Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

59.1934

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 26.

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und Verwendung bei Luther man in meinem Buche
„Luther als deutscher Christ" 1934, S. 52 und 135 das
Nötige nachlesen kann. Und wenn schon das gotische
Raumgefühl mit hinein gespielt haben soll — und nach
Spengler hat ja wohl heute jeder das Recht dazu, der-
gleichen miteinander zu verbinden und intuitiv in eins
zu schauen (wieder eine mystische Technik) —, warum
wird da nicht statt alles anderen einfach das berühmte
Buch von Worringer zitiert, der in seinen „Formproble-
men der Gotik" 8.—12. Aufl. 1920, S. 118 ff. den goti- J
sehen Innenraum aus der „Psychologie der Mystik"
erklärt und S. 124 hinzufügt: „Wer demnach Renais-
sanceluft in der Mystik wittert, der täuscht sich nicht,
nur darf er nie vergessen, daß die Mystik ein nor-
disches Produkt und die Renaissance ein südliches
Produkt ist. Nur darf er über dem Gemeinsamen das
Unterschiedliche nicht übersehen. Die Mystik führt zum
Protestantismus, die südliche Renaissance zur europäi-
schen Klassik." Wie entsetzlich für die Zwecke, die
unser Verfasser verfolgt! Hätte er doch lieber das go-
tische Raumgefühl aus dem Spiele gelassen! Aber auch
hier kommt man eben um die Mystik nicht herum
und fällt gerade da, wo man ihr durch Ausweichen
auf ein neutrales Gebiet entgehen möchte, mitten in sie j
hinein, weil sie eben überall da ist, wo tieferes deutsches j
Geistesleben blüht. Es bleibt eben nur die peinliche
Wahl: entweder das Mystische auch beim deutschen
Luther anzuerkennen und dadurch eine Verbindung zwi-
schen ihm und dem breiten Strom deutschen Geistes-
lebens und deutscher Frömmigkeit herzustellen, oder
das Mystische als „neuplatonische Eierschalen" des jun- I
gen (jüngsten!) Luther von immerhin 30 bis 40 Jahren
zu entfernen und den derart Gereinigten als den eigent-
lichen Deutschen allen deutschen Mystikern und Idea-
listen, die nun nicht mehr „spezifisch" deutsch sind, ge^-
genüberzustellen. Das kostet allerdings das Opfer aller
in der Stille vor dem Sturm ausgearbeiteten Schriften
Luthers, besonders der in den entscheidenden Jahren
von 1513—1517 entstandenen, von denen der gewiß un-
verdächtige Heinrich Böhmer in „Der junge Luther"
(2. Aufl. 1929, S. 114) sagt: „Was er dann der Welt j
verkündet hat, ist fast alles ein Erwerb oder doch eine \
Nachfrucht dieser vier stillen Jahre, in denen er, noch
ganz dem eignen Bedürfnis folgend, seine neue Erkennt- !
nis weiter ausbauen konnte." Hier liegen auch die tief- j
sten Quellen des zu sich selbst erwachenden deutschen
Luther.

Statt dessen führen uns die nächsten Kapitel in die
SO oft behandelten und weithin bekannten Stoffe hin- ;
ein: Luther und die deutsche Sprache, sein Urteil über
Deutschland und die Deutschen, seine Liebe zum deut-
schen Vaterland, seinen deutschen Zorn gegen Rom, sein J
Urteil über andere Völker, besonders die Juden, den j
deutschen Propheten, die Drohweissagungen gegen
Deutschland, und schließlich erscheint Luther als „der
nordische Führer" (!) nach dem von H. F. K. Günther
aufgestellten Muster, der dem vorderasiatischen Führer
als höchstes Ideal den Genuß der Macht über Gemein-
schaften zuschreibt, während der nordische Führer kei-
nerlei Willen zur Macht über Gemeinschaften zeigt. Dann
kommen noch einige Notizen über Luther als Deutschen
im Urteil der Zeiten und in der Auffassung der Gegen-
wart, über die außerdeutsche Beurteilung Luthers, und
endlich der „Beschluß" (!), in dem herausgearbeitet wird,
daß sich Luther „nicht gesandt wußte, das Deutschtum
zu retten, sondern das Evangelium. Daß dabei das
Deutschtum m i t gerettet wurde, ist für Luther sekun-
där". Auch in diesem Kapitel liegt die Stärke dieses
Buches nicht in der exakten Lutherforschung, die für
alles das mehr, Besseres und Gründlicheres geleistet
hat, worüber hier nur referiert wird, sondern in den gut-
gemeinten Perorationen über solche deutschen Charak-
terzüge, von denen man heute gerne hört und sich im-
mer wieder an ihnen erbaut, ohne dabei in die eigent-
lichen Tiefen deutschen Wesens hineinblicken zu müssen,

die gerade in Luthers Seele wie wohl in kaum einer an-
deren aufbrachen.

Der theologische Lutherforscher, der es mit seinen
Quellen genau nimmt, wird sich auch nicht wenig wuru-
dern über die geringe Sorgfalt, mit der der Verfasser
Luther zitiert. Die Zitate werden zwar nach der Weima-
rer Ausgabe und sogar in Luthers Orthographie gegeben.
Schlägt man aber die Stellen nach, so entdeckt man auf
einer einzigen zitatreichen Seite, wie S. 103, nicht wenir
ger als 19 (neunzehn) Schreib-, Druckfehler und will-
kürliche Änderungen des Textes. Das Zitat von 7 Zeilen
S. 58 (1,379,8) enthält allein fünf, die beiden ersten
Zitate S. 48 sechs Fehler, usw. usw. Immerhin bietet
das Buch eine fleißige Zusammenstellung bekannten
Stoffs und die Herausarbeitung einer ebenso bekannten
Stellungnahme zu diesen „sekundären" Zügen des alten
Lutherbildes, deren Hervorhebung einen Fortschritt be-
deutet.

Jena._ Hans Leisegang.

Brunn er, Prof. D. Dr. Emil: Natur und Gnade. Zum Gespräch
mit Karl Barth. Tübingen: J. C.B.Mohr 1934. (44 S.) 8°. RM 1.50.
In den Kreisen der dialektischen Theologie ist ein
Zwiespalt ausgebrochen, der anscheinend von Anfang
an dagewesen, aber lange Zeit latent geblieben ist. Auf
der einen Seite steht Karl Barth, auf der andern Brunner,
üogarten, Bultmann. Der Gegensatz betrifft die Frage
nach dem Recht der natürlichen Theologie, die von
Barth verneint, von den andern in irgend einer Form und
in irgend einem Maß bejaht wird. Als die letzteren
nacheinander die bekannte Wendung zur „Anthropolo-
gie" vollzogen, wurde der Zwiespalt offenbar und durch
das Eingehen des genieinsamen literarischen Organs
„Zwischen den Zeiten" auch nach außen sichtbar. Bar:Ii
seinerseits hat sich in mehreren Kundgebungen mit sei-
nen Gegnern auseinandergesetzt und besonders Gogarten
und Brunner scharf angegriffen. Die Antwort darauf ist
Brunners kleine, durch Klarheit und Sachlichkeit ausge-
zeichnete Schrift: „Natur und Gnade." Hier wird zu-
erst das Gerneinsame hervorgehoben, was die Gegner
verbindet. Dann wird zu erklären versucht, wie es trotz-
dem zum Zwiespalt kommen konnte: dadurch nämlich,,
daß Barth aus den gemeinsamen Voraussetzungen fal-
sche Konsequenzen zog. Es gibt nach ihm alles das
nicht, was zur natürlichen Theologie gehört: keine imago
dei, keine Schöpfungsoffenbarung, keine Erhaltungsgna-
de, keine Erhaltungsordnungen, keinen Anknüpfungs-
punkt, keine Vollendung der Schöpfung, sondern nur
Neuschöpfung. Diese sechs negative Thesen sind nach
Brunner falsche Konsequenzen Barths; ihnen stellt er
sechs positive Gegenthesen gegenüber, in denen er jene
sechs Punkte oder die in ihnen ausgedrückte theologia
naturalis bejaht und ausführlich begründet.

Besonderes Gewicht fällt dabei auf die imago dei.
Während nach Barth der gefallene Mensch die Gotteben-
bildlichkeit vollständig verloren hat, tritt Brunner dafür
ein, daß ihm ein Rest derselben erhalten geblieben
sei. Zwar gibt er die Formulierung preis, weil der Be-
griff „ Rest" zu quantitativen Charakter habe. Aber
die Sache hält er fest und findet dafür eine Formulie-
rung, die zum Wertvollsten an der wertvollen Schrift
gehört. Er unterscheidet die formale und die materiale
imago dei. Jene besteht in dem Subjektcharakter und
der darin eingeschlossenen Ansprechbarkeit und Ver-
antwortlichkeit des Menschen und kann ihm nie, auch
nicht teilweise, verloren gehen, wenn er überhaupt
Mensch bleiben soll. Die materiale imago ist die justi-
tia originalis und die ist dem gefallenen Menschen ver-
loren gegangen und zwar ganz verloren gegangen. So
wird der zweifelhafte Begriff des Restes entbehrlich:
die formale imago ist ganz erhalten, die materiale ganz
verloren — beides nicht bloß bis auf einen Rest, sondern
ganz. Bei näherem Besinnen drängt sich freilich gegen-
über dieser Lösung Brunners die Frage auf: könnten
nicht auch Elemente der materialen imago erhalten ge-
blieben sein? Gehören nicht die „Ordnungen", die auch
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