Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

65.1940

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Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. l/2

Jahrhunderte hindurch sich bewegt. Sie ist christlich, Nationalkirche, landeskirchliche und außerkirchliche Ge-
weil sie Jesus und Christus nicht ausschaltet, sondern , meinschaft, Lutheraner, Reformierte?'' . . . Keine von al-
ihn als Lehrer oder als produktives Symbol anerkennt". len"; „Am Anfang der Verkündigung des Evangeliums
Eine spiritualistische „Kirche" ist unmöglich. Auf Sei- steht nicht eine Organisation oder eine rechtsbildende
ten der Kirche (d. i. unseres „temperierten Katholizis- i Stiftung — das ist die ungeheuerliche Verdrehung der
mus im Kirchesein", aber bei S. cum grano salis!) unter- ! katholischen Lehre — sondern das waffenlose, rechtlose,
scheidet S. die Ausüber der Radikalkirchlichkeit durch l unorganisierte Wort Gottes, in Jesus Christus" — sagt
Schutz des reinen Evangeliums, d.h. der reformatori- i aber Meyers Lexikon im Grunde nicht dasselbe? Es geht
scheu Tradition, und die Ausüber der Radikalkirchlich- j dennoch B. durchaus nicht um Abbau des Kircheseins,
keit durch Anpassung der Substanz an das Leben der j sondern um die Stärkung der tatsächlichen Kirche —
Gegenwart (hinter welcher Zwiespältigkeit S. einen dop- freilich mit antirömischen und radikal-evangelischen Mit-
pelten Wahrheitebegriff erkennt: Idee jenseits der Ver- teln. Die tatsächliche Kirche wird trotzde;n praktisch
wirklichung — Idee unabtrennbar von ihrer Verwirk- ' die von B. vorgebrachten Mittel entweder zum „tem-
lichung) Überdies würde S. nicht von „temperiertem perierten Katholizismus" oder zum Abbau des „Spe-
Katholizismus" sprechen, sondern von lutherisch und , zifisch-Kirchlicheu" benutzen. Doch haben B.'s Aus-
melanchthonisch temperiertem Ockamismus. (Darüber führungen ein besonderes Gewicht dadurch, daß natür-
tindet man Ausschlaggebendes in Erich Seebergs: lieh der Evangelische Bund (überhaupt ein „Bund")
„Luthers Theologie Band II: Christus", Kohlhammer, beides vereinen kann, nicht aber die Kirche. Das Kirche-
Stuttgart 1937). Aber es ist erfreulich, daß hier der Hi- i sein kann nicht mehr frei gestaltet werden, darüber ist
storiker S. die kirchlich-unkirchliche Lage der Gegen- durch 2000 Jahre Kirche entschieden, und das im Volke,
wart mit ein paar meisterhaften Strichen bis auf den Bei einem „Bunde" ist das anders. Der Ev. Bund im
Grund zu enthüllen weiß. Hoffentlich lernt die Öffent- I besonderen wird das „Radikal-Evangelische" im deut-
lichkeit von S. das Sehen. Ja, S. geht sogar unter die sehen Volk wachhalten und mehren, wenn er B.'s Rat-
Brückenbauer" (und wird hier natürlich genau so von j Schlägen folgt: Schlichtheit und Unmittelbarkeit des
den beiderseitigen Radikalen abgelehnt werden wie die i Denkens und Redens, Sauberkeit des Rezensiereiis, Lu-
übrigen Brückenbauer!). Sein Versuch, zwischen der j thers Berufsgedanken, das Allgemeine Priestertum und
tatsächlichen Kirche und dem Kirchenbegriff der Theo- | die „Laienkirche", Erweichung der „dogmatischen Ver-
logen die Brücke zu bauen (bei S.: zwischen der Kirch- j härtung", die Forderung des neuen Weltbildes und der
lichkeit und dem christlichen Spiritualismus) ist wahr- ! historischen Bibeltorschung berücksichtigen, auch „die
haftig der Rede wert: Toleranz! „Toleranz der kirch- 1 starke und unzweifelbare Wahrheit des Rassegedan -
liehen Gruppen untereinander, die sich als Gruppen j kens", geistliche Führung von der Gemeinde her u. s. w.
in einer Kirche und eben nicht als Sonderkirchen zu füh- Ob aber solche Bemühung um das „ Radikal-Evange-
len lernen müßten; Toleranz überhaupt in religiösen j lische" zum Aufbau oder zum Abbau der Kirche im
Fragen"; aber auch Besinnung auf die Grenze der Kirchensinne führen wird, das ist die andere Frage. —
Toleranz innerhalb des Christentums: „Diese Grenze Lic. W. Lempp gibt drei Vorträge über die Kirche
heißt Christus. Christ kann nur der sein, für den Chri- , heraus unter dem Titel „Die mißverstandene Kirche".3
stus etwas ist. Dies „Etwas" aber bestimmt der ein- j In Wirklichkeit bringt das Büchlein eine theologisch zu-
zelne frei und selbständig". Man erkennt hoffentlich, verlässige und sprachlich vorbildliche Darstellung der
daß S. nicht eine „Allerwelts-Toleranz", etwa gar „an [ Abschnitte „Die Kirche" und „Das Amt" aus dem Qan-

Stelle" des Christentums oder der Kirche, will, sondern
schließlich nichts anderes, als daß auch in der Kirche,
auch im Christentum — die Liebe maßgeblich sei!

zen der Praktischen Theologie — also viel mehr, als ,11:111
nach dem Titel erwarten möchte. Theologisch zuver-
lässig: nie stürzt L. in die zahlreichen Fanggruben,

Woran man ja vielleicht immer noch erinnern darf, ' welche gerade in der Frage der Entstehung und des

ohne der Ketzerei schuldig zu werden. Noch umfassen- j Wesens der Kirche und des Amtes theologisch bereit

der schreibt S.: „Ich könnte mir aber heute ein allgemein liegen. (Immerhin benützt er einige Hypothesen, die er

verbindliches Bekenntnis der Deutschen zu Gott oder als solche unbedingt bezeichnen müßte, wie „die alttesta-

eine Kirche des „positiven Christentums" denken; dar- mentlichc Kirche", „die Kirche aus diesen verlästerten

über hinaus müßten christliche Kirchen für alle die- Dogmen heraus entstanden", „der Apostel Lehre" als

jenigen in voller Freiheit ihre Arbeit tun, die hi ihren Theologie, die Entstehung des Staatskirchenrechts aus

religiösen Bedürfnissen an Christus gebunden bleiben". bloß staatlichen Rücksichten). Nach S. 54 und 57 will

Brückenbau! (Gehört wird aber nur der Radikalismus). L. als Anhänger der sog. „Bekennenden Kirche" ange-

— Heinrich Bornkamms Schrift: „Was erwarten wir sehen werden. So überrascht es zunächst, in dem Biieh-

von der deutschen evangelischen Kirche der Zukunft?" 1 lein eine starke Welle des „Radikal-Evangelischen" mit

gehört auf die Seite der „Radikal-Kirchlichen" (nach un- der bewußten Absicht der Schwächung des „Spezifisch-

serer Einteilung), hat aber ein eigenes Gesicht da- Kirchlichen" zu finden. Ja, es ist gerade der Hauptwert

durch, daß B. die evangelische Kirche auf jeden Fall des Büchleins für die ganze evangelische Öffentlichkeit,

scharf absetzt von allem „römischen Wesen" und daß , in feurigen Worten, ohne die üblichen Dilettantis uen

er sie anderseits rücksichtslos in die deutsche Gegen- und lahmen Gutwilligkeiten, zum radikalen Evange-

wart hineinstellt. Im übrigen steht die B.sche Schrift lischsein aufzurufen. „Gegen den temperierten Katfio-

au der Seite der Badenschen (siehe oben!): beide be- lizismus jeder Art, für die absolute Herrschaft Gottes

treiben die Kirchlichkeit durch Anpassung der Substanz* in Christus!" so könnte man diese Absicht des L.sehen

an die Zeitlage und nicht durch Verkapselung. Doch Büchleins zusammenfassen. Aber dann erscheint sofort

in den Einzelheiten bringt B. auch hier Eigentümliches und überall eine Betonung des Kirchlichen, die mit

in Menge. Merkwürdig (oder selbstverständlich bei einem jenem radikalen Evangelismus streitet. Der Zwiespalt

Wissenschaftler) ist es, daß B. zuerst in die Richtung löst sich so: L. ist gegen das bisherige tatsächliche

„Dynamisierung der tatsächlichen Kirche" redet, was Kirchenwesen, ihm sagt er alles „Radikal-Evangelische"

in der Praxis immer als Ruf zum Abbau des „Spezi- — aber das etwa von der „Bekennenden Kirche" her

fisch-Kirchlichen" wirkt (Kirche „nicht in der Weise aufgebaute oder aufzubauende Kirchenwesen steht für

einer Firma", kein „Firmenstempel für die Kirche", ihn auf einem anderen Blatte, gehört schon ins Radikal-

keine „Mitgliedskarte", Gott allein beruft und kennt sein , Evangelische hinein! Glaubt nun L. in der Tat, daß sich

Volk; er allein weiß, wer dazu gehört"; „Wer ist die 1 das Kirchenwesen je ohne den „temperierten Katholizis-

Kirche? Reichskirche, Landeskirche, Bekennende Kirche, mus", also „radikal-evangelisch" durchführen lasse? Ob

4) Bornkamm, Heinrich: Was erwarten wir von der 5) Lempp, Lic. W.: Die mißverstandene Kirche. Dioi Vor-
deutschen evangelischen Kirche der Zukunft? Berlin: Verlag träge zur Klärung und Verständigung. Stuttgart- Quell-Verlag 1939.
des Evang. Bundes |1939]. (61 S.) gr. 8°. RAI 1.20. ! (64 S.) kl. 8°. RM -50.
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