Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

46.1921

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 19/20.

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wunderliche Gefchichten glauben follen, von denen zum
minderten gilt, daß fie wirklich zuverläffig nachzuprüfen
kaum möglich ilt.

Wirkliche Klärung des Gegenftandes gibt unsScholz,
indem hier der Unfterblichkeitsgedanke wirklich als
philofophifches Problem behandelt wird, und zwar
von einem kritifchen Denken, ,das auch vor metaphyfifchen
Problemen nicht Halt macht, fondern im Gegenteil feinen
philofophifchen Charakter gerade darin zum Ausdruck
bringt, daß es fich auch an diefe Fragen heranwagt und
ihnen fo viel wie möglich abzuringen verfucht' (S. 5).
Auch hier handelt es fich um Darbietungen in Vortrags-
form vor einem größeren Publikum; hier aber wirklich
um folche ,ohne wiffenfchaftliche Einbuße'. Anftatt einer
verwirrenden StofTülle haben wir hier eine klar durch-
fichtige Gedankenführung und bei aller Kürze der Dar-
bietung eine wirkliche Heraushebung des Entfcheidenden.

Das gilt befonders von der kurzen Kennzeichnung der verfchie-
denen Aufladungen und Beurteilungen des Todes — und hier wäre wieder

j2"_v. T1j._ZV.11. T__t, j:_ _«:_Vi«1 TTÜIIp Af>c ihm rrpVintpnr-n befonders hervorzuheben, was Sch. fowohl zur ethifch als auch zur mela-

ÄtjÄ ! Phififch motivierten Empfindung des Todes als .Strafe' fagt - fo

Für die Seelenwanderung, die er als ,feine eigene,
natürlich ganz fubjektive Hypothefe' einführt, finden wir
die üblichen Argumente.

Auf etwa vier Seiten erhalten wir einige beliebige
Koftproben aus der Religionsgefchichte.

Im Unterfchied von dem .Brofchürenkram, der fich
heute über das Leben nach dem Tode . . breit macht',
will Bifchoff ,wohl nicht ein eigentlich wiffenfchaftliches
Buch fchreiben, aber doch feine gemeinverftändlichen
Darlegungen' ohne wiffenfchaftliche Einbuße geben; und
der Lefer foll ,allenthalben möglichft felbft fehen' und
,zum Nachdenken angeregt werden' (S. 4) d. h. alfo doch
wohl, er foll die Probleme von allen Seiten fehen lernen
und in den Stand gefetzt werden, fich feine eigene Mei-
nung zu bilden. ,Wo es immer anging' ,hat fich der Verf.
darum auch ,mit der Rolle einer Art von Fremdenführer
begnügt, die eigene Meinung nicht betonend' (S. 3 u. 4).
Er hofft darum, daß auch der Lefer, welcher der Dar-
legung feiner eigenen Überzeugung nicht zuftimmen kann,

geifteswiffenfchaftlichen Stoffes fich entfchädigt fehen wird, j ^^^^t^^^^^^ VnR^khk^t&mVms.

Und pewiß ift das Buch B s ernfthafter zu nehmen als jener t>„ 1 „,r__-.a. u j- 11 a r u -j j

V, rV , Tj „ . „:„u „r___Bedeutfam ift auch die ganz klare Ausfcheidung der

.Brofchürenkram', mit dem es nicht zufammengeworfen fein , bloßen UnfterbIichkeitsm thm ie. Wenn es überhö t

mochte Man ftutzt aber fchon über den Ton, wie er ; dnen Unfterb]ichkeit la^lben g ibt/ der einer hilofo.

Ci/-B in Hfr Aiispinntirlerfetznno- oft crr-niicr tinriet. i -r i t- ■• , . -r, r s r""u,u

philchen Erörterung wert ift, fo muß er etwas ganz anderes
fein als die Nachwirkung folcher animiftifcher Spekula-
tionen' (S. 72 vgl. auch S. 7411.77). Dasfelbe klare Ab-
rücken von aller bloßen Unfterblichkeitsmythologie, die
als folche — in welcher Form immer fie auftreten mag —
im Seelifch-Sinnlichen gefangen bleibt, liegt in dem Satz
über den Gehalt des Unfterblichkeitsglaubens: .Vielleicht
ift es richtiger, von Ewigkeit des Geiftes zu fprechen' —
und zwar des perfönlichen Geiftes (S. 91) — ,anftatt von
der Unfterblichkeit der Seele zu reden' (S. 90). Ewigkeit
des Geiftes ift in der Tat ganz etwas anderes als alle
Jenfeitsträume und -phantafien des primitiven Seelenglau-
bens, des Spiritismus, der Anthropofophie, der Seelen-
wanderungsvorftellung, der Verfenkung ins Unter- oder
Tiefenbewußtfein des Seelenlebens und auch als das
Haftenbleiben in den Anfchaulichkeiten der biblifchen
Vorftellungswelt. Sch. macht auch wirklich ernft mit dem
Gedanken, mit dem andere, wie Fell oder Herrmann, je
in ihrer Weife naiv Beweisgläubigen mehr nur fpielen,
ohne ihn zur wirklichen Klarheit durchzuarbeiten, daß
wir die Unfterblichkeit im ftrengen Sinne des Wortes
nicht beweifen können. Hierfür bedeutfam ift die Aus-
einanderfetzung mit den platonifchen Beweifen (S. 34 ff.).
,EsgibtüberhauptkeinenUnfterblichkeitsbeweis, fondern
nur Begründung des Unfterblichkeitsglaubens'. Nun
bemüht er fich aber auch zu zeigen, daß .folcher Glaube
auf Stützpunkten ruht, die einen denkenden Menfchen
feilhalten, weil fie von folcher Bedeutfamkeit find, daß
es unmöglich ift, über fie hinwegzukommen' (S. 74). Und
felbftverftändlich liegen für ihn diefe Stützpunkte nicht
in allerlei nicht voll aufgeklärten pfychifchen Phänomenen,
fondern ganz im Umkreis des geiftigen Lebens.

Er nennt da als .primäre Grundlagen' .Erlebniffe der Unzerftör-

fich in der Auseinanderfetzung oft genug findet,

Z. B. die Kapiteliiberfchrift S. 28: Der Parallelismus oder der große
Unbekannte oder die amputierte Blinddarmfeele oder das Gemälde der
Farbentöpfe oder Peter Scblemihl II oder das idealifiifche Anftandsröckchen'
oder die Wendung .wiffenfchaftliches Wifchiwafchi' in der Auseinander-
fetzung mit Fr. Paulfen (S. 34). S. 17 wird .die paralleliftifche oder
pfychophyfifche Theorie' rundweg mit dem ,fog. moniftifchen Phänome-
nalismus' .gleichgefetzt' und Geulinx, Spinoza und Wundt werden unter-
fchiedslos zufammengeworfen. Aus Paulfens Gedanken, daß das ganze
einheitliche leibliche Leben das phyfifche Aequivalent des ganzen einheit-
lichen Seelenlebens fei, wird gefolgert, daß dann alfo .beim Nägel-
fchneiden ufw. mit dem Bruchteil meiner Leibesatome ein .entsprechendes'
Stück meines einheitlichen Seelenlebens fortgehe' (S. 35). Kants Lehre
von dem nicht vorzeitlichen, fondern intelligiblen Urfprung des radikalen
Böfen wird mit der Wendung erledigt: .Vorzuftellen vermag ich mir
dabei aber blutwenig' (S. 93). Nietzfche ift ,ein philofophifch diktie-
render Philologe' (S. 110).

Das fchmeckt doch alles fehr nach .wiffenfehaftlicher
Einbuße' und klingt wenig nach wirklicher Einführung
in die Probleme. Und auch der .Fremdenführer' ift nicht
ohne weiteres zuverläffig.

Im Kannibalismus fleht er ,die erften Ansätze einer Seelenwanderungs-
vorftellung' (S. 49); die bloße Idee des Totengerichts wird ohne weiteres
als .eine religiös-Tätliche Revolution' bezeichnet (S. 56); gegen die ,Pa-
tentgermaniften' fich ereifernd, vertritt B. felber das Dogma von der
altorientalifchen Weltanfchauung (z. B. S. 71). Die Efchatologie des
Parfismus fteht .unter dem Einfluß einer Kreislaufidee' (S. 123), und
die .ganze Lehre vom Auferftehungsleib' ift ,in ihrer roheilen Form das
Rudiment einer nicht klar bewußten Lehre von der Wiederkehr des
Gleichen' (S. 139).

Die kritilche Auseinanderfetzung mit der chriftlichen
Eschatologie ift ohne alle religionspfychologifche Vertie-
fung und lediglich rationaliftifche Kritik der Denkfchwierig-
keiten (S. 135). ,Die Myftik des Lebens nach dem Tode'
erweift fich bei näherem Zufehen als blühende Jenfeits-
mythologie eines fehr ausgeführten Seelenwanderungs-
glaubens, und die Stimmung des Ganzen ift fo wenig

myftifch, daß vielmehr gerade daß mit Hilfe diefer Lehre barkejt des Geiftes, - - - ^ ---

alles rational begreifbar wird, .hr als Empfehlung dient. , finden. idas ErlebL ^ Kraft' (S. 77),^ ' klaÄ

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Und das ift ja überhaupt das Charaktenftifche, neben
dem fchon bei Keffemeier hervorgehobenen Morahsmus:
eine rationale Weltanfchauung, die das fo fchwer faßbare
wirkliche inixtiva des Ewigkeitsglaubens durch eine Ver-
unendlichung des im Prinzip diesfeitigen Seelenfeins
umgeht.

Dem Spiritismus gegenüber verhalten fich alle bisher
Genannten in verfchiedenem Stärkegrade ablehnend. Ganz
auf feine .Beweife' als die bedeutfamften ftellt fich
Ed. Herrmann bei feinem Verfuch, den entfehwindenden
Glauben zum Wiffen zu erheben (S. 15). Da wir nicht
alle folche Experimente anftellen können, läuft die Sache
im Grunde darauf hinaus, daß wir anftatt an überlieferte
mythologifche Vorftellungen an allerlei wunderbare und

.Menfchen von überquellendem Lebensgefühl und überftrömender Energie'
find, wie fie befonders die Renaiffance hervorgebracht hat; auch Goethe
und Fichte Endlich die Überzeugung von der metaphyfifchen Bedeut-
famkeit der Individualität (S. 80), die - allerdings neben der entgegen-
setzten Empfindung - immer wieder ihre bedeutfamen Vertreter habe.
Dazu treten als .fekundarc Grundlagen' (S. 75) die Spekulationen, die fiel,
auf Grund von Erlebniffen erzeugen (S. 74). So führt das .Erlebnis
"„ln !,1,Bil,taf f ?, auf dera wege der metaphyfifchen Dichtung zur
Unfterblichkeitsvorftellung. Weiter gehört hierher der Glaube an die
fittliche Weltordnung, der wirklich zu Ende gedacht, nicht nur .die Er-
haltung deffen, was wir getan, fondern das Fortwirken deffen, was wir
mraere (S. 36). Sodann erfchließt fich ein wirklicher Sinn der
Gefchichte erft auf dem von Lotze gewiefenen Wege fpekulativer Deutung.
Endlich nennt Sch. in diefem Zufammenhang die geiftige Vollendungs-
fehnfucht, wie fie, auch außerhalb der Religion vorhanden, ,auf einer
gewiffen Höhe zu den apriorifchen Momenten des menfchlichen Geiltes-
lebens zu gehören fcheint, und ,auf der Grundlage der Gotteserfahrung' ,be-
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