Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

50.1925

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 2.

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bereits so reichhaltig und so erwünscht, daß wir alle
Ursache haben, dem Verfasser für seine mühevolle Ar-
beit zu danken und uns freuen dürfen, ein so nützliches
Hilfsmittel unserer Studien zu besitzen.

Wenn die genannten Ausgaben wie alle kirchlichen
Texte Nachdrucke der Clementina sind, so eröffnet
Quentin's Buch den Blick in die Werkstatt der durch
Pius X. ins Leben gerufenen und von seinen Nach-
folgern verständnisvoll geförderten Kommission zur Re-
vision des Vulgatatextes auf der Grundlage moderner
wissenschaftlicher Erforschung seiner Überlieferungsge-
schichte. Zwar behandelt es nur den Oktateuch, gibt
aber doch in seiner zweiten Abteilung eine Geschichte
der Vulgatadrucke überhaupt von der ersten Gutenberg-
bibel bis zur Clementina von 1592. Wir erhalten da
unter anderm einen interessanten Einblick in die Arbeit
der nach dem Tridentinum eingesetzten päpstlichen
Bibelkommissionen, die Motive und die handschriftlichen
Unterlagen ihrer Editions- und Korrektionstätigkeit.
Schade ist es doch, daß Dom Quentin die Geschichte
des gedruckten Textes nicht weiter verfolgt und die
wissenschaftlichen Ausgaben der späteren Zeit von sei-
ner Übersicht ausgeschlossen hat. Aber wir wollen
darüber nicht mit ihm rechten, denn er hat wichtigeres
zu tun. Seine Aufgabe ist, den Originaltext des hl.
Hieronvmus mit allen Mitteln moderner Philologie her-
zustellen: und die Aufgabe ist wahrhaftig groß genug,
um eine volle Arbeitskraft für Jahrzehnte festzulegen.

Das vorliegende Buch will nun für den ersten
Teil, den Oktateuch, die Grundzüge der Textgeschichte
aufdecken und aus ihr die Folgerungen für die bei der
Ermittelung des Urtextes anzuwendende Methode zie-
hen. Diesem Ziel sind der erste, dritte und vierte Teil
des Werkes gewidmet. Dom Quentin wendet, wie durch-
aus zu billigen ist, zunächst Stichproben zur vorläufi-
gen Ermittelung des Verhältnisses der zahlreichen Hand-
schriften an. Er wählt aus jedem der acht Bücher ein
Kapitel aus: nach welchem Gesichtspunkt, sagt er nicht:
vermutlich sind sie aufs Geratewohl gegriffen. Selbst-
verständlich ist das nicht; ich könnte mir denken, daß
er zunächst ein paar a limine wertvoll erscheinende
Handschriften vollständig durchverglichen und dadurch
ermittelt hätte, an welchen Stellen bezw. in welchen
Kapiteln besonders lehrreiche Varianten sich finden,
die uns schneller als andere Orte Aufschluß über das
Verhältnis der Handschriften versprechen; ich darf hin-
zufügen, daß ich das an Dom Q.s Stelle und im Besitz
seiner Hilfsmittel so auch gemacht hätte. Aber im vor-
liegenden Falle ist das mit voller Absicht so und nicht
anders gemacht worden, wie wir noch sehen werden.

Dom Q. beginnt nach kurzer Aufzählung und Be-
zeichnung der von ihm benutzten Handschriften und
Drucke mit dem Abdruck der Kollationen zu seinen
8 Stichkapiteln. Dann folgt — nach dem zwischen-
geschobenen Abschnitt über die Drucke — in Teil drei
die grundsätzliche Auseinandersetzung über die Me-
thode. Und hierauf konzentriert sich allerdings nun
auch das Hauptinteresse des Buches und seiner Kri-
tiker. Es scheint, als ob das Riesenmaterial, welches
dem Bibelkritiker bei seiner Arbeit entgegentritt, unwill-
kürlich in ihm die Vorstellung auslöst, daß mit den ge-
wöhnlichen Mitteln der Kritik hier nicht auszukommen
sei, und man deshalb neue Bahnen aufsuchen müsse,
um zum Ziele zu gelangen. Wir haben das bei Her-
mann von Soden erlebt und sehen das Gleiche jetzt bei
Dom Quentin. Und diese Ansicht ist innerhalb gewisser
Grenzen auch richtig, nur daß es augenscheinlich schwie-
rig ist, sich dieser Grenzen bewußt zu werden und sie
zu respektieren: das hat bei Soden zu dem tragischen
Mißerfolg seines großen Lebenswerkes geführt.

Auch Dom Quentin findet, daß die üblichen Me-
thoden der Gruppierung handschriftlicher Zeugenmassen
nicht sicher genug sind und wendet deshalb ein neues
Verfahren an, das er zunächst theoretisch auseinander-
setzt und begründet. Er druckt einen beliebig ausge-

wählten Probetext ab und fügt nun zu diesem Varianten
hinzu, die er beim Abschreiben von 24 fingierten Hand-
schriften nach einem künstlich aufgebauten Filiations-
system entstehen läßt. Dann bildet er aus diesen Vari-
anten einen kritischen Apparat und zeigt nun, wie aus
der verwirrenden Fülle der Lesarten durch seine neu-
entdeckte Methode mit unfehlbarer Sicherheit der Ur-
text gewonnen werden, d. h. das ganze künstliche Ge-
webe wieder rückwärts aufgelöst und der Stammbaum
der Handschriften restlos ermittelt werden kann.

Die Methode beruht im Wesentlichen darauf, daß
man die Handschriften in Gruppen von je drei auf ihre
Beziehungen untersucht: z. B. A geht gegen den (Kon-
sensus von B und C 10 Mal (geschrieben A<BC = 10),
B AC = 40, AB<C = 15. Was beweist das? Daß A
und C einander näher stehn, und in derselben Richtung
von B abweichen, daß aber A dem Codex B näher steht
als der öfter abweichende C. Es ist für mich und andere
Leute der .,alten" Methode klar, daß dieser Schluß sehr
trügerisch sein kann, denn es kommt doch entschei-

| dend darauf an, wie die Varianten aussehn, auf denen
der Schluß beruht. Sind die in der Konstellation AB > C
= 15 im Vergleich mit A < BC = 10 überschießenden
5 Varianten einfache Orthographien, wie sie etwa für
karolingische Zeit gang und gäbe sind, ohne daß
sich ein gleichmäßig befolgtes Prinzip erkennen läßt,
oder Fehler, wie sie leicht in jede Schreibfeder geraten,
so haben sie für irgend welche kritischen Operationen
gar keine Bedeutung und scheiden aus. Dann redu-
zieren sich die 15 Lesarten auf 10. Aber es müssen
natürlich auch alle andern Varianten ebenso auf ihre
Schwerkraft untersucht werden, und das kann dies ganze

1 Zahlenergebnis in sein Gegenteil verkehren!

Das Entscheidende sind aber für Dom Q. die Fälle,
in denen sich eine Null ergibt, also AB >C = 0. Wenn
A und B niemals gegen C zusammenstehn, so ist ent-
weder C der Archetyp, aus dem A und B unabhängig
von einander abgeschrieben sind, oder C steht zwischen
A und B, oder C ist aus A und B contaminiert. Wel-
cher dieser Fälle vorliegt, ist danach zu entscheiden, ob
die Handschriften derselben oder verschiedenen Fami-
lien angehören.

Diese Familien findet man durch die seltenen Vari-
anten, welche bestimmte kleinere Zeugengruppen allein
gegen alle andern vereinigen, während die vielfach be-
zeugten Varianten zur Gruppierung der Handschriften
nach dem Dreiersystem innerhalb der Familien dienen.

Natürlich hat sich Dom Q. den Schwierigkeiten in
der Anwendung seiner Methode nicht verschlossen. Er
betont p. 233 f. sehr nachdrücklich, daß nur voll-
wichtige Varianten zur Abstimmung zuzulassen sind und
formuliert dann einen Kanon, den er zur Ausmerzung
wertloser Lesarten in Anwendung bringt. Aber wenn
er da auch Zusätze und Auslassungen mit anführt, so
erheben sich ernste Bedenken. Der Grundsatz „La Va-
riante, pour etre utile, doit etre sans interet pour le
copiste" ist in der Theorie sehr hübsch, würde uns aber
in der Praxis gerade unserer besten Führer berauben,
für die uns auch die schönste Null keinen Ersatz
leistet. Und alles Zählen und Rechnen verhilft uns nicht
zu sicheren Resultaten, wenn wir das Denken und das
Abwägen der einzelnen Lesarten ausschalten. Ich brau-
che das hier nicht weiter darzulegen, da de Bruyne es
bereits betont und Rand es in seiner Anzeige vorzüg-
lich ausgeführt hat. Rand weist ganz mit Recht
darauf hin, daß z. B. an dem konstruierten Probetext
der Stammbaum nach der „alten" Methode in recht
kurzer Zeit ermittelt werden kann, während bei Dom
Q.s neuer Weise eine höchst umständliche und zeit-
raubende Rechnerei erforderlich ist, ohne daß im Ge-
ringsten eine größere Sicherheit erreicht würde.

Mir scheint vor allen Dingen, daß bei allen der-
artigen massenhaften Überlieferungen alle Versuche
wirkliche Stammbäume aufzustellen, von vornherein zum
Scheitern verurteilt sind, weil von den Hunderten, ja
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