Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

53.1928

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 4.

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möchte aber jedem zu eigener Erbauung und Belehrung
empfehlen, die Gedenkrede des Pfarrers Horst, den
Nachruf von Arthur Titius, die Beileidskundgebung der
Society for Old Testament Study sowie die Gedächtnis-
rede von Ernst Sellin und die Gedächtnisworte von
Johannes Hempel selber zu lesen. — Der Tod Greßmanns
hat eine gewiß noch lange Zeit fühlbare Lücke in die
Front der alttestamentlichen Forscher gerissen, ovx a/co-
OTrjOeTai to /.ivrjfiöovvov avrov xal ovo/.ia avrov typ erat
elg yeveäg yevewv. Jes. Sirach 39, 9.

Bonn. Johannes M ei n h o I d.

Entwicklungsstufen der jüdischen Religion. Mit Beiträgen v.
Leo Baeck, Juda Bergmann, Ismar El bogen, Hugo Grell-
mann, Julius Guttmann, Michael Guttmann. Gießen:
A. Töpelmann 1927. (III, 103 S.) 8°. = Vorträge d. Institutum
Judaicum an d. Univ. Berlin, 1. Jahrg. 1925 1926.

RM 3.20; geb. 4.50.

Die hier vereinigten sechs Vorträge bilden eine zu-
sammenhängende Reihe: sie führen den Leser ein in die
wichtigsten Abschnitte der israelitisch-jüdischen Re-
ligionsgeschichte von Mose bis zur Kabbala. Den Reigen
eröffnet Greßmann mit einer die Einflüsse Buddes
und Wellhausens nicht verleugnenden Skizze der alt-
testamentlichen Theologie von Mose bis zu den Schrift-
profeten. In der Ableitung des Dekalogs von Mose geht
Gr. über Wellhausen zu Ewald ztirück. Es folgt E1 -
bogen mit einer ansprechenden Würdigung des Wer-
kes Esras und Nehemias. In flotter Darstellung schildert
Bergmann die Unterschiede zwischen dem Judentum
der Diaspora und des Mutterlandes — dort Universalis-
mus, hier Partikularismus (S. 34). Mehr einer geist-
reichen Plauderei gleicht der Vortrag M. Guttmann's
über die Entstehung des Talmud. Den längsten, aber
auch gründlichsten Beitrag hat J. Guttmann beige-
steuert und sich von neuem dadurch als besten Kenner
der Philosophie des Maimonides erwiesen. Nur zu-
zustimmen ist, wenn Baeck von der jüdischen My-
stik sagt, daß hier „keine Gleichsetzung von Gott und
Welt" stattfindet (S. 97). Die Veröffentlichung der
Vorträge hat ihren besonderen Wert als ein erfreuliches
Zeichen für das verständnisvolle Zusammenarbeiten von
christlichen und jüdischen Gelehrten auf dem Gebiet der
israelitischen und jüdischen Religionsgeschichte.

Heidelberg. Qeorg Beer.

Nicolsky, Prof. Nicolaj: Spuren magischer Formeln in den

Psalmen. Autoris. Uebersetzg. d. russischen Manuskriptes v.
Georg Petzold. Gießen: A.' Töpelmann 1927. (III, 99 S.)
gr. 8°. = Beihefte zur Zeitschr. f. d. alttestamentl. Wissensch., 46.

RM 5.50.

In der Einleitung (S. 1 —14) legt der Verfasser seine
Absicht und seinen Standpunkt dar. Die literar-kritische
Forschung hat ihre — im Übrigen sehr verdienstliche —
Arbeit getan. Man muß von ihr aus weiter gehn. Das
tat Gunkel, der jedes einzelne Gedicht in den Zusam-
menhang mit seiner Gattung stellte und so erklärte.
Aber „die von Gunkel gestellte Aufgabe ist nur dann
in ihrem ganzen Umfange lösbar, wenn von jedem ein-
zelnen Psalm die Überlagerungen abgelöst, die Über-
arbeitungen beseitigt und die wirkliche Absicht des Ver-
fassers oder der Verfasser der Psalmen oder ihrer Teile,
falls es sich um ein zusammengesetztes Gedicht handelt,
bloßgelegt werden". Von da aus wird man dann auch
weiter kommen in der Frage der Entstehungsgeschichte
der einzelnen Psalmen. Man erhält als Resultat eine
Gruppe von Erzeugnissen der Volkspoesie, eine Gruppe
von solcher höfischer Poesie und eine Reihe von Grup-
pen, welche auf eine oder die andere Weise mit reli-
giösen Motiven verknüpft sind (S. 4).

Der Verf. untersucht eine „kleine Gruppe von
Psalmen, deren Ursprung ganz oder teilweise in Erzeug-
nissen der magischen Literatur, oder genauer gesagt, in
verschiedenen Besprechungs- und Beschwörungsformeln
zu suchen ist". Natürlich geht er in den Spuren von

| Mowinckel, dessen Arbeiten eingehend gewürdigt wer-
j den, doch geht er mit Recht — über ihn hinaus — seine
! eigenen Wege. Nicolsky hält sich nicht wie Mowinckel
| an die „Klagepsalmen", sondern untersucht die Be-
sprechungs- und Beschwörungspsalmen. In ihnen
„unterwirft der Besprechende sich den Willen des Dä-
mons oder Zauberers, bindet diese durch magische
Worte und Manipulationen, wobei das gewünschte Re-
sultat unbedingt eintreten muß, wenn alle Worte ohne
Verstoß gegen die Regel ausgesprochen und alle Mani-
pulationen richtig ausgeführt wurden" (S. 7.). Das Be-
sprechungslied ist „ein Produkt der schöpferischen Kraft
des Volkes und reicht als solches bis in die Urzeit". Die
Grundideen der Volksmagie haben sich auch in der offi-
ziellen Religion sei es in Riten, sei es in Formeln er-
halten, wobei die letzteren natürlich sehr häufig neue
Gestalt annehmen und ihre selbständige Bedeutung ein-
büßen. Dieser Vorgang, wie 'er in der Geschiente der
alten und mittelalterlichen Kirche, in der babylonischen
Religion u.a. seine Parallelen hat und im a. t. Gesetze
Israels (Num. 5, 11—28; 19, lff.; Lev. 16.) zu Tage
liegt, wird nun an den Psalmen 91. 58. 141. 59. 109.
69. 35. 1 — 10. 7. erhärtet. Als Beispiel für alle mag
Ps. 91 vorgeführt werden. Er bietet 2 Teile (1—13 und
14—16). Der erste bietet das Beschwörungswort:
„Jahwe meine Zufluchtsstätte und meine Festung, mein
| Gott, auf den ich vertraue" und geht schließlich zurück
I auf die Zeit des Nomadentums von Israel. Wer diese
! Formel richtig spricht oder durch den Priester sprechen
! läßt, bindet so die Dämonen (Pestdärnon, den Mittags-
dämon, den Dämon des trockenen Wüstenwindes) und
j auch die Kraft der Zauberer (Fallensteller - {^plärlDÖ

| st. Sftpi, V. 3 LXX), das „Wort des Verderbens"

(~D~ nicht 131 V. 3). Man hat hier aber ganz und

! garnicht an Personifikationen, sondern an wirkliche dä-
[ monische Wesen des Volksglaubens zu denken, die einen
jeden bedräuen und die durch das Aussprechen des
j heiligen Namens (Jahwe) und das rechte Beschwörungs-
I wort verscheucht werden. Das Orakel am Schluß (14
i bis 16) zeigt, wie diese alten Zauberformeln aufge-
[ nommen und im Tempelkultus liturgisch verwendet wur-
i den. Der Deutung dieses Psalmes, in der übrigens die
] Holländer Wensinck (Th. Tijd. 1913. S. 258 ff.) und
Houtsma (Verslagen en meededelingen Kon. Akad.
Letterkunde IVe reeds He deel 22 vg. (israel. vasten-
dagen) schon den gleichen Weg beschritten haben, was
dem Verf. entgangen scheint, entspricht die Aus-
! legung der anderen vorgeführten Lieder. — Es ist gut,
! daß Nicolsky von der schon oft ausgesprochenen Er-
j kenntnis, daß in den Psalmen vielfach Individuallieder
j vorliegen, die für den Allgemeingebrauch im Tempel
verarbeitet und zurecht gemacht wurden, energisch Ge-
brauch macht. Er legt eine Arbeit voll anregender Ge-
j danken, scharfsinniger Erklärungen vor, und es ist im
Interesse der Psalmenforschung sehr zu wünschen, daß
i seine Ausführungen nicht ungehört bleiben. Es schadet
j dabei nicht, daß er, wie es bei neuen Funden leicht ge-
; schieht, auch wohl mal über das Ziel hinausschießt und
Behauptungen aufstellt, die nicht allgemeine Billigung
j finden werden. Daß „die kultische Verehrung der Sonne
als einer Gottheit im alten Israel allgemein verbreitet
war" (S. 20), ist doch wohl zu viel gesagt. Daß Ps. 18
„mit Recht für eins der ältesten Gedichte im Buche der
Psalmen gilt" (S. 84), trifft so nicht zu. Wenn die
J Vergleichung mit einem Hunde für den Menschen die
größte Beleidigung ist, so berechtigt das noch nicht zu
der Behauptung, daß dies „zweifellos ein Ausfluß des
Volksglaubens war, daß der Hund den bösen Geistern
nahe stand und zwar so, daß sich böse Geister mit Vor-
i liebe im Hunde ansiedeln". Ebenso scheint es mir
I trotz Nicolsky (S. 18) nicht „ganz klar, daß in Jes.
28, 1 ff. Ephraim durchaus nicht von assyrischen Krie-
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