Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

51.1926

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 24.

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die Logik seihst verantwortet wird, auch hier der un-
mittelbaren Mitwirkung Gottes: „die Leidenschaft der
Spannung war in ihm weit mehr religiös als ethisch be-
gründet" (193). Man sieht, wie tief die eigene Ge-
schichtsphilosophie von Hirsch und die von ihm ver-
suchte Interpretation Fichtes zusammenhängen. Die „Re-
alität der Gottesidee" läßt sich daher auf dem Boden
der Wissenschaftslehre nur insoweit bejahen, als in der
ethischen Selbsterfassung ein „Elementares" zugegen
ist, das den Charakter der „religiösen Gewißheit" trägt
und seinerseits erst zum Gottesgedanken hinüberleitet
(200). Dies Elementare läßt sich konkreter aus dem
„praktischen" Reflexionspunkt dahin bestimmen, daß
es das Gegenüber und zugleich Verbürgende für das
Individuum ist, das in dieser praktischen Reflexion eben
von dem reinen Ich unterschieden ist und daher seiner-
seits das reine Ich aus sich heraus und eben in Gott
setzt. „Ein lebendiges geistiges Schaffen und Wirken,
das alles Schaffen und Wirken der einzelnen Menschen
trägt und hinzielt auf die geistig-sittliche Vollendung der
Menschheit in sich selbst, auf den durch die ganze Ge-
schichte hindurch sich verwirklichenden Vernunftzweck",
das erscheint Hirsch als die in dieser Epoche Fichtes
vorliegende „Keimgestalt des idealistischen Gottesge-
dankens" (214). Und er belegt diesen systematischen
Erweis mit weiteren Zeugnissen für die Frömmigkeit
Fichtes, die zeigen, daß ihm in der i at Religion die „be-
gleitende heilige Musik" für das Leben ist (220).

Dieser Ertrag der Jenaischen Epoche, den Hirsch
mit besonderer Berücksichtigung der sog. Hallischen
W L — die er gegen Berger genauer als die W L 96/7
erweist und deren für die Behandlung der vorliegenden
Frage wichtigste Teile er in einem Anhang mitteilt —
zur Darstellung bringt, erlaubt nun genau den Punkt zu
bezeichnen, wo eine Krise einsetzt. Er zeigt sich in der
„Bestimmung des Menschen", und zwar da, wo „die ide-
alistisch-romantische Gleichung zwischen dem Reiche
vollendeter Kultur und dem Reiche Gottes" aufgehoben
wird (231). Das was die Vernunft beschränkt, ist nicht
mehr das Ding, sondern etwas, „was selbst Vernunft ist"
(243). Und zwar bestimmt sich diese Antinomie nun-
mehr zur Begrenzung der freien durch die schlechthin
hotwendige Vernunft--- Gottes (245). In dem Augen-
blick, wo diese völlige Verschiebung der Fragestellung
eintritt, gewinnt die Frage nach der Synthesis der
Geisterwelt einen ganz neuen Sinn. Die ganze Zukunfts-
perspektive droht in dein Augenblick illusionär zu wer-
den, wo der eigentliche hiatus dem Ich viel unmittel-
barer auf den Leib gerückt ist und es in seiner existen-
tiellen Gegenwart anzugreifen droht. Hinter dem Ding
enträtselt sich das Du, und zwar durch Gott: „Es gibt
keine Gemeinde, außer in Gott" (252).

Aber Hirsch hat sehr recht, vor dem „Erbaulich-
werden der in Not geratenen Philosophie" (257) zu
warnen. Und so sieht er in der neuen Lage der „Be-
stimmung des Menschen" mit Recht nicht mehr als die
Krise, die ihrer philosophischen Lösung noch zuwartet.
Sie wird erst in der WL 01/02 gegeben, deren Höhe-
punkt die „Selbstvernichtung des Wissens am absoluten
Sein" (285) darstellt. Ich glaube, daß es außerordentlich
wichtig ist, den Zusammenstoß des Wissens mit dem
Absoluten gerade auf dem Hintergrund der Kritik
Schellings zu betrachten (258), der um diese Zeit in der
Tat zwischen dem Absoluten und Relativen hin und her
taumelt, als wäre dieser Taumel der Inbegriff der philo-
sophischen Weisheit selbst. Fichte sieht, daß damit nicht
nur der spekulative, sondern auch jeder moralische Halt
verloren geht. In allem Gewißheit habenden Wissen
muß vielmehr die Synthesis der üeisterwelt mitgesetzt
sein (261). Die „eigentliche Mitte jedes wirklichen
Wissens" (262) liegt in der Schwebe zwischen individu-
ellem und universellem Bewußtsein. Und das würde in
der sittlichen Sphäre heißen, „die Pflicht ganz individuell
zu verstehen, und dann doch auf das Allgemeine zu
beziehen" (263). Die „neue Synthesis der Geisterwelt"

(264) ist also kein Ereignis am Ende der Tage, sondern
ganz konkret ausgedrückt: dieser bestimmte und gerade
mir zukommende Dienst an der Gemeinde.

Das in dieser Form gesetzte Wissen ist aber damit
solange noch nicht im Absoluten gebunden, als die
Synthesis der Geisterwelt selbst noch nicht auf Gott be-
zogen und in ihm letzthin geborgen ist. Vorerst scheint
ja nur ein „ewiger Kreisgang" von dem ersten Ich zum
zweiten u. s. f. gegeben zu sein: „Mit dem ewigen Er-
borgen des Seins von anderem geht es nicht; zuletzt
müssen wir bei einem Seienden ankommen, das es in
eigenem Vermögen hat zu sein" (Fichte; 267). Diese
letzte Bindung des Ich in Gott, oder des Wissens im
i Sein müßte aber derart sich vollziehen, daß Gott und das
j absolute Sein nicht das Ich und das absolute Wissen
irgendwie äußerlich aufheben. Denn dann würde die
gebotene Lösung ja lediglich eine erbauliche sein. Das
Problem läßt sich vielmehr knapp dahin bezeichnen:
„Das absolute Wissen, indem es rein in sich selber
bleibt, soll aus sich herausgehen zur Bejahung des ab-
soluten Seins" (269). Mit dieser Formulierung ist die
vorhin bedeutete Lösung bereits so gut wie gewonnen.
Der Doppelsinn der Grenze macht es möglich, die ver-
nichtende Beziehung des Wissens auf das Sein, der Frei-
heit auf die Notwendigkeit, des Ich auf Gott zugleich als
eine gründende und schlech'thinige Abhängigkeit setzen-
de Beziehung zu deuten und damit den systematischen
Kreis zu schließen. Jetzt läßt sich sagen, daß alle Ge-
wißheit zwar tathaft ist, „aber auf dem Grunde der
Gnade" (272); oder — aus der Sprache der Philo-
sophie in die der Frömmigkeit übersetzt — daß das Frei--
heitsleben selbst Gottinnigkeit ist (284).

Hirsch hat das große Verdienst, in dieser Dar-
stellung die bündige Vermittlung zwischen dem frühen
und dem späten Fichte aufgewiesen zu haben. Und er
darf das größere Verdienst für sich in Anspruch nehmen,
in dieser eindeutigen Rekonstruktion der Fichteschen
Entwicklung Fichte selbst wiederum tiefer auf die ide-
alistische Entscheidung zurückbezogen zu haben. Fichte
hat tatsächlich um das Du gerungen; und ich glaube,
daß man hinfort aufhören muß, das Pathos der Fichte-
schen Darstellung als das Pathos des überschwenglichen
Ich zu betrachten. Aber weil das Du von Gottes Gnaden
Du ist, und weil Gott letzthin doch wieder dazu dient,
die in dem Du drohende Kluft zu schließen und die in
ihm anhebende Verzweiflung (267!) zu besänftigen, tritt
Fichte aus dem Idealismus selbst nicht heraus. Das
System bleibt gewahrt. Die Identität triumphiert auch
hier. Und so würde ich mich nicht bescheiden können,
diese Unzulänglichkeit des Idealismus gegen Luther zu
kontrastieren, sondern gegen eine neue Philosophie, die
mit der Anerkennung des Widerspruchs Ernst macht und
die Grenze als wirkliche und endgiltige Grenze hinzu-
nehmen sich getraut. Daß das nicht möglich ist, ohne
der christlichen Verkündigung die Ehre zu geben, ist
klar. Aber es hätte in der Philosophie selbst auf eine
Weise zu geschehen, die lediglich den Ernst der end-
giltigen Grenze dieser Philosophie selbst herausstellt.
Sachlich darf man aber der Tendenz der Schlußworte
von Hirsch zustimmen. Luther hat nicht geschlossen,
„daß unsre Gemeinschaft mit Gott in der klaren stillen
Gewißheit stehe, sondern, daß sie stehe im uns durch-
schüttelnden Sturm der Erfahrung von Zorn und
Gnade" (290).

Ich kann diese Anzeige nicht schließen, ohne noch einmal zu
wiederholen, daß in dem vorliegenden Werk keine Apologie und keine
Kritik des Idealismus gegeben wird, sondern nur eine wirkliche Aus-
einandersetzung mit ihm. Nur auf dem Boden einer solchen Arbeit
können Entscheidungen fallen. Und ich sehe die Aufgabe der Hirschen
Arbeit darin, eine wirkliche Entscheidung über den Sinn des Idealis-
mus tjeraufzuführen.

Bremen. Hinrich Kn i t te r m ey e r.

Neumannt, Karl Eugen: Die Reden Gotamo Buddhos. ^\us
der mittleren Sammlung Majjhimanikäyo des Päli-Kanons zum
ersten Mal übers. 3 Bde. München: R. Piper & Co. 1922 (XLII1
817; XV, 919 u. XIV, 820 S.) kl. 8°. geb. Rm. 15-!
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