Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 10.

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durch die Beziehungen des nt. Sprachgebrauchs zum
jüdisch-alttestamentlichen verdunkelt würden.

So stehe ich nicht an, Preuschen-Bauer als das
nt. Wörterbuch zu begrüßen. Seinen Zweck, „den ver-
schiedensten Kreisen, vom Studierenden bis zum selb-
ständigen Mitforscher", zu dienen, erfüllt es vollauf,
wenn, was nicht zu bezweifeln ist, die weitern Liefe-
rungen auf der Höhe der ersten bleiben. Der Mit-
forscher wird mit Befriedigung das Wörterbuch von
Ebeling (1913), das bisher einzige vollständige, das die
zeitgenössischen literarischen und unliterarischen Sprach-
dokumente heranzieht, aber ein Ungeheuer von Ab-
kürzungstechnik und Unübersichtlichkeit ist, beiseite
legen, um es höchstens gelegentlich zu unbedeutender
Nachlese hervorzunehmen; Studenten und Pfarrer wer-
den sich die Mehrausgabe für Preuschen-Bauer gegen-
über primitivem Hilfsmitteln nicht reuen lassen und
gerade das, was sie vielleicht zuerst als Ballast weg-
werfen, allmählich als eine wertvolle Bereicherung ihrer
Einsicht in das Griechische des N. T. schätzen lernen.

Auch äußerlich erscheint das Buch in wesentlich
veränderter Gestalt. An die Stelle der Antiqua und des
zugehörigen schrägen Griechisch ist die Fraktur und
das aufrechte Griechisch getreten, beides in den Typen,
die von der leistungsfähigen Druckerei Hubert & Co. in
Göttingen für verschiedene neuere lexikalische und
grammatische Werke (Preisigke's Wörterbuch, Passow-
Crönert, Blass-Debrunner u. a.) verwendet werden. Lei-
der erforderte die Rücksicht auf den Preis des Buches
Beschränkung auf Petitsatz und Weglassung der Zeilen-
spatien, so daß der Druck für die Augen mühsamer
geworden ist; die Type i, die fast immer verwischt ist,
sollte neu geschnitten werden. Die Übersichtlichkeit ist
musterhaft; nur würde ich für eine dritte Auflage
empfehlen, zu versuchen, ob nicht der aus der Antiqua
der 1. Aufl. übernommene Schrägdruck der Bedeu-
tungen, der das notgedrungen schon durch die Mischung
von Zahlen und verschiedenen Alphabeten unruhige
Satzbild noch unschöner macht, durch leichten Sperr-
oder Fettdruck oder durch „ " ersetzt werden könnte.
Daß trotz all diesen raumsparenden Maßnahmen, wozu
noch die Vergrößerung des Satzspiegels und manche
Streichungen kommen, die 128 Spalten der 1. Liefe-
rung stofflich doch nur bis Sp. 1241/. der 1. Auflage
kommen, beweist, wie viel der Bearbeiter hinzuge-
fügt hat.

Das Ganze ist auf ungefähr 10 Lieferungen be-
rechnet, so daß es nur etwa 70 «/o teurer werden wird
als die 1. Auflage, und das ist schon durch die innere
Hebung und die äußere Vermehrung durchaus gerecht-
fertigt. Der Druck ist, so weit ich sehe, bewunderns-
wert zuverlässig. Einzelaussetzungen, wie sie bei einem
solchen Buch jeder kritische Benützer wird machen
können, will ich, statt hier den kostbaren Raum zu ver-
schwenden, lieber nach längerem Gebrauch des fort-
schreitenden Werks dem Bearbeiter zusenden, und ich
möchte alle Benützer lebhaft ermuntern, auf diese Weise
ebenfalls an der Vervollkommnung dieses wichtigen
Hilfsmittels mitzuarbeiten.

Bern. A. Debrunner.

Schmitz, Prof. D. Otto: Die Christus-Gemeinschaft des
Paulus im Lichte seines Genetivgebrauchs. Gütersloh: C.
Bertelsmann 1924. (270 S.) 8°. = Neutestamentliche Forschungen
hrsg. v. Otto Schmitz, 1. Reihe: Paulusstudien 2. Heft. Rm.6—.
Der Gegenstand dieser Untersuchung führt in einen
weiten und beziehungsreichen Zusammenhang von
sprachlogischen und sprachphilosophischen Problemen;
denn in der Frage, wie in der Art des paulinischen
Genetivgebrauches seine religiöse Anschauung sich kund-
ebe, spezialisiert sich das größere Problem des Ver-
ältnisses von Wort und Wortverbindung zu religiösem
Gedanken, genauer gesprochen zu religiöser Wirklich-
keit. Der Zusammenhang der Worte steht unter einer
anderen Gesetzlichkeit als der des religiösen Erlebens

und Aussagens; und doch ist dieses nur im Wort und
durch das Wort bestimmbar. Das Wort ist Symbol des
frommen Erlebens und übergreift so die grammatika-
lischen Kategorien, unter denen die Fügung der Worte
steht; diese empfängt ihre Prägnanz und Eindeutigkeit
erst von dem Zusammenhang des Sinnes, in dem der
Glaube lebt.

In der Genetivverbindung, wie sie in mannigfachen
Formen und Zusammensetzungen mit dem Namen
Christi in den paulinischen Briefen erscheint, kommt
dieses eigentümliche Verhältnis zwischen der Logik des
Wortes und der Logik des Glaubens, wenn man es ein-
mal so kurz ausdrücken darf, wie auf engem Räume zu
deutlichem Ausdruck. Der Verfasser schärft in minutiöser
Untersuchung immer wieder ein, daß die nur gramma-
tischen Unterscheidungen zwischen einem Genetivus sub-
jektivus und objektivus nirgends dem Sachverhalt ge-
nügen. Er ist darin zunächst ohne Zweifel im Recht,
und in der Hervorhebung dieser Unangemessenheit
liegt das unbestreitbare Verdienst dieser Arbeit. Denn
die starre, formal logische Unterscheidung zwichen Sub-
jekt und Objekt wird dem Tatbestande des Glaubens
nicht gerecht, dessen „Objekt" sich dadurch erst be-
stimmt, daß die Bezogenheit auf das „Subjekt" als kon-
stituierendes Merkmal seiner Gegenständlichkeit in ihn
eingeht. So kann man hier nur von einem subjekt-
bezogenen Objekt, oder einem objektbezogenen Subjekt
reden; so ist hier, grammatisch gesprochen, nur ein
Genetivus subjektivus-objektivus möglich. Wenn man
eine solche Kategorie grammatisch für unzulässig hält,
so bleibt die der religiösen Aussage am meisten ent-
sprechende Kategorie die des Genetivus qualitatis, in
derer. Allgemeinheit die Eigentümlichkeit des religi-
ösen Sinnes und seiner Gesetzlichkeit vergleichsweise
unverkürzt und rein zu Geltung und Ausdruck, d. h. im
strengsten Sinne „zu Worte kommt".

Wenn die negative These der Untersuchung also
im allgemeinen wird Zustimmung erfahren müssen, so
nicht auch mit gleichem Sinn und Recht die ihr ent-
sprechende positive. Schon Wendungen wie diese, daß
„wir es mit in sich geschlossenen religiösen Macht-
größen zu tun haben, bei denen der Genetiv das Nomen
nur in ganz allgemeiner Weise näher bestimmt"
(S. 226.) — und sie sind sehr häufig — deuten auf eine
gewisse Unklarheit der gedanklichen Verbindung. Die
Tatsache, daß „die entsprechenden Formulierungen sich
aut Höhepunkten religiöser Bewegtheit einstellen" und
„der Diktion einen feierlichen Vollton geben", — diese
Tatsache selbst einmal als richtig angenommen — geht
nur auf die Gefühlsbetontheit der religiösen Rede und
klärt nicht ihren gedanklichen Zusammenhang. So bleibt
als ein Positives nur die These, daß jene „ganz allge-
I meine Weise" der Bestimmung die „mystische" Be-
I Sonderheit der Christusgemeinschaft des Paulus re-
präsentiere. Aber sie repräsentiert nach dem eben Aus-
geführten weder ein Besonderes noch gar ein „Mysti-
sches", sondern nur die Eigentümlichkeit des allge-
meinen religiösen Verhaltens. Weil in der unlöslichen
religiösen Bezogenheit von Subjekt und Objekt beide
erst gegenseitig bestimmt werden, kann und muß man
in Wendungen wie „das Evangelium Christi" den Gene-
tiv zugleich als einen subjektiven und objektiven be-
zeichnen; Ursprung und Gegenstand ist hier beides
eines und dasselbe. So wird es aber auch möglich,
dort wo der Zusammenhang der religiösen Aussage es
gestattet, gleichsam von neuem Grunde aus, die alte
Frage nach dem subjektiven oder objektiven Genetiv
aufzuwerfen; denn das eine oder andere Moment des
Korrelativverhältnisses kann in solchem Zusammenhang
so stark betont werden, daß die Frage ein neues Recht
erhält. Aber auch dann ist der subjektive Genetiv
ebenso sehr wie der objektive Symbol der Gemeinschaft
von religiösem Ich und religiösem Gegenstand, aber
nicht einer besonderen Christusgemeinschaft des
Paulus.
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