Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

54.1929

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 211.

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des Rückblickenden. Eine Jesu Anspruch ablehnende
neutestamentliche Wissenschaft muß notwendig nach ab-
schließenden Ergebnissen, nach Schluß der Diskussion
drängen. Der offenen Haltung des Glaubens dagegen
wächst das Wort beständig, nicht nur immer Neues ent-
hüllend, sondern das Altbekannte in immer neuer Wirk-
lichkeit offenbarend. So ist lebendiges Gespräch mit der
Schrift alles Andere als Rückwärtswendung, als ruhende
Beschäftigung mit Vergangenem, ist vielmehr vorwärts
gewandte Bewegung, ist Wachstum. Hier wie an vielen
anderen Stellen betont Schi., wie aus zwei deutlich ver-
schiedenen Vorgängen unser Verständnis des biblischen
Wortes entsteht. Weg von uns, ja geradezu uns selbst
zurückdrängend wenden wir uns denen zu, die in der
Schrift zu uns reden. Diese selbstlose Offenheit zum
Hören ist unerläßlich, ist übrigens das Kennzeichen
echter Wissenschaftlichkeit. Aber diesem ersten Schritt
folgt ein zweiter: das Wort wird zusammengehalten
mit unserer Lebenswirklichkeit; denn es zielt auf die
Gegenwart und trifft das, was wir selber sind und tun
(vgl. S. 35). Einen doppelten Verkehr mit der Schrift,
eine einmal „geschichtliche", einmal etwa „geistliche"
Auslegung lehnt Schi, ganz ab. Die beiden genannten
Bewegungen sind untrennbar miteinander verbunden.
„Wer nicht sehen lernt, lernt auch nicht glauben, wie
der, der nicht glauben will, auch nicht sehen kann" (S.
256). Solche gläubige Bindung an das Wort hat mit
Gesetzlichkeit nichts zu tun. Im Gegenteil ist Schi, be-
müht, zu einer Freiheit der Schrift gegenüber zu er-
ziehen, die der Kritik offen ist; nicht am Buch der
Bibel hängt Gottes Wahrheit und Gottes Reich — das
zu meinen wäre eine ungesunde, glaubensschwache Über-
schätzung der Schrift, vielmehr „im gegenwärtigen, ewi-
gen Gott und in unserem auferstandenen, himmlischen
Herrn" hat der Glaube seinen Grund (S. 39). Auch
nicht Überordnung der Autorität der Kirche ist damit
gegeben; „ich blieb und bleibe deshalb beim Neuen
Testament, weil mir seine kritische Kraft gegenüber
Allem, was die Kirche leistet, sichtbar ist. . . Das letzte
Wort über Gottes Willen steht nicht der Kirche zu, son-
dern gehört dem Neuen Testament" (S. 259). Das
Höchste, was die wissenschaftliche Arbeit an der Bibel
gewähren kann, nämlich ihr Verständnis, führt sofort
über bloße Gedanken hinaus. „Das verstandene Wort
gibt uns den Willen und wird zum wirksamen Grund
unseres Lebens" (259).

Von dem „Wege zur Bibel" handelt ein zweiter be-
sonders kennzeichnender Abschnitt (S. 242 ff.). Mit
der Kunst einer feinen, reifen Seelsorge sucht Schi,
das, was seines eigenen Lebens Erfahrung mit der
Bibel wurde, Andern zu vermitteln. Er kennt die ein-
gebildeten und die wirklichen Schwierigkeiten. Er denkt
nicht daran, irgendein „Glauben" als Voraussetzung für
fruchtbare Begegnung mit dem Wort zu fordern. „Wir
werden nicht gläubig, bevor wir das göttliche Wort em-
pfangen, sondern dadurch, daß wir es empfangen" (S.
246). Diese Erkenntnis macht den Zugang zur Bibel
frei, macht aber den Weg zu ihr zu einem Weg er-
schütternden Ernstes. „Es beginnt in uns Menschen eine
wildbewegte Geschichte, wenn wir nach der Bibel grei-
fen" (245). Ein Vorbeigehn an diesen Erschütterungen,
ein Ausweichen vor diesem Ernst unmöglich machen,
das ist die eigentliche „Hülfe in Bibelnot".

Unter diesem Gesichtspunkt bringt der erste, um-
fangreichste Band 28 alte und neue Beiträge zur
Schriftfrage, von besonders schweren Einzelfragen an
(Schöpfung, Wunder, Auferstehung, Himmelfahrt, Apo-
kalypse) bis zu einer aus dem „Christlichen Dogma"
stammenden evangelischen Lehre von der Schrift (331—
364), ständig begleitet von seelsorgerlicher Führung
(Jesus und wir heutigen Menschen, der Glaube an die
Bibel, Jesus unsere Hoffnung). Ganz besonders hervor-
zuheben ist die Offenheit, mit der die Gefahren beim
Gebrauch der Schrift beim Namen genannt werden: Be-
schäftigung mit Vergangenem statt Gegenwärtigkeit,

; Studium eines Lehrbuches statt Glaubensgehorsain,
; Unterwerfung des eigenen geistigen Lebens unter eine
| von außen uns ergreifende Autorität statt Empfang einer
i Gottesgabe, und der „helle, frohe Klang" der Antwort
auf diese Fragen: überwunden sind solche Gefahren in
j dem Augenblick, wo die Aufmerksamkeit sich richtet
j „vom Werk empor zu seinem Wirker", von den ver-
gangenen Dingen der biblischen Geschichte zu dem
ewig Gegenwärtigen, der in ihr handelnd offenbar wird.

Auf dem Grunde, den der einleitende Band gelegt
hat, bauen die folgenden kleinen Schriften. Sie reden
nicht nur programmatisch von Hülfe in Bibelnot, son-
1 dem leisten sie tatsächlich, indem sie das an der Schrift
aufzeigen, was tragender Glaubensgrund sein kann. So
bieten zwei Hefte meisterhaft klare, in die Tiefe wei-
sende Einführungen in wichtige Stücke des N.T.: in die
Bergpredigt (die Gabe des Christus) und in den Römer-
brief (die Botschaft des Paulus). So behandeln drei
Reden „das Werden der Kirche in der Urchristenheit"
und zeigen die letzten bewegenden Kräfte in diesem
Werden. So greift ein weiteres Heft die Abendmahls-
! frage an und weist dadurch den Weg zum Abendmahl,
daß es den Christus zeigt, dessen Königswille und
dessen Kreuzeswille in ihrer gewaltigen, notwendigen
Spannung das Abendmahl erzeugten (unsere Abend-
mahlsfeier). So zeichnen vier Reden ein wunderbar
zartes evangelisches Bild der Mutter Jesu (Marienreden:
Marias Begnadigung, Marias Beugung vor Jesus, der
Anstoß Marias an Jesus, der Abschied Jesu von Maria).

Am vollendetsten zeigt sich die Kunst Schl.s, zur
Schrift zu führen, in seinen Predigten, weil hier am rein-
sten seine Haltung als die eines Dieners am Wort her-
austritt. Man kann wohl nicht gut schlichter die Art
dieser Predigten kennzeichnen als Sehl, selber es in
' seinem Vorwort tut mit der Feststellung, „daß sie sich
einzig darum bemühen, das, was die Apostel sagten,
j der Gemeinde einzuprägen" (Ich will ihn loben bis zum
Tod S. 5).

Diese Selbstbeschreibung läßt eine Predigtweise
! vermuten, wo der Darlegung der biblischen Verhält-

< nisse, Persönlichkeiten, Geisteswelt ein breiter Raum
eingeräumt, also ein Stück biblischer Einleitung, Ge-

! schichte und Theologie geboten wird. So pflegt man
j sich vielfach Predigten vorzustellen, die ganz der Bibel

zugewandt sein wollen. Wohl verraten Schl.s Predigten

überall den genauen Kenner der Bibelwelt, wohl wird
i diese Kenntnis häufig für das Verständnis biblischer

Worte fruchtbar gemacht, aber nirgends geht die Pre-
i digt im Praeteritum einher, läßt nirgends dem Hörer den

Wahn zu, er habe es mit vergangenen Dingen zu tun;

< mit erstaunlicher Geradlinigkeit geht Schi, vielmehr auf
; die eigentliche Sache los, meist schon in den ersten

Worten ist das Praesens des Gotteswillens, der Gottes-
| tat da. Wer diese Predigten hört oder liest, bekommt
I immer gleich ein Wort von Gott zu hören, hat es mit
ihm allein zu tun. Dem entspricht die Art, wie der
1 Hörer angeredet wird. Der „Gemeinde" gelten die Pre-
digten; d. h. nicht ein abgesondertes Land einer inner-
| lieh bleibenden Frömmigkeit wird bebaut, sondern der
Hörer wird als ein Glied der Gemeinde angeredet, die
in der Welt lebt, in der mit ungewöhnlicher Bestimmt-
1 heit erfaßten gegenwärtigen Welt, und die in dieser
Welt und nirgend anders zum Dienste Gottes berufen
j ist. So sind die Predigten in dem doppelten Sinne
| gegenständlich, daß nicht mehr oder minder lebensferne
i Gedanken vorgetragen werden, sondern in das Licht
der Wirklichkeit Gottes der wirkliche Mensch hinein-
gestellt wird — eine Bestätigung dafür, wie da, wo von
' der Wirklichkeit Gottes geredet wird, auch der wirkliche
Mensch heraus muß.

Der Schulung am N. T. verdanken die Predigten
jene an ihnen auffallende Einförmigkeit. Da sie
nur die eine Gotteswirklichkeit verkünden wollen, be-
gegnen häufig dieselben Gedanken, freilich jeweils ab-
gewandelt. So zieht sich durch den ganzen Band der
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