Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

53.1928

Zitierlink

255

Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 11.

256

kommen läßt, bei dem vollends das geschichtliche Ver-
hältnis des Paulus zu Jesus undurchsichtig bleibt. Die
Abwege und Irrwege, auf die die Forschung hier geraten
ist, zeigen die Notwendigkeit einer neuen Untersuchung
der Grundlagen, auf denen Glaube und Lehre des Pau-
lus sich aufbauen: Paulus muß „in die geschichtlichen
Zusammenhänge eingereiht werden, aus denen er mit
seiner Verkündigung hervorgewachsen ist. Daher ist
sein Verhältnis zu der bereits vor ihm und neben ihm
existierenden Gemeinde festzustellen. Der Apostel muß
aber auch in religionsgeschichtliche Beleuchtung gestellt
werden, und zwar nicht nur Paulus, sondern die ganze
urchristliche Verkündigung, einschließlich des Evange-
liums Jesu selbst. Auf diese Weise wird eine brauch-
bare Unterlage geschaffen für das Urteil über das Ver-
hältnis des Apostels zu Jesus und dem Evangelium. So
werden sich dann auch bestimmte Folgerungen ergeben,
wie der Apostel geschichtlich zu beurteilen ist, und wie
er nicht verstanden werden darf" (S. 9 f.).

Dieser Bestimmung der Aufgabe gemäß liegt das Schwer-
gewicht des Buches in dem über 400 Seiten langen 2. Teil „Die
Grundlagen des geschichtlichen Verständnisses des Paulus" und seinen
4 Kapiteln „Paulus und die Urgemeinde", „Paulus und Jesus", „Die
Heilseruartung des Urchristentums im Lichte der Religionsgeschichte",
„Folgerungen für das Verständnis des Paulus".

Vorangeschickt wird ein 1. Teil von nahezu 200 Seiten: „Die
Geschichte des theologischen Verständnisses des Paulus", der die
typischen Auffassungen des Apostels im letzten Jahrhundert zeigen
will (vgl. dazu jetzt auch F.s Abschiedsvorlesung „Die Haupt-
strömungen in der neutestamentlichen Forschung der letzten 50
Jahre", Z. f. syst. Theol. V, 595 ff.). F. unterscheidet 4, nicht rein-
lich von einander zu trennende, Hauptströmungen, in denen sich die
Paulusforschung bewegt hat: die intellektualistisch-lehrhafte (Baur
und seine Schule, Pfleiderer, Holtzmann, Weizsäcker, B. Weiß, Bey-
schlag, Harnack), die religionsgeschichtliche (Dieterich, Reitzenstein,
Eichhorn, Heitmüller, Wetter, Heinrici, Wendland, Schwartz, Ed.
Meyer, Gunkel, Maurenbrecher, Brückner, Wrede, Bousset), die
eschatologische Betrachtung (Kabisch, Teichmann, Schweitzer) und
die Wendung von der theologischen zur religiösen Betrachtung (Jesus-
Paulus-Forschung, Nösgen, Bornemann, J. Müller, Titius, Wernle,
Prat, Schlatter, Feine, Weine!, J. Weiß, Deißmann, R. Seeberg, K.
Barth). Die Charakteristik der einzelnen Gruppen und ihrer Ver-
treter (nebst Schriften) spitzt sich durchweg zur Kritik ihres Anteils
an der theologischen Deutung des Paulus zu und stellt die dem Ver-
fasser für seine Problemstellung wichtigen negativen und positiven
Gesichtspunkte heraus.

In dem Kapitel „Paulus und die Urgemein-
d e", mit dem seine eigene Untersuchung beginnt, bringt
F. den ausführlichen Nachweis, daß die urchristliche
Gemeinde einschließlich des Paulus in den Grundlagen
ihrer Verkündigung eine geschlossene Einheit ge-
wesen sei.

Die Predigt der Urapostel wie die des Paulus war Predigt von
der Erfüllung des von Gott im A.T. verheißenen Heils in der ge-
schichtlichen Person Jesu Christi. Die universale Geltung dieser
Botschaft hat auch den älteren Aposteln schon festgestanden. Hin-
sichtlich seiner Ausrüstung zum Apostelamt steht Paulus den Ur-
aposteln völlig gleich: die Sendung beruht, hier wie dort, nach Ana-
logie der Sendung Jesu und der alttestamcntlichen Propheten, auf der
Ausrüstung mit dem heiligen Geist, die die Urapostel durch die
Geistesausgießung am Pfingstfest empfangen haben.

Der erste entscheidende Punkt, an dem die Über-
einstimmung der paulinischen Verkündigung mit der
urapostolischen greifbar wird, ist für F. der Gottes-
glaube. Er entwickelt ihn aus dem Evangelium Jesu,
das sich an diesem Punkte in der ganzen neutestament-
lichen Überlieferung widerspiegelt, und bestimmt ihn als
Glauben an den Gott, der die Menschen von der Sünde
rein und frei machen und sie hinüberretten will in das
Gottesreich oder den neuen Aeon. Im Unterschied zu
Holl, an den F. sich im Ausgangspunkt anschließt,
wird der Mensch, an den sich die Gottesverkündigung
Jesu richtet, nicht in seiner Verlorenheit, sondern in sei-
ner Gottebenbildlichkeit ins Auge gefaßt und diese als
die Grundlage der Heilsverkündigung Jesu betrachtet:
Jesus „erneuert das Bild Gottes, welches in jeder Men-
schenseele schlummert" (S. 235 f.). Auch der Chri-
stusglaube des Paulus steht im engsten Zusammen-

hang mit dem Christusglauben der ältesten Gemeinde,
| den F. nach den Petr.-Reden der A.G., 1. Petr., Jak.,
Hebr., Apk., Johev., und 1. Joh. skizziert. In den Grund-
I zügen wissen sich die älteren Apostel, Paulus und das
| ganze N. T. eins. Dasselbe gilt von der Versöh-
nungsidee : „Die Lehre, daß Christus im Auftrage
Gottes sein Leben am Kreuz dahingegeben hat, um die
Sünde der Menschheit zu sühnen, ist ein Kernstück des
Evangeliums selbst" (S. 266). Das urchristliche Ver-
ständnis des heiligen Geistes gewinnt F. aus dem
Zusammenhang mit dem pneumatischen Berufsbewußt-
sein Jesu und der alttestamentlich-jüdischen Erwartung
von der Erneuerung des Volkes durch die Kraft des
heiligen Geistes in der messianischen Zeit. In der älte-
sten Kirche ist von Anfang an die Zusammengehörigkeit
alles dessen, was heiliger Geist ist und wirkt, mit der
Person Jesu erkannt und mit ungeheurem Ernst ver-
treten worden. Schon für die Urgemeinde ist der heili-
ge Geist Christi Geist; das Ekstatische hat nur sekun-
däre Bedeutung, wie an der Pfingstgeschichte S. 284 ff.
vgl. 275 f. gezeigt wird. Mit dieser grundlegenden Er-
fahrung der Urgemeinde vom Geist stimmt die des
Paulus durchaus überein, auch in der Auffassung des
Verhältnisses von Geist und Wort und Geist und Glau-
be. Die Größe und Eigenart der Geisterfahrung des
Paulus besteht nur darin, daß er zu klarer begrifflicher
Erfassung der Kraft des Christusglaubens und des Um-
fangs der Wirkungen des Geistes gelangt ist. F. sichert
sein Verständnis der paulinischen Geistlehre eingehend
gegenüber anderen Erklärungsversuchen, namentlich ge-
genüber den Versuchen, den Pneuma-Begriff des
Apostels von hellenistischen Vorstellungen aus zu er-
fassen, und verweist auf den Zusammenhang der pauli-
nischen Pneuma-Vorstellungen, auch der Fleisch-Geist-
Lehre und der substantiellen Auffassung vom Geist, mit
jüdisch-apokalyptischen Ideen. In der Ethik erblickt
F. das Gemeinsame zwischen der Urgemeinde und Pau-
lus nicht so sehr in der Norm der Herrnworte wie in der
Autorität des Bildes des geschichtlichen Jesus als Vor-
bild der sittlichen Lebensführung im Sinne der Nach-
folge Jesu. Für die Idee der Kirche wird nur kurz
das gemeinsame Prinzip der Auffassung festgestellt und.
der Anteil des Paulus an der Ausgestaltung des Be-
griffes hervorgehoben. Um so länger verweilt F. bei
den Sakramenten und begründet in lebhafter Dis-
kussion mit der neuesten Literatur (vgl. auch den Nach-
trag S. 618 ff.) die Anschauung, nicht nur daß die
Kirche Taufe und Abendmahl von Anfang ihres Be-
stehens an als feste Ordnungen gehabt hat, die auf
Jesus zurückgehen, sondern auch, daß der Sinn dieser
feierlichen Handlungen im vorpaulinischen Christentum
und bei Paulus kein anderer gewesen sei als der, den
Jesus selbst ihnen beigelegt habe.

„Beide christlichen Sakramente sind der Stiftung Christi zu-
folge Verbindung des Gläubigen mit der Lebenskraft des himmlischen
Christus" (S. 362). Der weite Abstand des Sakramentsgedankens
hier von der magischen Sakramentsidee der Mysterien und Er-
lösungsreligionen der Umwelt ergibt sich daraus, daß für die Christen
die Wirkung des Sakraments nicht in etwas Magischem liegt, son-
dern „in Wort und Zusage Christi, daß er im Sakrament zu uns
kommen und in uns eingehen will. Das Sakrament setzt beim Men-
schen voraus die völlige Unterordnung unter Christus und sein Heils-
werk, also Glauben, und bei Christus den Willen und die Macht, was
er verheißen hat, am Menschen auch zu verwirklichen" (S. 362f.).
Die geschichtliche Möglichkeit des Sakraments bei Jesus sieht F. darin
gegeben, daß auch im Judentum vor ihm schon die Vereinigung von
Gott und Mensch im sakramentalen Sinne ein bekannter Oedanke ge-
wesen sei.

Schließlich verbreitet sich F. über Zukunfts-
und Gegenwartsglauben und Eschatologie
im engeren Sinne, um auch hier den inneren Zu-
sammenhang und die Einheitlichkeit der Vorstellungen
bei der Urgemeinde und bei Paulus zu zeigen. Mit dem
ganzen Kapitel glaubt er den Nachweis erbracht zu ha-
ben, „daß alle grundlegenden christlichen Ideen auf das
im A.T. wurzelnde Evangelium selbst zurückgehen, und
loading ...