Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

46.1921

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fertig fleht, nimmt er, im 4. Kriegsjahre (S. 44), ftatt des
gewohnten Stiftes ,die minder vertraute Feder' (l), ftreicht,
wenn auch nur auf dem Papier—Bau Werkel äffen fich immer-
hin nicht wegkratzen wie Bilder von der Leinwand —,
alles bisher Geleiftete durch und mit dem Selbftgefchaf-
fenen zugleich — die Gefamtgefchichte des proteftantifchen
Kirchenbaues. Alles, was die evangelifche Kirche an Kirch-
bauten hat, ift Nutzbau, Zweckbau, vorwiegend beherrfcht
durch die Kanzel als Trägerin der Predigt, Gehäufe für
diefe, ohne Prediger leer und feelenlos, alfo Profaubau,
nicht in fich und an fich Ausdruck der Frömmigkeit, der
Religion! Die ,Feier', das Sakrale in der baulichen Dar-
flellung der Religion ift verkümmert, leidet, tritt zurück
oder kreuzt fich mit dem Predigtzweck in zwiefpältiger
Weife. B. fordert und findet Erlöfung aus diefem Zwitter-
gebilde in der räumlichen Trennung von Predigt und Feier,
d. h. in einem Gemeindehaufe, das außer dem Pfarrhaufe
und dem eigentlichen Gemeindehaufe eine Predigthalle
umfaßt, einerfeits, und einer den objektiven Teilen des
Gottesdienftes (Gebet, Gefang, Trauung, Konfirmanden-
einfegnung, Abendmahl) vorbehalteneti (Feier-) ,Kirche'
andererfeits. Diefe Feierkirche, kurz Kirche genannt, ift
ihm zugleich Symbol einer Zukunft, in der die Menfchheit
den Individualismus überwunden hat und fich als lebendige,
in gegenfeitiger Liebe tätige Einheit weiß. Sie verkörpert
ein Programm, das über das Geftern und Heute vorwärts-
weift in eine neue, aber fichtüch bereits im Werden be-
griffene Zukunft. B. hält der evangelifchen Kirche diefes
Programm vor Augen als dasjenige, das fie ergreifen
muß, wenn fie die Zeichen der Zeit verliehen und nicht
vom Strudel der Zeit Verfehlungen werden will. Vor-
läufer find ihm die aus der katholifchen Zeit über-
nommenen evangelifchen Kirchen, in denen der große
Chor Abendmahlskirche, das Schiff Predigtkirche ift (Bar-
füßer-Kirche in Erfurt; Stephanskirche in Afchersleben;
Dom in Halberftadt; Dom in Naumburg u. a.). Das Neue
ift dies, daß, was dort bedingter Einzelfall, Notfall ift,
von ihm nunmehr zur allgemeinen Forderung er-
hoben wird.

B. ift merkwürdigerweife entgangen, daß, was er will,
auch der proteftantifchen Kirchbaugefchichte als folcher
bereits nicht ganz fremd ift. Hat doch kein Geringerer
als Schinkel den Gedanken der Doppelkirche — wie
mag er auf ihn gekommen fein? —, d. i. der Teilung in
eine Predigt- und eine Abendmahls-Kirche vorgefchlagen
in zwei Entwürfen, deren einen er 1816/17 projektierte
für den großen Nationaldom, der auf dem Leipziger Platz
zu Berlin errichtet werden follte, deren anderen er 1819
projektierte für eine neue Kirche auf dem Spittelmarkte
ebenda. Und nicht bloß das, fondern derfelbe Gedanke
ift auch in eigens als evangelifche Kirchen errichteten
Bauten tatfächlich ausgeführt worden, fo als in dem be-
kannteften Beifpiele in der Chriftkirche zu Tondern aus
dem Ende des 16. Jahrh. (vgl. Der Kirchenbau des Prote-
ftantismus, bearb. von O. Fritfch, 1893, S. 165, 166; 39f.).
Aber das Beifpiel von Tondern und der etwa gleichartig
angelegten Kirchen des 16. Jhs. hat keine Nachfolge ge-
funden und die Projekte Schinkels find unausgeführt ge-
blieben. Wird die Erneuerung des alten Gedankens heute
mehr Gegenliebe finden? Freilich, wenn zwei dasfelbe
tun, ift es nicht dasfelbe. B. hat für fich nicht bloß ein
grundfätzlich anderes Motiv; er will auch mehr als jene
Alten; er will einen Predigtfaal als Teil des Gemeinde-
haufes und felbftändig für fich, losgelöft von diefem,
die eigentliche, dem .objektiven' Gottesdienft geweihte
,Kirche'. Wird fich die evangelifche Kirche, die evan-
gelifche Gemeinde diefe .Löfung' gefallen laffen? gefallen
laffen dürfen? Es würde eine außerordentliche Ver-
mehrung der Baulaften erforderlich fein — jetzt nach dem
Kriege! Es würde weiter nicht bloß eine Reform — die
wünfehen wir alle —, nein, eine radikale Umftellung des
evangelifchen Kultus erforderlich fein, eine Umfchichtung,
welche m. E. das evangelifche Bewußtfein nicht ertragen

kann und nicht ertragen wird. B.s Ideal wird fich demnach
mit einer mehr den praktifchen Verhältniffen angepaßten
Verwirklichung befcheiden müffen. Daß aber in der von
B. gezeigten Richtung zur Förderung und Vertiefung des
evangelifchen gottesdienftlichen Lebens eine ernfte Auf-
gabe liegt, des Schweißes der Edlen unter den für die
Kultusgeftaltung wie unter den für die Baugeftaltung
Verantworlichen wert, und daß hier Gutes getan werden
kann, das ift allerdings auch meine Meinung. Seien wir
B. dankbar, daß er das Problem mit heißer Seele erfaßt,
es in feiner ganzen Tiefe in die Öffentlichkeit geworfen
I und damit diefer Öffentlichkeit gezeigt hat, daß es fich
I hier tatfächlich um ein Problem höchfter und feinfter Art
j handelt, um eine Sache, die einen fo bedeutenden Künftler
I und einen fo reich veranlagten Menfchen wie B. aufs
j tieffte bewegen kann und zu bewegen berechtigt ift.
Berlin. Georg Stuhlfauth.

Bibliographie

von Oberbibliothekar Kippenberg in Leipzig,
Univerfitäts bibliothek.

Bezügl. Himoeije und Sendungen find jederzeit erwünfchl.

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'20; TSteinmann: ZThK 28 NF 1, 5, '20; Eißfehlt. Krill-Ztg '20, 30,
10; KDeißner: ThGgw '20, 6; MStäglich: MsPflrlth 17, 1/2, '20
Okt./Nov.; OB: EvFrht '20, 7; ROtto: ThLtztg '19, 25/26).

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Hilbert: Was ift uns unfere Kirche? (ThLtber 1919, 3; Pftrlbll 61, 6
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Hirfch: Christentum u. Gefcb. in Fichtes Philofophie (Schütz: Krtll-
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ThLtber '21, 1; WThimme: ThLtztg '20, 19/20).

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