Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 3.

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irrung vom Wege. Zum Schluß kommen die aus der
Situation entstehenden Gefahren für den Protestantismus
und die Aufgaben desselben zur Besprechung. K. sieht
die Dinge klar und nüchtern an; die Tatsachen sind
i. A. richtig wiedergegeben; kleine Irrtümer laufen
unter. Die Wandlung in der Stimmung des offiziellen
Frankreichs gegenüber dem Vatikan ist noch nicht re-
gistriert (S. 17). K. hat aber sehr viel aus anderen
Schriften übernommen; er wäre unbedingt verpflichtet
gewesen, sie zu nennen. Ungenau ist die Gleichsetzung
von Söderbloms und Heilers Begriffen von evangelischer
Katholizität. Die Darstellung ist ruhig; überflüssige Po-
lemik ist vermieden; aber K. tritt für evangelischen
Aktivismus gegenüber dem katholischen ein. Die Schrift
ist also geeignet zur Aufklärung und Aufmunterung
weiterer evangelischer Kreise. An einzelnen Stellen muß
ich freilich Widersspruch erheben. In der Gegenüber-
stellung von katholischem und evangelischem Gottes-
dienst z. B. ist K. m. E. zu freundlich gegen den katho-
lischen, ungerecht gegen den evangelischen Gottesdienst,
der gegenüber den Vorzügen des katholischen „nüchtern,
farblos, öde und arm" erscheine. Das ist einseitiges
Geschmacksurteil.

Breslau. M. Schi an.

Brentano, Lujo: Der wirtschaftende Mensch in d. Geschichte.

Gesammelte Reden und Aufsätze. Leipzig: Felix Meiner 1923.
(XII, 498 S.) 8°. Gm. 7.50; geb. 9—.

Als den verbindenden Grundgedanken dieser 11
Aufsätze nennt das Vorwort „das Streben nach einer
mit den Tatsachen des Lebens übereinstimmenden Lehre
vom Wirtschaftsleben". Diese Einstellung habe zu-
nächst die Abwendung von dem abstrakten homo oeco-
nomicus der klassischen Nationalökonomie (I, Antritts-
vorlesung 1888 als Nachfolger von Lorenz v. Stein in
Wien) bewirkt. Da also der wirtschaftende Mensch unter
der Wirkung mannigfaltiger Motive, insbesondere auch
der religiösen, gesehen wird, sind allgemeine Berüh-
rungspunkte vorhanden zu den großen sozialhisto-
rischen Arbeiten von Sombart, Max Weber und
Troeltsch. Aber das Buch dient nicht zum wenigsten
dem Zweck, ihnen gegenüber Br.'s eigene Grundlehren
zu bekräftigen. Einige Aufsätze geben auch eine Aus-
einandersetzung mit den katholischen Auffassungen über
die Geschichte der sozialethischen Ideen. Die Mün-
chener Rektoratsrede über „Ethik und Volkswirtschaft
in der Geschichte" (II, von 1901) mit einer nach-
folgenden Zusammenstellung von Quellenbelegen zu
den „wirtschaftlichen Lehren des christlichen Altertums"
(III, Münchener Akademierede von 1902), die Auf-
sätze über „die Kirche und die Entwicklung zur Frei-
heit" (IV, kürzer zuerst Frankfurter Zeitung 1910) d. h.
die hemmungsreiche Geschichte der Überwindung der
Sklaverei, und „zur Genealogie der Angriffe auf das
Eigentum" (V, Arch. f. Sozialwiss. 19) stehen unter
dem Grundgedanken, daß die Ideale des Seinsollenden
sich für die Dauer nicht durchsetzen können, wenn
ihnen nicht die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit zu Hilfe
kommt. Die Münchener Akademierede über „die An-
fänge des modernen Kapitalismus" (VI, von 1913) stellt
den Kapitalismus als unmittelbaren Nachfolger der na-
turalwirtschaftlich-feudalen Gesellschaftsordnung dar,
zum Siege gelangt durch die Emanzipation besonders
des Handels (betont auch in IX über „Handel und Kapi-
talismus" gegen Sombart), der nach seiner innersten

!f' ?er.eicnerungskunst (Aristoteles) und stets auf
größtmöglichen Gewinn gerichtet gewesen sei; so zwar,
daß das Prinzip des größtmöglichen Vorteils nur für den
Handel mit Fremden gegolten habe, während inner-
halb der „Wirtschaftseinheiten" (VII: Über Begriff und
Wandlungen der Wirtschaftseinheit), Großfamilie,
Stamm, Zunft, Stadt usw., „Autorität und Herkommen"
herrschten, und erst nach der Zerschlagung jener
Kollektiva das Prinzip des größtmöglichen Vorteils von
Individuum zu Individuum (resp. Kleinfamilie) gelte,

also der homo oeconomicus der klassischen Theorie
nur am Ende der Entwicklung stehe. Als ein Höhepunkt
des mittelalterlichen Handels- und Kriegskapitalismus
wird der vierte Kreuzzug geschildert (VIII). Mit Puri-
tanismus (X, gegen Max Weber) und Judentum (XI,
gegen Sombart) habe die Entwicklung in ihren Grund-
zügen „nicht das geringste zu tun". In Wirklichkeit
ist die Abweichung von den Anschauungen besonders
Max Webers nicht hoffnungslos, da dieser von einer
bestimmten Soriderform der vielfältigen Erscheinung
„Kapitalismus" handelt, während Br. den Kapitalismus
summarisch einfach auffaßt als die Emanzipation des in
der Natur des Menschen gegebenen Gewinnstrebens,
woraus dann abweichende historische Ansetzungen sich
von selbst ergeben.

Die Ausführungen zeichnen sich durch große Durch-
sichtigkeit aus. Die Annahme aber, daß auch das Leben
so durchsichtig sei, ruht darauf, daß im Grunde, trotz
der prinzipiellen Abwendung von der klassischen Theo-
rie, doch der homo oeconomicus wieder in den Mittel-
punkt tritt durch die geschichtsphilosophische Anschau-
ung: das Prinzip der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit
sei das stärkere gegenüber naturrechtlichen, sozial-
ethischen, religiösen „Lehren". Zu solcher Über-
zeugung, die durch das ganze Buch hindurchgeht und
auch zahllose Einzelurteile, über die Kreuzzüge usw.
färbt, kann einen Forscher das Wahrheitsstreben in
der Tat führen, wenn er seine Betrachtung auf die
abendländische Entwicklung beschränkt; Max Weber
wußte, weshalb er für seine Religionssoziologie, deren
Beweisführung innerhalb der überkomplexen abendländi-
schen Kausalverschlingungen subtil erscheinen kann, der
orientalischen Gegenproben bedurfte. Im Orient drang
eben die Emanzipation des homo oeconomicus nicht
durch, sondern die religiösen und sozialethischen Über-
zeugungen behielten die Übermacht und verhinderten
trotz Großhandels usw. den kapitalistischen Lebensstil.
Im Untergrunde dieses ganzen Gedankenringens liegt
die Frage, die für das Abendland das Problem aller
Probleme ist seit dem griechischen Naturrecht und seit
der christlichen Einsenkung eines Reiches nicht von
dieser Welt in diese Welt: die Frage nach der Macht
oder letztlichen Ohnmacht der Idee gegenüber der
Macht der triebbestimmten Interessen. Da Br. die von
ihm, als das Maßgebende und sich Durchsetzende, oft
berufene „menschliche Natur" und „Natur der Dinge"
zu nahe heranrückt an die Triebnatür des Menschen
und an das Prinzip der wirtschaftlichen Zweckmäßig-
keit, wird die Frage ihrer dringlicheren Problematik,
die sie auch für Troeltsch hat, entkleidet.

Zum 80. Geburtstag Br.'s kündigte der Verlag
einen weiteren Band seiner gesammelten Reden und Auf-
sätze an.

Güttingen. Andreas Walt her.

Eberhard, Studiendir.Schulrat D. Otto: Neuzeitlicher Religions-
unterricht. Handreichung evang. Jugenderziehung. Mannheim:
J. Benshcimer 1924. (VIII, 161 S.) gr. 8°. = Bücherei der Neuen
Schule, Bd. 4. geb. Gm. 6.— .

Mayer, Prof. Dr. Heinrich : Katechetik. Freiburg i. Br.: Herder 8t Co.
1924. (VIII, 179 S.) kl. 8«. = Herders Theologische Grundrisse.

Gm. 2.50; geb. 3.40.

Engert, Prof. D. Dr. Joseph: Psychologie und Pädagogik der
religiösen Begriffe. Ein Beitrag zur experimentellen Pädagogik.
Berlin: F. Dümmler 1924. (VIII, 134 S.) 8». Om. 3.50.

Von den neuen Wegen, die die Katechetik oder, um
diesen häßlichen Namen zu vermeiden, die Religions-
pädagogik einschlägt, geben die genannten drei Schriften
einen guten Eindruck. — E. hat das Verdienst, den Ge-
danken der sog. Arbeitsschule am gründlichsten durch-
dacht und auf den RU. angewandt zu haben. Wir
standen in der Gefahr, um überhaupt aus der alten
passivischen Lernschule herauszukommen, die Schüler
zu einer rein verstandesmäßigen Beschäftigung mit den
religiösen Stoffen zu verleiten und so aus dem bisheri-
gen Auditorium oder der in der Katechese nur schein-
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