Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

60.1935

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42!»

Theologische Literaturzeitung 1935 Nr. 23.

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Leben fällt. Ich könnte mir denken, daß Manchem zu
viel „Psychologie'' in diesen Predigten steckt. Mir ist
es aber grade Gewinn gewesen, daß K. immer wieder
die seelischen Vorgänge der Menschen auseinanderlegt
und zeigt, daß sie sich eben nicht entwirren lassen, son-
dern eben immer ein Stück „Finsternis in uns" bleiben.
Licht wird es erst und allein durch den Christus. Alle
Predigten sind von einem klaren, nüchternen überzeugen-
den Denken getragen. Vielleicht überwiegt das Ge-
dankliche manchmal. Wie z. B. bei der Osterpredigt,
wo K. die „wanrhaftige Leiblichkeit, die der Auferstan-
dene trägt" in etwa zu deuten sucht und von der Oster-
botschaft her „ein ganz neues Verständnis auf die Ver-
antwortung, die wir unserer eigenen Leiblichkeit gegen-
über haben" länger eingeht. Da überwiegt der sinnende
Theologe den Prediger. Durch solche Gedankengange
werden manche Predigten ein wenig lang und mit zu
Vielem angefüllt. Ich habe diesen Predigtband mit Dank
aus der Hand gelegt und viel davon gehabt. Besonders
„aktuell" ist die Predigt zum Fest der Judenmission,
wo K. sehr klar die Judenfrage der Gegenwart be-
spricht und die Aufgaben des Staates und der Kirche
scharf voneinander trennt — und beiden ihr Recht zu-
gesteht. Vom Evangelium her.

Ruf und Dienst der ärztlichen Mission. Zum 25 jährigen Bestehen
des Deutschen Instituts für ärztliche Mission Tübingen. Herausgegeben
vom Verband der Vereine für ärztliche Mission. Mit 70 Bildern. Er-
schienen beim Deutschen Institut für ärztliche Mission in Tübingen.
Stuttgart: Evang. Missionsverlag 1935. (278 S.) RM 3.60, geb. 4.40.
Der stattliche Band gliedert sich in 3 Teile; der
erste, „Heimat", bringt 5 Artikel über die Geschichte
der deutschen ärztlichen Mission und ihre Bedeutung;
dazu eine biblische Grundlegung und eine Sammlung
von Aphorismen. Der zweite Teil, „Übersee" bringt
neben einer Abhandlung von Dr. Otto Fischer über die
Behandlung und Bekämpfung der wichtigsten Tropen-
krankheiten 14 meist fesselnde Einzeldarstellungen aus
der praktischen Arbeit deutscher Missionsärzte und ihrer
deutschen Mitarbeiter. Der dritte Teil, „Statistiken" gibt
genaue Übersichten über die (158) insgesamt bisher
ausgesandten und die (17) jetzt auf dem Missionsfelde
arbeitenden Missionsärzte, die evangelischen Kranken-
schwestern die Missionsdiakone u.s. w. Das Buch ist —
noch seinen beiden Vorgängern in 1914 und 1928 —
eine vielseitige und erschöpfende Übersicht über diesen
wichtigen Zweig der evangelischen Mission.

Berlin. Julius Richter.

R en dt ort f, Heinrich: Gottes Aufgebot in der Welt. Evan-
gelische Predigten. Berlin: Kranzverlag 1935. (132 S.) gr. 8°.

kart. RM 3.— ; geb. 3.80.
Niemöller, Martin: Daß wir an Ihm bleiben. 16 Dahlemer
Predigten. 4.-6. Tsd. Berlin: Martin Warneck 1935. (123 S.) 8°.

kart. RM 2.20 ; geb. 2.80.

1. Vor zwei Jahren durfte Berichterstatter den Rend-
torffschen Predigtband „Die heimliche Gemeinde" an-
zeigen, der Titel nach dem Thema einer der darin ent-
haltenen Predigten, der neue Predigtband trägt nach der
ersten Predigt in ihm über Jon. 17, 15—18 die für das
ganze Buch sehr treffende Aufschrift: Gottes Aufgebot
in der Welt; es sind Predigten aus der zweiten Hälfte
des Kirchenjahrs, vielfach über die altkirchlichen Evan-
gelien. Was für diese Predigten bezeichnend ist, ist
ein tiefes Eindringen in den Text, auf den manchmal
neue Lichter fallen, eine wirkliche Gegenwartsnähe im
besten Sinn, wenn man überhaupt das vielfach miß-
brauchte und zum Schlagwort gewordene Wort anwen-
den will, ein tiefes Ergriffensein von der großen Stunde
Deutschlands und in und über der Gegenwart die Ewig-
keit, das Evangelium, das Wort vom Kreuz, alles be-
herrschend, und — eine vorbildliche Schlichtheit. Wun-
dervoll, wie beim Gedächtnisgottesdienst für Hindenburg
die deutsche Trauer unter das Wort Hebr. 13,7. 8 von
den Lehrern, die uns das Wort Gottes gesagt haben,

; gestellt wird, eigenartig die Auslegung des Jesusworts
Joh. 15,5 durch die Verse des Lieds Ach bleib mit
deiner Gnade. Das Bibeljubiläumsjahr findet in vier
Predigten, besser gesagt, Zeugnissen seinen Nieder-
schlag, die Bibel unser anvertrautes Erbe, die Bibel un-

; ser Lebensbuch, die Bibel unser Befehlsbuch, die Bibel
unser Bekenntnisbuch.

2. Die Predigten des im Kirchenkampf so stark her-
vorgetretenen und durch sein Buch, Vom Uboot zur
Kanzel, noch weiter bekannt gewordenen Dahlemer Pfar-
rer Martin Niemöller dürfen gewiß auch auf das Interesse
weiterer Kreise rechnen. Sie fallen in die Zeit von Neu-
jahr 1933 bis Bußtag 1934. Bei zunehmender Verschär-
fung des Kirchenkampfs sind sie sehr stark durch diesen
bestimmt, ja, er steht manchmal im Mittelpunkt der Pre-
digt. Das ist bei einem so in der vordersten Front
Kämpfenden, aber auch bei der Eigenart seiner Gemein-

, de nicht verwunderlich. Daß bei andersartiger Einstel-
lung manchem vieles zu scharf oder auch ungerecht er-
scheint, ist verständlich. Der Prediger ist sich gewisser
Gefahren, die hier vorliegen, auch bewußt. Aber er ver-
steht es doch, über und in all dem Kampf und Streit des

I Tages die ewigen Lichter des Evangeliums leuchten zu

\ lassen, und es ist ein passender Schluß, wenn die letzte
Predigt mit dem Vers schließt: Jesu Christ, du nur bist
unsrer Hoffnung Licht. Sehr berechtigt in der Refor-
mationsfestpredigt die wirkungsvolle Warnung vor einem
falschen Lutherverständnis, mit dem viel Schaden ange-

j richtet werden kann. Viele Texte, nicht alle, kommen

| durchaus zu ihrem Recht. Der Prediger bemüht sich
vollen Ernst mit der Predigt von der Buße und Gnade
zu machen. So kann man den Titel des Buches nach den
Worten aus Luthers Pfingstlied einen glücklichen und
für das Buch bezeichnenden nennen: Daß wir an Ihm

; bleiben.

Halle a. S. Wilhelm Usener.

i Gabriel, Domprediger Lic. Dr. P.: Das deutsche evangelische
Kirchenlied. Leipzig: Quelle & Meyer 1935. (144 S.) 8°.

geb. RM 1.80.

Eine feine Studie. Unsere Kirche fängt wieder an zu
| zu singen. Überall werden Singebewegungen in der Ge-
| meinde und in der evangelischen Jugend wach. Aber
die Gemeinde? Ein Paar Lieder kennt sie und singt
sie. Aber das Gesangbuch der Kirche bleibt ihr ein ver-
schlossenes Buch. „Wie kann man lieben, was man
nicht kennt." Und so geht G. an die Arbeit der Ger
meinde ihr Kirchenlied bekannt und lieb zu machen.
Vor 30 Jahren ist das letzte Buch über die Geschichte
des Kirchenliedes geschrieben. Seitdem hat man neues
Verständnis für das evangelische Lied gewonnen. Ein
neuer Blick für die Reformation ist uns geschenkt. Neue
Quellen sind entdeckt und altes Liedgut ist gefunden
worden. Aus all dem Gewonnenen setzt ü. sein Büch-
I lein zusammen. Oft in klarer Auseinandersetzung mit an-
dersgerichteten Anschauungen. Aber zumeist in ruhigem,
klaren, feinen, dem Liederstoff sich oft dichterisch ein-
fühlenden Erzählerton. Er schildert uns das Lied der
Reformationszeit, das Bekenntnislied — zur Zeit des
30 j. Krieges — das Erbauungslied — Paul Gerhardt
und das Lied seiner Zeit, das Lied im Pietismus — das
Kirchenlied in der Zeit der Aufklärung — Geliert und
Klopstock — die Entdeckung des alten Liedes und das
neue Lied — Von E. M. Arndt bis zur Gegenwart.
Freilich mit E. M. Arndt ist bei G. der Schluß. Denn
alles, was heute religiös oder christlich gerichtet würde
und wird, kann man als Gemeinde nicht singen. Es ist
zu persönlich, zu wenig von der Gemeinde her und für
die Gemeinde. Damit hat G. Recht. Aber wer weiß,
was aus einem neuerwachten Gemeindebewußtsein wie-
der aufsteigen kann? Mit dieser Hoffnung schließt das
feine Büchlein, das jeder Pfarrer und Kirchenchorleiter
sich anschaffen sollte. Urteile, die G. über Lieder und
ihre Dichter fällt, müssen ja immer persönlich bleiben,
je nachdem, was einem das Lied persönlich geworden
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