Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

48.1923

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 9.

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dung befreit ist, der Kirche den wirksamsten Dienst leistet, der auch für
den Staat unersetzlich ist: er verbürgt die innere Einheit der Kultur
und gewährt mehr als anderer Unterricht die sittlichen Kräfte, von
denen auch das äußere Gedeihen abhängt. Etwas mehr als Franz und
Kesseler bin ich geneigt, der organisierten Kirche gewisse Bürgschaften
für wirklich evangelischen Charakter des R. U. einzuräumen. — Unter
der Ueberschrift „Wozu noch Rel.Unt." gibt Jähne11 15 skizzierte
Beispiele von Lehrgesprächen mit Schülern über neutestamentliche
Gegenstände in freiem, frommem Geist, und zeigt damit wie der R.U.
den inneren Menschen zu bilden versteht, auch für die sittlichen Auf-
gaben der Gegenwart. Wenn der Verf. nicht im Vorwort versicherte,
daß die Gespräche sämtlich mit Tertianern gehalten seien, würde ich
einige für ein reiferes Alter berechnet erachten. — Reukauf12 schil-
dert in seiner klaren und frischen Art den Wert der Religion und des
R. U. für Volk und Staat. Ersatz durch Moralunterricht ist höchst
fragwürdig, aber in der Fortbildungsschule ist Lebenskunde und Berufs-
ethik dringend erwünscht. Sein Ideal ist ein interkonfessioneller (auf
der Bibel aufgebauter) R.U., aber er weiß, daß er für die Katholiken
unannehmbar ist. Darüber, was nun werden soll, finde ich keine rest-
lose Klarheit. Doch wohl Trennung nach Konfessionen, dann muß die
Kirche auf Aufsicht verzichten, in einem gemischten Ausschuß kann sie
bei Auswahl der Lehrbücher mitwirken. Anregend und wertvoll sind
die spezifisch pädagogischen Hinweise, maßgebend für jeden Lehrplan
die Unterscheidung der drei Stufen: Kindheit, Knabenalter, Jüng-
lingszeit. —

Mit dem Moralunterricht ausdrücklich befassen sich mehrere
Schriften. Der Jesuit Pribilla13 lehnt ihn natürlich rund ab. Mit
beachtlichen Gründen. Er kennzeichnet die Unzulänglichkeit der sozial-
ethischen und eudämonistischen Motive. Er leugnet die vorausgesetzte
Harmonie zwischen Tugend und Glück. „Woher sollen wir die Kraft
nehmen, um die sittlichen Imperative zu erfüllen, wenn der Weg der
Pflicht über Gethsemane und Golgatha führt?" „Wenn die Stimme des
Gewissens keinen Ewigkeitsklang hat, so wird sie gegen die Sturm-
glocken der Leidenschaft nicht aufkommen." — Tögel11 hält die
Frage: R.U. oder Moralunterricht? für falsch gestellt. Seine Losung
lautet R.U. und Moralunterricht. Beide sollen einander fordern und
ergänzen. Aber ein besonderer Moral-U. ist nötig, da viele
Gegenstände unseres Lebens im R.U. keinen Raum haben. Die grund-
sätzliche Frage, welche Moral gelehrt werden solle, beantwortet T.
zu rasch mit dem Hinweis auf den rein praktischen Charakter der
Schulethik. Wertvolle Hinweise gibt er für die Methodik. —
T. Franke,1" Lehrer in Würzen, fordert sittenkundlichen Unterricht in
allen Schulen, in den religiösen Schulen in Verbindung mit dem
R. U. Zu diesem Sittenunterricht gibt er sachliche und methodische
Anleitung mit der Ueberfülle eines Autodidakten, aber mit vielen
guten Gedanken. Die Lehrbeispiele machen einen guten Eindruck. Das
Büchlein ist nicht im geringsten aus religionsfeindlicher Einstellung
entsprungen: Ein jeglicher sei gesinnt wie Jesus Christus, soll über
jedem Moralunterricht stehen. Erfreulich ist der warme vaterländi-
sche Ton.

Das Vielseitigste und Gründlichste zu unseren Fragen bietet der
Frankfurter Religionslehrer Dr. W. Franke.16 Hier redet ein Mann
von gediegener philosophischer und psychologischer Bildung und unge-
wöhnlich reicher Belesenheit, von klarem und sicherem Urteil. Er
skizziert die Weltanschauung der Religionsgegner und scheidet die ein-
zelnen Richtungen der Radikalen und der Reformer. Er beleuchtet
kritisch von allen Seiten die Ersatzmittel für den bisherigen R. U.,
den Moralunterricht und den interkonfessionellen R.U. und entwirft
sein Bild vom staatlichen evangelischen R.U. in der neudeutschen
Schule, im wesentlichen wie Franz, Kesseler und ich. Auch darin geht
er mit uns, daß er einen gesonderten Moralunterricht neben dem
R.U. ablehnt, aber zusammenhängende sittliche Unterweisung im R.U.
stark betont.

Zwei Außenseiter von klangvollem Namen haben auch zu unserem
Thema das Wort genommen. Karl Völker hat aus Leopold
v. Schröders17 Nachlaß eine „Religionslehre" als Hilfsbuch für
Lehrer und Schüler herausgegeben. Er steht abseits vom schulpoli-
tischen Kampf der Gegenwart, er entwickelt aus den von ihm ange-
nommenen drei Wurzeln der Religion: Naturverehrung, Seelenkult,
Glaube an ein höchstes Wesen (Uroffenbarung) die Geschichte der
Religion über Moses, Zarathustra zu Jesus, der, wahrer Mensch und
wahrer Gott, ähnlich wie Indiens Weise und unsere idealistische
Philosophie, die Idealität von Zeit und Raum intuitiv erkannt hat und
in johanneischer Mystik sein Wesen öffnet. Die Fachleute werden zu
dem liebenswürdigen Buch manches Fragezeichen machen. — Da-
gegen greift der Leipziger Philosoph V o 1 k e 1118 mitten in unseren
religionspädagogischen Kampf mit geschickter und glücklicher Hand.

Wesen und Wert der Religion liegt in Beseligung und Heiligung.
Religion die Grundlage der Kultur, zumal der sittlichen, belegt durch
die Entartung der religionsfeindlichen marxistischen Sozialdemokratie.
Ihre Kindertümlichkeit zeigt Pestalozzi. Zur vollen Menschwerdung
gehört auch die Religion, also gehört sie zu jeder rechten Erziehung,
und trotz Schleiermacher auch in die Schule.

Erfreulich ist auch die Schrift des katholischen Hochschulpro-
fessors H. Mayer.19 Er schildert nach einleitenden Kapiteln über
Nationalgefühl und antinationale und übernationale Gemeinschaften die
deutsche Eigenart mit den Stichworten: Individualismus, Sachlichkeit,
Idealismus; skizziert die Geschichte der deutschen Nationalerziehung,
beschreibt die Aufgaben der modernen Schule mit den 4 Worten: sozial,
Erziehung, Staat, Religion, um dann den Anteil der Religion an natio-
naler und spezifisch staatsbürgerlicher Erziehung zu schildern. Mit
Recht betont er gegenüber modernster Ueberschätzung der Organisation
und Uniform den Geist der Erziehung und das Recht der Familie,
aber auch das Recht des Staates, dessen kulturelle Bedeutung ver-
kenne, wer die Erziehung allein der Kirche übergeben wolle. Ohne
seiner Kirche etwas zu vergeben, würdigt er stark Heimat und Volks-
gefühl, beklagt wiederholt das fremdsprachliche Gewand der katho-
lischen Liturgie. Der gute Katholik zeigt sich andererseits in der Be-
zeichnung Petri, wie er Gott mehr gehorcht als den Menschen, als des
„ersten Papstes". Vergeblich ist das Bemühen (S. 104f.), Privatmoral
und Staatsmoral über einen Leisten zu schlagen.

Erwähnt sei endlich noch die Schrift Besigs,20 in der die Ge-
setzesbestimmungen über religiöse Kindererziehung abgedruckt und die
einzelnen einschlägigen Fragen sachkundig erläutert sind.

Hannover-Kleefeld. Schuster.

Mitteilung.

Mein Buch Jesus-Jeschua ist anspruchsloser, als es
nach der freundlichen Anzeige in ThLZ Nr. 2 erscheinen
könnte. Es will weder Erwägungen über die Echtheit
eines Wortes Jesu ausschließen, noch die bisherige Arbeit
der Auslegung als überflüssig erklären, sondern für
beiderlei Arbeit Stoffe darbieten, der mit aramäisch-
sprachlicher und jüdischgedanklicher Ueberlegung zu-
sammenhängt und eben deshalb mit der Auslegungs-
tradition unverworren bleiben sollte. — Damit ein
„Fehler" nicht als beabsichtigt erscheine, erwähne ich,
daß S. 68 in der aram. Uebersetzung von Mt. 5, 22 in-
folge fehlerhafter Kopie wegfiel: uman de- amar le- ahuh
reka jehe mithajjab sanhedrina.

Greifswald. D a 1 m a n.

Mitteilung.

Die Teyler'schc Theologische Gesellschaft zu
Haar lern schreibt folgende Preisarbeiten aus:

1. Zur Beantwortung vor 1. Januar 1924: „Der Erlösungs- und
Heilsgedanke von freisinnig protestantischem Standpunkt aus".

2. Zur Beantwortung vor 1. Januar 1925: „Das Christusproblem
— sein Kern und seine Bedeutung für das geistige Leben der Mensch-
heit".

Der Preis besteht in einer goldenen Medaille von /400 an inne-
rem Wert oder in / 400. Der Preis wird ausgehändigt, sobald die ge-
krönte Arbeit druckfertig vorliegt. Einsendungen mit Motto und ver-
siegeltem Namenszettel an: Fundatiehuis van wijlen den Heer P.
Teyler van der Hülst to Haarlem.

Mitteilung.

Die Verlagsbuchhandlung A. Töpelmann in Gießen eröffnet
eine Subskription zum Vorzugspreise auf E. Preuschen, Hand-
wörterbuch zum Neuen Testament in 2. Aufl. völlig neu
bearbeitet von Walter Bauer in Göttingen. Der Druck des Werkes
hängt davon ab, daß sich eine hinreichende Anzahl an Subskribenten
findet. H.

Mitteilung.

Herr Priv.-Doz. Dr. Leisegang in Markranstädt b. Leipzig,
Marienstr. 28, ist laut Sitz. Ber. Berl. Akad. Wiss. (25. Jan. 1923) be-
reit, Gelehrten über einzelne Worte bei Philo aus seinem handschriftlich
vorhandenen Index zu Philo Auskunft zu geben. Der Druck des Index
ist zur Zeit aus wirtschaftlichen Gründen nicht ausführbar. H.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 19. Mai 1923.
Beiliegend Nr. 10 und 11 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.
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