Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

51.1926

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 8.

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Wiehern, Johann Hinrich: Der junge Wichern. Juprendtage-
bücher. Hrsg. v. Martin Gerhardt. Mit 1 Jugendbildnis U. 2
Handschriftenproben in Faks. Hamburg: Agentur d. Rauhen Hauses
1Q25. (295 S.) 8°. geb. Rm. 6.50.

Aus zwei Gründen ist die Herausgabe der Jugend-
tagebücher wertvoll. Sie waren bisher nur teilweise
zugänglich; sei es im ersten Bande der gesammelten
Schriften Johann Hinrich Wicherns, welche sein Sohn
herausgegeben hat, sei es im ersten Bande von Olden-
bergs Biographie. An beiden Orten ist der Original-
Text durch Zusätze und Weglassungen willkürlich ver-
ändert. Gerhardt hat sich der Mühe unterzogen, auf
Grund seiner Arbeiten im Archiv des Rauhen Hauses
die Herausgabe des unveränderten Textes zu wagen und
uns so ein größeres Verständnis Wicherns zu vermitteln.
Vor einiger Zeit hat Girgensohn den Vergleich mit
Augustins confessiones gewagt. Das mag im Blick auf
die unbedingte Wahrhaftigkeit Wicherns gegen sich
selbst, die Aufwühlbarkeit seiner seelischen Struktur
und den Tiefengehalt seines persönlichen Ethos, von
denen die Tagebuch-Aufzeichnungen Zeugnis geben,
richtig sein; in Bezug auf die universale Spannweite
des Geistes scheint mir dieser Vergleich jedoch un-
möglich.

Für das Verständnis der Erweckungsbewegung und
der Antriebe, die aus ihr hervorgingen, ist das vor-
liegende Buch eines der wichtigsten Dokumente.
Rationalismus, Orthodoxie und Pietismus treffen sich
in dem werdenden Mannestum des Größten der Inneren
Mission, und doch zeigt das Neue, das hier anbricht,
deutlich, daß es mit keiner der genannten Frömmigkeits-
typen gleichgesetzt werden kann. — In Ausstattung
und Druck hat der Verlag Vorzügliches geleistet.
Hamburg. Helmutli Schreiner.

Bodelschwingh, G. v.: Friedrich v. Bodelschwingh.

Ein Lebensbild, t. Aufl. Bethel: Pfennigverein d. Anstalt Bethel
1922. (423 S. m. e. Bildnis) 8°. Rm. 3.50.

Eine kurze Anzeige der bekannten Lebensbeschreibung
Friedrich von Bodelschwinghs darf auch in der TheoL
Literaturzeitung nicht fehlen. Sein Sohn Gustav v. B.
hat sie geschrieben, nicht als ein umständliches oder voll-
ständiges Quellenwerk, sondern als ein schlichtes Lebens-
bild, das die einzigartige Persönlichkeit in ihrem Reich-
tum und ihrer Mannigfaltigkeit vor unsern Augen er-
stehen läßt. Für die ersten vierzig Lebensjahre liegen
die von Bodelschwingh selber diktierten Erinnerungen
zu Grunde, die in der Monatsschrift Beth-El, Jahrgang
1909, 1912—14 und 1918/19 erschienen waren. Es ist
sehr zu bedauern, daß sie nicht vollständig wieder ab-
gedruckt sind, sondern nur auszugsweise. Vielleicht
könnte das bei späterer Auflage nachgeholt werden.
Sie sind gerade in ihrer Unmittelbarkeit von unschätz-
barem Wert. Die Darstellung von 1872—1910 ist von
dem Sohne frei ohne das umfassende schriftliche und
gedruckte Material in Davos niedergeschrieben worden.
Das bedeutet gewiß einen großen Vorteil, weil so ein
Bild aus einem Guß entstanden ist, das lebenswahr die
Hauptzüge wiedergibt. Wenn wir aber erst noch etwas
mehr Zeitabstand gewonnen haben, wird es sehr er-
wünscht sein, daß wir eine mit Benutzung aller Quellen
geschriebene wissenschaftlich geschriebene Bodel-
schwingh-Biographie erhalten, die ihn auch noch deut-
licher als es hier geschehen konnte, in den geschicht-
lichen Zeitzusammenhang hineinstellt, das schöpferisch
Geniale herausarbeitet und es auch an der Kritik nicht
fehlen läßt. Es ist ja für Freunde wissenschaftlich theo-
logischer Arbeit schmerzlich, daß B. selber gar kein
Verständnis für den Ernst und die" christliche Gewissen-
haftigkeit anderer theologischer Arbeit gehabt hat. Er
hatte nur Vertrauen zu Kähler, Schlatter, Cremer und
ihren nächsten Schülern und Freunden. So liebevoll er
auch sonst jedem Einzelnen begegnete, so war nicht
ohne Schuld gewisser kirchlicher Blätter in ihm ein
Zerrbild entstanden von der „grundstürzenden" Theo-

logie, und es rächte sich hier, daß er auch als Student
tiefere Einblicke in die theologische Arbeit nicht getan
hatte. Jede menschliche Persönlichkeit — die Großen
nicht ausgenommen — hat ihre Grenzen. Sie sind nicht
nur hier, auch in anderen Punkten bei Bodelschwingh
nicht zu verkennen. Sein Biograph aber steht ihm nicht
nur als der Sohn, sondern auch nach seiner Eigenart so
nahe, daß seine Darstellung selber noch ein Stück von
Bodelschwingh ist. Das gibt dem Buch einen ganz be-
sondern Vorzug — aber läßt auch eine Lücke offen, die
noch ausgefüllt werden muß. Aber auch so wie wir es
nun haben, ist dieses Buch für uns Alle sehr wertvoll,
vor allem für alle jungen Theologen ein völlig unent-
behrliches Bildungsmittel.

Oreifswald. Ed. von der Goltz.

Petri, Franziskus: Unser Lieben Frauen Diakonle. Vierhundert
Jahre evangel. Liebestätigkeit in Bremen. Bremen: O. Winter
• 1925. (XI, 310 S.) 8°. geb. Rm. 6.50.

Am 16. April 1525 wurde in der als erste in Bremen
zur Reformation übergetretenen Kirchengemeinde von
Unser Lieben Frauen eine „Gotteskiste" errichtet und zu
deren Verwaltung Vorständer (bald Diakonen genannt)
bestellt. Die Einrichtung dieser Diakonie als selb-
ständiger Träger der kirchlichen Gemeindearmen-
pflege hat sich in Bremen im Unterschied zu anderen
Städten bis auf den heutigen Tag erhalten. Zu ihrem
400 jährigen Jubiläum erschien als Festschrift das vor-
liegende Buch.

Es gibt ein umfassendes Bild von der Geschichte der Diakonie.
Ihre Anfänge waren nicht leicht, da die organisatorisch begabten
Kräfte, genügende und regelmäßig fließende Einnahmequellen fehl-
ten, — Mängel, die erst allmählich ausgeglichen wurden. Wachsende
Liebesgesinnung führt zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu einer plan-
mäßigen Armenfürsorge, die im 30jährigen Kriege wirklich Bedeu-
tendes zu leisten vermag. Die allgemeine Notlage zwingt zu grund-
sätzlichen Neuerungen. Der Rat gibt seine Zurückhaltung, die alles-
der freien Initiative der Bürger überlassen hatte, auf und richtet
1688 das Generalarmenwesen ein, in das die Diakonie als bürger-
liches Ehrenamt eingeordnet wird. Trotz der belebenden Wirkung
des Pietismus (Undereyk) treten die religiösen Antriebe in der Für-
sorge ganz zurück. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts be-
einflußt der gemütstiefe und opferwillige Bredow die Tätigkeit der
Diakonie. Die neue Ordnung von 1779 nimmt zwar den alt-
städtischen Diakonien ihren bisherigen Vorrang und den gesamten
Diakonien das Alleinrecht der Hausarmenpflege, trifft aber manche
Verbesserung. Man betont jetzt merkantilislisch eingestellt, als Haupt-
zweck der Armenpflege die Förderung der Industrie und damit die
unbedingte Arbeitspflicht der Armen.

Nach den Befreiungskriegen erfolgt ein Rückschlag. Auch die
großzügige Verordnung von 1829 kann auf die Dauer nicht die mit
der veralteten Finanzierung der bremischen Armenpflege verbun-
denen Mißstände beseitigen, so wird die öffentliche Armenpflege von
den Diakonien im Jahre 1876 gelöst. Die Diakonen, welche schon
seit den 40er Jahren sich stärker um die eigentlichen Angelegen-
heiten der Kirchengemeinde gekümmert haben, schaffen jetzt eme
umfassende kirchliche Gemeindepflegc, welche nach sorgfältiger Prü-
fung da eingreift, wo die öffentliche Fürsorge versagt, und im Welt-
kriege das einzig dastehende Wagnis unternehmen konnte, die Für-
sorge für sämtliche durch den Krieg betroffene Gemeindcglieder aus
eigenen Mitteln und Kräften zu bestreiten.

Die Schrift kann auch außerhalb Bremens starkes
Interesse beanspruchen. Ähnliche umfassende Dar-
stellungen aus der Geschichte der kirchlichen Gemeinde-
pflege fehlen. Der dargestellte Gegenstand — eine
gegenüber den Organen der Gemeinde (Pfarrer, Kirchen-
vorstand) vollkommen selbständige, sich selbst er-
gänzende Diakonie, die 2 Jahrhunderte ausübendes Or-
gan der öffentlichen Fürsorge mit amtlichen Befugnissen
ist und doch den Zusammenhang mit der Kirchen-
gemeinde nie verloren hat, — ist etwas ganz besonderes.
Der Verfasser hat diese Besonderheit klar herausgear-
beitet. Er hat nicht nur eine lückenlose Schilderung
der äußeren geschichtlichen Entwicklung gegeben, son-
dern den Gegenstand seiner Arbeit in den Zusammen-
hang der Kirchengeschichte und der Geschichte der
Wohlfahrtspflege hineingestellt. Luthertum und refor-
miertes Christentum, Pietismus, Rationalismus haben ihre
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