Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

51.1926

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 5.

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eine Gottesanschauung, die trotz der Betonung der pneum. Wirklich-
keit Gottes zur Geschichte nicht im Verhältnis der Alleinwirksamkeit,
sondern der abgesonderten Wirksamkeit von der Geschieht; sich ab-
spielt? ein Wirklichkeitsgedanke, der trotz Schader (s. neuestes Heft
der syst. Z. f. T.) den Rest verkleideter metaphysischer Seinsweise
nicht abgelegt hat, nicht ein omnia continendo imples, omnia implendo
conti nes?

Wir schließen die Bedenken. So gewiß sie überall
die Problemstellung und Lösung beschatten, so möchten
wir sie doch der prakt. theol. Aufgabe, die hier ergriffen
ist, weit unterordnen. Die einzelnen theoretischen Aus-
führungen durchwirkt ein Oesamtanspruch. Das Buch
wendet sich gewissensweckend an den Beruf des
Pfarrers. „Man kann von dem Prediger verlangen, daß
er den Beruf eines Predigers nicht ausübt, wenn er nicht
selber vor Gott als dem lebendig gegenwärtigen schon
gestanden ist, nicht selber (ich weiß, was ich sage)
Tcveßfiataiog ist" (97). Wie man in der gegenwärtigen
Exegese nicht eine pneumatische Methodenlehre for-
dert, sondern pneumatische Exegeten, so schiebt uns
F. die Frage ins Gewissen: pneumatische Prediger!
Diesem Ernst gesellt sich ein zweiter Zug: nur keine Ex-
perimente auf der Kanzel: „Bedürfnis"pfarrer, „wie
macht man das" usf. Ministerium verbi ipsis humeris
angelorum tremendum munus — man möchte dieses
Wort jedem jungen und alten Pfarrer, dem prakt. Theo-
logen und der ganzen Kirche ins Elerz schreiben als
Menetekel und Stärkung. Gleichzeitig wird deutlich wie
schmal der Weg ist, der an katholisierendem Protestan-
tismus und wortlosem Schwärmertum vorbeiführt.
< tehen wir den Weg, den Fezer vorzeichnet — doch
wir verstehen F. schon wieder ganz irrig, wenn wir aus
seiner Sachfrage eine Methode, ein Schema machten.
Alles kommt ja „auf den objektiven Vorgang bei der
Predigt" an. Was heißt das? Eine Gleichlinigkeit mit
dem Objektivismus der gegenwärtigen theol. Strömung
äußert sich hierin im Gegensatz und zur Überwindung
eines sich selbst verzehrenden Subjektivismus. Alles
kommt also wieder darauf an, wie dieser objektive Vor-
gang bestimmt ist. Kardinale hierfür bildet die Dar-
legung über Besonderheit und Notwendigkeit der Pre-
digt (89). Hierzu wird Schriftlesung und Predigt
gegeneinander abgewogen. Wenn auch so allerlei Gründe
über die Schriftlesung sehr wenig Evidenz wecken, so läßt
sich die Hauptsache wohl hören. — Der Unterschied
von Schriftlesung und Predigt ist der: daß gemeinsam
Gottes .Geist-Wirklichkeit gegenwärtig werde und das
Neue der Predigt: daß Gottes Wirklichkeit Gegen-
wartsmacht werde. Man könnte auf die Idee
kommen, daß der kerygmatische Charakter der Predigt
verkürzt und so ins Allgemeine "gewendet werde, aber
das ist unrichtig. Der besondere Text mit seinem Skopus
öffnet ebenso jeweils eine besondere Seite der Geistwirk-
lichkeit Gottes wie die bestimmte Gegenwartslage der
Gemeinde konkrete Fülle zuordnet. Dadurch verkehrt
sich nicht die Predigt zur Monotonie: Gott ist Gott, ent-
äußert sich aber auch nicht der Zusammenfassung auf
die Geistwirklichkeit und Gegenwartsmacht Gottes. Der
objektive Vorgang selbst wird so aktuell. Gott — Schrift
Prediger; Gott — Schrift — Gemeinde — diese beiden
Reihen müssen sich vereinigen. Wie aber? Der Prediger,
Pneumatiker und Theologe zugleich, muß zuerst von
dem dominus ac rex scripturae angeredet sein. Ist ihm
das nunc aeternum, das immer ein hie et nunc ist, auf-
egangen, dann beginnt der Prozeß von der Gemeinde
er von neuem. Ziel ist: daß sie vor die pneumatische
Wirklichkeit in ihrer Gegenwärtigkeitsmacht gerückt
werde. Das ist ja aber nun kein zauberhaftes Spiel,
sondern erfordert die sorgsamste Erwägung, worin neue
Versinnlichungen für das nunc aeternum bereitliegen oder
aufzusuchen sind. Denn es ist kein zeitloser Vorgang,
sondern ganz und gar existentiell bezogen, wirklich
Gegenwarts macht. Sehe ich recht, so ist der Abweg
ins verkehrt Anthropozentrische versperrt wie ein ver-
kehrter Theozentrismus vermieden. Aber noch eine
Hauptfrage zu dem Ganzen: warum verwendet F. seine

ganze Beweisanstrengung nur auf die Beziehung Schrift-
lesung. — Predigt und nicht ebenso ernsthaft auf
die andere Seite: Predigt und Sakrament. Ein Wort zur
Lage (Otto, Heiler; Theosophie) muß hier gesprochen
werden. Denn die Kultreform hat ihre Antithese in dem
Verhältnis Predigt-Sakrament. Ist bei F. mit dem ob-
jektiven Vorgang der Predigt der objektive Vorgang des
Sakramentes nun identisch geworden? Jedenfalls würde
auch Theod. Harnack von der sakramentalen Auffassung
des Gottesdienstes her in neue Beleuchtung rücken.
Und zwar wäre Predigt und Sakrament von beiden Seiten
her zu besehen von der Besonderheit der Predigt gegen-
über dem Sakrament und umgekehrt. Würde dann nicht
unser obiges Bedenken über Pistis ins Gewicht fallen?
Würde sich eng verbunden damit nicht ergeben, daß
von Predigt (und Abendmahl) nicht zu reden ist ohne
den mit der Glaubensrelation gesetzten so und so gestal-
teten Kirchenbegriff? Ich bin jedenfalls der geschichtlich
und sachlich begründeten Überzeugung, daß Kerygma
und Eucharistie, nicht Schriftlesung und Predigt die
formbildenden konstitutiven Einheiten des Gottesdienstes
sind. Von da aus gesehen, möchte man sich wünschen,
daß F. das Problem noch einmal aufnimmt. Außerdem,
wann bekommen wir von einem unserer Lutherforscher
ein grundlegendes Wort über Wort Gottes, Predigt und
Sakrament bei Luther?

Theologie des verbum divinum, Predigt des verbum
divinum — damit ruft F. die praktische Theologie
zur theologischen Besinnung zurück; richtet die Ge-
wissensfrage an Pfarrer, Kirche und Theologie. Das
verleiht dem Buch Gewicht. Wenn der tote Punkt in der
Homiletik wirklich überwunden würde, so wäre dies
erst die ganze und zu wünschende Erfüllung.

Erlangen. t Th. Heckel.

Schwarz, Hennami: Ethik. Breslau: F. Hirt 1925. (116 S.)
8°. ?= Jedermanns Bücherei, Abt. Philosophie. geb. Rtn. 3—.

Das Werkchen zeigt die lebendig blühende Sprache des Verf.,
: die auch seinen anderen Schriften eine starke persönliche Note gibt, in
I besonders hohem Maße. Das Abstrakte der z. T. recht ver-
wickelten Probleme ist restlos getilgt und in konkrete Unmittelbarkeit
eingetaucht. Die tiefe geistige Durchdringung des Stoffs zeigt sich
| zudem in einer Fülle eigenartiger Wortprägungen wie: Wertschein,
| Wertlicht, Wertbelag, Wertkruste, Würdcglanz, Ideenfarbe, Ge-
j fallensauge, Wunschfinger, Glüeksfabrik — verseineln, verflößen.
I Allerlei bemerkenswerte Gegensatzpaare wie erschaffen — anschaffen,
: Gutwert — Güterwert, Liebesinnenwelt — Ideenüberwelt bringen
| Farbe und zugespitzte Prägung in die Diktion hinein. Manchmal äußert
sich die poetische Bildkraft vielleicht etwas allzu kühn. Z. B. in
Sätzen wie dem folgenden: „Er soll das, was er bei sieb beschließt, zu
! moralischer Münze machen, indem er es mit dem Salze der Allgc-
; meingiltigkeit durchdringt" (73) Die Lektüre der Schrift, die der
Sammlung „Jedermanns Bücherei" zur Zierde dient, ist auf alle Fälle
ein literarischer Genuß.

Bei aller Anschaulichkeit der Darstellung ist die strenge logische
Analyse niemals außer Acht gelassen.. Die verschiedenen ethi-
schen Standpunkte werden in ihrer Besonderheit deutlich aufgezeigt
und in ihrer Einseitigkeit grell beleuchtet. Glückliche Schemata dienen
dazu, den weitschichtigen ethischen Fragekomplex aufzulockern. So
erfährt etwa die bekannte Antithese von Glücks- und Pflichtethik eine
vielgestaltige und in vielem neuartige Behandlung. Der eigentliche
Kern der Arbeit aber liegt in der Herausarbeitung des Gegensatzes
von Maßstab-Ethik und maßstabloser Sittlichkeit. Zur ersteren gehört
auch der Kantianismus, der trotz aller „Autonomie" doch „äußeren"
Befehlsmächten: dem Vernunftgebot, der Gewissensstimme, dem mora-
lischen Gesetz gehorcht und bestimmte Maßstäbe des eigenen Tuns: die
persönliche sittliche Würde oder das allgemeine Gemeinschaftsprinzip
verwendet. Ein gut Teil der Schrift erschöpft sich in Kritik des
kantischen Rigorismus, der auf der ganzen Linie abgelehnt wird.

Schw. vertritt demgegenüber die maßstablose Sittlichkeit des
„heilig glühenden Flerzens". Diese Ethik steht nicht unter dem
Kommando einer Vernunft, sondern sie lauscht in mystischer Ergriffen-
heit dem Werden schöpferisch-geistigen Lebens in der Seele, das in
selbstlosen Menschen aufquillt und sich in begeisterter Hingabe an
große Aufgaben vollendet. Schw.' Ethik ruht auf der „Metaphysik
der Gottentsieglung". Nicht auf Gesetz, kommt es an, sondern auf
Geist, nicht auf Wertmaßstäbe, sondern auf Enthusiasmus, nicht auf
Eigenwiirdc, sondern auf Hingabe. Der Mensch soll nicht zum
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