Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. 1 2

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der Stadt Basel und der Eidgenossen, Frankreichs, Un-
garns, Spaniens und besonders der italienischen Hapst-
gegner Florenz, Neapel, Mailand, auf das unschlüssig
zögernde Verhalten Kaiser Friedrichs III,, von dem sein
früherer Gesandter an der Kurie bei seinen antipapst-
lichen Konzilsplänen Unterstützung erwartete und sich
schließlich doch im Stich gelassen sah, und auf die
publizistische und diplomatische Gegenaktion von Sei-
ten Papst Sixtus' IV. und seiner Helfer. Soweit es die
lückenhafte Überlieferung zuläßt, hat der Verf. die „ge-
heimen Scharniere, die das Basler Konzilsuiiternelimeii
mit der hohen europäischen Politik der Zeit verban-
den", gut sichtbar gemacht. Dadurch wird es begreiflich,
daß Zamometic die allgemeine politische Lage beim Aus-
bruch des Ferraresischen Krieges für geeignet halten
konnte, um auf eigne Faust aus enttäuschtem Ehrgeiz,
und aus rachsüchtigein Haß gegen seinen einstigen
Freund Sixtus IV. die Wiedereröffnung des Basler Kon-
zils zu verkünden und den Papst zur Rechenschaft zu
ziehen, daß es ihm jedoch nicht gelang, die papstfeiiuL
lichen Mächte, die konziliare Opposition in der Kirche
und die „öffentliche Meinung'" Europas auf seine Seite
zu bringen. Die politisch-diplomatischen Vorbereitungen
des Konzils durch Zamometic lassen sich freilich mehr
vermuten und erschließen als aktenmäßig belegen. Der
Verlauf und das Scheitern der Aktion bis zu Zamome-
tics Einkerkerung ist aus den politischen Umständen
zur Genüge geklärt. Der Verf., der sich vor jeder Über-
schätzung seines „Konzilshelden" besonnen hütet, weiß
und betont jedoch, daß es darüber hinaus den „ideen-
geschichtlichen Hintergrund des Konziliarismus" aufzu-
hellen gilt, „der — mehr als man bisher annahm — auch
noch das endende 15. Jahrhundert erfüllte, der allein
nicht nur die Tatsache des Konzilsversuchs überhaupt,
sondern auch die uns paradox anmutende Zähigkeit und
Ausdauer, mit der die Basler am Konzilsplan bis zum
Äußersten festhalten, einigermaßen verständlich macht".
Indem er zunächst nur die politisch-diplomatische Seite
dieser geschichtlichen Episode behandelt und auch ihre
Nachwirkungen nicht verfolgt, behält er es einer späte-
ren Untersuchung vor, „diesen auch geistesgeschichtlich
bedeutsamen Hintergrund herauszuarbeiten und ihm den
Konzilsversuch des ,Krainers' als höchst typisches Phä-
nomen einzuordnen". In diesem größeren Zusammen-
hang wird sich der Wert der sorgfältigen Arbeit, die
Schlechts Forschungen dankenswert zum Abschluß bringt,
erst recht erweisen müssen.

Königsberg (Pr.) Herbert Grund m a n n

KIRCHENGESCHICHTE: NEUERE ZEIT

Götz, Dr. Jon. B.: Die religiösen Wirren in der Oberpfalz von
1576 bis 1620. Münster i. W.: Aschendorff 1937. (XIV, 371 S.)
gr. 8° = Refonnationsgeschichtliehe Studien und Texte, mit Unter-
stützung der Gesellschaft des Corpus Catholicorum hrsg. v. Prof. Dr.
Wilhelm Neuß. Heft 66. RM 18.75.

Mit dem vorliegenden Buche bringt der Verfasser
seine 1914 begonnene („Die religiöse Bewegung in der
Überpfalz 1520—1560"), 1933 fortgesetzte („Die erste
Einführung des Kalvinismus in der Oberpfalz 1559
bis 1576") Darstellung der Reformationsgeschichte der
Oberpfalz zum Abschluß. Mit der Katastrophe vom Wei-
ßen Berge vor Prag endeten die Episode des Winter-
königs in Böhmen und zugleich die Herrschaft des Hei-
delberger Kurfürstenhauses in der Oberpfalz. Maximilian
von Bayern führte das Land wieder der katholischen
Kirche zu. Götz faßte in der Einleitung zu dem ersten
der genannten Bücher die Aufeinanderfolge der sich wi-
derstreitenden Ergebnisse kurz zusammen (S. Vf.): „Un-
ter Friedrich IL halb katholisch, halb protestantisch,
winde das Land unter Ottheinrich ausschließlich lu-
therisch, wobei allerdings das Bekenntnis einen leich-
ten Einschlag der Schweizer Richtung aufweist. Fried-
rich III. verjagte die protestantischen Kirchendiener und

ersetzte sie durch Calvinisten. Sein Sohn und Nachfolger
Ludwig VI. hatte den Religionswechsel des Vaters nicht
mitgemacht; die Calviner mußten also das Land verlas-
sen, und dieses wurde wieder lutherisch. Pfalzgraf Ka-
simir, der für Ludwigs Sohn die Regentschaft führte,
war Calviner, und zum zweiten Male hielt der Calvinis-
mus seinen Einzug. Die Schlacht am weißen Berge zer-
störte den kurzen Traum der böhmischen Königskrone,
und mit Friedrich V. fiel auch die Herrschaft des Calvi-
nisnius. Maximilian I. gab das Land der katholischen
Kirche zunick. Teils willig und aus Ueberzeugung, teils

! unter dem Drucke der Regierungsmaßnahmen entschloß
sich das Volk zur Wiederannahme des Katholizismus.
Noch waren keine zwei Menschenalter vergangen, und

\ fünfmal hatte es den Glauben gewechselt."

Der Verf. schreibt sein Buch pragmatisch, chronologisch geordnet,
nach der Reihenfolge der Landesherren, aktenmäßig unter minutiöser
Aufbereitung eines umfangreichen Quellenmaterials, namentlich der
Protokolle der unaufhörlichen Visitationen. G. stellt die geschicht-
i liehen Ereignisse im besten Sinne objektiv, sachlich dar; er, der
; katholische Priester, ist dem Luthertum gegenüber verständnisvoll und
, von der Gewissensnot des Volkes im Innersten ergriffen. Den Cal-
vinismus lehnt er als volksfremd ab, die harten Zwangsmaßnahmen
der Heidelberger Regierung schildert er in deutlicher Ablehnung,
i Daß er gelegentlich, so S. 229 und 248, volle Sympathie für Maximi-
I iian anklingen laßt, erscheint uns begreiflich. Der Schluß des
Ganzen, der lediglich die Ablösung des vom Staate aufgezwungenen
I Calvinisinus durch die seitens der neuen Regierung durchgeführte
Rekatholisierung deutlich werden läßt, ist freilich einseitig. So
schreibt Götz (S. 361): „Nach rund 100 Jahren war die Oberpfalz
wieder zur Mutterkirche zurückgekehrt, die Zeit der Religionsän-
derungen war endgültig vorüber. Allmählich heilten auch die Wun-
den des Krieges, die ausgeplünderten Kirchen erhielten wieder ihren
j Schmuck, ciie Klöster wurden ihren Orden zurückgegeben, und in ver-
ständnisvollem Zusammenarbeiten zwischen Welt- und Ordensklerus
erblühte bald in dem schwer geprüften Lande ein reges religiöses
J Leben, das kaum mehr ahnen ließ, was vergangene Generationen ihres
Glaubens wegen hatten dulden und kämpfen müssen." Wir führen
dazu lediglich an die Mitteilungen in den Berichten über die 30. und
die 34. Hauptversammlung des Evangelischen Vereins der Gustav
Adolf-Stiftung 1S76 S. 137 und 1904 S. 143 f. sowie den Aufsatz
von Max Weigel: Die evangelische Kirche in der Oberpfalz („Die
evangelische Diaspora" Jg. 12, S. 134_145).

Neben einer Fülle ortsgeschichtlicher, volkskundlicher
, und lokalkirchengeschichtlicher Einzelheiten verdanken
j wir dieser Darstellung eine gründliche Durchleuchtung
j einer aus den Tiefen des Volkes herauskommenden reli-
: giösen Abwehrbewegung. Der Kampf drehte sich um die
Grundfragen der Sakramente und um die Kernstücke
j der Erlösungslehre. Auch damals bewies sich die unver-
gleichlich stärkere Wirkung und Benutzungsmöglichkeit
von Luthers Katechismus gegenüber dein Heidelberger.
Darüber hinaus bieten sich ernste und schwere kirchen-
geschichtliche Lehren: die kurfürstliche Regierung zwang
dem Volk eine von diesem abgelehnte Religion auf; die
I Regierung verkündigte immer wieder Religionsfreiheit
und sagte bei Abschluß eines jeden Rezesses den Ge-
meinden und ihren Bewohnern zu, daß sie wegen der
Religion nicht beschwert und pertubiert, daß sie im Ge-
wissen nicht bedrängt werden sollten. Immer wieder
aber hat die Regierung mit dem Verbot von Formen
und Gebräuchen, von kirchlichen Sitten und Bindungen,
mit der Unterdrückung aller Äußerungen kirchlichen
Lebens in der bisherigen Form die gegebenen Zusagen
! praktisch aufgehoben, so daß sie unglaubwürdig wurde
und durch ihr Verhalten Treu und Glauben weithin im
Lande zerstörte. Die Einsichtigen im Volke, Geistliche
j wie Laien, sahen ein, daß es tatsächlich zwei Religionen
1 im Lande gab: die von der Regierung im Gegensatz zu
( Volk und Kirche aufgezwungene „fürstliche Religion"
i und das unterdrückte Luthertum, an dem das Volk Über-
I all mit zähem Fanatismus allen Schikanen zum Trotz
l festhielt. Dieses Nebeneinander aber von zwei Reli-
i gionen unter diesem Zwange machte weite Kreise des
; Volkes, die im notvollen täglichen Daseinskampfe stan-
! den, aller Religion gegenüber stumpf und gleichgültig.
1 Damit verlor die Religion ihre Bedeutung als die tra-
| gende sittliche Grundlage des Volkslebens und der völ-
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