Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

62.1937

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17 Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 1.

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. . , .. ... ' ragt, so tritt der Elberfelder reformierte Pfarrer O. D. Kr., Bruder

geben hat, die daneben in gefühlvollen Briefwechseln ihre „sclione , ^ ^ Bernburger und Bremer Friedr. Adolf Kr., doch in
Seele" ausströmen ließen oder sich an einem hohen Pathos der Rede ( ^ ^ ^ ^ ^ Bewegung charakteristische Persönlich-

berauschten, so war es in jenen höchst erregten Zeiten: ein Beweis
dafür, mit welcher Vorsicht man an die Deutung der Erscheinungen
„von innen her" mit vorwiegend ästhetischen Maßstäben heran-
treten soll

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lichkeit deutlich hervor, in ihren Vorzügen wie in ihren Schranken,
so gewiß es richtig ist, daß diese Bewegung sehr verschiedene
Ausprägungen hat. Verf. spannt dabei die lokalen und biographi-
schen Einzelheiten in den größeren Rahmen der Kirchen- und

Zu den besten Abschnitten des Buches gehört die Darstellung der 1 scnen tinzeinenen
Barockdramatik mit ihrer durchgehends prägnanten Stellung zu den re- ' Gcistesgeschichtc des 19. Jahrhunderts und ist ernstlicli bemüht,
ügiösen Werten. Auch ein Martin Opitz, der das Jesuitendrama , di« X™be Schwarz-Weiß-Zeichnung, wie er sie mit vollem Recht
wie die Wanderbühne ablehnt oder ignoriert, gehört hierher, ob- I an den Tiesmeyerschen Schriften über die Erwcckungsbewegungen
wohl und gerade weil er den tiefsten religiösen Gehalt des Sopho- ' in de" verschiedenen Gebieten tadelt, zu vermeiden. In dem be-
wies in seiner Bearbeitung der „Antigene" einem Seneeaischen , ^ders gelungenen einleitenden Abschnitt über die geistige La.;e am
Stoizismus geopfert hat, durch und durch ein „demutloser Hu- I Niederrhein wird darauf hingewiesen, was in der Gegenwart nicht
tnanist". Um so kräftiger idlligt die religiöse Ader bei unserm ! übersehen werden sollte, wie auch die lutherischen Gemeinden des
A. Gryphius, über dessen Kunst H. sehr vieles zu sagen weiß, j Geb,cts ,vlel mehr Ähnlichkeit mit dem reformierten Gemeindetypus
obwohl die absolutistische Einstellung des Dichters (in seinem „Leo I habcn aIs mlt, d,en '"tierischen Gemeinden Mittel- oder Ostdeutsch.
Armemus") in der Dissertation von W. Mawik (Münster 1935) i Iands- Auch bedeutet hier die Hinwendung zur Erweckungsbewegung
und seine eigentümlichen Beziehungen zum Calvinismus in der Schrift ' Einschnitt wie anderwärts in stärker rationali-
von K. Vietor über Barockprobleme (Leipzig, Weber 1928) noch
Warer hervortreten. Mit seiner Betonung der „allegorischen" Auf-
fassung des dramatischen Spiels (aus der „Weltangst" des Dichters
heraus) wird H. wohl recht behalten. Aber gerade hier vermissen

wir die wirkliche Analyse auch nur eines der großen Werke. Sehr j °"nel "™ ™""""\ ■■»s—s ~.....

eindrucksvoll ist auch die Abhebung dieser Dramatik gegen das- allcf Treihcrische, Methodist.sche; seine theologische Stellung be

—___u„.-j__.i..,„i, i zeichnet er wohl mit vollem Recht als reformierte Orthodoxie, aber

stisch durchsetzten Gemeinden, ich denke etwa an Minden-Ravensberg.

Mit großer Liebe, aber auch mit nüchterner Kritik wird G. D. Kr.
in seiner Persönlichkeit, seinem Wirken und Kämpfen geschildert.
1816 kommt er an die reformierte Gemeinde in Elberfeld. Er
öffnet sich einem Pietismus stark reformatorischcr Prägung ohne

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jenige Lohensteins, obwohl der Abstand zwischen beiden durch
die Gegenüberstellung ihrer Vorbilder, besonders Vondels und Marinis
noch eindrucksvoller hätte gemacht werden können. Bei dem „zwei-
ten Schlesier" fehlt jener religiöse Atem, der den eigentlichen Lc-
bensgtund des Gryphiusschen „Trauerspiels" hergibt; wo von einer
Überwelt in irgend einem Sinne die Rede ist, da ist sie eben
«ur „Stoff" und gibt die Gelegenheit zu irgend welchen ästhe-
tischen Anschwellungen: das einzig Wirkliche ist eben hier das
selbst schon spielmäßige Lebensgefühl des höfischen Barock der
späteren Zeit.

Wichtig und bedeutend ist uns auch die Behandlung des „Sim

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er ist ohne alle konfessionelle Engherzigkeit; in seinen Predigten
und Unterrichtsstunden tritt Calvin völlig hinter Luther zurück; in-
teressant, wie es ihm gerade der junge Luther angetan hat.
Seine Frömmigkeit lebt in der Spannung zwischen wirklichen inneren
Fortschritten der Heiligung und doch stets erneuter Rechtfertigung,
allen Perfektionismus bekämpft er.

Die verschiedenartigsten Formen geistlichen Lebens im Wup-
pertal, z. B. Tersteegens und Collenbuschs Einfluß finden im Zu-
sammenhang mit dem Wirken von Kr. eine treffliche Darstellung;
dessen Wirken blieb, so einflußreich und groß es im Wuppertal
war, doch ein beschränktes, er konnte nicht wie etwa Hamann

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plizissimus", mit dessen Dichter der von H. Alewyn entdeckte, | ^ pragcstcllungen der Zeit selbständig durchdenken. De

überschätzte und propagierte J. Beer doch kaum in eine Reihe ge
stellt werden kann. Es muß immer wieder darauf hingewiesen werden,
daß bei Grimmelshausens urdeutscher Unidichtung der spa-
nischen „Schelmenromane" (auf deren Deutschtum freilich H.
nicht genügend eingeht), da die Welt-Satire durchaus religiösen Ur-
sprungs ist. Gerade bei der sprunghaften und zu einem großen Teil
weit- und abenteuerfreudigen, ja wilden Natur des Helden (und wohl
auch seines Dichters!) ist die immer wieder durchbrechende ernste
Grundschicht von höchstem Werte, was die Auffassung und die Dar-
stellung anlangt — nicht zuletzt da, wo sie „nur" als Sehnsucht,
a's ein aus der Tiefe aufbrechendes, unstillbares Bedürfnis auftritt,
das aber im Lichte des Tages sich schwer behaupten kann. Die
ungeheure Spannung zwischen Weltdurst und Askese bei unserm
Helden ist (abgesehen von der politischen Unterströmung des Wer-
kes) von der größten Bedeutung für die Erkenntnis des „deutschen"
Menschen in dem barbarischen Zeitalter des Krieges, — des Men-
schen, der nicht dauernd zugrunde gehen könnte und der sich aus
noch so großen „Verlorenheiten" immer wieder aufrichten wird
an einer tief-innerlichen Gott-Bezogenheit. Das ist im Grunde, was
H. die „sittlich-metaphysische Tiefgründigkeit" nennt.

Die Beurteilung dieser deutschen Qläubigkeit, die in dem wilden
Jahrhundert immer wieder durchbricht, wird bei andern Darstel-
lern des Zeitraums vielfach anders ausfallen, als bei H. Aber es
'st ein hohes Verdienst des Buches, daß es, gerade bei einer im
Grunde doch ästhetischen Einstellung, dauernd auf diesen Faktor
des geistigen Werdens unseres Volkes hinweist. Möge die Geschichts-
erzählung H.'s selbst im Zusammenhang mit der ausgezeichneten,
reichhaltigen und sorgfältigen Bibliographie von Pyritz, zu weiteren
Forschungen in diesem Sinne anregen.

Hamburg. Robert Petsch.

un-

gebrochenen Lebensgefühl des Rationalismus stand er ebenso fremd
gegenüber wie dem Optimismus der jüngeren Generation der Er-
weckten, die anschaulich geschildert werden; Kr. stand vielfach
gegen den Strom, ohne doch wirkliche Originalität zu besitzen.
In der Erweckungsbewegung des Niederrheins sind die Laien stark
beteiligt, ebenso wie übrigens später auch in Minden-Ravensberg.
Daß auch die wohlhabenden Bürgerfamilien sehr stark angefaßt sind,
hat die Bewegung wohl nur mit der in Bremen gemeinsam. Die
Pastoren sind die Führer. Die Erweckung ergreift nicht ein-
zelne Konventikel, sondern die Gesamtgemeinde. Ausführlich wird
uns der Kampf der Erweckungsbewegung geschildert gegen die
Schwärmer, gegen die Übergriffe des Staats, wobei man sich
trotz aller vorhandener Unionsgesinnung doch energisch gegen die
staatliche Einführung von Union und Agende wehrt, und gegen
die liberalen Widerstände. Bei einer gewissen Enge hat die Be-
wegung doch weltweiten Charakter und weltweite Verbindungen.
Der rheinische Präses Giaebcr schickt die Verhandlungen der Kölner
Prov.-Synode von 1830 auch an Thomas Chalmers, 1837 Gründung
der Evangel. Gesellschaft für die protestantischen Deutschen in
Nordamerika. Die Predigten von Kr. werden ins Englische über-
setzt. Vielleicht hätte die Durchsetzung der Rhein-westf. Kir-
chenordnung von 1835 doch noch höher gewertet werden können
als es S. 261 geschieht. Im letzten Teil wird eine Reihe bedeuten-
der Männer genannt und in ihrer Eigenart besprochen, die nur
im weiteren Sinn von der Erweckung erfaßt sind, aber für die gesamt-
kirchliche Entwicklung von größerer Bedeutung gewesen sind als die
eigentlichen Erwcckungsprediger.

Eine große Anzahl wertvollster Anmerkungen zeigt die Be-
lesenheit des Verfassers; 36 Beilagen, Briefe und Protokolle, sind
von besonderem Wert.

2. Das zweite Buch versetzt uns in dieselbe Zeit und dieselbe
Gegend wie das erste, fühlte sich doch Kohlbrügge dem Q. D.
Krummacher zeitlebens verbunden, begegnen uns doch vielfach auch
sonst dieselben Namen. Verf. will K., mit dem er sich seit Jah-
ren sehr gründlich beschäftigt hat, darstellen, weil er der Meinung
ist, daß K. unserer Zeit etwas besonderes zu sagen hat, er hat nach
Karl Barth es gewagt, „am Anfang der Theologie stehen zu lassen,
was am Anfang zu stehen hat", er ist viel mehr gewesen als uur
der Außenseiter, der in Elberfeld eine niederländisch-reformierte Ge-
meinde gegründet hat. Allerdings ist in der Zeichnung die grobe
schwarz-weiß Methode der Schilderung, deren Vermeidung bei dem
vorigen Buch sehr anzuerkennen war, in sehr starker Weise an-

Kru min ach er, Friedrich-Wilhelm: Gottfried Daniel Krummacher
die niederrheinische Erweckungsbewegung zu Anfang
Oes 19. Jahrh. Berlin : W. de Oruyter & Co. 1935. (304 S.) gr. 8°. -
Arbeiten zur Kirchengeschichte, 24. RM 12-; geb. 13.50.

nesse, Lic. H. Klugkist: Hermann Friedrich Kohlbrügge.
wuppertal-Barmen: Emil Müller [1935]. (416 S.) 8°. Geb. RM 5—.
1. Eine auf gründlichster Quellenforschung beruhende, die
grundsätzlichen Seiten immer wieder stark hervorhebende wertvolle
Kirchengeschichtliche Arbeit, die auch durch eine große Kunst
er Darstellung ausgezeichnet ist. Sie führt uns auf das kirchlich,
aber auch in anderer Beziehung so außerordentlich interessante Ge-
het des Niederrheins, unter Niederrhein rheinisch-kirchlicher Oepflo- 1 gewendet. R. kommt ausführlich selbst zu Wort,. V "
WUMit entsprechend die ganze nördliche Hälfte der rhein. Provin- : über den die Urteile sehr auseinandergehen "„ , ^War ein, Mann'
««Wreh« einschließlich des bergischen Landes verstanden. Unter den , an, mit der A. Ritsehl über ihn urtT.1l T Geringschätzung
trweckungsbewcgnngen des Anfangs des 19. Jahrhunderts nimmt 1 wunderung, die auch in diesem Buch zm Anf. T , hüchsten Be"
0 e n.ederrheinischc eine besondere Stellung ein. Wenn in ihr auch , Paradoxes war ihm aufgeprägt, auf der oinZ c"-'. - ftWaS
e anderen überragend und bestimmend hervor- \ Bewußtsein völliger Sündhaftigkeit und Ohmn I t d'S e'hende
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