Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

53.1928

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arbeitet und mit instruktiven Beispielen versehen, ist die Schrift ein
wertvoller Beitrat) zur Geschichte der hebräischen Lexikographie. In
der Bibliographie ist nachzutragen: Karl Benkenstein, Wilhelm
Gesenius der Theologe und Orientalist (1786—1842); in der „Fest-
schrift zur Vierhundertjahrfeier des Gymnasiums zu Nordhausen"
(1924) S. 128—151.

Marburg. W. Ii a u m g a r t n e r.

Miel zitier, weiland Prof. M., Ph. D., D. D.: Introduction to the

Talmud. Historical and literarv introduction. Legal hermeneutics of 1
the Talmud. Talmudical tenninology and methodology. Outlines of
Talmudical ethics. Third Ldition. With additional notes hy Joshua
Bloch and Louis Finkelstein. New York: Bloch Publishing
Company 1925. (XVI, 395 S.) 8°.

Diese dritte Auflage der Mielziner'sclien Einleitung
in den Talmud ist ein Neudruck der Erstauflage von
1894 mit ergänzenden Anmerkungen sowie ergänzten
bibliographischen Angaben und Registern. Es ist das
Verdienst des Verfassers und nicht der Herausgeber,
die sich ihre Aufgabe zu leicht gemacht haben, wenn
dais Werk nicht veraltet ist, sondern noch heute Be-
achtung heischt. Dieses Urteil habe ich zu begründen.

In drei Teile — denn der Aufsatz über talmudische
Ethik am Schluß gehört nicht zum Stoff selbst — hat
M. das von ihm vorgelegte Material zerlegt. Der erste
(S. 1 — 114) bietet die historische und literarische Ein-
leitung in den Talmud; er ist im wesentlichen ein Aus-
zug aus H. L. Strack's „Einleitung in den Talmud" von
1887 und ist durch die 5. Auflage des Strack'schen Wer-
kes (München 1921, jetzt auch die Midhrasim um-
fassend) mit seiner erstaunlichen Stoffülle und hervor-
ragenden Zuverlässigkeit weit überholt. Schon deshalb,

aber auch der veralteten Transkription wegen (S wa,
X, ü> kurzer und langer Vokal, Daghes lene sind nicht
kenntlich; £f, zum Teil £• = s; jpf f!, z. T. P — t; 2, t~i
ch), die nicht nur ein Schönheitsfehler ist, ferner
wegen des Fehlens der Midhrasim (mit Ausnahme der
tannaitischen, die behandelt werden), mußte dieser Teil
unbedingt neu geschrieben werden. Die Anmerkungen
der Herausgeber (S. 281—310), die fast ausschließlich
diesem ersten Teil gelten, sind kein Ersatz. Ihre kurzen
Referate über neuere Forschungsergebnisse sind viel zu
spärlich, um auch nur entfernt ähnliches zu bieten wie
Strack's Einleitung11; die bibliographischen Angaben, die j
man sich an drei Stellen zusammensuchen muß (S. 81 ,
bis 102; 300—309; 310—318), bieten nur einen Bruch-
teil des Strack'schen Materials und lassen die neuesten
Arbeiten christlicher Autoren vermissen; die nichttannai-
tischen Midhräslm fehlen gänzlich und falsche Behaup-
tungen des Mielziner'schen Textes wie die, daß jeweils
zwei Rabbinen Vorsitzende des Jerusalemer Synedrinms
gewesen seien (S. 22; 3), während doch nach dem über-
einstimmenden Zeugnis des Neuen Testamentes und des
Josephus der Hohepriester den Vorsitz führte, sind nicht
berichtigt. Kommt nach alledem dieser eiste Teil mit
den Anmerkungen für die Forschung höchstens ganz
gelegentlich in Frage, so wird man doch die anschau-
lichen, kurzen Biographien der tannaitischen und amorä-
ischen Lehrer (S. 22—55) auch heute noch mit Ge-
winn lesen.

Der Wert des Buches liegt in den zwei anderen ;
Teilen. Der zweite Teil (S. 115—187), „Legal herme-
neutics of the Talmud", handelt von den Methoden des
rabbinischen Schriftbeweises unter Beschränkung auf die
in der Halakha angewandten Regeln. Nach einer Ein-
leitung über Ursprung und Entwicklung der Methodik
des halakhischen Schriftbeweises werden die 13 Regeln ■
des R. Jismä'el ausführlich behandelt; treffliche Erläute-
rungen, geschickt ausgewählte, lehrreiche Beispiele in
Urtext und Übersetzung bieten eine klare Einführung
in die komplizierte Materie des rabbinischen Schriftbe-
weises, die wohl geeignet ist, auch dem Anfänger in
(almudicis einen deutlichen Eindruck davon zu ver-
mitteln, wie hinter der scheinbaren Willkür rabbinischer
Schriftaiislegung eine feste, geregelte Methodik steht.

Der dritte Teil (S. 189—264), „Talmudical terminolpgv
and methodology", führt in die Methoden rabbinischer
Forschung und Beweisführung ein, wobei zunächst ter-
mini technici der Misnä behandelt werden, sodann die
Vön der Guttata für die Erläuterung und Durchfor-
schung der Misna angewandte Methodik. Es folgen Ab-
schnitte über die amoräische Diskussion und endlich
über die talmudische Beweisführung und Debatte, immer
an der Hand der Fachausdrücke des rabbinischen
Schrifttums, die knapp und klar erläutert werden, meist
leider unter Verzicht auf Beispiele, wie sie der zweite
Teil bietet. So bilden der zweite und dritte Teil des
Werkes eine Einheit: jener handelt von der Sclirift-
exegese, dieser von der Traditioiisexegesc — Schrift und
Tradition sind ja die beiden wesentlichen Quellen der
im Talmud überlieferten rabbinischen Forschungsarbeit.

Nicht nur für den Talmudisten ist die Beschäftigung
mit rabbinischer Hermeneutik, Terminologie und Metho-
dologie notwendig, auch der Neutestamentier muß na-
mentlich von der Hermeneutik etwas wissen. Haben wir
doch beispielsweise Joh. 7, 22—23 einen halakhischen
qal-wa-hömer-Schluß, Hehr. 7, 3 eine haggadische
gezerä-säwä-Folgeruug vor uns.

Riga. Joachim Jeremias.

D i b e 1 i u s, Prof. D. Dr. Martin : An die Kolosscr, Epheser, an

Philemon. 2., völlig neu bearb. Aufl. Tübingen) J.C.B. Mohr
1927. (86 S.) 4°. = Handbuch z. Neuen Testament, 12.

Km. 3.20; geh. 3.80; Suhskr.-Pr. 2—; geh. 3.50.

Der Dihelius'sche Kommentar, zur Zeit der meist-
benützte zu den kleinasiatischen Gefangenschaftsbriefen
des Paulus, ist in der 2. Auflage (1. Auflage 1912) von
68 auf 86 Seiten gewachsen. Klarheit des Urteils, uni-
fassende Orientierung auf religionsgescMcftlkhem Ge-
biet, ein feines Empfinden für Stilfragen, namentlich
für die Frage der Verchristlichung zeitgenössischer Parä-
nese (vgl. des Vf.s Jakobuskommentar) mid eine alles
Überflüssige meidende sorgfältige Knappheit des Urteils
zeichnen ihn aus. Ausgebaut sind in der Neuauflage vor
allem dir1 Darstellungen der kolossischen Irrlehre und
der damit zusammenhängenden Probleme; diese Fragen
haben den Verfasser, wie seine Heidelberger Akademie-
schrift „Die Isisweihe bei Apuleius und verwandte Ini-
tiationsriten" (1917) zeigt, in der Zwischenzeit stark
beschäftigt.

Dih. vermutet, daß die kolossische Irlich'1' ein nrocyff«
-Kuh in Mysterienform gewesen sei, in den sieh btfe'ts Glieder der
Christengemeinde hatten einweihen lassen; seine D&ork baut sich
wesentlich auf Kol. 2, 18 auf, wobei für die Deuturrf dcs tfißitri im-
als „Betreten des Heiligtums zum Zweck der Epopfk" die 1912 ver-
öffentlichten Inschriften des Apollohciligtums von tf-tros zu den Be-
legen der 1. Auflage hinzugekommen sind. Abef die Einweihung
von Christen in einen heidnischen Kult ist angesichts (on ^°L 2, 5 und
der Gesatnthaltung des Apostels (vgl. dagegen ü»1- Öff.l) durch
Kol. 2, 20 nicht genügend gesichert; ebenso schein1 m'r zweifelhaft,
ob es sieh bei der Irrlehre um einen Kult ohne Monarchische Spitz,,
handelt. Entscheidend ist Kol. 2, 18. Wir danke» "nd Rantsay
die richtige Deutung des hlßattvsiv; dann bezeichne!" '0Qa*£P die bei
dem iußttitnisiy erfolgte Epoptie. Worin bestand sie? Das Neutrum
«verbietet, den Relativsatz auf die Engel zu hczizl"'" (es müßte oec
stehen), und zwingt, „Demut und Engeianbetdnf, a's Inhalt der
Epoptie zu fassen. Also die Anbetung eines höcht*0" Wesens durch
die Engel hat der Prahler geschaut, und seitdem P" er Engelwesen
für die wichtigsten Mittler zwischen Mensch und tiott. Zur Sache
vgl. Apuleius, Metam. XI 23, wo der Myste die dei inferi und die
dei superi bei der Initiation schaut, von denen es \i 25 mit Bezug auf
Isis heißt: te superi eolunt, obseruant inferi. H'Ue abeT dtr ko-
lossische Kult eine monarchische Spitze, worauf aucn die "nleug-
haren jüdischen Einflüsse hindeuten (2, In u. ö.), dann sind dic un-
überwindlichen und vom Vf. stark empfundenen 's- 'll Kol. 2, 10)
Schwierigkeiten behoben, die einer „kosmischen1' Ausdeutung des
Wortes y.Kpa'Kr'i entgegenstehen: das Wort bczeirJ1"64 die "her den
Elementen stehende oberste Gottheit. Vor allem af0' kann> wenn der
kolossisehe Kult eine monarchische Spitze hatte, notl1 viel stärker,
als es bei Dil), geschieht, damit gerechnet werd«"' dali die koemp-
logischcn Züge in der Christologie des Kol. in dirfJdcr Polemik gegen
dic Kosmologie der Irrlehre und unter Umbildung inrer Theologumena
entstanden sind. Diese Einflüsse auf die Ausgeda'tunR der pauli-
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