stellt dem heute besonders verbreiteten Men-
schenbild des Idealismus mit seiner Gottferne und iso-
! lierenden Funktionseinheit, das vom Nichts bedroht ist,
| die Geisteswelt Hildegards entgegen. Diese Geisteswelt
läßt sie zunächst vor dem geistigen Auge des Lesers
entstehen durch eine schlichte Beschreibung von Hilde-
gards Werden, Leben und ihren eigenen geistigen Ent-
| wieklungsbedingungen. Sie, die im September 1098 als
zehntes Kind adeliger Eltern zu Bermersheim bei Alzey
; geboren wurde, die Klausnerin und Beiiediktinerin ward,.
\ entwickelte sich zu einer „in der Gemeinschaft dienenden
i Mutter, Politikerin, Reformatorin und Botin Gottes",
voll „männlichen Geistes und fraulicher Würde", begabt
mit mystisch-visionärer Schau und einer dadurch beding-
! ten innigen Verbundenheit mit der höheren Welt. Sodann
1 legt Magna Ungrund die grundlegenden Voraussetzun-
I gen für die Hildegardsche Anthropologie dar, wozu
i schon eine Beschreibung ihrer Werke das Verständnis
vorbereitet. Hildegards Lehre vom Wesen des Menschen
erwächst aus einer innigen Einheit vom Denken und
Glauben. Sie gewinnt ihre Erkenntnis nicht mittels iso-
lierender Betrachtung, mittels der Ratio wie dies in der
I modernen Philosophie so häufig geschieht, sondern
J durch die „fides quaerens intellectum". So stellt sie eine
lebendige Wirklichkeit des Menschen dar, wobei das
höhere geistige und das irdische Leben samt seinen
Dämonien in kämpferischer Gesetzlichkeit mit einander
| verbunden sind. Sie erhebt sich zu einer exemplaristii-
schen Weltschau, wonach alles Vergängliche nur ein
i „exemplum", ein Gleichnis ist.

Im zweiten Teil ihres Buches zeichnet Magna Un-
grund sodann die „Wesensstruktur des Menschen", wie
diese sich in den Erkenntnissen und Visionen Hildegards
darstellt. Darnach kommt die Seele „aus dem Geheim-
nis Gottes"; sie „geht so wie der Leib sie verlangt, aus
Gottes Schöpferhand hervor". Der Leib als Wohnung
der Seele dagegen, ist abhängig, modern ausgedrückt,
von der erbbiologischen Masse, von Reinheit und Kraft
der Eltern und Ahnen. Seele und Leib aber bilden eine
innige Einheit, und die Seele ist nie eine leib-feindliche
Substanz. Sie selbst ist immer das Beharrende, sie ist
der „Hauch Gottes". Je mehr der Leib ihr gehört, d. h.
ihrem eigentlichen Wesen entspricht, desto mehr nehmen
ihre eigenen Kräfte zu. Durch sie wird der Mensch das
„Maß aller Kreatur", „aber nicht als ein Maßgebender,
sondern als das Wesen, durch das ein Werten und
Messen des in den Dingen vorgegebenen Maßes möglich
wird". Die Hauptkräfte der Seele sind: die vegetative
Seelenkraft, das Sinnesvermögen, Vernunft und Wille.
Im Gedächtnis nimmt die Seele alle Leistungen des Men-
schen auf und verwahrt sie. Entgegen dem Sensualismus
und dem Idealismus („angeborene Ideen") vertritt Hilde-
gard die Auffassung von der wachsenden geistigen Er-
fassung der Dinge und der Wesenheiten „auf Gott zu".
Selbst die mystische Schau ist nach ihr noch keine unmit-
telbare Gottesschau. Ihre eigenen Visionen sind geschaut
j „im Schatten des lebendigen Lichtes". „Was sie sah, sah
I sie nicht mit äußeren Augen, vernahm es auch nicht
mit dem Verstände, sondern sie vernahm alles im Innern
| der Seele, ohne in die «Schwäche« der Ekstase zu gera-
j ten." Über diese Visionskraft hinaus kennt Hildegard noch
j eine höhere mystische Schau, die sie als „Schau des
lebendigen Lichtes" bezeichnet, über deren Inhalt sie sich
jedoch nirgends ausspricht.

Hildegard ist insofern deterministisch gerichtet, als nach
ihr die Grenzen menschlicher Wirkungsmöglkhkeiten
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