Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

48.1923

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 3.

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abhängiges Exzerpt aus Tiichendorfs editio octava ift. Der
Text fchließt fich im allgemeinen an die ägyptifchen
Uncialen an, aber vollftändig ift keine von ihnen kolla-
tioniert: ich rede dabei nicht von Orthographie und ähn-
lichen Dingen, die felbftverftändlich wegzubleiben haben,
fondern von wirklichen Varianten.

Es fehlen im Römerbrief (den ich zur Stichprobe verwende) allein
von den bei Weftcott und Hort als eventuell echte Lesart zur Auswahl
geftellten Varianten folgende: i32 imyivwoxovveq B. 2l3 xij> om. B(II.)
3s xal vor xad-wq om. B. (K min). An der wichtigen Stelle 325 lieft
Vogels D.aoxrjQiov dia xfjq niotewq etc. (mit BKLP etc.) aber notiert
nicht, daß xrjq in SC (DG al.) fehlt. 4n negixoixt)v AC al. xi/v] eiq
A al. ift notiert, aber daß S (D al.) xi)v auslaffen, fehlt. 823 ijUeTq om.
B (min). ii2,-, Ttag'jev AB i24 noXXd iieXrj] ßhXii noXXa A(LP idXij
ndvxa vgl. Latt) lehlt alles. 139 xovxqj xö> Xöyo) A(LP). 131t i/Liäq
D GL al. 1312 de] om. S. i62 7iQOoäe§ao9-e avxrrv BC (DG).

Wenn man überhaupt Lesarten vonEinzelhandfchriften
gibt, und das halte ich mindeftens in der ägyptifchen
Familie für nötig, darf keine von diefen Lesarten fehlen.
Daß die Auslaffung nicht irgend einem Prinzip entfpringt,
geht daraus hervor, daß an anderen Stellen viel unwich-
tigere Dinge gebucht find. Wenn V. S VIII der Vorrede
als erftes Prinzip feiner Auswahl angibt ,ea quae ad rem
pertinent afferre studui, ut ostendam, ubi et quius causis
textus primus mutatus sit', fo müffen wir feftttellen, daß
die genannten Stellen fämtlich ,ad rem' gehören. Aber
um das angeftrebte Ziel zu erreichen, muß überhaupt,
wie fchon gefagt, nach ftrengen methodifchen Grund-
fätzen verfahren werden. Und da bringt nun V. ein
zweites Prinzip ,tum nonnullas lectiones nulla alia
ex causa rettuli nisi ut perspiciatur, quam mir um in
modum testes in unum locum conveniant, qua re
ad historiam textus perscrutandam ingenia accendantur'.
Diefer Gefichtspunkt kann nicht fcharf genug bekämpft
werden, denn mit ihm kann man allerdings den Apparat
leicht zu einem Raritätenkabinett oder einer Rumpel-
kammer machen, fobald nicht klar gefchieden wird, was
zur erden, was zur zweiten Klaffe gehören foll. Dann
hätte V. konlequent die zweite Klaffe ähnlich wie
es v. Soden gemacht hat, unter dem Strich gefondert
bringen follen.

In einer Ausgabe, welche zur Einführung von An-
fängern bedimmt id, muß Überfichtlichkeit des Stoffes
mit vorfichtigder Auswahl des Wefentlichen zufammen-
gehen. Lachmann (der übrigens feine Vorreden im Gegen-
latz zu V. felbd auf lateinifch fchreiben konnte) hat in
feiner noch immer klaffifchen Praefatio zur Ausgabe des
N. T. gezeigt, welchen methodifchen Wert die Befchränkung
auf relativ wenige, aber gut ausgenützte Zeugen hat: das
hat die Nachwelt fehr zu ihrem Schaden vergeffen.
Die (S. XI—XIV abgedruckten) ,Leporelloliden' von
Codices, wie Lagarde fie einmal fpottend genannt hat,
find fchädlich, weil abfchreckend, und unwahrhaftig, weil
alle diefe Zeugen ja weder verhört noch gar zur Feft-
dellung des Urtextes verwendet werden. Wenig Material,
das aber gründlich, muß die' Lofung einer Editio in usum
scholarum fein. Und ich bekenne mich zu dem Glauben,
daß diefer Grundfatz fogar für eine abfchließende editio
maior Geltung hat. Es find volldändig zu kollatio-
nieren SABC und zwar nach den überall jetzt zugäng-
lichen Photoausgaben der Handfchriften, nicht durch An-
leihen bei Tifchendorf. Sodann die bohairifche und sa-
hidifche Überfetzung in den trefflichen neuen Ausgaben
Horners, natürlich nach dem Original, nicht nach der
englifchen Überfetzung, fo willkommen diefe dem Be-
nutzer auch fein wird. Die Syra vetus nach Burkitts
Mufteredition und fichere Tatianlesarten. Ferner alle
griechifchen Zitate bis Clemens Alex, inclusive, und die
Vulgata nach Wordsworth und White. Von der welt-
lichen Textgruppe vollftändig nur D (und bei Paulus G),
Marcion und Tertullian: fonft Sigel SB mit Exponenten.
Die Koine überhaupt nur durch Gruppensigel St1 mit
Exponenten nach Rahlfs Vorbild. Sodann wären wört-
lich anzuführen die Stellen, an denen alte Zeugen über
Lesarten berichten (Neftle Einführung 3 S. 165 f.). Vielleicht

könnte bei einzelnen Lesarten noch hinzugefetzt werden,
ob fie durch Väterzitate geftützt find, aber ganz fparfam
zur llluftration fcheinbarer Singularitäten und nie, wo
der ,Familiencharakter' der Lesart ohnehin ficher ift. Das
würde genügen, und den Lefer zum vertrauten Umgang
mit wenigen guten Zeugen und zur richtigen Wertung
von Lesarten anleiten: in .Rumpelkammern' dürfen nur
gefertigte Charakter hinein. Wie ich mir Anleitung zu
textkritifchem Verftändnis denke, habe ich im Handb.
z. N.T. Römerbrief2 (1919) an einigen Beifipielen gezeigt:
eine Handausgabe des N.T. müßte in ähnlichem Sinne
bearbeitet werden. V.'s Ausgabe kann aber diefen An-
forderungen nach keiner Richtung genügen. Gehen wir
noch einmal den Apparat zum Römerbrief durch 1

ij yotdr. irjO. B al. vg arm. Wozu ift hier fo auf einmal ver-
einzelt die armenifche Überfetzung zitiert? und nach welcher Ausgabe?
In meinem armenifchen N.T. (Konftantinopel 1914 A.B.S.) fleht deut-
lich ZQioxoii 'Irjoov. Vielleicht lieft Zohrab Itjo. %q. — aber was geht
das den Studenten an? Und ad rem gehört es ficher nicht. Der Um-
fland, daß die Notiz zufallig bei Tifchendorf fteht, fcheint den Ausfchlag
gegeben zu haben. i29 adtxta] -\- nopvna mindeftens L al. sy. gibt kein
zutreffendes Bild der textgefchichtlichen Entwickelung, denn nopveia ift
alte Variante zu novrjpia: ich würde mindeftens notiert haben novtjQM
nXeove^ia xaxia] xaxicc nogveia nXeove^ta DG, hierbei aber
noch etwas ausführlicher die Wandlungen des Textes buchen. 210 ev
ijji. oxe] ?] r/iiioa B ift falfch: B lieft 'ev >/ i/ueoci, aber das ev fleht
bei Tifch. in der vorhergehenden Zeile und ift deshalb iiberfehen (wie
I Cor 2( bei iivoxi'/piov das Sigtum von b* aus gleichem Grunde fehlt).
320 Iijoov om. G: das durfte nicht fehlen, wenn fchon die Variante
irjOOW DEL notiert wurde, aber aus Tifch. kann man das freilich nicht
entnehmen, fondern muß im Facsimile nachfehen. In 5,4 find am
Fehlen von fiTj das Lehrreichfle doch die Notizen, die Origenes, Auguftin
und Ambrofiafter über das Vorkommen der Lesart in dem ihnen bekannten
Material geben: die dürfen alfo nicht fehlen. Und wenn fchon Orig
Aug als Zeugen genannt werden, warum nicht der hier ebenfo wertvolle
Ambrofiafter, der über ältere lateinifche Zeugen der Lesart berichtet?
(Ambrofiafter kommt überhaupt bei V. feiten zu Wort). Ich fehe keinen
Grundfatz der Auswahl. 517 om. xnq dwpeaq B. Richtig, aber ebeufo
lefen 49, Orig. Aug., die zum minderten durch al. angeführt werden
mußten, beller noch wirklich genannt würden, damit der Lefer nicht
glaubt, hier liege ein Schreibfehler des Kopiflen von B vor, wie etwa 722
o3. Anderswo bringt V. folche Notizen (329 5U 63 824 9i3 I2l4 154
u. ö.) warum hier nicht? 5l8 ift notiert evoq 2"] -f- avllpwnov D* FG
Aug; gemeint ift aber das zweite evoq von Vers 19! Ferner zeigt fich hier
an einem von vielen hundert Beifpielen der Nachteil diefer grundfatz-
lofen Zitierung bezw. Auswahl von Väterzeugniffen. Die Lesart begegnet,
wie Tifchendorf angibt, bei lrenaeus, und zwar fowohl im lateinifchen
wie im griechifchen Text, Auguftin und Ambrofius. Alfo mußte, wenn
überhaupt ein Vätername genannt wurde, unbedingt lrenaeus zitiert
werden. Ich würde formulieren: DG Iren'gr Latt. Die Väter bis auf
Clemens und Tertullian dürfen auch in einer editio minor nicht fehlen ;
für fpätere genügen Sammelfiglen, ja die find nötig, um das willkürliche
und nutzlofe Herauszupfen von Einzelnamcn zu befeitigen. Daß E und
F wegzubleiben haben, follte fich allmählich von felbfl verliehen, 612
xaiq en. ctvx.] avti] DEFG: beffer DG Tert, denn es ift kein Grund
erfichtlich, hier Tertullian wegzulaffen, während er anderswo, wenn auch
feiten, zitiert wird (82. 11.3.7.): dadurch entlieht ein falfches Bild beim
Benutzer. 619 om. eiq x. uvo/u. B syP: hier fehlt wieder Tert., der
nicht fehlen darf, weil er ein alter Zeuge dafür ift, daß die Lesart von
B auch im Wellen begegnet. 725 om. de B gibt wieder ein falfches Bild,
als ob es Singularität wäre: es ift zu notieren mindeftens B al., beffer
aber B sa al. oder B sa Grr Hier: Hieronymus kann man auch weg-
laffen, da er mit griechifchem Material arbeitet. H yapiq xov xvqiov
FG ift falfch, obwohl es bei Tifch. fleht: tod fehlt"in G. Aber die
Stelle ift noch für etwas anderes charakteriftifch : V. lieft ydoiq dl xö>
'>£(«, auf Grund welcher Zeugen, kann kein Benutzer feines Buches auch
nur ahnen, da von allen fonft erfcheinenden Zeugen (wie SAB D E F
G K L P 38 al. vg sy) nur Abweichungen notiert werden. Er könnte
durch Subtraktion auf C raten, deflen alter Text aber an diefer Stelle
unlesbar ift: was er nicht erfahrt. Die Lesart des V.'fchen Textes ruht auf
mehreren Minuskeln, denen fich die Korrektoren S und C zugcfellen, bo
Cyrill: das muß in folchen hallen ausdrücklich gefagt werden. Die ratio
für diefe Entfcheidung ift mir freilich dunkel; aber das ift eine Frage
für fich. 8M dia xo evoixovv avxov nvev/xa B DEFG al. Tert vg:
daraus würde der Lefer fchließen, daß er eine rein ,weftliche' Lesart vor
fich hat, die wie fo oft, auch in B begegnet. Es muß heißen: B Orig
DG vg Tert Latt KLP syp al. Das ergibt ein textgefchichtlich ganz
anders zu bewertendes Bild. 820 ovy exovoa] ov (XeXoxoa FG LatPIcr
ift falfch. Tifch., dem die Notiz entlehnt ift, bemerkt ganz richtig, daß
FG ov fXeXovoa haben, und daß die ,Latini pleriaue' non volens bieten,
was an fich genau fo gut Überfetzung von ovy exovoa wie von ov
Ih'Xovoa fein könnte, in Wirklichkeit erfteres ift': in G (F) ift der grie-
chifche Text wilkürlich gemodelt. 822 ovvwdivei] odvvei FG latpkr
ift noch flärker irreführend.. Die .Latini plerique' Tifchendorfs haben
parturit =~ ovvwdivei: bei Sabatier find die Belege gehäuft zu finden.
Ganz vereinzelt begegnet dolet => ödvvei (= FG) was ein falfch gele-
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