Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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gegenüberstellen, weil ihm Sinn der Wissenschaft die
„absolute Ergründung", Philosophie also die „Urwissen-
schaft" ist, ohne deren Arbeit es keine Basis der Kultur-
wissenschaft gibt (III 240, 252, 287f.), dessen Arbeit
muß bewußt oder unbewußt auf Religionsphilosophie
hinauslaufen. Für das Überseiende war neben dem
Nichtseienden (Geltenden) ein Platz im Begriff des
Übersinnlichen von vornherein frei gehalten; alle lo-
gischen Kategorien wie die der Wahrheit sollten von
diesem wie von Geltenden an sich freigehalten, es in
seiner Reinheit als Alogisches aufgefaßt werden. Die
Möglichkeit des Agnostizismus d. h. der faktischen Un-
erkennbarkeit der Gottheit (stumme unerleuchtete An-
betung) wird im Sinne der Mystik offengehalten (ohne
definitive Erledigung der Frage), die prinzipielle Uner-
kennbarkeit (Alogismus) abgelehnt (203 ff. 207. 219ff.).
Jedenfalls bleibt die Spekulation auf den materialen
Glaubensgrund angewiesen. Vielfach versuchte Zu-
sammenordnung der Religion mit der Theorie (unter dem
Gesichtspunkt der Kontemplation) und mit dem Ethos
führt zu dem Ergebnis, daß Religion sich nicht auf eine
Seite schlagen läßt, sondern das Übergeordnete zu Kon-
templation und Praxis ist (III 231). Die Personalität steht
nicht im Zentrum (wie bei der Sittlichkeit), fehlt aber doch
auch nicht völlig (wie bei der Theorie). Ferner ist nur
in ihr das bloße Nichtsinnliche Objekt (229). Alle
nichtreligiösen Gebiete des Übersinnlichen sind Form-
gebiete, das Objekt des religiösen Verhaltens dagegen
überformal, weil überseiend. Damit ist gegeben, daß die
transcendental-apriorische Subjektsform nicht auf das
Religiöse auszudehnen ist, es also ein formal-religiöses
Apriori nicht geben kann, weil damit die abstrakte Wert-
artigkeit auf den Thron gesetzt würde (III 181., 183f.).
Es läßt sich ahnen, daß der göttliche Urwert, der in
der Religion erlebt wird, es ist, aus dem die Vielheit
der Werte (differenziert durch „Materie") stammt und
daß ein „überdualistischer" Standpunkt die letzte Konse-
quenz des Denkens bildet (253. 283). Diese sehr inter-
essanten Gesichtspunkte haben freilich die erforderliche
Begründung noch nicht gefunden, aber sie bilden ohne
Frage nicht momentane Einfälle, sondern Konsequenzen
des von Lask eingenommenen Standpunkts, der von
ihm so eindrucksvoll begründet ist.

Berlin. A. Titius.

Much, Prof. Dr. Hans: Vom Wesen des Lebens. Line Skizze
und Anregung. Leipzig: C. Kabitzsch 1924. (36 S.) 8°. = Mo-
derne Biologie, Heft 7. Rm. —90.

Ehrenberg, Prof. Dr. med. Rud.: Leben und Tod. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1925. (78 S.) gr. 8°. = Studien des apologet.
Seminars in Wernigerode, Heft 11. Rm. 2—.

Much, Direktor des serologischen Instituts und Prof.
in Hamburg, redet manch kräftiges Wort wider den
Tiefstand der wahren Wissenschaft vom Leben; gegen
die „Schwärmerei des Mechanomaterialismus", aber auch
gegen die „Irrtümer des Vitalismus" spricht er sich
vom Standpunkt des Kritizismus aus. Das Wesen des
Lebens gilt ihm als unerkennbar, den Wahrnehmungen
unserer Sinne für immer entzogen; statt das Leben der
Maschine zu vergleichen, stellt er es mit v. Baer im
Analogie zur Melodie; Melodie und Instrument sind
gleich notwendig, wenn anders ein Organ zu Stande
kommen soll. Die Lebenstätigkeiten beziehen sich auf
die Ganzheit, die Gesamtheit, und das Gesetz von Ur-
sache und Wirkung ist darauf nicht ohne Weiteres an-
wendbar. Neben der „ungeheuerlichen Mannigfaltigkeit
des Kräftespiels", das wir schon in der einzelnen Zelle
annehmen müssen, sind es besonders erstaunliche Ergeb-
nisse aus dem Gebiet seiner eigenen Fachwissenschaft,
der „pathologischen Biologie", die M. für die Unzuläng-
lichkeit aller bisherigen „Erklärungen" des Lebens an-
führt. Ob alle seine Behauptungen bis ins Letzte er-
weisbar sind, mögen Medizin und Biologie ausmachen.
Daß aber auch in der biologischen Forschung die At-
mosphäre eine ganz andere zu werden beginnt, als vor
dein Kriege, darf mit Dank festgestellt werden.

Andern Schriften nach zu urteilen, ist Much Ver-
treter eines „arisch-buddhistischen Denkens"; als „offen-
barungsgläubiger" Christ hat Ehrenberg seine Helm-
städter Vorträge gehalten; in der antimechanistischen
Richtung ihres biologischen Denkens stimmen aber beide
durchaus überein. Mit großer Gründlichkeit und be-
neidenswerter Anschaulichkeit führt E. seine Hörer in
das Wesen der „belebten Substanz" und ihrer wichtig-
sten Funktionen ein. Wenn es wohl den Lesern nicht über-
all gelingen wird, ihm bis ins letzte zu folgen, so gehört
doch diese Einführung zum Besten und Lebens-
vollsten, was zur Einführung in die biologischen
Probleme gesagt werden kann. E.s Grundgedanke geht
dahin, daß die Assimilation nicht, wie vielfach ange-
nommen, ein periodischer, sondern der kontinuierliche
Prozeß ist, der den Fortgang des Lebens trägt, ja recht
eigentlich damit identisch ist, und daß er wie mit den
Formbildungen, so mit den Formentwirkungen unlös-
lich verbunden ist. Individualität ist nichts Ruhendes,
sondern ein Geschehendes, eine Geschichte; indem das
Leben Gestalt wird, lebt es. Diese letzten Gedanken über
das Leben lenken zurück zu dem ersten Vortrag, mit dem
sehr wirkungsvoll eingesetzt wird, über den Tod. Gegen-
über der geläufigen Auffassung des Todesproblems
(das übrigens in der Biologie recht stiefmütterlich be-
handelt wird), wonach der Tod im Grunde ein zu-
fälliger, wenn auch unvermeidlicher Ausgang des Lebens
ist, führt E. die Annahme durch, daß es gerade die ge-
formte Materie, die zunehmende Strukturerfüllung ist,
die den Fortgang des Lebens hemmt und notwendig
zum Tode führt; die Beurteilung dieser neuen Hypo-
these ist selbstverständlich Sache der Fachwissenschaft,
aber jedenfalls paßt sie gut zu der unbestreitbaren Tat-
sache, daß das Leben ein historischer Prozeß ist und
E. hat ihr ein tiefgehendes Symbol für die geistige Tat-
sache abgewonnen, daß Wiedergeburt notwendig durch
Tod hindurchführt.

Berlin. A. Titius.

Herrmann, Wilhelm: Dogmatik. Mit einer Gedächtnisrede auf
Wilhelm Herrmann von Martin Rade. Gotha: Fr. A. Perthes
1925. (XXIV, 103 S.) 8°. Bücherei d. Christi. Welt. Rm. 2.50.

Die Diktate der dogmatischen Vorlesungen Herr-
manns sind, auf Grund guter Nachschriften, erstmalig
in der „Christi. Welt" 1923 und 1924 erschienen. Für
den vorliegenden Sonderdruck ist der Text nachgeprüft
und wesentlich verbessert. Die Schwierigkeit einer Her-
ausgabe der Diktate bestand darin, daß H. an ihnen in
jedem neuen Jahrgange änderte. Da sich eine kritische
Ausgabe, die durch Darbietung wenigstens der wichtig-
sten Varianten H.s theologische Entwicklung belegen
könnte, der Verhältnisse wegen gegenwärtig kaum loh-
nen würde, hält sich die Ausgabe für den ersten Teil
an H.s Diktate vom S.S. 1913, für den zweiten an die
vom W. S. 1915/16, sodaß man es mit einem Text aus
Herrmanns letzter Hand zu tun hat.

Durch die Zusammenfügung von Teilen zweier verschiedener Jahr-
gänge bieten die §§ 21—26 einige störende Wiederholungen. Es wäre
wohl richtiger gewesen, in § 26 den mittleren Abschnitt über das
Schriftprinzip, der nicht zu der Überschrift paßt und durch § 21 und
22 überflüssig wird, zu streichen.

Die Herausgabe von Herrmanns Diktaten ist zu
begrüßen. Allerdings bieten sie dem, der von H.s
Büchern und Aufsätzen herkommt, nirgends Über-
raschungen und kaum irgend etwas Neues. Der Mar-
burger Theologe gab schließlich in jedem Aufsatze, den
er schrieb, seine ganze Theologie. Immerhin ist es
von Wert, an den Diktaten zu beobachten, wie H. seine
unermüdlich wiederholten Forderungen für die evange-
lische Dogmatik nun an dem überlieferten Stoffe im
Einzelnen durchführte.

Die Dogmatik zerfällt in zwei Teile. Im ersten („Die Religion")
gibt H. seine Theorie der Religion und des Christentums, in ständiger
Auseinandersetzung insbesondere mit der altprotestantischen Orthodoxie.
Der zweite Teil entfaltet „die Glaubensgedanken des evangelischen
Christentums" in der für H. bezeichnend formulierten Anordnung:
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