Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

Zitierlink

511

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 22.

512

Festruf der Eleusinien (§ 22) sollte sich — meint man

— niemand entziehen können.

Was den Text von 7, 13 ff. anlangt, so scheint es mir das ein-
fachste, V. 16 bß zu streichen, so daß sich die Drohung gegen Juda
selber richtet, wie es u. a. auch von Dillmann-Kittel, Jesaia (1898)
71 f. vertreten wurde. — Aus der Übereinstimmung des Wortlautes
von 7,14 mit Oen. 16,11 und Ri. 13, 3 möchte ich nicht so weit-
gehende Folgerungen ziehen; denn an jenen beiden Stellen fließt er
doch ganz ungezwungen aus der Situation. Außerdem ist der Sinn
in Gen. 16 präsentisch, in Ri. 13 futurisch; dort handelt es sich da-
rum, daß der Engel um ihre Schwangerschaft weiß, hier wird sie
erst verheißen. Wie nah dergleichen in der betreffenden Situation
liegt, zeigt eine Stelle der Völsungensage, wo der sterbende König
Sigmund zu Hjördis sagt: ,,. . . Du gehst mit einein Kinde, pflege
dessen wohl und sorgfältig; dieser Knabe wird der berühmteste und
vortrefflichste von unserem Geschlechtc werden" (Thüle XXI 64).

— Zu Useners Aufsatz über Milch und Honig (§ 11) ist die
Korrektur von K. Wyss, Die Milch im Kultus der Griechen und
Römer (1914) 39—51, nicht zu übersehen, wenn sie auch über
das Ziel hinausschießen dürfte.

Auch bei Kap. 5 kann der Verf. noch weithin auf
Zustimmung rechnen. Aber gerade an der entschei-
denden Stelle, wo er sich bemüht, für Israel irgend-
weich mystisches Erleben nachzuweisen, kommt er doch
nirgends zu ganz schlüssigen Beweisen. Daß der König
den Gott und sein Schicksal agiert habe (§ 73 Ende)
ist Vermutung; und wenn man bedenkt, wie stark die
israelitische Religion gegen die altorientalische Königs-
vergötterung reagiert hat, eine wenig wahrscheinliche.
Beim Prophetismus hinwiederum war wohl für seine
älteste naturhafte Form ein Einswerden mit der Gott-
heit das Ziel. Später merken wir davon gar nichts mehr.
Mag es auch gelegentlich heißen, daß Gott i m Pro-
pheten spricht, so ist er doch immer nur der Diener und
Bote seines Gottes. Der Satz, in Prophetentum und
Königtum habe man die Idee der Vereinigung von Gott
und Mensch gekannt (S. 97), gründet sich somit auf
tote Flußarme. Mit mehr Recht könnte man dort gerade
einen Beweis dafür finden, wie abgeneigt die israeli-
tische Religion allem Mystizismus war, wenn sie solche
Ansatzpunkte unbenutzt verkümmern ließ. Was end-
lich jene Psalmstellen anlangt, so ist ihr genauer Sinn
bekanntlich — das betont auch K. selber — überaus
schwer zu erfassen; man vergleiche neben K. von
Neuesten nur etwa Nötscher, Gott schauen (1924) 147ff.
und Gunkels im Erscheinen begriffenen Psalmenkom-
mentar. Ob i/z 73 oder irgend eine Stelle über das
Leben im Diesseits hinausblickt, muß äußerst fraglich
bleiben. Wenn K. dem Dichter von \p 73 seine Er-
kenntnis aus Berührung mit hellenistischer Mysterien-
religion zugeflossen sein läßt (§ 82 Ende), scheint er
mir damit seine eigene Beweisführung aufzuheben. Und
Gottesgemeinschaft braucht noch lange keine unio mysti-
ca zu sein.

Treffend sarrt K. (S. 92): wenn auch einzelne Aus-
drücke an die Sprache der Mysterien anklingen, sei
doch alles ganz anders gemeint. Gewiß mußten beim
Juden, der dort auf jene Begriffe stieß, verwandte
Saiten anklingen. Aber daß das eigentlich mystische
Element seinem Wesen nach unisraelitisch ist, daß der
mystische Funke von anderswoher kommen mußte, das
möchte ich im Interesse der Klarheit noch etwas stärker
betont sehen, als es bei K. der Fall ist.

Mag man also einzelnes auch etwas anders an-
sehen: die gehaltvolle, tief dringende Arbeit hat jeden-
falls das Verdienst, die Frage nach dem jüdischen An-
teil an den Mysterienreligionen energisch aufgeworfen
zu haben. An der weiteren Forschung ist es nun, sie zu
beantworten.

Marburg. W. Baumgartner.

Chumnos, Georgios: Old Testament Legends from a Greek
poein on Genesis and Exodus. Edited with Introduction, Mctrical
Translation, Notes and Glossary from a Manuscript in the British
Museum by F. H. Marshall, M. A. Cambridge: Univ. Press 1925.
(XXXU, 116 S. m. 28 Taf.) 8°. geb. sh. 7/6.

Von dem spätgriechischen Gedicht des Georgios
Chumnos aus der Stadt Chandax (Candia) auf Kreta,

das die Erzählungen der beiden ersten Bücher Mosis
behandelt und wohl ca. 1500 entstanden ist, waren bis-
her nur ein paar Zeilen bekannt; Untersuchungen fehl-
ten, man konnte sich keine rechte Vorstellung von dem
Wert der Dichtung machen. Man konnte nicht einmal
sagen, ob ihr Wert in der Sprache, in der Weiterbildung
des Griechischen zum Neugriechischen, oder ob er etwa
im Inhalt begründet liege. Diesem Mangel ist jetzt ab-
geholfen durch den Abdruck von etwa einem Viertel des
Textes aus der Handschrift des British Museum Add.
MS 40 724, das 1922 erworben wurde. Es ist ge-
schrieben auf dem Sinai und gehörte einst Sir Thomas
Brooke. Bekannt waren bisher 2 Handschriften in
Wien und Venedig, die von Krumbacher in seiner Ge-
schichte der Byzantinischen Literatur verzeichnet sind.
Die von Marshall bekannt gegebene Handschrift zeich-
j net sich durch einen großen Reichtum von Miniaturen
aus, und es ist besonders dankenswert, daß 28 dieser
! Miniaturen wiedergegeben werden. Sind sie auch nicht
I Zeugnisse einer bedeutenden Kunst, so entsprechen sie
doch in ihrem volkstümlichen Charakter dem Gedichte
des Chumnos, das Marshall als eine Popularisierung
der theologischen Literatur kennzeichnet. Und damit ist
wohl auch der Wert des Gedichtes richtig gekenn-
I zeichnet. Die Legenden, die sich an die Erzählungen der
! heiligen Geschichte von Adam bis Moses angeschlossen
haben, werden in volkstümlicher Form in Verse ge-
bracht. Sie entsprechen dem abendländischen Ge-
schmacke sehr wenig, sind aber darum für den byzan-
tinischen Osten umso charakteristischer. In der Wieder-
gabe dieser Legenden in Wort und Bild beruht der Wert
dieser Publikation. Selbstverständlich ist ihr Inhalt nicht
Eigentum des Dichters Chumnos. Marshall hat es sich
angelegen sein lassen, die parallelen Erzählungen in der
Apokrypbenliteratur, namentlich in der slawischen Lite-
ratur an der Hand der neueren Veröffentlichungen nach-
zuweisen und kommt dabei zu Ergebnissen, die unser
Wissen durchaus bereichern; u. a. weist er eine Art öst-
licher Biblia pauperum nach. Er hat jedenfalls in der
lehrreichen und fördernden Einleitung Vieles getan, um
die Legenden auf ihre Quellen zurückzuführen. Dabei
ist mir aufgefallen, daß er die Frage nicht aufgeworfen
hat, ob die Legenden nicht ihre Parallelen in der rabbi-
nischen Literatur haben, so sehr ihre Ausgestaltung
christlichen Geist verrät.

Marshall hat dem griechischen Texte eine gereimte
englische Übersetzung beigegeben, die sehr nützlich ist.
da das Verständnis der Sprache Schwierigkeiten macht.
I Ebenso hat er eine Reihe von Erklärungen und ein
Glossar beigegeben. Gewünscht hätte ich, daß auch
über die Metrik ein Wort gesagt worden wäre.

Die Ausstattung des Buches ist ausgezeichnet. Das
Buch selbst mit seinem reichen und neuen Inhalt wird
vielen willkommen sein.
Kiel. o. Picker.

| Helbing, Dir. Dr. Robert: Auswahl aus griechischen Papyri.

2., veränd. Aufl. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1924. (132 S.)

kl. 8°. Sammlung Göschen 625. geb. Rm. 1.25.

Die Neuauflage dieser sehr verdienstlichen und nach wie vor sehr
empfehlenswerten Sammlung zeigt einige Änderungen: Fremdwörter-
Verdeutschung, gedrängteren Druck, gedrängteren Stil; außerdem die
selbstverständliche Literaturergänzung, doch sind S. 33 ff. nicht durch-
weg die neuesten Auflagen genannt. Von symptomatischer Bedeutung
scheint es mir zu sein, daß H. den Ausblick auf ein Corpus papyroruni
jetzt gestrichen hat; in der Tat ist für ein solches Unternehmen die
Zeit noch nicht gekommen,solange fast jedes Jahr neue Ausbeute bringt.
An den Veröffentlichungen des letzten Jahrzehntes läßt die neue Auf-
lage den Leser fast gar nicht teilnehmen, doch kommt es in einer
solchen Sammlung ja mehr auf instruktive als auf neue Beispiele an.
Änderungen in der Auswahl der Texte sind offenbar nur im Sinne
dieser pädagogischen Abzweckung des Ganzen vorgenommen. Vou
den Einladungsbriefen, deren die erste Auflage vier enthielt, sind zwei
gestrichen, fraglos mit Recht; außerdem ist das Begleitschreiben zur
Mumiensendung P. Par. 18 b weggefallen sowie der schöne Lchr-
lingsvertrag P. Oxy. II 275, dem ich allerdings etwas nachtraure.
Dafür sind folgende insgesamt sehr bezeichnende und darum für die
Sammlung sehr geeignete Stücke aufgenommen: der Erlaß des Ger-
loading ...