Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

55.1930

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 11.

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Ursprung des Katholizismus" (1909) der zweite, durch ein ausgezeich- I
netes Vorwort (S. III-XXXIII) vermehrte Abdruck von 1912 angeführt
sein. — S. 105 wird zu 2, 3 mit Recht an die antike Oebetshaltung
erinnert (vgl. die „Oranten"). Diese wurde aber doch nicht in allen
christlichen Kreisen ganz gebilligt, wie aus Tert. de or. 17 und Cypr. de
dorn. or. 6 zu ersehen ist, wo Maßhalten im Ausstrecken der Arme
empfohlen wird. — S. 107 macht v. H. zu 5, 4 zwar auf die Kürze
der Aussage über Petrus im Vergleich zu der über Paulus aufmerksam,
meint dann jedoch seltsamerweise: „aber den Römern wie den Ko-
rinthern müssen hier Tatsachen bekannt gewesen sein, die wir nicht
kennen". Andere werden mit mehr Recht daraus schließen, daß die Rö-
mer und Korinther über Petrus ebenso wenig wußten wie wir. Wer zu
einem rednerischen Bettelmannsspruch greifen muß, wie er 5, 4 über Pe-
trus vorliegt — v. H. sagt S. 106 selbst über das ganze c. 5: „die Rhe-
thorik ist unpräzis und steht auf keiner hohen Stufe" — der verrät eben
damit, daß ihm keine bestimmten Angaben, wie für Paulus, zu Gebote
stehen. — Zu 12, 1 ff. bemerkt v. H. (S. 109) ganz richtig: „Das Ge-
werbe und die Lüge des Weibes (Rahab) genieren Clemens so wenig
wie Jakobus, den Verfasser des Hebräerbriefs, und Justin (etwas anders
Irenaus)". Beizufügen wäre nur noch, daß Tertullian bei aller Typik
dieses Weib, offenbar wegen seines Gewerbes, nie erwähnt u. Cyprian
(de un. 8 u. ep. 69, 4) von diesem Gewerbe schamhaft schweigt (siehe
Ricerche Religiöse 1929, S. 145 f.). In den Tract. de libr. ss. Script. 12
(S. 129, 21 ff. Batiffol-Wilmart) ist Rahab dann wieder als Typus ver-
wendet „etsi meretrix dicta est", Euagrius aber treibt in seiner Alter-
catio (p. 36, 5 ff. Bratke) die Geschmacklosigkeit so weit, ihr Gewerbe
auf die Kirche auszudeuten (S. 73 steht übrigens durch ein Versehen
Rahel für Rahab). — Die Gepflogenheit, eine Schriftstelle erst zu dem
gewünschten Beweise zurechtzustutzen, findet sich nicht bloß bei Philo
und Origenes (S. 115 zu 42, 5), sondern auch bei Paulus und im Bar-
nabasbrief. Und wenn Irenäus adv. haer. IV, 20, 12 (S. 634 Stieren)
bei der schon erwähnten Rahab-Typik die Zahl der Kundschafter von
zwei auf drei erhöht und darin die Dreifaltigkeit angedeutet findet, so
kann man streiten, ob hier ein Versehen oder eine „Ejtavöp'O'mou;" vor-
liegt. — Zu S. 121 (zu c. 63, 3 f.) könnte daran erinnert werden, daß
nach Ausbruch des novatianischen Schismas die Afrikaner zwei Bischöfe
nach Rom sandten mit der Aufgabe, Frieden zu stiften oder wenigstens
Aufklärung über den Sachverhalt heimzubringen, Cypr. ep. 45, 1 (599,
15 ff.) und ep. 48, 2 (606, 14 ff.) — S. 115 heißt es wegen der Lücke
in 42, 4 : „in dem Archetypus der andern Mss. [außer L] durch Homöote-
leuton ausgefallen". Nun ist aber 15, 5 in ACLK eine, durch
Hömöoteleuton verursachte Lücke, während hier S den vollständigen
Text hat (S. 110). Wo bleibt da jener „Archetyp"?

München. Hugo Koch.

W i n d i s c h, H.: Die Orakel des Hystaspes. Verhandelingen der
Koninklijke Akademie van Wetenschappen te Amsterdam. Afdeeling
Letterkunde nieuwe Reeks, deel XXVIII, No. 3. Amsterdam: Konin-
klijke Akademie van Wetenschappen 1929. (103 S.) 4°.

Die „Orakel des Hystaspes" sind wenig bekannt,
noch weniger untersucht. Sie tauchen an vier verschie-
denen Stellen in der altkirchlichen Literatur auf, bei
Justin und Clemens Alexandrinus, dann vor allem bei
Lactanz und endlich in der „Theosophie". Diese mehr
oder minder flüchtigen Erwähnungen scheinen kaum
Anzeichen zu geben, daß man die erwähnte Prophetie
genauer nach Art und Ursprung untersucht. Dennoch
gelingt es Windisch, sie zu dem Zeichen eines großen
religionsgeschichtlichen Prozesses zu erheben, in dessen
Strome eschatologische Oedanken am Iran mit sol-
chen aus dem Judentum und dem ältesten Christentum
sich vereinen. Die Arbeit Windischs, deren Sprache ge-
legentlich mit Hollandismen hübsch durchsetzt ist, ver-
knüpft mit reicher Gelehrsamkeit Fernes und Fernstes
mit dem Nahen, durchmißt weite Zeiträume und wird
so zu einem wichtigen Beitrage zur Geschichte der an-
tiken Vorstellungen vom Weltende.

Windisch ist zunächst um den Nachweis bemüht,
daß es sich in allen verstreuten Anführungen um eine
und dieselbe Hystaspesschrift handele, die im 1. vor-
christlichen oder 1. nachchristlichen Jahrhundert geschrie-
ben sei. Aus ihrem Inhalt, den wir seinem ganzen Um-
fange nach nicht kennen, sind drei Kapitel wichtig: Eine
Weissagung über den Untergang Roms, eine andere
über die Ereignisse des letzten Zeitalters (der ultima
aetas Vergils), in dem die Frommen gesammelt, die
tJottlosen, zahllos sich mehrend, durch Juppiter Ahura-
Mazda vernichtet werden, endlich eine dritte über den
Untergang der Welt durch Feuer. Die Orakelschrift
hat, so meint Windisch, Justin und Lactanz in ihrer ur-

sprünglichen Gestalt vorgelegen, das von Clemens ange-
führte pseudopaulinische Werklein und die „Theoso-
phie" kennen sie nur in einer Bearbeitung, welche in den
eschatologischen Zusammenhang Prophezeiungen über
„die Menschwerdung des Erlösers" einschob. Man weiß,
daß bei der Frage der Herkunft einzelner Gedanken
ein fast unübersehbares Reich viel verschlungener Mög-
lichkeiten sich ausbreitet; mit großer Sorgfalt wägt Win-
disch mehr oder minder Wahrscheinliches ab, zieht dabei
eine Fülle wenig beachteter römischer Prophetien über
den Untergang von Stadt und Reich heran. Man wird
sagen dürfen, daß das Ergebnis, diese Orakel seien syn-
kretistischer und nicht wie Schürer zuletzt meinte, jü-
discher Herkunft, einer genauen Nachprüfung im großen
und ganzen Stand hält. Damit wird dann die Hystaspes-
Prophetie ein „heidnisches Gegenstück zu Daniel und
zur jüdischen Sibylle"; sie gehört in die Geschichte der
antiken Eschatologie mitten hinein, die „von Persien
und Babylonien über Jerusalem, Alexandrien bis nach
Rom reicht".

Es ist in dieser Arbeit die Frage mit allem Nach-
druck so gestellt, welches der geschichtliche Ursprung
dieser Prophetie sei, und es ist eines ihrer reizvollsten
Merkmale, daß hier die Tradition der Zeugnisse und
die durch diese Frage bedingte Methode der Unter-
suchung rein zusammenstimmen. Richtet man das Auge
stärker auf die sachlichen Motive dieser Orakel, so
könnte man sie vielleicht noch in einen anderen Zu-
sammenhang hineinstellen. Denn es ist ihnen eigentüm-
lich, daß sie noch einmal das Schicksal des Glaubens in
antiker Weise an das des Staates binden. So gehören
sie in aller Fremdheit des eschatologischen Gewandes
auch in den Komplex von Gegenwartsbeziehungen hin-
ein, die christliche Religion und römische Politik feind-
selig verknüpfen; aus dieser ihrer gegenwärtigen Be-
deutung wird nicht nur begreiflich, daß heidnische Pro-
phetien in dieser Auseinandersetzung als Zeugen christ-
lichen Glaubens beschworen, sondern daß sie auch wie-
der preisgegeben werden, da der Kampf in der römisch-
christlichen Einheit des konstantinischen Reiches sieg-
gekrönt war. Die Zeit dieser Auseinandersetzung ist
auch fast genau die Zeit, da die Orakel des Hystaspes
auftauchen und wieder verschwinden.
Breslau. Ernst Lohmeyer.

Jalab ert, L. et R. Mouterde: Inscriptions grecques et latines
de la Syrie. Tome I Commagene et Cyrrhestique Nos. 1 —256.
Paris: P. Geuthner 1929. = Bibliotheque archeol. et histor. tom XII.

75 Fr.

Uber das Ziel, das die Herausgeber mit ihrem Werk
verfolgen, und die Grenzen, innerhalb deren sie es zu
vollenden beabsichtigen, haben sie in einer Mitteilung
unterrichtet, die wir in diesem Blatt: Jahrg. 1927 Sp.
177 angezeigt haben. Auf Grund der ersten Lieferung
ist nun schon ein gewisses Urteil über das Werk mög-
lich. Beginnen wir bei dem Äußeren. Die Texte wer-
den als Minuskeln gedruckt und auf das Setzen von Ak-
zenten wird verzichtet. Ich halte dieses Verfahren, das
auch Lefebvre bei seiner Sammlung der griechisch-
christlichen Inschriften von Ägypten angewandt hat, für
unpraktisch, und auch die Herausgeber des neuen In-
schriftenwerkes müssen das notgedrungen zugeben,
wenn sie die Inschriften Antiochos' I. in der sonst üb-
lichen Form mit Akzenten und großen Anfangsbuch-
staben abdrucken. „Textes . . . qui sans accentuation ni
ponetuation seraient inutilisables", heißt es bei den Her-
ausgebern p. 2. Aber das gilt auch von kleineren Texten,
die, wie z. B. nr. 125, jetzt erst einer besonderen Er-
läuterung bedürfen, weil die Art des Druckes den Sinn
nicht erkennen läßt.

Einen großen Teil der in dieser ersten Lieferung
veröffentlichten Texte nehmen die Inschriften von Nem-
rud Dagh, Arsameia usw. in Anspruch, die Puchstein
einst veröffentlicht hat. Das führt zu der zwei-
ten Feststellung, daß die Zahl der Inedita, sowie
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