Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 9.

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(S. 22), wobei vor allem die Einheit von Religion und
Kirche erst zu begründen und das Wesen der angeblich
religiösen Gesetze erst zu erforschen wäre, und wobei
vor allem die Aufgabe verkannt ist, die doch darin hätte
bestehen müssen, zwar im Gegensatz zu dem sozio-
logischen und sonstigen Positivismus dem Staate ein
sittliches Fundament zu geben, ihm aber neben der
Kirche sein eigenes Recht und seinen eigenen Sinn zu
belassen. Dieses Versagen des Verf. vor seiner Aufgabe
beruht in letzter Linie darauf, daß er die historische und
die metaphysische Begründung der empirischen Welt
verquickt, wie vor allem auch sein Exkurs über die
Entstehung des römischen Weltstaates beweist: Solche
Probleme, wie das vom Verf. angegriffene, lassen sich
vielleicht historisch beleuchten, aber nicht historisch
lösen, ganz abgesehen davon, daß die Zurückführung
des Staates auf einen zugestandenermaßen fiktiven Akt
der Staatsgründung auch keine historische Lösung des
Problems bedeuten kann. Diese Methodenvermengung
rächt sich an dem Verfasser, und das kann ja auch nicht
anders sein. Der Historiker kann nur zeigen wollen,
wie etwa religiöse oder ethische Gesichtspunkte auf die
Gestaltung dieser oder jener geschichtlich gegebener
Staaten eingewirkt haben, nicht aber, welcher Wesens-
zusammenhang zwischen Religion und Recht besteht.
Die Aufgabe des Verf. bestand aber darin, das überge-
schichtliche Wesen von Staat und Rechtsordnung zu
erfassen, und dazu mag die Geschichte das Material bei-
steuern, die Lösung des Problems wird immer der
Philosophie vorbehalten bleiben müssen. Es ist dies
eine Frage, die nur mit dem ganzen Rüstzeug der Er-
kenntnistheorie in Angriff genommen werden kann; also
auf dem Wege, den ich in meiner „Philosophie des
Rechts" eingeschlagen habe. Dieser Weg würde dann
freilich zu dem vom Verf. erstrebten, wenn auch nicht
erreichten Ziele führen: zu der Erkenntnis, daß der
Positivismus, sei es der Juristen, sei es der Soziologen,
das Wesen von Staat und Recht überhaupt nicht zu er-
fassen vermag, weil er von den Ideen nichts weiß, die
die historisch-politische Welt konstituieren.

Göttingen. Julius Binder.

Die Verhandlungen des einunddreißigsten Evangelisch-
Sozialen Kongresses in Reutlingen am 10.-12. Juni 1924.
Nach den Manuskripten u. Stenograph. Niederschriften hrsg. v.
Generalsekr. Pfarrer Johannes Herz. Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht 1924. (129 S.) gr. 8°. Rm. 2.50.

Dieser Bericht gibt denen, die wie ich nicht in der
Lage waren, der Reutlinger Tagung des Ev. sozialen
Kongresses persönlich beizuwohnen, die Möglichkeit,
seinen reichen geistigen Inhalt sinnend nachzuerleben.
Zum ersten Male ist die Eröffnungspredigt (von Mah-
ling) mitgedruckt worden; sie verdient es, sie hat tiefen
Eindruck gemacht. Für das Wertvollste halte ich die
beiden Vorträge über ,die Wirkungen der Industriali-
sierung auf die Gemeinde' (Cordes-Wilhelmsburg und
Springer-Stuttgart), an die sich freilich eine Aussprache
nicht angeschlossen hat; sie gewähren einen ausge-
zeichneten Einblick in die Verhältnisse und Probleme.
Auch der Vortrag von Frau Glaue-Jena über .Gegen-
wartsnöte und ihre Wirkungen auf das Familienleben',
ergänzt durch eine lebhafte und vielseitige Diskussion,
ist ergreifend und fruchtbar. Die Debatte zum ersten
Vortrag (Raab-Gießen) über ,Ethik und Sozialpolitik'
ist etwas zerfahren gewesen, wohl, weil der Vortragende
innerlich nicht zu den Kongreßkreisen gehört, einen
ganz andern Gottesgedanken vertreten und sich wesent-
lich in theoretischen Gedankenkreisen und lediglich for-
malen Begriffsbestimmungen bewegt hat, sodaß weder
eine praktische Anknüpfung noch eine fruchtbare Aus-
einandersetzung möglich war. Das Studium des ganzen
Heftes ist lohnend, eine zahlreiche und aufmerksame
Leserschar dringend wünschenswert. — Sollte der Ev.
soziale Kongreß nicht einmal über das Fordsche Buch
xi « ein"im Ar°eitgeber, einem Arbeitnehmer, einem
iNationalokonomen und einem Theologen reden lassen?

Frankfurt a. Main. D. Borne mann.

Starcke, Prof. C. N.: Baruch de Spinoza. Ins Deutsche über-
tragen von Karl Hedwig. Kopenhagen: Gyldendalske Boghandel
1923. (392 S.) gr. 8°.

„Es ist nicht die Absicht dieses Buches, eine aus-
führliche Schilderung von Spinozas Lebenslauf oder dem

philosophischen Inhalt seiner Lehre . . zu geben.....

Was den Verfasser interessierte, ist der Versuch, aus all
dem, was man Sicheres über Spinoza, sein Leben und
sein Denken weiß, ein Gesamtbild zu gewinnen, daß
allein uns verständlich machen kann, daß er dachte wie
er dachte, und der Menschheit so große Werte über-
mittelte" (aus dem Vorwort). In der Tat läßt der Ver-
fasser die Lehre Spinozas mit überraschender Konse-
quenz aus der Grundstruktur seines Wesens hervor-
vvachsen. Alle Gedankenbewegungen, die Spinoza in
sich aufnimmt, habe er in Beziehung zu seiner religiösen
Leidenschaft gebracht; im Streben nach einer mathe-
matisch rationalen Weltauffassung habe er den adä-
quaten Ausdruck für seine eigene mathematische Denk-
weise gefunden: Spinoza ein religiös bewegter Mensch,
der in Gott lebt und wirkt, ein religiöser Denker, dessen
Sprache die der Erkenntnis ist, der Erlösung sucht, aber
die Gedankenwelt für sein Verhältnis zum Göttlichen
in der Wissenschaft sucht. Dabei wird besonders stark
das tiefe Gepräge seines Denkens durch den jüdischen
Geist betont. Sein Gott ist Jehova, der Gott der Macht.
Aber Spinoza fühlt, daß die unermeßliche Kraft dieses
Daseins auch ihn durchströmt. Der vollkommene Ge-
horsam dem mächtigen Gott gegenüber kann nicht auf
emotionelle Gewaltsamkeit der Affekte, sondern nur auf
der Macht des Gedankens als eines Übersubjektiven auf-
gebaut werden. Von diesen Grundgedanken aus ent-
wickelt der Verfasser in geschlossenem Ideenaufbau ein
zwingendes Bild von der Systematik der Lehre Spinozas.
Aus Charakter, Grundeinstellung zum Leben und welt-
anschaulichen Elementen erwächst eine Gesamtschau
seines Denkens und seiner Lebensgestaltung. „Eine tief
menschliche Auffassung aller Verhältnisse, eine leben-
dige Freude am Leben und Wirken und an der Mannig-
faltigkeit und Freiheit der fruchtbaren Kräfte, eine un-
überwindliche Abneigung gegen alle Unordnung und
Sklaverei: das ist Spinoza". So erscheint Spinoza „als
jüdischer Prophet in moderner Gestalt".

Ohne Zweifel war es berechtigt, den Gott Spinozas
wieder als „Realität", als sein Denken und Leben be-
herrschende Wirklichkeit und Wirksamkeit hinzustellen,
und doch ist dieser Gott, jedenfalls für die Erkenntnis,
zugleich Prinzip des Seins, der aus Prinzipien begriffene
j Sinngehalt des Seins, kurz der Sinngehalt der Methode
selbst. Ebenso wird man die „Rationalität" des Denkens
Spinozas durchaus zugeben können, aber wird doch dem
Verfasser gegenüber stärker die glutvoll bewegte Intu-
ition als tragenden Urgrund betonen müssen. Es genügt
dazu nicht, in Spinozas Metaphysik nichts zu sehen als
eine Intuition, durch die er das Dasein als die verwirk-
lichte Erkenntnis sieht. Spinozas Metaphysik gedeutet
als durchgeführte Objektivierung von dem, was im Be-
griff der Erkenntnis liegt, stellt die tatsächlichen Zu-
sammenhänge auf den Kopf und rückt das System
Spinozas bedenklich nahe an die Problemstellung Kants.
Der Verfasser übersieht zu sehr die Problematik der
analytischen Methode und ihren Unterschied von der
Synthese: Seine Deutung der synthetischen Intuition, zu
der Spinoza auf dem Boden der ratio gelangt sei und
nur auf ihm, scheint mir nicht haltbar. Vielmehr muß
die Seligkeitssehnsucht im religiösen Sinn bei Spinoza
wenn auch nicht im Sinn der Mystik so doch irrational
gefaßt und so als letztes Motiv der Gedanken gewertet
werden; zugleich erscheint mir der rationale Begriffs-
apparat, die mathematische Methode weniger als Ver-
such des Ausdrucks dieser Gotteserlebnisse sondern
vielmehr als Mittel der Bändigung, Läuterung und Be-
ruhigung seiner gluterfüllten Grundstimmungen. Auch
die analytische Struktur der Ableitung aller Einzel-
erkenntnisse aus dem in sich gewissen Absoluten, das
erschaut, erlebt, nicht rational gewonnen ist, die dadurch
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