Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. 1/2

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hier, ob dort, semper idem. Darum: entweder man stärkt
die Kirche, dann stärkt man auch den „temperierten Katho-
lizismus", oder man stärkt das „Radikal-Evangelische",
dann bewegt man sich in der Richtung, die das Meyer-
sche Lexikon „Religion" nennt. — Zum 70. Geburtstage
des württembergischeu Landesbischofs D. Wurm ver-
öffentlichte der „Verein für württembergische Kirchen-
geschichte"fi einen Vortrag D. Wurms: „Der lutheri-
sche Grundcharakter der württembergischen Landeskir-
che" (im Anhang eine deutsche Übersetzung des Brie-
fes an Brenz vom 30. Juni 1530). Schon die Formu-
lierung „Grundcharakter" besagt (und will besagen),
daß in der württembergischeu Landeskirche vielerlei in-
einander ist — nicht zum Schaden dieser Kirche (Lu-
thertum, Biblizismus, Pietismus, Unionismus, Mystizis-
mus, auch Junghegelianismus, Immanentismus). Den lu-
therischen „Grundcharakter" nun findet der Verfasser
„in der Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt";
wie das Luthertum überhaupt so steht auch die württem-
bergische Kirche hierin in der Mitte zwischen dem Ka-
tholizismus und dem Reformiertentum, es kommt aber
dem Verfasser vor allem darauf an, seine Kirche gegen
das Reformiertentum abzusetzen („stärkere Betonung
der zur Welt sich herablassenden Liebe gegenüber der
von der Welt getrennten Majestät Gottes", „die daraus
fließende Beurteilung von Schrift und Sakrament", „Ab-
weisung gesetzlicher Regulierung des kirchlichen und
frommen Lebens", „positive Schätzung des Irdischen
als einer von Gottes Liebe durchdrungenen, unter seiner
Vergebung stehenden Welt" — doch dürfte heute das
ganze Reformiertentum es ablehnen, auf die Formel
„bloß symbolhafte Auffassung'' des Abendmahls bezw.
der Sakramente festgelegt zu werden!). Heppes Ver-
such, die württembergische Kirche zur „melanehthoni-
schen" zu stempeln wird abgelehnt. Doch wird für den
lutherischen Charakter des „württemberigschen Biblizis-
mus" eine Neuuntersuchung als nötig bezeichnet. An
dem lutherischen „Grundcharakter" der Württemberger
sollte man nicht zweifeln — und die Schrift von D.
Wurm drückt das Siegel auf diesen Satz. Aber es han-
delt sich nur um den „Grundcharakter". Sonst freilich
macht schon in der W.sehen Schrift diese Kirciie den
Eindruck: Wir wissen noch nicht, sollen wir uns in Zu-
kunft auf das energische Kirchesein (den „temperierten
Katholizismus") oder aber auf den radikalen Evangelis-
mus werfen! Noch ist beides beisammen, wohl infolge
der Macht der Vergangenheit; aber der Verfasser kennt
die heraufkommende „Gewohnheit, die Bekenntnisschrif-
ten so zu zitieren, wie der Jurist das bürgerliche Gesetz-
buch zitiert" — und das ist nicht „reformiert", sondern
„temperierter Katholizismus". Wenn aber der Verfasser
selbst eine solche Entwickelung bedauert, vielmehr auf
der Linie der biblischen Nüchternheit und des Schlat-
terschen Verständnisses des Römerbriefs geht, die der
vergöttlichten Kirche gegenübergestellte vergöttlichte Bi-
bel in das Licht des Condeszenzgedankens, also der im
Glauben hingenommenen historisch-kritischen Forschung
stellen will, so sind das die Wege, welche in den radi-
kalen Evangelismus weisen. Selbstverständlich wäre das
Ideal: Beides zugleich, Kirchesein und Evangelisch-Ra-
dikal; aber die Zeichen der Zeit lassen sich nicht so
deuten. — G. Wobbermin ließ 1939 eine Broschüre
ausgehen, die den Titel trägt: „Der Bischof von Glou-
cester über Volkstum, Christentum und Kirche in Eng-
land und Deutschland"7; der Inhalt zerfällt in ein Vor-
wort von W., einen im Londoner Kirchenblatt „The
Guardian" erschienenen Artikel des Bischofs „Die deut-
sche Kirche" und eine Predigt des Bischofs über Off.

6) Wurm, Landesbischof D. Th.: Der lutherische Grund-
charakter der württembergischen Landeskirche. Zum 70. Ge-
burtstag, 7. Dezember 1938, vom Verein f. württembergische Khchen-
geschichte dargeboten. Stuttgart: Scheufele 1938. (35 S.) 8°.

7) Der Bischof von Gloucester über Volkstum, Christentum
und Kirche in England und Deutschland. Mit einem Vorwort von Prof.
Georg Wobbermin. Berlin: A. Collignon 1939. (18 S.) 8°. RM 1—.

I 21,23—26, überschrieben „Nationalismus und Christen-
tum". Der Bischof von Gloucester gibt sich darin zu
erkennen als Freund der tatsächlichen Kirche sowohl
I in Deutschland als in England — die Linie des „Evan-
gelisch-Radikalen" fehlt ganz. Gerade diese Linie fiel
i uns aber in deutschen Schriften zur Sache der Kirche
: eindringlich auf. (W.s eigene Stellung zu dieser Linie
; erkennt man, wenn man seinen Beitrag zu der 1930 im
| Furche-Verlag zu Berlin erschienenen Sammelschrift „Die
| Kirche im Neuen Testament in ihrer Bedeutung für die
! Gegenwart", speziell: „Der schriftgemäße Begriff der
Kirche" studiert). — Das Buch von Fritz von der
Heydt: „Die Kirche Luthers zwischen Rom und Mv-
thus"s müßte den von Lempp (siehe oben!) erfunde-
nen Titel führen: „Die mißverstandene Kirche"; denn
v. d. H.s Buch ist eine inhaltlich und formell wertvolle
Klarstellung der Art und der Ziele der evangelischen
I Kirche Deutschlands in der Vergangenheit (Luther, Or-
thodoxie, Pietismus, Aufklärung, Idealismus, Liberalis-
mus, Erneuerung im 19. Jahrhundert) und Gegenwart
(Kirche im Nationalsozialismus: Mythus, Sünde, Gnade,
I Rasse, Staat, Rompilgerschaft, Kirchenkampf, Ökumene).
! Die tatsächliche Kirche lernt man hier kennen. Das
„Radikal-Evangelische" flammt aber überall empor, zu-
! erst und hauptsächlich im Kampf gegen Rom, sodann
I in der Betonung, daß unserem Volke Evangeliuni ver-
kündet werden muß — und daß davor alles Spezifisch-
Kirchliche zurückzutreten hat. Der Verf. wird zugeben,
daß trotz Anti-Romanismus und radikal-evangelischer
| Verkündigung die tatsächliche Kirche umso stärker „tem-
perierter Katholizismus im Kirchesein" darzustellen
pflegt, als sie Anti-Romanismus und radikalen Evan-
| gelismus eben mit kirchlichen Mitteln betreibt (man
lese S. 140 f. der v. d. H.sehen Schrift). Das ruft dann
bei Anhängern und noch mehr bei Gegnern der ev. Kir-
che den Eindruck hervor: „Auf dem Wege nach Rom!"
— es handelt sich aber nicht um die Richtung nach
Rom, sondern um die Richtung zum Kirchesein. —
Zum 70. Geburtstag von Slotemaker de Bruine
| gab G. Oli lern ü 11er ein Sammelheft mit Aufsätzen
j von 17 meist ausländischen Autoren heraus.51 Diese Auf-
J sätze betreffen einerseits den Protestantismus überhaupt,
anderseits die Kirchenprobleme z. B. in den Niederlan-
den, in Schottland, in Irland, in Ungarn, in Jugosla-
] wien, in Böhmen, in Polen, in Norwegen, in Deutsch-
land. Zumeist sind es anspruchslose Skizzen, die aber
gerade wegen ihrer Echtheit und Frische eindrucksvolle
Bilder vermitteln. Der Ernst der Wahrheitsfrage wird
betont, die durch die Reformation gewonnene Freiheit
des Geistes (nämlich: Gott wahrhaft zu dienen) gelobt,
sogar Sohm erhält Beifall, als die „rechte Kirchenpolitik"
; wird „die reine Wortverkündigung" bezeichnet, „die
i falsche Kirche des Rechts" gegen „die wahre Kirche
I des Wortes" abgesetzt, von der deutschen Theologie (der
j 20er Jahre und zurück) wird gerühmt: „Ein wahrhaft
revolutionärer Durchbruch zu Luther und zum Neuen
j Testament war erfolgt" (siehe aber oben Baden!) —
dennoch geht das alles Hand in Hand mit dem Bestre-
ben, die tatsächliche Kirche noch kirchlicher auszu-
; bauen. Der Zwiespalt wird von A. Keller (in seinem
Beitrag über Edinburg 1937) so deutlich als möglich
i kundgetan: der Anglikanismus sage, bischöfliche Struk-
tur sei für eine christliche Kirche wesentlich — aber
der Protestantismus behaupte, eine solche Struktur sei
eine Beeinträchtigung des Herrschaftsanspruchs Jesu
j Christi. Wenn es sich nur um die „bischöfliche Struk-
I tur" handelte! Auch ohne „bischöfliche Struktur" kann
I man „temperierter Katholizismus im Kirchesein" wer-
den.

8) Heydt, Fritz von der: Die Kirche Luthers zwischen

Rom und Mythus. Berlin: Säemann Verlag [1938]. (198 S.) gr. 8".
RM 2.50 ; geb. RM 3.50.

9) Ohlemüller, Dr. Gerhard: Protestantismus. Zeugnisse
i der Gegenwart. Temoignages de nos jours. Witnesses of to day hrsg.
| Berlin : Verlag des Evang. Bundes [1939]. (112 S., 1 Titelbild) 8°. RM 2—.
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