Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 2.

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Imle, Dr. F.: Die Passionsminne im Franziskanerorden.

1.—3. Tausend. Werl i. W.: Franziskus-Druckerei 1924. (187 S. m.
1 Abb.) 8°. = Franz von Assisi. Aus dem relig. Geistesleben
seiner drei Orden, 2. geb. Gm. 3.30

Im Leitartikel zum Literarischen Zentralblatt vom
1. Nov. 1924 hat Hans Leube gezeigt, wie der moderne
katholische propagandische Aktivismus sich in der Lite-
ratur ausdrückt. „Besonders um die Seele der gebildeten
Bevölkerung ringt die katholische Kirche, während die
Schriften, die für den Arbeiterstand und die Hand-
werkerkreise bestimmt sind, in der Zahl auffällig zurück-
treten." Zu den zahlreichen Schriften, die katholische
Frömmigkeit dem Gebildeten der Gegenwart schmack-
haft machen wollen, gehört auch das vorliegende Buch.
Es schließt sich an das die Reihe eröffnende von dem
Franziskanerpater Wendelin Meyer verfaßte: „Bruder
Franz. Sein Leben, sein Werk, sein Geist" an. Es will
die spezifisch franziskanische im Nacherleben der
Passion Jesu bestehende Frömmigkeit empfehlen. (Äußer-
lich kommt das Vordringen des Franziskanerordens da-
rin zum Ausdruck, daß er sich von 1919 bis 1923 um
15 Niederlassungen in Deutschland vermehrt hat; die Zahl
der Franziskaner innen niederlassungen ist von 1523
auf 1733 gestiegen: Hermelink, Katholizismus und Pro-
testantismus in der Gegenwart2, S. 100. 137. 140.). Imle
schreibt in dem „neukatholischen" Stil, den ich nicht
ohne weiteres mit Hermelink als süßlich definieren
möchte, gewiß manchmal etwas überschwenglich und
weichlich, im allgemeinen aber doch geschmackvoll und
oft ergreifend. Sehr schön und ergreifend ist auch das
Titelbild: „St. Franziskus: Die Liebe wird nicht geliebt."
Hauptvertreter der von ihm gefeierten Frömmigkeit sind
für Imle Franziskus selbst, Bonaventura, Jacopone, doch
wird z. B. auch die Kreuzwegsandacht und die Dar-
stellung des Leidens Christi in Musik, Drama und bil-
dender Kunst behandelt. Legt man zur Bewertung einer
eigentümlichen Frömmigkeit den m. M. n. einzig rich-
tigen Maßstab an, indem man fragt, ob und wie sehr sie
Quelle sittlicher Kraft geworden ist, dann wird man die
Passionsminne im Franziskanerorden nicht niedrig ein-
schätzen dürfen: sie hat zur Überwindung eigenen und
fremden Leidens und zu opferwilliger Bruderliebe ge-
führt.

Zwickau i. S. O. Clemcn.

Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte. Hrsg. im

Auftr. d. Vereins f. Brandenburgische Kirchengeschichtc von
Pfarrer Lic. Walter Wcndland. 19. Jahrg. Berlin: M. Warneck
1924. (128 S.) gr. 8°. Gm. 2.50.

Während in den parallelen Zeitschriften für sächsi-
sche und bayerische Kirchengeschichte immer noch Bei-
träge zur Reformationsgeschichte durchschnittlich den
meisten Raum beanspruchen, hat die brandenburgische
kirchengeschichtliche Zeitschrift schon seit einigen
Jahren sich vornehmlich der neueren Kirchengeschichte
zugewandt. Der vorliegende 19. Jahrg. enthält wieder
zwei wertvolle Abhandlungen dieser Art: Walter
W e n d 1 a n d , Studien zur Erweckungsbeweguug in
Berlin (1810—1830), und: Gurt Horn, Die patrio-
tische Predigt zur Zeit Friedrichs des Großen.

Wendland verfolgt die um 1815 einsetzende Er-
weckungsbewegung in ihre Wurzeln zurück. Ausgangs-
punkte sind die Reste der alten pietistischen Bewegung,
die sich während der Aufklärungszeit in Berlin erhalten
haben (Mittelpunkt die Gruppe der Baseler Christen-
tumsgesellschaft), ferner die Brüdergemeinde, einzelne
Persönlichkeiten wie der Baron Ernst v. Kottwitz und
der Kaufmann Samuel Eisner und ein paar pietistische
Prediger, voran Joh. Esaias Silberschlag. W. charak-
terisiert dann den Umschwung in der Gefühlsstimmung
um 1815: Abkehr vom Intellektualismus, Suchen nach
einem religiösen Halt bei den Erschütterungen des ge-
samten Staaten- und Kulturlebens, Gotterlebnis in den
Befreiungskriegen, und zeigt, wie die Erweckungsbe-
wegung damit hervorbricht, daß von dieser Stimmung

erfaßte Juristen und Offiziere sich zuerst der Romantik
und dann dem Pietismus zuwenden, die Führung der
alten meist aus Handwerkern und kleinen Gewerbe-
treibenden bestehenden Konventikel übernehmen (das
Bürgertum bleibt rationalistisch) oder eigene neue Ge-
meinschaftskreise gründen. Diese verschiedenen Kreise
(besonders die „Maikäferei") und einzelne Persönlich-
keiten, die verschiedenen Einflüsse und Richtungen, das
teilweise verhängnisvolle Ausmünden der Bewegung in
einer Wiederbelebung der alten Orthodoxie — dies alles
wird ausgezeichnet klar und bestimmt geschildert.

Nicht minder dankenswert ist die Abhandlung von
Horn. Er behandelt zuerst den patriotischen Einschlag
in der Popularphilosophie, der zeitgenössischen Ethik
und Dichtung (Gleim, Ewald v. Kleist, Rammler, Lessing)
und die religiöse Gedankenwelt des großen Königs
selbst und verweilt dann besonders bei dem Hofprediger
Sack.

Zwickau i. S. O. Clemcn.

Freisen, Kons.-Rat Prof. D. Dr. Josef: Die Stadt Geseke im
früheren Herzogtum Westfalen, das dortige Kanonissen-
stift und die dortigen beiden Pfarreien ad S. Cyriacum
und ad S. Petrum. Ein Beitran zur Geschichte des Eigenkirchen-
wesens, zur Geschichte d. kirchl. Inkorporation u. z. Frage über
den Rechtsweg f. kirchl. Dotationsansprüche aus der Säku-
larisation. Würzburg: St. Rita-Verlag 1924. (94 S.) gr. 8°.

Gm. 3.50.

Obwohl es sich bei der vorliegenden Arbeit um
ein Rechtsgutachten handelt, das der bekannte Kanonist
in einem Prozesse der Stiftspfarrgemeinde gegen den
Fiskus als den Rechtsnachfolger des aus der Säkulari-
sation herstammenden Stiftsfonds auf Veranlassung des
Landgerichts Paderborn erstattet hat, ist der wissen-
schaftliche Ertrag wie bei andern ähnlichen Sachver-
ständigengutachten erheblich, zumal da der Verfasser
seinen Darlegungen einen zeitlich und sachlich mög-
lichst breiten Rahmen gibt und diesen durch fleißig zu-
sammengetragenes Material ausfüllt. Die im Titel ange-
deuteten Spezialzweige des Kirchen- und des Staats-
kirchenrechts sind ihm dafür zu Dank verpflichtet.
Bonn. J. Haitiagen.

Chiminelli, Piero: II contributo dell'Italia alla Riforma

religiosa in Europa. Roma: Casa Editrice „Bilvchnis" 1924.
(IX, 219 S.) 8°. = Biblioteca di studi religiosi N. 16.

Während des Weltkrieges stritten französische und
deutsche Katholiken darüber, wer von ihnen im Laufe
der Geschichte die größere Anhänglichkeit an den hl.
Stuhl gezeigt habe. Im vorliegenden Buche verbreitet
sich ein italienischer Protestant mit sichtlichem Stolz
über die Gegensätze gegen das römische Kirchentum,
die sich im Laufe des Mittelalters und namentlich gegen
sein Ende hin in Italien regten und die Erneuerungs-
bewegungen in den andern europäischen Ländern an-
regten und befruchteten. Er unterscheidet (Kap. I) eine
vierfache ,heterodoxe Tradition' in Italien: die wal-
densische, die franziskanische, die augustinianische und
die savonarolianischc — ohne die nötigen Vorbehalte
und Einschränkungen. Dann sucht er (in Kap. II) die
Fäden aufzuzeigen, die von der italienischen Re-
naissance (dem Humanismus) zur Reformation im allge-
meinen hinführen. Hier wird u. a. die Behauptung
I aufgestellt (S. 23), daß Dante in seiner ,Göttlichen
Komödie' kein gläubiger Katholik mehr sei. Kap. III
behandelt die Beziehungen Luthers, Calvins u. Zwingiis
zu Italien, wobei die Bedeutung der römischen Reise
Luthers wohl überschätzt wird. Hierauf wird der Ein-
fluß Italiens auf die Reformation in den verschiedenen
europäischen Ländern geschildert: in Deutschland (Kap.
IV), England (V), Frankreich (VI), in der Schweiz
(VII). Der Verf. geht auch hier in seinem Bestreben,
die italienischen Einflüsse möglichst stark hervorzu-
heben, gerne zu weit. Man wird das aber einem For-
scher, der auf weiten Strecken Neuland bearbeitet, zu
gute halten, und seine Ausführungen bieten in der Tat
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