Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

59.1934

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Theologische Literaturzeitung 1934 Nr. 1.

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Zeichnung der Pfründen eines jeden Bezirks betreffen und von denen
besonders das zweite die Einleitung der Visitation darstellt.

Der zweite Teil (S. 22 ff.) enthält sodann die Akten
der Visitation in den einzelnen Ämtern (1536—1540).
Diese Akten werden für jedes Amt in zwei Teile ge-
gliedert, in Akten, die den Bestand an geistlichen Pfrün-
den, Einkünften, Personen etc. um 1534 verzeichnen und
solche, die visitatorische Maßnahmen enthalten. Zu letz-
teren gehören vor allem die Kircheninventuren, die im
März 1535 angeordnet wurden und denen, abgesehen von
den zum Gottesdienst nötigen Kelchen, die Verbringung
der Kirchenkleinodien nach Stuttgart zur Einschmel-
zung folgte, während Ornate, Bilder, Tafeln und andere
Gegenstände zunächst in den Amtsstädten verblieben,
um dann zu Gunsten des Armenkastens verkauft oder
verschenkt zu werden. Es folgen sodann die eigent-
lichen Vifsitationsakten, d. h. Akten, die die finanzielle
Auseinandersetzung zwischen dem Herzog und den ein-
zelnen Städten und Ämtern bieten. In diesen wird zum
Teil eingehend festgesetzt, welche Pfründen der Herzog
einzieht, welche Pflichten er dafür auf sich nimmt und
genau aufgezählt, welche Einkünfte dem örtlichen Ar-
menkasten noch verbleiben und was dieser dafür zu
leisten hat. Gute Beispiele hierfür sind die „Begnadi-
gungsbriefe" für Stuttgart und Tübingen (S. 63 ff. nr. 21,
S. 210 ff nr 53), denen als Quittungen die Reverse der
beiden Städte (S. 70 f. nr. 22, S. 221 ff. nr. 54 ent-
sprechen.

Natürlich ist das Material nicht für alle Ämter in gleicher Reich-
haltigkeit vorhanden. Bei Tübingen z. B. bricht die Aufnahme der
Einkünfte der Heiligenpflegcn, Bruderschaften u. s. w., nachdem die der
Stadt genannt sind, mit dem Amt ab (S. 198) und für die Ämter Herren-
berg, Göppingen und Heidenheim fehlen die eigentlichen Visitations-
akten, an deren Stelle spätere Akten zum Abdruck kommen, die die
Vornahme der Visitation voraussetzen (S. XXXV).

Es liegt auf der Hand, daß aus diesem, mit großer
Sauberkeit dargebotenen und durch von eindringender
Sachkenntnis zeugende Anmerkungen erläutertem Ak-
tenmaterial der Forscher auf dem Feld der württem-
bergischen Kirchen- und Profangeschichte, vornehmlich
aber der Lokalhistoriker reichen Gewinn ziehen kann.
Erhält er doch oft eingehenden Aufschluß über die
Pfründen, was ihre Geschichte, ihr Patronat, ihre Do-
tation angeht, sowie über ihre Inhaber und deren per-
sönliche Verhältnisse, ferner über die vorhandenen Bru-
derschaften, Spitäler, Seelhäuser, Sondersiechenhäuser.
Besonders auf dem Gebiet der kirchlichen Personenge-
schichte, um einen Punkt hervorzuheben, gewähren die
Anmerkungen Rauschers, die allein schon durch die
mühevolle Arbeit der Zusammenstellung verdienstlich
sind, wertvolle Hilfe und regen zu weiterer Forschung
an. Man lese z. B. nur, was er über den interessanten
Martin Fuchs, den ersten evangelischen Pfarrer von
Neuffen beibringt (S. 160 A. 3). Aber auch der Kunst-
historiker, dem die Inventarien allein noch Kunde geben
von manchem verloren gegangenen Kunstgegenstand,
der Wirtschaftshistoriker, für den die Beschreibung der
Pfründen nach ihren geldlichen und landwirtschaftlichen
Erträgnissen nicht ohne Nutzen ist, sowie der For-
scher auf dem Gebiet der Schulgeschichte, dem manche
Notiz zuteil wird, gehen nicht leer aus. Die Brauch-
barkeit des Bandes wird durch zwei Register, ein Orts-
und ein Personenregister, noch erhöht. Dem zweiten,
noch vor 1934, dem Erinnerungsfestjahr der württem-
bergischen Reformation, verheißenen, abschließenden
Band der wertvollen Veröffentlichung, die immer eine
Quelle ersten Ranges für die württembergische Reforma-
tionsgeschichte sein wird, darf man mit freudiger Er-
wartung entgegensehen.

Zum Schlüsse einige Kleinigkeiten. Nach der Darstellung Rau-
schers S. XXXVII Z. 7 v. u. könnte es scheinen, als ob E. V. (.....Mar-
tin Nüttel, zusammen mit E.V., als Kammerherr") eine weitere Person
wäre. In dem Schreiben der Spitalpfleger zu Kirchheini (S. 135 ff.),
auf das S. XXXVII hingewiesen wird ist jedoch E.V. mit E(uer) V(estin)
(Euer Festen) aufzulösen und bedeutet die Anrede, die Georg von Ow, dem
Statthalter, als Adeligen gebührt. S. 126 Z. 6 ist gradal wohl genauer
als das die Gradual- oder Stufenpsalmen enthaltende Buch zu erklären.

S. 126 Z. 12 ist unter obsequial nicht bloß das „Ritual" der Toten-
messe, sondern das heute mit dem Ausdruck rituale bezeichnete litur-
gische Buch mit seinem umfassenden Inhalt zu verstehen. Mit directo-
rium Z. 14 ist nicht das directorium humanae vitae, das mittelalterliche
Volksbuch, gemeint, (hier ist fälschlich zitiert Götzinger, Reallexikon
d. deutschen Altertümer S. 120 statt Götzinger u. s. w. 2. Aufl. S. 120),
sondern die allgemeine Gottesdienstordnung, bezw. der für jede Diözese
alljährlich neu festgestellte Kirchenkalender. Vielleicht wäre bei Erklärung
solcher Dinge die Einholung des Rats eines katholischenAmtsbruders vonVor-
teil gewesen. Sollte das rätselhafte 3 deistulach S. 262 nicht aus drei
stulach infolge Doppelschreibnng nebst Verschreibung entstanden sein?
An Druckfehlern verbuche ich noch: S. 59 Z. 2 v. u lies conditionibus,
S 193 Z. 13 v. u. lies Fischlin I 129, S. 196 Anm. 3 lies Kgr. Württ.
II 573 statt 537.

Tübingen._ Wilhelm Göz.

Thoms, Lic. Dr. Fritz: Hamanns Bekehrung. Gütersloh: C. Ber-
telsmann 1933 (143 S.) 8°.= Beiträge z. Förderung christl. Theologie.
Hrsg. von A. Schlatter und W. Lütgert. Bd 37, H. 3. RM 4—.
Ein weiterer fördernder Beitrag zur Geschichte der
Frömmigkeit auch nach der religionspsychologischen Sei-
te hin ist die oben genannte Arbeit, die als Lizentiaten-
dissertation der Theologischen Fakultät zu Gießen vor-
gelegt wurde. Gerade weil das eigentümliche Londoner
Erlebnis Hamanns eine so verschiedenartige Deutung
erfahren hat, war eine sorgfällige Untersuchung darüber
dringend geboten. Um sich den Weg zu bahnen, wie
Hamann selbst das Zentralwiderfahrnis seines Lebens ver-
stand, wird zunächst Klarheit darüber zu erlangen gesucht,
„welchen Umfang die Beziehungen Hamanns zum Pie-
tismus hatten, welcher Art sie gewesen sind und welche
Einflüsse sie auf ihn ausübten". „Hamann ist die Reli-
giosität einer milden, besonnenen und weltoffenen Art
des Pietismus anerzogen worden. Sie findet ihren Nie-
derschlag in einem frömmelnden Briefstil, der jedoch
in der Hauptsache als eine Konzession an die Frömmig-
keitshaltutig der Eltern erscheint, in einem lebendigen,
nicht auszurottenden Vorsehungsglauben, den Hamann
aber individualistisch verflacht, und in einem morali-
sierenden Tugendstreben, das Hamann jahrelang das
Leben eines Bohemiens führen läßt" (35). Weiterhin
gibt der Verfasser eine eingehende Analyse der Lon-
doner Vorgänge mit all ihren charakteristischen Merk-
malen, die eine so entscheidende Wendung in Hamanns
Leben herbeiführten, ihm „Ruhe und innere Sicherheit
für die Gestaltung seiner äußeren und inneren Lebens-
führung in der Hingabe an Gottes Willen und Regie-
rung" verliehen. Im Fortgang seiner Untersuchung be-
müht sich nun der Verfasser darzulegen, wie dieses
Widerfahrnis im religiösen Bewußtsein Hamanns sich
ausgewirkt und wie es die Haltung seiner Frömmigkeit
und die Art seiner Lebensführung beeinflußt habe. Wird
der anfängliche Bekehrungseifer durch das Studium Lu-
thers auch wesentlich eingedämmt, so bleibt er doch
dem erwachten neuen, durch enge Erdverbundenheit
maßgebend bestimmten Lebensgefühl bis an sein Ende
treu. Hier scheint dem Verfasser die Analyse Kurt
Leese's in seiner .Krisis und Wende des christlichen
Geistes' (1932) S. 140 ff. entgangen zu sein, der in ganz
ähnlicher Weise wie F. Thoms die „von der theologi-
schen Forschung gänzlich übersehene Aktualität des Ha-
mann-Problems" nachdrücklich heraushebt, wie der bi-
belgläubige Christ und Lutheraner zugleich einer der
„Bahnbrecher" neuzeitlicher Erden- und Lebensgläubig-
keit sein konnte. Darauf, nämlich auf diesem lebhaften
I Kreaturgefühl „beruhe Hamanns echte historische Wir-
I kung und der magische Zauber seines universalen Gei-
stes". So unterscheidet sich denn auch Hamanns Er-
lebnis wesentlich von A. H.Franckes Bekehrungserleb-
nis und bestärkt die Gründe für die Behauptung, „daß
das für Hamann charakteristische Widerfahrnis ihn eher
vom Pietismus getrennt als ihm genähert habe". Bei
der Herausstellung der Unterschiede Hamanns und der
pietistischen Frömmigkeitsstruktur tritt wiederum am au-
genfälligsten der Gegensatz des ,Magus im Norden' zum
Pietismus „in der bedeutenden Freiheit seiner Lebens-
führung" in die Erscheinung. Bei aller tiefen, biblisch
I verankerten Frömmigkeit gelangte Hamann zu einer po-
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