Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

58.1933

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Theologische Literaturzeitung 1933 Nr. 17.

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Erst allmählich entwickelt sich in den ältesten Ge-
meinden der Heilsglaube an die Auferstehung der Toten
im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu. Wäh- |
rend bei Q Leiden, Tod1 und Auferstehung Jesu über-
haupt nicht einen notwendigen Bestandteil des Evange- I
liums bilden — hier kommt Verf. dem von Harnack
(Sprüche und Reden Jesu 1907, S. 162) so energisch
zurückgewiesenen Skeptizismus gefährlich nahe — und
während Mk. Jesus als Märtyrer darstellt, Mt. aber
in der Auferstehung die Gottessohnschaft bewiesen fin-
det, heben Lk. und Paulus die soteriologische Bedeutung
des Todes und der Auferstehung Jesu hervor und das
Joh.-Ev. ist ganz und gar von dem Glauben an Jesus
als den Träger der Heilsgüter der Auferstehung und des
ewigen Lebens durchzogen. In den anderen frühchrist-
lichen Schriften tritt z. T. auch eine ethisierende Auf-
fassung der christlichen Predigt hervor, aber die Mär-
tyreridee und der Heilsglaube an den Auferstandenen
behalten ihre grundlegende Bedeutung. Wie allmählich
sich das soteriologische Verständnis des Todes und der
Auferstehung Jesu entfaltete, das zeigt der Verf. in
einem religionsgeschichtlich orientierten Kapitel, in dem
er die Wurzeln des Glaubens an Auferstehung und
ewiges Leben als Heilsgüter des Frommen im Juden-
tum und Hellenismus nachweist. Zum Schluß bietet der
Verf. einen Überblick über die Entwicklung der Über-
lieferung, wobei einzelne bisher noch wenig behandelte
Stücke wie die Geschichte vom leeren Grab und der
Aussendungsbefehl in Mt. 28 mit ihren apologetischen
und missionarischen Motiven noch nachträglich eine be-
sondere Würdigung erfahren.

Charakteristisch für dies letzte Kapitel wie für die
ganze Arbeit ist die Weite des Blickes und die Unbe-
fangenheit, mit der der Verf. die Überlieferung von der
Auferstehung Jesu in große religionsgeschichtliche und
folkloristische Zusammenhänge hineinstellt und von da
aus zu verstehen sucht. Auch im einzelnen wird man
mancherlei Neues und so noch nicht Gesehenes bei dem
Verf. finden. Was im ganzen die Lektüre seines Werkes
so angenehm und erfreulich macht, ist die nüchterne
Klarheit und Sicherheit und die psychologische und
pädagogische Geschicklichkeit, mit der er weit ausholend
und tief schürfend das Problem der Auferstehung Jesu
nach der historisch kritischen Seite behandelt. Wie der
Verf. sich eingehend mit der deutschen Forschung be-
schäftigt hat, so verdient auch sein Werk gründliches
Studium und eine sicher fruchtbare Auseinandersetzung.
Oießen. Oeorg Bertram.

Kietzig, Lic. theol. Ottfried: Die Bekehrung des Paulus. Re-
ligionsgeschichtlich und religionspsychologisch neu untersucht. Leip-
zig: J. C. Hinrichs 1932. (VI, 226 S.) 8°. = Untersuchungen z. N.
T. Hrsg. v. H. Windisch, H. 22. RM 12—; geb. 14.50.

Zu den meistverhandelten Fragen auf dem Gebiet
des Urchristentums gehört zweifellos die Bekehrung des
Paulus. Man fragt nach ihrer Bedeutung für die Ent-
stehung der paulinischen Gedankenwelt, man sucht sie
psychologisch oder theologisch zu verstehen. Aber das
Gefährliche bei all solchem Fragen ist, daß Paulus nur
ganz gelegentlich von seiner Bekehrung spricht, wäh-
rend die Berichte der Apostelgeschichte aus 2. Hand
stammen. So kann gerade hier nur eine methodisch sehr
vorsichtige Exegese zu einigermaßen sicheren Resul-
taten kommen.

Die vorliegende Untersuchung tritt mit dem Anspruch
auf, die Frage zu lösen, an der die bisherige Forschung
vorbeiging, nämlich wie aus der Verbindung von reli-
gionsgeschichtlichen Einflüssen und originaler Christus-
erfahrung in der Bekehrung die Christusfrömmigkeit des
Paulus wurde. Darum zeigt ein l.Teil an einem Über-
blick über die religionsgeschichtliche Paulusforschung,
daß bei all diesen Untersuchungen die genannte Frage
offen blieb, und daß damit die bisherige Forschung das
Problem der Bekehrung neu stellt. Ein 2. Kapitel ana-
lysiert zunächst den Begriff der Bekehrung als persön-

liches Erlebnis. Dabei wird, ohne daß ein Beweis dafür
erbracht würde, einfach postuliert, die Bekehrung sei
ein Erlebnis der Werdezeit, sei also aufgrund der Ent-
wicklungspsychologie zu erklären. Die Bekehrung ist
danach eine Richtungsänderung bei der Wesensformung.
Das religiöse Erlebnis ist, wie im Anschluß an Gruehn
festgestellt wird, sowohl durch die individuelle Entwick-
lung wie durch den objektiven Faktor bedingt; der
objektive Faktor muß auf die subjektive Struktur ein-
gestellt sein. Da die Funktionen der Psyche zeit- und
geschichtslos seien, sei es auch berechtigt, die moderne
psychologische Fragestellung an Paulus heranzutragen.
Der psychologische Typus des Paulus muß festgestellt
werden.

Das 3. Kapitel sucht die verschiedenen Anschau-
ungen von der Bekehrung des Paulus zu gruppieren
und dabei nachzuweisen, daß alle bisherigen Untersu-
chungen mit ungenügender religionspsychologischer
Kenntnis unternommen seien. Neben die reformatorische
Auffassung, die das göttliche Wirken betont, tritt die
Deutung der Aufklärung, die zuerst seelisches Reifen
voraussetzt. Die „offenbarungsdogmatistische" Auffas-
sung der Bekehrung kann sich der Notwendigkeit psy-
chologischer Gesichtspunkte nicht verschließen, obwohl
sie psychologische Vorbereitung ablehnt. Zu meinem
Erstaunen begegnet auch mein Buch „Römer 7 und die
Bekehrung des Paulus" in dieser Gruppe, weil ich die
psychologische Erklärung (aber aus exegetischen Grün-
den!) ablehnte, ohne daß ich das Phänomen der Be-
kehrung kännte. Die intellektualistische Auffassung, zu
der auch Heitmüller gerechnet wird, sei falsch, weil die
Bekehrung nicht Erkenntnis, sondern Werterlebnis sei.
Aber auch der Versuch, die Bekehrung als sittliche
Krise zu verstehen (hier sind die ausgewählten Vertreter
ganz uncharakteristisch), ist gescheitert. Die tiefenpsy-
chologische Betrachtung, auch die Pfisters, ist ebenfalls
ungenügend, weil der objektive Faktor übersehen wird.
Nur exakte Religionspsychologie führt weiter.

Darum untersucht das 4. Kapitel das Wesen der
Bekehrung. Die Bekehrung des Paulus wird als zum
Typus der sekundär-konfessionellen Bekehrung gehörig
festgestellt, bei dem es sich um unmittelbares Gotter-
leben nach vergeblicher Abwehr einer anderen kon-
fessionellen Offenbarungsform handelt. An drei Bei-
spielen (Rationaler Typus: Bekehrung der Helene Most
zum Katholizismus; intuitiver Typus: Bekehrung des
Malers Wasmann zum Katholizismus; praktischer Typus:
Bekehrung des Anarchisten Tricot zum Protestantismus)
wird gezeigt, daß Bekehrung religiöses Erlebnis an der
Grenze zweier Kultgemeinschaften ist durch die Be-
rührung mit einer besonderen, der eigenen seelischen
Struktur entsprechenden Offenbarungsform der anderen
Kultgemeinschaft. Auch bei Paulus ist erst der innere
Widerstand gegen die hellenistische Form des Christen-
tums Anstoß zur Bekehrung, die dann in einem Wechsel
der Kultform besteht. (Zum Schluß wird das Wesen der
Bekehrung sogar in einer Zeichnung dargestellt).

Es muß also jetzt die Kultform des Paulus unter-
sucht werden. Das 5. Kapitel sucht darum in einem
ersten exegetischen Teil Kultbild und Kultform des Pau-
lus aufzuzeigen. Das Kultbild des Paulus ist der ge-
schichtliche, und zwar der leidende und gekreuzigte
Jesus. Der Kreuzestod ist der alleinige Grund für die
himmlische Herrscherstellung Christi. „Der gekreuzigte
Christus ist die Gemeinde" (dafür wird 1. Kor. l.llff.
angeführt). Die Kultform des Paulus ist dementspre-
chend das Leiden mit dem gegenwärtigen Gekreuzigten.
Das Leidensbild des Paulus umfaßt das ganze Lebens-
bild des Paulus, und1 daher (!) ist die Leidensmystik das
Wesen seiner Christusfrömmigkeit. Auch der Glaube
als Abwendung von der Diesseitigkeit spiegelt nur das
Erlebnis der Leidensgemeinschaft mit Christus. Der Glau-
be weist über sich hinaus auf das Leiden (Phil. 1,29).
Auch die Zukunftshoffnung auf die Parusie ist nur
möglich, weil Paulus in der Leidensgemeinschaft mit
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