Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

48.1923

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Theologische Litcraturzeitung 1923 Nr. 18.

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Schäften von Kopernikus und Bacon bis auf Darwin,
Haeckel, Weismann, Driesch; die französische Literatur
in ihrem Verhältnis zur Religion (Descartes, Montaigne,
Bossuet, Pascal, die großen klassischen Dramatiker, Vol-
taire, Rousseau, Victor Hugo); ebenso die deutsche Lite-
ratur (Lessing, Herder, Goethe, Schiller, die Roman-
tiker, das junge Deutschland, Feuerbach, Nietzsche und
die — in Deutschland allmählich herrschend gewordene
(!) — „Philosophie des krassen Materialismus"); end-
lich die „geistliche Botschaft der modernen englischen
Dichtung" (englische Romantiker, Southey, Coleridge,
Wordsworth, Shelley, Clough und Arnold, Tennyson und
Browning).

Der dritte H a u p 11 e i 1 hat es, wie die Über-
schrift besagt, insbesondre mit „theologischen Bestre-
bungen" zu tun. Behandelt werden: Schleiermacher und
die Erneuerung der Theologie durch ihn; Ritsehl und
seine Schüler; Newman und der Tractarianismus; die
liberalen Strömungen innerhalb der englischen Ge-
dankenwelt; die „Lehrer der Religion außerhalb der
Kirche", als welche vor allem Carlyle und John Ruskin
genannt und besprochen werden. In einem Schlußkapitel
wirft dann der Autor unter Bezugnahme auf den Welt-
krieg noch einen Blick nach rückwärts und nach vor-
wärts. Materialismus und Machtpolitik gewahrt er in
der jüngsten Vergangenheit, ein starkes Aufleben der
Religiosität überall in der Gegenwart, und in der Zu-
kunft, mit Tennyson, die Vision einer Verbrüderung der
Menschheit! Die Hauptaufgaben aber, die der heutigen
Theologie von der bisherigen Entwicklung zugewiesen
werden, seien: die Verständigung über den Begriff der
Gottheit und das Verhältnis von deren Transcendenz und
Immanenz; die Klärung der Lehre vom Menschen und
der Erbsünde; die Lösung des christologischen Problems
sowie die Erledigung der Frage nach dem historischen
Jesus und, last not least, die konsequente Durcharbeitung
und Durchführung der christlichen Ethik nach allen
Seiten hin.

Das Buch ist glatt und fließend geschrieben und bietet an und für
sich eine unterhaltende Lektüre. Es ist selbstverständlich, daß ein
Werk, das so vieles bringt, manchem etwas bringen wird. Verständlich
allerdings auch, daß nicht alle Partieen gleichmäßig ausgefallen sind,
und daß die Wertmaßstäbe, die der Autor bei seiner Geschichts-
schreibung zur Anwendung bringt, angefochten werden können. Sollen
diese Wertmaßstäbe, die dem Verfasser vorschwebenden theologischen
Ideale und der das Ganze beherrschende Geist noch in ein paar
Sätzen gekennzeichnet werden, so ist zunächst besonders charakter-
istisch die häufig wiederkehrende Unterscheidung zwischen einer, nicht
nur auf Schleiermacher, sondern bis auf Luther zurückgeführten anthro-
pozentrischen Theologie, die von der Religion, der religiösen Erfahrung
und dem religiösen Erlebnis ausgeht, und einer theozentrischen Theo-
logie, die einfach von Gott ausgeht. Jener wird wiederholt vorge-
halten, daß sie die Realität der Gottheit in Frage stelle, die Gottheit
vom Menschen abhängig sein lasse und sie zur Dienerin der Mensch-
heit mache, nicht umgekehrt. Es sind das Anklagen, wie sie neuerdings
auch vielfach hierzulande erhoben werden; und es liegen augenschein-
lich die selben Verwechslungen vor, wie eben vielfach auch hierzulande:
zwischen Erkenntnisgrund und Realgrund; zwischen den unmittel-
baren Aussagen des Glaubens einerseits und der wissenschaftlichen
Darstellung und Untersuchung des Glaubens und seiner Kundgebungen
anderseits; zwischen Religion und religiöser Verkündigung einerseits und
Theologie als Wissenschaft anderseits. Aber der Verfasser denkt wenig-
stens insofern klar, als er von vorn herein die Theologie als die Wissen-
schaft von Gott, die alsoGott zum Gegenstand hat, bezeichnet; u.er denkt
insofern konsequent, als er als unentbehrliche Grundlage der Theologie
die Metaphysik fordert. Das hat für ihn natürlich nicht etwa nur den
Sinn, daß die Theologie auch die auf Glauben beruhenden metaphysischen,
will sagen transzendierenden, Vorstellungen inbetracht zu ziehen und zu
würdigen habe; vielmehr den Sinn, daß die Theologie von der Gottes-
vorstellung als einer wissenschaftlich beweisbaren und bewiesenen aus-
zugehen und danach ihre ganze sonstige Arbeit einzurichten habe. Da-
her die, auch sonst in der englischen Theologie je und je bemerkbare,
starke Vorliebe für Hegel und dessen Spekulation, eine Vorliebe, deren
s'ch der Autor durchaus bewußt ist; während andere Bekämpf er einer
theologischen Methode, die von der Betrachtung der Religion und der
religiösen Erfahrung ausgeht, sich keineswegs darüber Rechenschaft
geben, daß sie Gefahr laufen, den Charakter der Gottesgewißheit
a|s einer Glaubensgewißheit zu verkennen und dem krassesten Intel-
'ektualismus und Rationalismus schließlich zu verfallen.

Sehr ungern erwähnt der Unterzeichnete noch bei der Besprechung
eines Werkes, das den Anspruch erhebt ein wissenschaftliches zu
sein, das Urteil des Verfassers über den deutsehen Volksgeist, wie
es sich, von anderem abgesehen, kundgibt in der Erörterung der
Frage, ob nicht am Ende Luther der Urheber eben der deutschen
Denkart sei, die ja doch die Verantwortung trage für die Grausamkeit
und Brutalität des Weltkriegs. Es wäre eines Blattes von dem wissen-
schaftlichen Charakter der Theologischen Literaturzeitung nicht würdig,
auf derartige Invektiven einzugehen.
Gießen. E.W. Mayer (Straßburg).

Jaeger, D. Dr. Paul: Vorsehung. Beiträge zur Schicksalsfrage.
Karlsruhe: J. Boitze 1923. (VII, 160 S. mit Titelb.) 8° Gz. 3.
Unterscheidet man bei der von J. gebotenen Behand-
lung des Vorsehungsproblems die grundlegenden von
den weiterbauenden Ausführungen, so kann von den
letzteren (also etwa Vorsehung in Verhältnis zu Natur-
gesetz und .Geschichte, zu Menschheits- und Einzel-
schicksal, Zufall, Prädestination, Wunder) gesagt wer-
den, daß ihnen der auf dem Boden einer in den Haupt-
zügen gleichen religiösen Gesamtanschauung stehende
Leser durchweg mit Interesse und Zustimmung folgen
und sich an mancher glücklichen Gedankenprägung so-
wie an den vielen geschickt ausgewählten Lesefrüchten
freuen wird. Dagegen kann, scheint mir, der Aufweis
der letzten Gründe des Vorsehungsglaubens nicht voll
befriedigen. Wohl zeigt Verf. Fähigkeit, in das Pro-
blem einzudringen, bietet auch die entscheidenden Ge-
sichtspunkte, doch vermissen wir die Abklärung. Rächt
sich hier die gewählte nicht systematische, sondern
„impressionistische" Darstellungsweise (vgl. Vorwort)?
Ich meine, es hätte trotzdem mit größerer Deutlichkeit
die Grundlinie der Gedankenführung gezogen werden
können und sollen. Diese würde im Sinne des Verf.
etwa folgendermaßen laufen (indem ich sie zeichne,
deute ich zugleich Punkte an, wo m. E. weiteres Nach-
denken erforderlich sein dürfte): Den festen Ausgangs-
punkt bildet die Tatsache (nach J. vielmehr Glaubens-
sache) des Geistes und seiner Normbestimmtheit. Das
tritt sicher hervor, aber wie sich von hier Verbindungs-
linien ziehen lassen, (einmal zum göttlichen und mensch-
lichen Ich und, worauf es unserm Zusammenhang an-
kommt,) zur Teleologie, wird doch nicht genügend ge-
klärt. Sicherlich ist mit der Anerkennung der geistigen
Norm die teleologische Einstellung des gesamten Geistes-
lebens ohne Weiteres gegeben; aber auch eine um-
fassende Weltteleologie, und nicht lediglich ein Präjudiz
zu einer solchen? Um diese glaubhaft zu machen, muß
man, wie J. ja auch tut, den Blick auf die Einzelgebilde
und Zusammenhänge des Naturgeschehens (was J. hier
bietet ist nicht durchweg einwandfrei und auch allzu
lückenhaft; daß Naturgesetzlichkeit nicht bloß der teleo-
logischen Deutung fähig sondern auch bedürftig sei,
leuchtet nicht ohne weiteres ein, und wie manches wäre
noch zu sagen gewesen, ich erinnere beispielsweise an
Drieschs „Ganzheitszüge") und der Menschheits-
geschichte richten. In letzterer bricht an der Stelle, wo
brutalste Sinnlosigkeit zum Himmel schreit — Golgatha
— der ewige Sinn, des Vaters gnädiger und guter Wille,
machtvoll durch. Das ist der Sieg des Vorsehungsglau-
bens, und welcher Christ wollte dem Verf., der diesen
Punkt mehrfach unterstreicht, nicht Recht geben?

Iburg. W. Thimme.

Tögel, Prof- Dr. Herrn.: Der Herr der Menschheit. Das Leben
Jesu f. d. Zwecke d. Schule geschaut u. gestaltet. Leipzig: J.
Klinkhardt 1917. (XVI, 288 S.) 8° Oz. 8.

Ders.: Die ersten Christen. Die Geschichte des Urchristentums ge-
schaut und gestaltet. Ebd., 1920. (VIII, 209 S. u. 1 Tat.) 8° -
Werdegang der christl. Religion Bd. II u. III. Qz. 6,40.

Die beiden vorliegenden Bücher sind Teil 2 und 3 eines Gesamt-
werks, dessen 1. Teil ich 1917, 371 f. angezeigt habe. Dieser l.Teil
schilderte unter dem Titel „das Volk der Religion" den Werdegang
Israels von Mose bis Jesus. Teil 2 bietet „das Leben Jesu, für die
Zwecke der Schule geschaut und gestaltet", Teil 3 die Geschichte
des Urchristentums, soweit es im Neuen Testament seinen literarischen
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