Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

59.1934

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 5.

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Wesentlich anders dagegen liegen die Dinge für den Norden
und Süden. Das ist freilich bei Schm. deshalb nicht zu ersehen, weil
sein Grundriß des herodianischen Tempels (Abb. 11) der Korrektur be-
darf. Nicht nur ist die Tempelvorhalle bei ihm nur 65 Ellen breit statt
100, das Tempelhaus 42 statt 70 Ellen, sondern auch die Südseite der
Plattform des Tempelplatzes ist um ein beträchtliches Stück zu weit nach
Norden gerückt. Korrekt gezeichnet müßte sein Grundriß im Süden
wie im Norden ein Überschießen der Plattform um rund 20 m erkennen
lassen, was die Symmetrie der Tempelanlage im Gelände zerstören würde,
wenn nicht im Süden und Norden sowohl des inneren wie des Frauen-
vorhofs Torgebäude gestanden haben. Reicht die Plattform des Tempel-
platzes bis in die herod. Zeit zurück, dann ergibt der topographische
Befund: Torhallen im Norden und Süden, nicht dagegen im Osten.

III. Hindert demnach kein zwingender Gegengrund
die Ansetzung des Allerheiligsten auf dem heiligen Fel-
sen, so kann nun der Vf. vor allem das ganze Schwerge-
wicht der Überlieferung bis zum Jahre 1849 zu
Gunsten seiner Lösung in die Wagschale werfen. Daß
die Nachrichten über den salomonischen Tempel (1. Reg.
6,2 ff.; s. o.), die erst unlängst Galling, Alt und
Möhlenbrink zu der Annahme führten, das Aller-
heiligste dieses Tempels habe auf einem 2l/2 m hohem
Podium gestanden, ihre Bestätigung finden — das 2l/2 m
hohe Podium war der heilige Felsen (S. 47)! — und
daß die Tempelmaße von Hes. 40 f. ebenfalls die An-
setzung des Allerheiligsten über dem heiligen Felsen
wahrscheinlich machen, gibt der Debir-These eine letzte
wichtige Bestätigung. Daß sie überdies alle innere Wahr-
scheinlichkeit für sich hat, ist unbestreitbar.

In Summa: man kann den Verf. dazu beglückwün-
schen, daß er ein zentrales Problem der biblischen Ar-
chäologie überzeugend gelöst hat. Auch für die reli-
gionsgeschichtliche Forschung ist das Ergebnis von weit-
tragender Bedeutung: das Allerheiligste lag auf dem
heiligen Felsen.

Greifswald. Joachim J erem i as.

Barnes, Prof. W. E., D. D.: The Psalms. With Introduction and
Notes. Vol. I: Introduction: Psalms I—XLI. Vol. II: Psalms XLII-
CL. London: Methuen & Co. 1931. (XXXII, 698 S.). geb. 42 sh.
Diese Psalmenerklärung ist für englische Leser be-
stimmt, die nicht fachwissenschaftliche Arbeit erwar-
ten, sondern eine dem Laien verständliche Einführung
in die Schriften der Bibel. Das Ziel ist „to interpret
the meaning of each book in the bible in the light of
modern knowledge to English readers", wie die Heraus-
geber in Abgrenzung ihrer Westminster Commentaries
gegen die drei großen englischen Unternehmungen, In-
ternational Critical Comm., Expositors Bible und Cam-
bridge Bible sagen.

Die Grundhaltung ist gemäßigter Kritizismus im
Verein mit dogmatischer Rücksicht, „a hearty accep-
tanee of critical principles loyalty to the Catholic-
faith".

Die 80 Seiten Einleitung sagen dem Leser alles Wis-
senswerte über das Psalmenbuch und seine Entstehung,
über die literarischen und poetischen Formen und über
die Frömmigkeit, die sich in den Liedern ausspricht.
Ein besonderes Anliegen des Vf. ist die Auseinander-
setzung mit der Kollektivtheorie und mit Mowinckels
Ansicht von den poale awen und dem sog. Thronbe-
steigungsfest. Vf. steht allem dem sehr skeptisch gegen-
über und mit Recht. Die Erklärung der einzelnen
Lieder wird durch eine Analyse des Inhalts eingeleitet;
die Sinnabschnitte sind durch Stichworte nach dem vor-
herrschenden Gedanken gekennzeichnet. Die spe-
zielle Exegese beschränkt sich auf Verdeutlichung der
jeweils vorliegenden Aussage, oft wenn nötig unter Her-
anziehung des Grundtextes. Die Textkritik wird maß-
voll verwertet.

Barnes hat mit dieser Psalmenerklärung dem eng-
lischen Bibelleser ohne Zweifel ein wertvolles Hilfs-
mittel geschaffen. Man kann der unter günstigem Aspekt
eröffneten Kommentarreihe nur guten Fortgang wün-
schen.

Jen^- W. Staerk.

Cohn, Rabb. Dr. Arthur: Von Israels Lehre u. Leben. Reden
u. Aufsätze. Basel: Verlag Rimon (1928). (XIII, 493 S. m. e. Titel-
bild) 8°. 16 Fr.
Die Söhne des 1926 verstorbenen Rabbiners der
Basler Kehilla haben die Reden und Aufsätze ihres
Vaters, deren buchtechnische Vollendung er nicht mehr
erlebte, herausgegeben und damit dem Andenken einer
feinen religiösen Persönlichkeit bei der Gemeinde und
in der größeren Öffentlichkeit gebührende Geltung ver-
schafft.

In vier Teilen bietet die Sammlung 1) Predigten
und homiletische Aufsätze im Anschluß an die grollen
jüdischen Feste, 2) Beiträge zur jüdischen Kultur- und
Literaturgeschichte (Raschi, R. Ascher b. Jechiel, Chassi-
dismus, Shylok, Kontroverse mit Chamberlain, die Me-
gillath Esther jüd.-deutsch nach dem Basler Druck, ver-
mutlich 17. Jahrh., die Elefantine-Papyri), 3) Aufsätze
zur Zeitgeschichte aus jüdischem Erleben heraus (Be-
kenntnis zum religiösen Zionismus, S. 379: „Mit
der Rückkehr ins Judenland, das ist die Forderung
des Tages, muß die Rückkehr zum Judentum verbun-
den sein"), und 4) ganz Persönliches (Erinnerungen
und Gedächtnisworte).

Jena. W. Staerk.

Baeck, Leo: Wege im Judentum. Aufsätze und Reden. Berlin-
Schocken Verlag 1933. (430 S.) 8°. Kart. RM 7—; geb. 8.50.

Es sind hier Reden und Aufsätze zusammengestellt,
die in der Zeit von 1917/18 bis 1932 in verschiedenen
Zeitschriften erschienen sind. Sie wollen nicht über
das Judentum handeln, sondern eine Äußerung jüdischen
Geistes zu verschiedenen Fragen der Zeit wie etwa
„Religion und Erziehung", „Philosophie und Religions-
unterricht", „Zwischen Wittenberg und Rom" usw. dar-
stellen, im Übrigen eine Selbstaussage des Judentums,
eine Aussage über seinen Glauben und sein Wissen
sein. Die Rhetorik dieser Auslassungen erhebt sich
vielfach zu einem Dithyrambus, der den Boden der
Wirklichkeit weit hinter sich läßt und zu nicht mehr
diskutabeln Behauptungen sich versteigt. Dazu gesellen
sich schiefe Urteile. „Luther hatte mit einem israe-
litischen Grundgedanken, dem Gedanken des Priester-
tums aller Gläubigen, begonnen" S. 384. „Für das so-
ziale Vorwärtsstreben fehlen hier [im Luthertum] Sinn
und Teilnahme." „Der alles bevormundende Polizeistaat
ist in gerader Linie aus dem Luthertum hervorgegan-
gen." „Diese lutherische Staatsauffassung ist es, die
dem weltgeschichtlichen Geschehen erlegen ist. Wenn
man ihren Grundmangel sucht, er ist in dem Fehlen des
alttestamentlichen, des jüdischen Elementes zu finden."
„Im Calvinismus war, umgekehrt, das jüdische Ele-
ment immer stärker geworden." „Calvin hat hier [im
Weltkrieg] den Sieg über Luther davongetragen." Neben
solchen tragwürdigen Sätzen stehen andere, die zu den-
ken geben, vielleicht gar zur Korrektur bekannter Auf-
fassungen zwingen. Von einer jüdischen Kirche darf
nicht geredet werden. „Unsere jüdische Gemeinschaft
ist nicht zur Kirche geworden, sie ist Gemeinde in
einem besonderen Sinn, wie er nur ihr eignet, Gemeinde
des Blutes und des Geistes." Ausgezelchnet ist, was
S. 272 über das Wesen des Radikalismus ausgeführt
wird oder was S. 311 über die Botschaftsfähigkeit des
Predigers gesagt wird u. a. m. Solche Beispiele zeigen,
daß sich eine Auseinandersetzung mit den hier ausge-
sprochenen Urteilen wohl lohnen kann. Der eigent-
liche Wert des Buches liegt für uns außer dem Be-
reich des Judentums Befindliche in dem, was ein mo-
derner Jude, der sich weithin in der Bildung der Zeit
umgesehen hat, heute als das Wesen des Judentums
ansieht. Er faßt das, worin das Judentum gekennzeich-
net ist, S. 253 in dem kardinalen Gebot zusammen:
„auserwählt, um den Namen Gottes auf Erden zu hei-
ligen" oder .... „um die Welt zum Gottesreiche zu
machen". Die Fülle der Satzungen, der Bräuche, der
Übungen erdrücken und beengen den Juden nicht, viel-
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