Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

58.1933

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 21.

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Das läßt wohl darauf schließen, daß sie in ihrer Quelle
nicht gestanden haben. Diese ist also Vita I, die zudem
einen gleichlaufenden Text zu fast allen Kapiteln der
Vita IV bietet. Die Stellen aber, die dort fehlen, stammen
aus der Historia Lausiaca. Die in 4 Handschriften auf
dem Athos überlieferte Vita V ist eine „compilation
bizarre" aus Vita IV u. III und damit ein Textzeuge für
diese. Vita VI aber ist, wie schon bemerkt wurde,
„la plus etrange des compilations grecques sur la vie de
S. Pachome": ihre Stücke stammen aus der Historia
Lausiaca, den Paralipomena und der Vita II. Überliefert
ist sie in einer einzigen Pariser Handschrift aus dem
10. Jahrhundert.

Über diese Verhältnisse unterrichtet uns der gelehrte
junge Bollandist mit voller Sachbeherrschung und
großem Scharfsinn in Kap. 1—8 der Einführung. Den-
selben Scharfsinn bekundet er in Kap. 9, wo er von der
ursprünglichen Form und dem geschichtlichen Wert der
griechischen Lebensbeschreibungen handelt. Vor diesen
Vitae liegt eine Zeit, da die Erzählungen über Pachomius
in der kleinen, von den Herdstätten des geistigen Lebens
und der kirchlichen Bildung abgeschlossenen Welt der
pachomianischen Mönche in koptischer Sprache umgin-
gen, bis die von Theodor gewonnenen „freies intcr-
pretes", von denen ein sahidischer Text berichtet, sich
zum Schreiben niedersetzten. Die erste Lebensbeschrei-
bung war ohne Zweifel griechisch verfaßt, fällt aber
nicht mit der uns erhaltenen Vita I zusammen, in der
sich bereits die Hand eines Kompilators verrät. Auch ein
Vergleich dieser Vita I mit den Paralipomena läßt sie
als ein „document composite" erkennen: die sog. Para-
lipomena sind eine Quelle der Vita I, aber zu einer Zeit,
als sie noch nicht den heutigen Umfang hatten, da nur
6 Stücke, und zwar gerade die 6 ersten Stücke der Para-
lipomena gemeinsam, diese aber in der Vita ohne Rück-
sicht auf die Zeitfolge zerstreut sind. Von den Para-
lipomena muß es nämlich, wie man mit Sicherheit fest-
stellen kann, zwei Rezensionen mit verschiedener Reihen-
folge der Erzählungen gegeben haben. Derselbe Unter-
schied besteht aber zwischen der Vita I einerseits und
einer sehr alten, heute verlorenen, aber in der ersten
Hälfte des 6. Jahrhunderts von Dionysius Exiguus ins
Lateinische übersetzten Lebensbeschreibung anderseits.
Es ist allerdings ein „probleme complexe", das hier vor-
liegt und das zur Vorsicht mahnt. Aber auch bei den
Stücken, wo Vita I und die Paralipomena auseinander-
gehen oder sich widersprechen, ist es jene, die eine
sicherere Kunde oder ein überlegteres Urteil verrät. Es
drängt also alles zum selben Schlüsse, daß die Vita I
nicht auf einen einzigen Wurf verfaßt sein kann. Und
verschiedene Anzeichen weisen darauf hin, daß der Sam-
melschreiber der Vita II die wirkliche erste Lebensbe-
schreibung des Pachomius in Händen gehabt habe, die
noch nicht erweitert war durch Entlehnungen aus den
Paralipomena und den Anhang mit der Zeitgeschichte der
pachomianischen Klöster nach dem Tode des Stifters,
die also noch nicht, wie unsere Vita I, ihrem Titel
Bio? toö iv üyioi? juitoö? t)|köv Ilaxu»|uou untreu geworden
war. H.s Ausführungen über diese Zusammenhänge
leuchten durchaus ein. Ebenso beleuchtet er mit feinem
Verständnis das „kleine Drama", das sich im „goldenen
Zeitalter" des Klostermönchtums zwischen Pachomius
und Theodor, seinem Schüler und mutmaßlichen Nach-
folger, der es dann doch nicht wurde, abspielte, und die
Bestrebungen, das Andenken an den beim Meister in
Ungnade gefallenen Schüler und zweiten Mönchsvater
wieder zu Ehren zu bringen, von denen der Brief seines
Schülers, des Bischofs Amnion, Zeuge ist. Zum Schluß
der Einführung wertet H. dann noch kurz die sahidische
Übersetzung der ersten Lebensbeschreibung und die ara-
bischen Vitae, ferner die Regel des hl. Pachomius und1
die Historia Lausiaca. Es gibt hier noch manches zu
sichten und zu klären, um zur ältesten Überlieferung
vorzudringen. Ein unentbehrliches Hilfsmittel dabei sind
aber die griechischen Vitae, und diese hat uns nun der

gelehrte Bollandist in einer zuverlässigen, die heutigen
wissenschaftlichen Ansprüchen durchaus befriedigenden
Ausgabe vorgelegt.

Der Text der Vitae ist mit Umsicht und Bedacht fest-
gestellt, und der kritische Unterbau gibt ein gutes Bild
der Überlieferung und die Möglichkeit, sich selbst ein
Urteil zu bilden. Am Rande stehen fortlaufende kurze
Inhaltsangaben, ferner sind da die Schriftanführungen
; und Schriftanspielungen verzeichnet, und bei den Vitae II
bis IV sind auch die entsprechenden Kapitel der Vita I
und der Paralipomena beigefügt. Außerdem ist S. 107*
bis 109* ein „Resum'e synoptique" zusammengestellt.
Der Druck ist, wie sich auch kaum anders erwarten läßt,
nicht ganz fehlerfrei, aber die Druckfehler halten sich
in erträglichen Grenzen und sind leicht zu verbessern.
Zahlreicher sind halb oder ganz verblaßte oder ausge-
fallene Buchstaben, und S. 64, 17—20 sind die letzten
Buchstaben je in die folgende Zeile hinabgekommen.
Beigegeben sind Verzeichnisse der Eigennamen und der
Schriftstellen. Gewiß wäre auch ein Verzeichnis der für
die Gedankenwelt und die Sprache des Mönchtums be-
zeichnenden Wörter und anderer bemerkenswerter Aus-
drücke dankbar begrüßt worden. Ich denke dabei an

Wörter Wie öioprmxoc, eq)ö5iov, jt«pr>i|o(a, zio?.ire(u, ;ipoxöjtxEiv,
teXeio?. uXopovttv (S. 113,3), <püu>oo(pEiv u.s.w. Das Wort
Sioöoy.oc bezeichnet bald den Nachfolger, bald (z. B. S. 82,
26 u. 92,4) den Stellvertreter (vicarius), und ncAmxö?
(S. 93, 13 f. vgl. S. 69* A. 1) den Städter aus Alexan-
drien, wie F. Nau in der Rev. de l'Orient ehret. 11
(1906) S. 198 f. nachgewiesen hat. Auch lateinische Lehn-
wörter wie fioiit (S. 86, 15), rcoau-iöaiTo? (S. 86, 29), xopi-
xöxov (S. 120, 17), xrjpcov (cod. F Tipwov, S. 3,14) u. a.
hätte man gerne zusammengestellt gesehen.

Einige Druckfehler: S. 26,8 lies tjfiöVv statt ijrccöv, S. 38,6
ä(iE|jrtTou? st. «LxEpjtxov?, S. 47, 8 öxi st. 5, xi, S. 66, 2 afjxoü st.
axVco, S. 80, 8 Iloxe st. IIoxe, S. 117,6 XakrjöEi? st. XakrjaEi?, S. 157, 6
ovxe (oder oxiSe?) st. oüxe, S. 159,26 zv\u.aüz st. EvüjaaÖE u. a. Er-
gänzungen zu den Schriftstellen: zu S. 2,7 vgl. Qal. 3, 1, zu S. 3, 14
(S. 21,26) Luk. 24, 32, zu S. 5,8 ist neben Oal. 2, 10 auf Eph. 4,28
zu verweisen (vgl. S. 9, 14 u. 174, 12), zu S. 5, 12 vgl. I. Petr. 4,7,
zu S. 22, 4 — Gal. 4, 18, zu S. 83, 37 — I. Petr. 5, 7 (Ps. 54 [55], 23),
zu S. 88, 11 — Mt. 7, 13 f., zu S. 90, 13 vgl. außer Rom. 12, 11 auch
AG. 18, 25, zu S. 117, 5 f. — Mt. 10, 27 u. Luk. 10, 10, zu S. 129, 22
— Col. 3, 22 u. Eph. 6, 6, zu S. 159, 21 — Joh. 5, 44, zu S. 173, 8 —
Hohel. 2,5 u. 4,9 (es ist Vita II c. 7: xfj jtpö? Oeöv dvdjirj ejh
xcXeov xpwfhd?, wogegen Vita I c. 6 einfacher hat: xivovhieyo? xfj e'i?
t)e6v aycbxrj)-

München. Hugo Koch.

R i v i e r e, Jean: Le dogme de la redemption apres St. Augustin.

Paris: J. Gabalda 1930. (V, 303 S.). gr. 8°. Fr. 29—.

Ders.: Le dogm.e de la redemption. Etudescritiques et documents.
Louvain : Bureaux de la Revue d'histoire ecclcsiastiques 1931. (X,
441 S.) gr. 8° = Bibliothdque de la Revue d' histoire ecclesiastique,
fasc. 5. Fr. 11—.

Ders.: Le dogme de la redemption chez s. Augustin. Troisi-
eme Edition completement refondue et considerablement augmentee.
Paris: J. Gabalda 1933. (XIII, 422 S.) gr. 8". Fr. 40—.

Die französischen Gelehrten haben die, zumal für
den Bibliographen leidige Gewohnheit, ihre wissenschaft-
lichen Erkenntnisse zunächst in Artikeln, unter Um-
ständen sogar verschiedener Zeitschriften niederzulegen
i und sie später, oft erst nach Jahren, in Buchform zu-
sammenzufassen. Für den bleibenden Eindruck auf die
i Wissenschaft ist diese Publikationsmethode nicht glück-
lich: es wird zu leicht etwas dabei übersehen. Man
muß dabei auch in den Kauf nehmen, daß die Buchaus-
gabe gegenüber der ursprünglichen Form stark verän-
dert, ergänzt, durch zum Teil recht wichtige Anhänge
vermehrt ist. Auch das erschwert die Benutzung. Das
gilt auch von Riviere's Arbeiten zur Versöhnungs- bzw.
Erlösungslehre.

Einen besonderen Anreiz zu seiner immer wieder-
holten Beschäftigung mit dem Problem hat Riviere durch
die einseitige Art erhalten, mit der es von Joseph Tur-
mel unter dem Pseudonym H. Gallerand zuerst in der
; Revue d'histoire et de litterature religieuses (1922), zu-
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