Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

53.1928

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. II.

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daß auch der Apostel Paulus geschichtlich nur im Zu-
sammenhang mit der gesamten urchristlichen Verkün-
digung verstanden werden kann. Ein eigentlicher Ge-
gensatz zwischen der älteren Gemeinde und ihm und
eine Abweichung des Paulus vom Evangelium selbst
besteht nicht. Es ist bei ihm nur vieles ausgeprägt, in-
dividuell erfaßt, theologisch dargestellt und zwar auf
Grund seiner persönlichen Eigenart, was die Überliefe-
rung des Evangeliums und die Glaubensgedanken der
Urgemeinde noch unentwickelt oder in weniger scharfen
Umrissen darbieten" (S. 399).

Das 2. Kapitel „Paulus und Jesus" bringt, da im 1. das
geschichtliche Verwaudtschaftsverhältnis zwischen Paulus und Jesus
schon mitdargestellt ist, nur noch Einzelheiten zur Abrundung des
Nachweises der historischen Abhängigkeit des Paulus von Jesus, dazu
eine neue Antwort auf die Frage: „Hat Paulus Jesus gekannt?".
Paulus, der als kleiner Knabe nach Jerusalem gekommen ist und die
ganze Zeit bis zu seiner Bekehrung (1 Jahr nach dem Tode Jesu) dort
verbracht hat, hat bereits als Pharisäerschüler, im Interesse des
Kampfes seiner Partei gegen den verabscheuungswürdigen Ketzer, die
Lehre Jesu in allen Hauptzügen kennen gelernt, er ist bei den Streit-
verhandlungen seiner Oberen mit Jesus zugegen gewesen, und er
hat, wie durch Gal. 3,1 und 1. Kor. 2,2 wahrscheinlich wird, selbst
unter dem Kreuze Christi gestanden und einen unauslöschlichen Ein-
druck von seinem Sterben empfangen.

Die urchristliche Heilserwartung kann nach F. nicht
dargestellt werden, ohne daß man sie in den Zu-
sammenhang der das Zeitalter erfüllenden Heilands-
hoffnungen und Endzeitschilderungen einreiht. Darum
gibt er im 3. Kapitel „Die Heilserwartung des
Urchristentums im Lichte der Religions-
geschichte" einen skizzenhaften Überblick über die
Erlösererwartungen des alten Orients (Aegypten, Baby-
lonien, Persien, Israel), die sich als kostbares Überliefe-
rungsgut von der antiken Kulturwelt bis nach Indien
verbreitet haben, auch im Judentum in eigentümlich
religiöser Färbung wirksam geworden sind, und über
die Belebung der Erwartung eines Weltherrschers und
Glückbringers am Ende der Zeiten durch die geschicht-
lichen Gestalten Alexanders des Großen, der Diadochen
und des römischen Kaisers. Wenn aus diesem Vor-
stellungskreis die christliche Weltheilandsidee herausge-
wachsen ist, die den Welterlöser zugleich zum barmher-
zigen Helfer und Bruder der einzelnen Seele in ihrer
sittlichen Not macht, so kommt als ihr Schöpfer nie-
mand anderes als Jesus selbst in Betracht. „Man kann
durchaus nicht bei Paulus den großen Einschnitt machen
und ihn als den hinstellen, welcher die christlichen Er-
wartungen eines Welterlösers geschaffen habe. Der
große Erfüller aller Hoffnungen auf einen neuen Aeon
der Vollkommenheit ist und bleibt Christus. Paulus hat
nur die universalistischen Ideen, welche in der christ-
lichen Religion bereits vorhanden waren, herausgear-
beitet, ausgestaltet und damals vorhandene Schemata mit
christlichem Inhalt angefüllt" (S. 505). Das Judentum
Palästinas ist um die Wende der Zeiten viel stärker
von dem Strom orientalischer Gedanken berührt ge-
wesen, als gemeinhin angenommen wird. Hat Jesus ge-
kannt, was da in seinem Volke an Zukunftserwartungen
und religiösen Gedanken lebendig war, dann war er
auch imstande, seine Verkündigung, das Christentum, in
den Rahmen der Hoffnungen der damaligen Welt einzu-
fügen. Wie er in Taufe und Abendmahl religiöse Bräu-
che, die der uralten allgemein menschlichen, in anderen
Religionen von der primitiven Stufe an auftretenden
Sehnsucht, der Gottheit gewiß und teilhaftig zu werden,
entsprungen sind, aufgenommen und geläutert hat, so ist
Jesus der Erfüller der Heilshoffnung der Jahrhunderte
und Jahrtausende vor ihm und der großen Welt um
ihn her gewesen — ja, die durch Völker und Zeiten
hindurchgehende Erwartung des Heilsbringers als gött-
liches Kind ist in seiner Person Wirklichkeit geworden.

Die „Folgerungen für das Verständnis
des Paulus" zieht das letzte Kapitel. Der Ausgangs-
punkt für das geschichtliche Verständnis des Paulus muß
der Gottesglaube sein, nicht Rechtfertigungslehre, Ge-

setzeslehre oder Christologie. Nicht vom Hellenismus
her ist Paulus zu verstehen, sondern vom strengen,
schriftgelehrten, pharisäischen Judentum Palästinas aus.
Neben bestimmten durchlaufenden Grundlinien lassen
sich Entwicklungslinien in der paulinischen Theologie

| insofern feststellen, als sich ihm die seit seinem Grund-

; erlebnis vorhandenen Elemente seines Glaubens in ihrem
Reichtum innerhalb seiner christlichen Entwicklung und
beruflichen Erfahrung fortschreitend erschlossen haben
(Stellung zum Gesetz, Rechtfertigungslehre, Idee der
Heilsgeschichte, Kirche, Eschatologie); von einem Ein-
dringen fremder Gesichtspunkte kann nicht die Rede
sein. Das gilt auch in der Frage „Paulus und die

| Mystik". In welchem Sinne auch immer die neuere
Forschung den Begriff „Mystik" auf Paulus anwenden
mag — weder sind die Grundzüge seines Evangeliums

i mystisch noch liegen in seinem Bekehrungserlebnis my-
stische Elemente. Das neue Lebensideal des Apostels
wurzelt in der geschichtlichen Person Jesu. Was als
„Mystik" des Paulus bezeichnet wird, ist nicht sein indi-

[ viduelles Erlebnis, sondern die allen Christen zugäng-
liche eschatologische Erfahrung, daß mit Christus die
Kräfte der himmlischen Welt, des kommenden Aeons
entbunden sind, in deren Genuß sie durch ihre Glaubens-

i Verbindung mit Christus eintreten. Diese paulinischen

I Gedanken sind nicht ohne Zusammenhang mit dem
Evangelium Jesu, wie sich selbst an der Sakramentsan-
schauung und der Idee der Einwohnung Christi oder
des Geistes im Gläubigen in ihrem Verhältnis zur Lehre
vom Auferstehungsleib des Christen zeigen läßt. F. be-
rührt dann noch das Verhältnis des Paulus zum Chri-
stuskult im Sinne Deißmanns, Boussets usw. und kommt

| zu einem negativen Ergebnis. Mit einer kurzen Zusam-
menfassung des Ertrages der ganzen Untersuchung für

j die Dogmengeschichte (Paulus als Ganzer wird von der
werdenden katholischen Kirche beiseite gestellt) schließt
das Buch.

3 Hauptgedanken sind es, auf denen F.s Paulus-
j deutung beruht, die er mit Energie und Scharfsinn zu be-
I gründen sucht, und die in der wissenschaftlichen Dis-
kussion zur Geltung zu bringen ihm geradezu ein per-
sönliches Anliegen ist. 1. Paulus, der Christ und der
Theologe, steht in allen wesentlichen Stücken mit der
Urgemeinde auf gleichem Boden, er vertritt nur z. T. in
origineller Form den gemeinchristlichen Glauben von
dem geschichtsmächtigen Eingreifen Gottes in die Welt
in der Person Christi. 2. Nicht erst das Denken des
j Paulus steht unter hellenistischem Einfluß, schon die
'' Urgemeinde und, sie entscheidend bestimmend, Jesus
j selbst haben teilgehabt an dem Gemeinbesitz religiöser
Vorstellungen des Zeitalters, die aus uraltem Tradi-
j tionsgut der orientalischen Völkerwelt stammen. 3. Das
palästinensische Judentum, das sein religiöses Sonder-
leben nicht ohne starke Berührung mit den geistigen und
j religiösen Strömen der Zeit geführt hat, ist der Mutter-
l boden, aus dem Paulus so gut wie Jesus und die Ur-
j apostel hervorgewachsen sind.

Diese Leitgedanken sind bedeutsam genug, um dem
Werke F.s seinen Platz in der neueren Paulusliteratur
1 zu sichern, und wert, in dem Fortgang der wissenschaft-
lichen Bemühungen um das Verständnis des Paulus als
Ferment zu wirken. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß
der breite Strom gemeinsamen Glaubens und religiösen
Denkens, der durch das Urchristentum flutet und von
dem auch Paulus getragen wird, von der neutestament-
lichen Forschung der letzten Generationen nicht gebüh-
rend beachtet und infolgedessen das Bild des Paulus
vielfach geschichtswidrig verzeichnet worden ist. F.s
These korrigiert hier die herkömmliche Betrachtung
höchst verdienstvoll. — Die entschlossene Hineinstellung
des ganzen Urchristentums, von seinen Wurzeln im
Evangelium Jesu her, in den großen Zusammenhang der
antiken, vor allem orientalischen Religionsgeschichte
entspricht den neuesten Erkenntnissen der religionsge-
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