Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

51.1926

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219

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 8.

nicht mehr bloß den ihnen vom Lehrer vorgetragenen
Stoff Verstandes- und gedächtnismäßig in sich auf-
nehmen, eventuell nachschreiben, und dann reprodu-
zieren, sondern auch gefühls-und stimmungsmäßig nach-
erleben, Willensimpulse empfangen, darüber hinaus aber
auch, zunächst nur ein paar Winken des Lehrers fol-
gend, selbständig den Stoff verarbeiten, sichten, ordnen,
vergleichen, urteilen; eine Disputation unter dem Prä-
sidium des Lehrers bildet den Abschluß. Zu diesem
Zwecke erschienen schon vor Jahren kirchen- bezw. reli-
gionsgeschichtliche Quellen lesebücher. Jetzt bevor-
zugt man die Verteilung des Stoffes auf einzelne wenig
umfängliche und billige Quellen h e fte. Es ergibt sich
dabei der Vorteil, daß der Lehrer auswählen kann, was
er für die betreffende Klasse nach den besonderen Ver-
hältnissen für vornehmlich geeignet hält. Und es wird
kein Stoff mitgeschleppt, der mehr oder weniger igno-
riert werden muß. Von dem „Vollständigkeitsfimmel"
sind wir ja kuriert. Aber die für die Gegenwart bedeut-
samsten Frömmigkeitstypen müssen doch unseren Schü-
lern vollständig vorgeführt werden. Die neue Methode
stellt an Lehrer und Schüler sehr hohe Anforderungen.
Es ist sehr schwer, bei der zur Verfügung stehenden
geringen Zeit vom Fleck zu kommen und klare und
dauernd wertvolle Erkenntnisse zu erzielen.

Drei renommierte Verlagsbuchhandlungen haben
sich auf solche Quellenhefte gestürzt. Zu der Reihe, der
die oben genannten drei Hefte angehören, treten die
Teubner'schen „Religionskundlichen Quellenhefte" und
die Diesterweg'schen „Kirchengeschichtlichen Quellen-
hefte". Es ist zu beklagen, daß es nicht so etwas wie
Organisation des Verlagsbuchhandels gibt. Das wäre
vielleicht ebenso wichtig wie eine Organisation der
Forschungsarbeit. Ein Konkurrenzkampf ist unvermeid-
lich. Wieviel Zeit, Kraft und Geld wird vergeudet!

Quelle und Meyer haben, so viel ich weiß, im.
Gegensatz zu Teubner und Diesterweg keinen Prospekt
erlassen. Die Hefte tragen auch keine Nummern. So
weiß man nicht, ob der Sammlung ein bestimmter Plan
zu Grunde liegt. Die Auswahl innerhalb der einzelnen
Hefte ist wohlüberlegt. Z. B. sind in dem Lutherhefte
die Briefe nicht berücksichtigt, weil denen ein besonderes
Heft gewidmet sein soll. „Aus den übrigen Werken des
Reformators sind solche Abschnitte ausgewählt, die für
die Geschichte der deutschen Reformation von ent-
scheidender Bedeutung sind (das läßt sich freilich schwer
ausmachen!) und die Luthers Glaubensmut und seine
echt deutsche Art (auch das ist ein zwar vielgebrauchter,
aber unklarer Ausdruck!) offenbaren." Bei den Heften
über Bernhard und Franz bin ich mit den Literatur-
verzeichnissen und den Textquellen nicht ganz ein-
verstanden.

Zwickau i. S. O. Clemen.

Bfilow, Dr. Georg: Des Dominicus Gundissalinus Schrift
„Von dem Hervorgange der Welt". (De processione mundi.)
Hrsg. u. auf ihre Quellen unters. Münster i. W.: Aschendorff
1925. (XXVII, 60 S.) gr. 8°. = Beitr. z. Gesch. d. Phnlos. d.
Mittelalters, Bd. 24, H. 3. Rm. 3.50.

Dominicus Gundissalinus, einer der bedeutendsten
Gelehrten aus der Übersetzerschule des Erzbischofs Ray-
mund von Toledo (1126—1151), gilt heute als der erste
Verbreiter der aristotelischen Philosophie im Abend-
lande. Clemens Baeumker und seiner Schule
kommt das Verdienst zu, mehrere eigene philosophi-
sche Schriften des G. (in den Beitr. z. Gesch. d. Philos.
d. Mittelalt.) ediert und ihn in seiner Bedeutung für die
Entwicklung der abendländischen Philosophie gewür-
digt zu haben. Nachdem die Schrift „De unitate" von
P. Correns, „De immortalitate animae" von G.
Bülow, „De divisione philosophiae" von L. Baur
herausgegeben war und G. F u r 1 a n i eine Ausgabe
des Traktats „De anima" in Angriff genommen hatte,
legt uns G. Bülow hier nun auch noch die letzte der
5 eigenen Schriften des G., die Abhandlung „De pro-
cessione mundi" vor.

In einer Einleitung spricht der Herausgeber sich
über den Verf., die Handschriften, die der Ausgabe zu
Grunde liegen, und über die Quellen der Schrift aus,
gibt eine kurze Inhaltsangabe und erörtert das chrono-
logische Problem.

Der Ausgabe liegen 4 Handschriften zu Grunde:

1. eine Hs. der Pariser Nationalbibliothek (P), die der Heraus ;,
noch im Juli 1914 in Paris einsah; er bezeichnet sie als die
„relativ beste", wenn auch nicht die älteste, sie ist frei von
gewaltsamen Interpolationen;

2. eine Hs. der Vatikanischen Bibliothek (V), die verschiedene
Aenderungcn des Textes durch den Schreiber aufweist;
außerdem eine Hs. aus Laon (L) und eine solche aus Oxford (O),
die ebenfalls nicht frei von Interpolationen ist.

Die Autorschaft des Gundissalinus wird vom Her-
ausgeber einwandfrei nachgewiesen (XV ff.). Die Schrift
schließt sich u. a. an Augustin, an Boethius, ganz be-
sonders aber an Avicenna und Avencebrol an,
deren Werke G. ins Lateinische übersetzt hat.

Der Herausg. macht es wahrscheinlich, daß der
Traktat um oder nach 1150 entstanden ist.

Was den Inhalt betrifft, so sucht G. durch die
Betrachtung der Geschöpfe zur Erkenntnis Gottes zu
gelangen (S. 1).

In seiner Erkenntnistheorie unterscheidet G.: ratio (ihr
genügt die possibilitas), demonstratio (sie verlangt necessitas) und
intelligentia (sie begnügt sich nur mit der „simplex et mera con-
ceptio"). Zur Einsicht (intelligentia) kommt man durch den In-
tellekt oder die Demonstration, zum Intellekt durch die ratio, zur
ratio durch die imaginatio und zu dieser durch die Sinne (S. 2).
Wahrend die Sinne die sinnlich-wahrnehmbaren Formen in praesenri
materia erfassen, erfaßt die imaginatio dieselben in absenri materia; die
Vernunft ergreift die abstrakten, aber wahrnehmbaren Formen der
Materie, der Intellekt die intelligiblen Formen, die Intelligenz endlich
eine einfache Form, nämlich Gott (S. 3).

In seiner Metaphysik lehrt G., daß man an
den Dingen zu unterscheiden habe: ihre Zusammen-
setzung und ihre Einteilung, sowie die beide hervor-
rufende Ursache (S. 2). Jeder Körper besteht aus Ma-
terie und Form (S. 3). Sie sind einander entgegenge-
setzt: die eine empfängt, die andere wird empfangen,
die eine wird geformt, die andere formt (S. 4). Da
beide einander entgegengesetzt sind, mußten sie von
einer Ursache zusammengesetzt werden. Mithin hat
jeder Körper seine zusammensetzende Ursache, ergo
auch die Welt.

Alles, was zu sein beginnt, bewegt sich aus dem
Zustande der Möglichkeit in den der Wirklichkeit. Da
alles, was sich bewegt, durch ein anderes bewegt wird,
so verdankt jedes Wesen sein Sein einem andern. Nun
kann man aber nicht ins Unendliche fortschreiten, da-
her muß man eine erste Ursache von allem annehmen
(S. 5 ff.). Ihr Sein ist ein notwendiges, sie ist einzig
und unbeweglich (S. 17).

Während die erste Ursache der compositio und
creatio fähig ist, sind die zweiten Ursachen nur der
compositio oder generatio fähig. Durch Kreation
treten die ersten Prinzipien der Dinge ins Dasein: das
materiale und das formale Prinzip (S. 20). Es müssen
2 verschiedene Prinzipien sein, denn wenn sie gleich
wären, wäre keine Zusammensetzung möglich (S. 21).
Weder die Materie noch die Form kann für
sich allein existieren (S. 22). Vielmehr gibt die
eine der andern das Sein. Vor ihrer Verbindung ist jede
von beiden nur in Möglichkeit. Erst durch ihre Verbin-
dung gehen sie in die Wirklichkeit über (S. 23). „Esse

____nihil aliud est quam existentia formae

in materia" (S. 24). Materie und Form sind die
ersten Prinzipien aller Dinge mit Ausnahme des Schöp-
fers. Und dieser geht ihnen nicht zeitlich,
sondern „causa et aeternitate" voraus.

Die Materie beharrt immerwährend, die Form
dagegen kommt und geht im allg. Da infolge
ihres Kommens und Gehens die Dinge entstehen bezw.
vergehen, so wird ihr eher das Sein beigelegt als der
Materie (S. 25). Da die Materie durch die Form in die
Wirklichkeit übergeführt wird, so strebt sie nach der
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