Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. 1/2

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Die besprochenen Schriften bilden einen zufälligen
(nämlich den der ThLZ. eingereichten) Ausschnitt aus
dem vielfältigen Schrifttum der Gegenwart zur Kirchen-
sache, spiegeln aber ungefähr die ganze Problematik
dieser Sache ab. U. E. liegt der ürund tür die bleibende
Zwiespältigkeit der ev. Kirche an dem Punkte: die
Ausarbeitung hoch-evangelischer (d. i. möglichst radikal-
evangelischer) Kirchenprogramme (oder auch „Reli-
gions"-Programme) gehört praktisch auf die Seite der
„Rhetorik", hingegen eine tatsächliche Kirche wird noch
seltener und noch untiefer von dieser „Rhetorik" beein-
flußt als festgefahrene Predigthörer von einer nichtfest-
gefahrenen Predigt. Und doch haben die hoch-evange-
lischen Reden, Schriften, Gedanken recht! Aber auch
die tatsächlichen Kirchen haben ihr Recht! „Radikaler
Evangelismus'' ist not, sonst schwindet jegliches Recht
des Protestantismus — aber o h n e die tatsächlichen
Kirchen (das zeigt die Kirchen- und Ketzergeschichte)
würde der „radikale Evangelismus" zu einer ^erAßaai?
ei? uUo Ytivoc! So liegt alles daran, die hoch-evangeli-
scheu Programme und die tatsächlichen evangelischen
Kirchen anders als nur rhetorisch oder literarisch
zusammenzubringen, aneinanderzukoppeln. Dieses „A n -
ders" verdient die stärkste Beachtung durch unsere
so zahlreichen „Kirchenschriftsteller".

RELIGION S WISSENSCHAFT

Stamm, J. J.: Die akkadische Namengebung. Leipzig: J. C.
Hinriclis Verlag 1939. (XIV, 372 S.) gr. 8" = Mitteilungen der Vor-
derasiatisch-Aegyptischen Gesellschaft (e.V.) 44. Bd. RM 24-.

Herr Prof. Mensching beauftragte mich, meine Ar-
beit für diese Zeitschrift selber anzuzeigen. Dies glaube
ich am besten so tun zu können, daß ich kurz die wich-
tigsten, nicht speziell philologischen, Ergebnisse der Un-
tersuchung zusammenstelle. Auf Probleme, die sich von
der akkadischen Namengebung her für Namen und Vor-
stellungen anderer semitischer Völker, besonders der al-
ten Israeliten, ergeben wird mit Absicht nur selten hin-
gewiesen werden- Die hieher gehörigen Fragen bedürfen
noch eines eingehenden Studiums, dem nicht vorgegrif-
fen werden soll.

Zunächst einiges über die Form der akkadischen
Personennamen (PN) und über die ihnen zugrunde lie-
gende Situation! Fast alle PN der Akkader sind ent-
weder Sätze wie „Sin hat mir gegeben" oder Bezeich-
nungen wie „Sklave der Istar". Die Satznamen sind
entweder konkret oder abstrakt und allgemeingültig for-
muliert. Für den ersten Fall gibt es zwei Möglichkei-
ten, der Name kann als Aussage (Mein Gott hat sich
meiner erbarmt) oder als Bitte (Mein Gott, erbarme dich
meiner!) gefaßt sein. Ein Beleg für den zweiten i all
d. h. die allgemeine Formulierung ist: „Adad ist erbar-
mungsvoll" oder „Nabu ist eine Mauer für den Schwa-
chen".

Eine Eigenart zahlreicher konkret gefaßter Satzna-
men und auch einzelner Bezeichnungen ist, daß sie nicht
von vornherein als PN gedacht waren, daß sie vielmehr
spontane bei der Geburt1 des Benannten gefallene Äus-
serungen darstellen. Anzunehmen ist dies, wenn ein Kind
„Ein Gesunder ist da!" oder „Wir haben einen Bruder
bekommen" benannt wird. Es trifft auch zu, wenn aus
der Klagepoesie bekannte Ausrufe wie ahulap „Genug"
und adi matt „Wie lange!" als Namen gegeben werden.
Viele andere Sätze sind dagegen stets nur als Namen
beabsichtigt gewesen, so etwa „Gott hat gegeben" und
ein dem Kind geltender Wunsch wie „Er möge alt
werden, o Gott".

1) Dal! die Namen im Allgemeinen kurz nach der Qeburt gegeben
wurden, ist vor allem ihrem Inhalt zu entnehmen. Unter die Nach-
trage der Arbeit konnte ich aber noch einen Beleg aus der akkadischen
Beschworiingsliteratiir für diesen Zeitpunkt der Benennung aufnehmen.

Wenn viele Namen bei der Geburt ihres Trägers ge-
i fallene Äußerungen sind, ist es wesentlich zu erfahren,
wer sie gesprochen hat. Als vorkommende Sprecher
ließen sich der Vater bzw. die Mutter, die Geschwister
und das benannte Kind selber ermitteln. Der Vater
I spricht, wenn der PN „Sein Gott hat ihn (das Kind)
geschaffen" lautet, die Geschwister sagen „Wir haben
einen Bruder bekommen" und das Kind selber redet im
Namen „Ich vertraue auf Sin". Keinen bestimmten
{ Sprecher weisen allgemeingültige Aussagen auf wie „As-
sur liebt den Gerechten".

Was nun die Inhalte der PN angeht, so geben eine
größere Anzahl von ihnen der Freude des Vaters oder
der Geschwister über die Geburt eines Kindes Ausdruck.
| Zu erwähnen sind Begrüßungen wie „Sie (die Mutter)
hat meine Sonne geboren", „Ein Gesunder ist da!" und
i „Ich habe einen Bruder bekommen". Neben solchen
, protauen Feststellungen der Geburt sprechen theophore
j Namen einem bestimmten Gott den Dank für das Kind
• aus. Beispiele sind: „Assur hat gegeben", „Ea hat ge-
i schaffen" und „Istar hat ihn geboren". Weiter wird von
j einem Gotte gesagt, daß er den Namen des Kindes ge-
nannt habe, daß er für echte Nachkommenschaft ge-
j sorgt oder daß er die Geburt des Kindes gefordert habe.
; Bisweilen halten Namen die vom Vater geäußerte Bitte
um einen Erben, oder um dessen glückliche Geburt lest.
Belege sind: „Möge ein Erbe da sein!" und „Möge er
ans Sonnenlicht herauskommen!". Das Festhalten solcher
durch die Geburt des Benannten gegenstandslos gewor-
dener Bitten ist merkwürdig. Die Verewigung der durch
den Nainenträger als wirksam erwiesenen Bitte stellt
wohl eine besondere Form des Dankes dar. Mannigfal-
tig sind die dem Kinde geltenden Wünsche z. B. „Enlil
| erhalte den Erben unversehrt!", „Er möge alt werden,
o Gott!". Die aufgeführten Namen werden fast nur
; Knaben, selten auch Mädchen, gegeben. Die aus dem
babylonisch-assyrischen Recht bekannte Vorzugsstellung
der männlichen Nachkommenschaft, welche allein den
j Bestand der Familie sichert, prägt sich sonach auch in
! der Namengebung aus.

| Sowohl Knaben als Mädchen werden die übrio-en, in-
| haltlich nicht so eng mit der Geburt des Kindes ver-
I knüpften Namen gegeben. Hervorzuheben ist die Kla<re
des kranken Kindes: „Genug, oSin!", „Warum, oGott?"
und „Ich bin müde (leidend) geworden, o Gott!". Eben-
Falls auf Krankheit deuten die Bitten, deren Verben in
der akkadischen Gebetsliteratur gebräuchlich sind und
die auch in den Psalmen ihre Entsprechungen haben.
Heispiele sind: „Mein Gott, sieh mich gnädig an!",

„Warnas, versöhne dich mir!" und „Istar, schaffe Recht!".
Zu den meisten derartigen Namen findet sich eine nach
der Genesung des Trägers gesprochene Dankform.

Aus gewissen PN spricht die Freude des Kindes
über ein zur Zeit der Geburt leuchtendes Gestirn,
z. B.: „Mir leuchtet der Glanz (eines Gestirnes)", „Sin

| (der Mondgott) strahlt". Ähnliche PN, die ebenfalls
auf ein Ereignis in der Umwelt beim Erscheinen des Kiu-

| des Bezug nehmen, wurden in einem besonderen Ab-
schnitt unter dem Stichwort „Hintergrund der Namen-

I gebung" behandelt.

Eine nicht seltene Funktion der PN ist es, die Fröm-
migkeit des Kindes zu dokumentieren, um ihm so das

j Wohlwollen der Götter und damit ein glückliches Leben

zu sichern. Der Benannte spricht: „Sainas ist mein Va-
ter", „Ea ist mein Schutz", „Marduk ist meine Stütze"
und ferner „Ich achte auf Marduk" sowie „Ich harre des
Gottes". Daneben finden sich Ermahnungen zur Fröm-
migkeit wie: „Preise den Ann!" und „Verehre den
Adad!".

Für die Kenntnis der babylonischen Religion wich-
tig sind die schönen, als PN gebrauchten, Sprüche,
z. B. „Nabu beschämt den Stolzen" und „Mit dem
Schwachen ist Gott".
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