Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

54.1929

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 3.

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Ratschlägen von 1524 findet, mit denen Schornbaum
uns bekannt gemacht hat. Diese bedeutungsvollen Lehr-
formulierungen sind erst zum Teil theologisch durch-
schürft (nämlich Oslanders Nürnberger Ratschlag durch
E. Hirsch in seinem Werk über die Theologie O.s
1919); nach den Proben und Andeutungen, die der
Vortrag bringt, sind sie selbständig und der Ansbacher
Ratschlag „eher zwinglisch als wittenbergisch", also
aller Beachtung wert. Für den Ansbacher Ratschlag
vermutet der Verf. jetzt Rurer und Vogler als Urheber.
Über die entscheidende Wendung Nürnbergs zur Refor-
mation hat der Verf. eine Darstellung aus katholischer
Hand in der Münchener Staatsbibliothek entdeckt, deren
Veröffentlichung bevorsteht. Mit dem kaiserlichen Ver-
bot der Nationalversammlung endet dieser merkwürdige
erste Ansatz der Franken. Die spätere Entwicklung von
1529—30 ist im wesentlichen nach den früheren For-
schungen des Verf.s dargestellt; er findet in den „Schwa-
bacher" Artikeln speziell Melanchthons Stimmung und
Lehrart, verweist auch auf eine parallele Aufzählung der
Punkte in Melanchthons ratio discendi, die er in dieselbe
Zeit setzt. Ich hätte noch ein etwas näheres Eingehen
auf einen im Vortrag mir nicht ganz geklärten Punkt
gewünscht: die gleichzeitige Doppelpolitik der Sachsen
gegenüber Brandenburg-Ansbach (Schleizer Artikel) und
den Schweizern (Marburger Artikel mit Unionstendenz;
man vgl. dazu „Bekenntnisbildung" S. 52 f.), wodurch
Maiburg „von vornherein zur Ungiltigkeit verurteilt
war". Das Original der 1534 aufgetauchten Marburger
Unionsformel über das Abendmahl, die Luther über-
nahm und Zwingli zurückwies, ist inzwischen durch
Traugott Schieß im Züricher Staatsarchiv entdeckt und
dem Vortrag in Facsimile beigegeben, es trägt ücolam-
pads Schriftzüge. So liegt ein Bild der Bekenntnisbil-
dung in knapper und klarer Gestalt vor, welches zum
ersten Mal die gesamten Antriebe und Tendenzen ver-
einigt und die verschlungenen Fäden der Entwicklung
klarlegt.

Breslau. E. Kohlmeyer.

Freud, Sigm.: Die Zukunft einer Illusion. 2. (unveränd.) Aufl.

(6.—16. Tsd-.) Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1928.

(91 S.) 8°. RM 2.30; geb. 3.60.

Freud unter den Propheten! „Ein Psychologe, der
sich nicht darüber täuscht, wie schwer es ist, sich in
dieser Welt zurechtzufinden, bemüht sich, die Entwick-
lung der Menschheit nach dem bißchen Einsicht zu be-
urteilen, das er sich durch das Studium der seelischen
Vorgänge beim Einzelmenschen während dessen Ent-
wicklung vom Kind zum Erwachsenen erworben hat.
Dabei drängt sich ihm die Auffassung auf, daß die Re-
ligion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei, und er ist
optimistisch genug anzunehmen, daß die Menschheit
diese neurotische Phase überwinden wird, wie so viele
Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen" (86). Der
Infantilismus ist dazu bestimmt, überwunden zu werden.
Die „Kulturvorschriften" sollen rein rationell, nicht
mehr religiös begründet werden. Der Versuch einer
irreligiösen Erziehung ist zu unternehmen. Die Zukunft
gehört dem „Gott Logos", der Wissenschaft. Sie wird
die Macht des Menschen noch weiter vergrößern. „Und
was die großen Schicksalsnotwendigkeiten betrifft, gegen
die es eine Abhilfe nicht gibt (nach S. 23 wird gegen
den Tod „wahrscheinlich" kein Kräutlein gefunden wer-
den), die wird der Mensch eben mit Ergebung ertragen
lernen" (81). Mit dem Freidenkerverse von dem Him-
mel und den Spatzen schließt der vorletzte Abschnitt.

Über das Heft selber ist kein Wort zu verlieren.
Die Plattheit ist nicht zu übertreffen. Kein einziger
neuer Gedanke. Die besondere Gestalt, die Feuerbachs
Illusionstheorie bei den Psychoanalytikern der Freud-
schen Schule fand, war schon seit J. Kinkel, Zur Frage
der psychologischen Grundlagen und des Ursprungs
der Religion, 1922, bekannt. Die Tiefe der „Weltan-
schauung" des Meisters aber mag man da ersehen, wo

er seinen Begriff des goldenen Zeitalters verrät: „Man
sollte meinen, es müßte eine Neuregelung der mensch-
lichen Beziehungen möglich sein, welche die Quellen
der Unzufriedenheit mit der Kultur versiegen macht, in-
dem sie auf den Zwang und die Triebunterdrückung
verzichtet, sodaß die Menschen sich ungestört durch
inneren Zwist der Erwerbung von Gütern und dem
; Genuß derselben hingeben können" (8)! Selbstverständ-
lich erscheint trotz dieses materialistisch-eudämonisti-
schen Ideales im geeigneten Augenblick „die Menschen-
liebe" — aber wirklich als das Mädchen aus der Frem-
de. In dem Tale der Freudschen Weltanschauung ist sie
weder geboren noch heimatberechtigt, und er weiß ge-
wiß nicht, woher sie ihm hier kommt.

Genug! Interessanter, aber auch noch peinlicher als
dieses Heft ist der offene Brief, den Pfarrer Dr. Oskar
Pfister in Zürich seiner „freundschaftlichen Ausein-
, andersetzung" mit Freud, in der er seine Beurteilung der
Religion ablehnt („Die Illusion einer Zukunft", Imago
1928, Heft 2/3), vorangestellt hat. Einige der Sätze,
mit denen er des Meisters peinliche Blöße vor der Mit-
welt zudecken will, verdienen es doch, an dieser Stelle
— niedriger gehängt zu werden: „Ihr Buch war für Sie
, eine innere Notwendigkeit, ein Akt der Ehrlichkeit und
des Bekennermutes. Ihr titanisches Lebenswerk wäre un-
möglich gewesen ohne das Zerschlagen von Götzen-
i bildern, mögen sie in Universitäten oder Kirchenhallen
| gestanden haben. Daß Sie selbst der Wissenschaft mit ei-
; ner Ehrfurcht und Inbrunst dienen, die Ihr Studier-
zimmer zum Tempel erheben, weiß jeder, der Ihnen
nahezustehen die Freude hat. Frisch herausgesagt: Ich
hege den bestimmten Verdacht gegen Sie, daß Sie die
, Religion bekämpfen — aus Religion. Schiller
I streckt Ihnen warm die Bruderhand entgegen; ob Sie
) sie ausschlagen werden? Und vom Standpunkt des
Glaubens aus sehe ich erst recht keinen Grund, in das
Gezeter einzelner Zionswächter einzustimmen. Wer so
riesenhaft wie Sie für die Wahrheit kämpfte und so
heldenmütig um die Erlösung der Liebe stritt, der ist
nun eben, ob er es an der Rede haben will oder nicht,
j nach evangelischem Maßstab ein treu er Diener
j Gottes, und wer durch die Erschaffung der Psycho-
analyse das Instrument schuf, durch das leidenden See-
len die Fesseln durchfeilt und die Kerkerpforten ge-
öffnet werden, so daß sie in das Sonnenland eines
lebenspendenden Glaubens eilen können, der ist nicht
ferne vom Reiche Gottes." (Folgt die Parabel
von den zwei Söhnen, Matth. 21, 28ff. Am Schlüsse:)
„Und da für den am Evangelium orientierten Christen
! alles auf das Tun des göttlichen Willens, nicht auf das
„Herr! Herr'."-Sagen ankommt, verstehen Sie, daß auch
ich Sie beneiden möchte?" (Sperrungen von mir.)

Erlangen. P. Alt haus.

■ Stähl er, Dr. Wilhelm: Zur Unsterblichkeitsproblematik in
Hegels Nachfolge. Münster i. W.: Universitäts-Verlag 1928. (VII,
62 S.) gr. 8°. = Universitas, H. 4. RM 3—.

Der Verfasser will einen Ausschnitt aus der reli-
gionsphilosophischen Problemstellung und ihrer Ent-
wicklung in der Hegeischen Schule geben. Er will die
Grundlage für das innere Ringen zwischen Hegelschem
Monismus und dem wider ihn auftretenden Monadismus
i aufzeigen. In der Voruntersuchung unternimmt
i er eine „Bedeutungsanalyse" des Unsterblichkeitsbe-
griffs, für den ihm mit Recht die „Idee der Eigenform"
des Individuellen ausschlaggebend ist. Die Entschei-
dung geht darum, „ob sich die Seele, ihres Geistes un-
beraubt, irgendwie in einem Gesamtgeist, einem .um-
fassenden Scelensein' birgt, oder ob sie als personaler
Geist selbständige Gegenständlichkeit und nach dem
Tode Bewußtseinseinheit für sich beansprucht" (S. 7).

In dem ersten Hauptteil (A) zeigt der Verf.
Hegels (zweideutige) Stellung zum Unsterblichkeitspro-
blem als in seinen philosophischen Voraussetzungen be-
I gründet auf. Gegenüber der dialektischen Selbstbe-
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