Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

48.1923

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

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ländisch-Indien, Neu-Guinea, Südwestafrika und Süd-
afrika geprüft, kurz auch auf die Missionshandelsgesell-
schaft eingegangen, die nach 12jährigem Bestand liqui-
dieren mußte. Für das Thema der Grenzbeziehungen
zwischen Mission und Volkswirtschaft liefert die Schrift
einen beachtenswerten Beitrag, der freilich darunter
leidet, daß der Verf. die von ihm benutzte, übrigens
weder vollständige noch bibliographisch genau ange-
gebene, Literatur nur am Ende zusammenstellt, so daß
die Nachprüfung im einzelnen erschwert wird.

Güttingen. Carl Mirbt.

Mayer, Prof. D. Dr. Emil Walter: Ethik, Christliche Sitten-
lehre. Giefien: Alfred Tüpelmann 1922. (XI, 329 S.) 8° = Die
Theologie im Abrili. I, 4. Gz. 6 ; geb. 7,8.

M.s Buch zerfällt in drei Teile: auf die Prinzipien-
lehre ( Moralphilosophie, S. 14—70) folgt „Geschicht-
liches zur Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins
und zur Geschichte der Ethik" (71 — 172), erst dann
die „spezielle Ethik" Morallehre; 173—314); und
zwar beginnt diese wieder mit „Grundsätzlichem"
(—194), spricht dann „von der sittlichen Willensbe-
schaffenheit" (Tugendlehre, —245), „von der Art des
sittlichen Handelns innerhalb der verschiedenen Formen
menschlicher Gemeinschaften" (Pflichtenlehre, —313),
und „von dem Ergebnis des sittlichen Handelns" (Lehre
vom höchsten Gut, 313 f.). Ausführliche Sach- und
Personenverzeichnisse erleichtern die Benutzung.

Schon dieser Aufriß deutet an, daß M. seine Auf-
gabe eigenartig anfaßt, unbekümmert um das übliche
Schema wie um die modernsten Stimmungen; ein starker
prinzipieller und ein starker geschichtlicher Zug be-
herrschen das Ganze; sie hemmen sich nicht gegen-
seitig wie sonst so oft, sondern verbinden sich und
drängen die „spezielle Ethik" in den Hintergrund. Da-
raus ergibt sich eine Eigentümlichkeit der Gesamthal-
tung, die manche Erwartung täuscht. Wenn nämlich
von der Ethik heute eine Führung nach der Seite der
„objektiven üüterlehre" oder der „materialen Wert-
ethik", d. h. einer ethischen Durcharbeitung der großen
Kulturgebiete (auch des wirtschaftlichen und politischen)
ersehnt wird, so hilft uns M. wenig. Er verzichtet be-
wußt darauf, die wilden Blöcke der ethischen Objekte
gleichsam zu behauen, ehe er sie vor das sittliche Urteil
des Einzelnen stellt, und bleibt wesentlich auf der Bahn
der reinen üesinnungsethik, insofern der protestantischen
und kritisch-philosophischen Ueberlieferung. Deshalb
wird ihm auch eine zweite Problemreihe nicht akut:
mit dem Interesse an der „angewandten Ethik" tritt ihm
das an der scharfen Spannung in den Hintergrund, die
wir heute zwischen Kultur und Christentum empfinden.
Wer in diesen modernen Bestrebungen steht, kann gegen
M.s Buch nicht gerecht sein; er versteht auch den tiefen
christlichen Sinn nicht mehr, den Ritsehl (und mit ihm
M.) in die Betonung der Liebe und des Gottvertrauens
für die Ethik legt, und kommt so zu den seltsamsten Vor-
würfen (vgl. die trotz guten Willens verzerrende Kritik
des Buches durch G. Wünsch in der Christlichen Welt
Nr. 18/19). Hier stoßen zwei ganz verschieden em-
pfindende Welten auf einander, die sich gegenseitig
mißverstehen.

M. will gar nicht die Führung ergreifen bei dem
Versuche, neue Problemgebiete zu erschließen oder die
neuen Einstellungen der Gegenwart auf die Ethik anzu-
wenden; sondern er will den besten Erwerb der bis-
herigen Theologie zusammenfassen und der theolo-
gischen Jugend vermitteln; er vertraut darauf, daß dieser
Erwerb noch weiter zu fruchtbarem Dienst berufen ist.
Er sieht offenbar gerade darin eine überaus notwendige
Aufgabe und den Sinn der „Sammlung Töpelmann".
Und wirklich, auch wer die neuen Tendenzen, die heute
in der Ethik wie in der religiösen Gesamthaltung auf-
brechen, höher oder fruchtbarer einschätzt als M., auch
wer auf ihre Fragen ernstlicher zu antworten versucht,
wird zugeben, daß sie noch längst nicht klar oder reif
oder sieghaft genug sind, um ein System der Ethik

i durchwalten zu können; die Vorlesung hat hier andere
Aufgaben als das gedruckte Buch.

Innerhalb der frei gewählten Schranke bietet M.
außerordentlich viel. Er bringt eine reiche Fülle von
Stoff, gibt durch häufige Zitate Berührung mit der
wichtigsten (auch ausländischen) Literatur, sucht mit
einem gewissen Eklektizismus verschiedenen Auffas-
sungen gerecht zu werden, vermittelt dem Leser ein
ethisch-geschichtliches Bewußtsein. Um durch solche
Fülle nicht zu erdrücken oder doch zu langweilen, wählt
er einen leichten und anregenden, beinahe plaudernden
Ton, geht nicht dem Ideal der Vollständigkeit oder syste-
matischen Strenge nach, sondern bemüht sich mehr um
praktische Durchgliederimg und anschauliche Beispiele.
Mit pädagogischer Weisheit verbindet das Buch eine
hohe Reife der Betrachtung; durch abgewogenes, mög-
lichst vielseitig orientiertes Urteil sucht es die nach einer
bestimmten Richtung vorwärts reißende Schwungkraft zu
ersetzen, die es bei seiner ganzen Art nicht haben kann.
Demgegenüber hat es wenig Sinn, über einzelnes zu
rechten. Alles in allem: eine treffliche Einführung, ein
vorläufiger umfassender Überblick für das Studium der
Ethik; ein Buch, über das man unwillkürlich hinaus-
gedrängt wird, durch die Schwerkraft der darin be-
rührten Probleme selbst wie durch die Forderungen des
heutigen Lebens, dessen gründliche Beachtung aber aus-
gezeichnet für dies neue Ringen vorbereitet.

Halle a. S. H. Stephan.

Schi an, Prof. D. Dr. Maitin: Grundriß der praktischen

Theologie. Gießen: A. Töpelmann 1922. (S. 177 395 S.) 8° -
Die Theologie im Abriß, Bd. ö. Gz. 5,6; geb. 7,8.

Der Schiansche Grundriß hat sich so schnell über-
all eingeführt, daß diese leider etwas verspätete Anzeige
des zweiten Teils nur diesem allgemein günstigen Urteil
Ausdruck geben kann. Es ist ja müßig, im Einzelnen
darüber zu richten, ob nicht dieser Abschnitt etwas
breiter, der andere kürzer hätte gestaltet werden können.
Überall ist eine sehr reiche Stoffmenge verarbeitet und
das für ein Studentenbuch Notwendige ist gesagt.
Die ausgezeichneten Literaturübersichten sind auch dem
Fachmann ein willkommener Wegweiser.

Die Gestaltung des altkirchlichen Katechumenats
hätte als Grundlage aller weiteren Entwicklung des
Taufrituals übersichtlicher in Erscheinung treten können.
Bei der Taufhandlung der Gegenwart ist mir der Cha-
rakter als Gemeinde handlung zu scharf betont. Das
kleine Kind wächst doch zunächst in die christliche
Familie hinein. Die Familienfeier ist seelsorgerlich
zweckmäßiger — alles andere ist graue Theorie. Der
Pfarrer im Talar und die Taufzeugen vertreten die Ge-
meinde. Bei § 47 (Einführung in andere kirchliche

[ Ämter) fehlt die Erwähnung der Einführung einer Ge-

I meindediakonissin.

Im dritten Abschnitt „die gottesdienstliche Rede"

| ist die Predigt mustergültig behandelt. Es fehlen

j aber die sogenannten Kasualreden und andere amtliche
Ansprachen. Sie sind wohl in früheren Abschnitten kurz
berührt, würden aber besser hier noch in einem kurzen
Kapitel behandelt. Der § 56 über besondere Arten der
Predigt wäre eher entbehrlich, denn seine Ausführungen
müssen sich naturgemäß auf sehr allgemein gehaltene
Bemerkungen beschränken.

Am Meisten erregt aber meinen Widerspruch der
vierte Abschnitt über die außergottesdienstliche Gemeinde-
pflege. So sehr ich es mit lebhafter Zustimmung be-
grüße, daß der Gemeindegedanke nach den verschieden-
sten Seiten hier kräftig zur Geltung kommt, so ist es
doch gewaltsam, geschichtlich und praktisch, auch die
verschiedensten Formen der Liebestätigkeit und der
Innern Mission mit in diesen Abschnitt zu zwängen.
Mittelalterliche Liebesarbeit, reformatorische Kirchen-
ordnungen, Gemeinden unter dem Kreuz, dann wieder
A. H. Franke usw. stehen in bunter Abwechslung und
die eigentliche „Innere Mission" ist S. 263 doch viel zu
summarisch behandelt. Einige Seiten später kommt
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