Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

43.1918

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Theologilche Literaturzeitung 1918 Nr. 23/24.

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(S. 115); j'ai besoin qu'on nie traduise; et Toq nie tra- I
duira, si ce que j'ai dit en vaut la peine.' Gewiß lohnt j
fich eine folche Überfetzung und Verbreitung: die große
kritifche Ausgabe der Werke Vinets wird diefe fegens- \
reiche Aufgabe ermöglichen und am beften fördern.
Straßburg i. E. P. Lobftein.

v. d. Goltz, Prof. D. Eduard Freiherr: Grundfragen der ;
praktilchen Theologie. Das kirchl. Leben in feinen ele- !
rrientaren Funktionen u. Gemeinfchaftsformen darge- '
ftellt. (Studien zur prakt. Theologie. 8. Bd., Heft 1.) j
(XI, 160 S.) gr. 8°. Gießen, A. Töpelmann 1917. M. 6— j
v. d. G. definiert praktifche Theologie als ,die Lehre
von der geordneten Betätigung der chriftlichen Geiftes-
gaben in den gefchichtlichen Lebensformen kirchlicher
Organifation zur Hervorbringung und Förderung chrift-
licher Perfönlichkeiten und zum Aufbau des Reiches
Gottes' (S. 149). Jefus Chriftus und fein Reich ift ihm
zwar die grundlegende Orientierung für jede Betätigung
des Chriftentums (S. 12—16), aber im Ünterfchied von
Ethik und Dogmatik, die abfolut gültige Normen auf-
ftellen, habe die praktifche Theologie im gefchicht-
lichen Leben für die empirifchen Kirchen nach Zweck-
mäßigkeitsgründen Regeln für eine geordnete Betäti-
gung der chriftlichen Geiftesgaben zu geben (S. 18—24).
In diefen nämlich fieht v. d. G. die elementaren Funktionen
des kirchlichen Lebens und fcheidet fie in didaktifche,
fymbolifierende, diakonifche und kybernetifche, die aus
ihnen erwachfenden Aufgaben in efoterifche und exo-
terifche (S. 25—55), die durch fie bedingten Organi-
fationsformen des chriftlichen Gemeinfchaftslebens in
Hausgemeinde, Kirchengemeinde, gefchichtliche Kirchen-
einheiten (z.B. Landeskirchen) und kirchliche Zweckver-
bände (z. B. I. M., auch theol. Fakultäten; S. 56—115). —
Auf die Behandlung des Verhältniffcs der kirchlichen Or-
ganifationen zu den außerkirchlichen (S. 116—146) folgt
das die Aufgaben der praktifchen Theologie als fyfte-
matifcher Wiffenfchaft zufannnenfaffende Schlußkapitel
mit einem kurz begründeten Aufriß des ganzen Lehr-
fyftems (S. 147—160). —

Der wiffenfchaftlichen Erörterung wird des Verfaffers
felbftändiges Vorgehen wertvollfte Anregungen zuführen;
die Männer der Praxis kann feine mit kirchlichem Realis-
mus gepaarte Grundfätzlichkeit vom hohen Werte prin-
zipieller Klarheit für die Sicherheit kirchlichen Handelns
überzeugen. —

Straßburg i. E. Gottfr. Naumann.

Bodenfieck, Paft.Hans: Gotteskraft in fchwerer Zeit. Zwölf
Predigten aus Feld u. Heimat (1914—1917). (100 S.)
8°. Osnabrück, Rackhorft 1918. M. 2.20

Von den zwölf Predigten, die den Inhalt diefes Büch-
leins bilden, befteht die Hälfte aus Feldpredigten, die an-
dere Hälfte wurde nach der Rückkehr B.s in der Osna-
brücker Marienkirche gehalten, und es hat für den Lefer
einen eigenartigen Reiz, erft in den Kreis der feldgrauen
Soldaten zu treten, die fich in der Etappenkirche oder
unter freiem Himmel verfammelt haben, und fich fodann
den Hörern einer großen Stadtgemeinde zuzugefellen.
Nicht packende Wucht oder Volkstümlichkeit bezeichnen
das Befondere diefer anziehenden religiöfen Reden, ob-
gleich es ihnen nicht an der nötigen Beftimintheit des
Ausdrucks fehlt, auch nicht feffelnder Bilderreichtum,
obgleich dem Verfaffer auch die Gabe der Veranfchau-
lichung eignet, fondern eine gemütvolle Innerlichkeit, die
fich, weit entlernt weichlich oder verfchwommen zu fein,
mit männlichem Ernft und einer klaren Sicherheit des
Gedankenfortfehritts verbindet. Sie find fchlicht und er-
mangeln doch nicht des dichterifchen Zuges; zumal die
10., über 1. Mof. 32, 23—32 ,das Ringen Jakobs', wohl
von allen die fchönfte, tieffte und ergreifendfte, gewinnt
volle künftlerifche Rundung. Der theologifche Stand-
punkt — augenfeheinlich gemäßigt liberal — tritt wenig

hervor. Der Titel .Gotteskraft in fchwerer Zeit' paßt
zum Inhalt, und das ift wohl das hefte Lob, das man
den Predigten fpenden kann.

Iburg. W. Thimme.

Niebergall, Prof. Dr. Fr.: Der Schulreligions- und der Kon-
firmandenunterricht. Referat auf der Dresdener Haupt-
tagg. Ottern 1912 des .Bundes f. Reform des Reli-
gionsunterichts. Mit dem Entwurf e. Lehrganges u.
e. Konfirmandenprüfg. als Anh. (60 S.) gr. 8°. Leipzig,
J. Klinkhardt M. —75

Durch Arbeitsüberlaftung bin ich (einerzeit ver-
hindert worden, diefe Schrift rechtzeitig zu lefen und
anzuzeigen. Das tut mir aufrichtig leid, da ich fie mit
zu dem Beften, Anregendften und Fruchtbarften zähle,
was überhaupt über den Konfirmandenunterricht gefchrieben
j ift. Wer fie nachdenklich lieft, wird fich felbft davon
j überzeugen. Auf eine Wiedergabe des Gedankenganges
j verzichte ich deshalb, zugleich auch auf eine genauere
; Beurteilung.

Frankfurt a. Main. W. Bornemann.

Lemme, Geh. Kirchenr. Prof. D. Ludwig: Der geiltige Neu-
bau unferes Volkslebens nach dem Kriege. (S.-A. a,: Der
Geifteskampf der Gegenwart.) (92 S.) gr. 8n. Güters-
loh, C. Bertelsmann 1917. M. 2 - -
Wer gern allgemeine Zeitbetrachtungen lieft, die von
einem charaktervoll ausgeprägten Standpunkte in alle mög-
i liehen Fragen der Gegenwart hineinleuchten, der wird mit
• Intereffe Lemmes unter obigem Titel gefammelten Auffätze
i aus dem ,Geifteskampf der Gegenwart' zur Hand nehmen,
j Er f kizziert zunächft das ,Gefamtbild'und fpricht dann über
,Idealismus und Realismus', ,Realismus und Religion', ,Re-
; ligiou und Chriftentum', ,Cliriftentum und Kirche', endlich
j über Moral .Kultur und Politik. Schon diefe Überfchriften
zeigen, einen wie weiten Raum Lemmes Darlegungen
umfpannen. Da kann es fich felbftverftändlich nicht um
wiffenfehaftliche Erörterungeil handeln- vielmehr könnte
i man im guten Sinne von einem .chriftlichen Räfonnieretr
über die verfchiedenften Seiten des geiftigen Lebens reden.
Überrafchend find dabei Lemmes fcharfe Ausfälle gegen
I den klaffifchen Humanismus unferer Gymnafien, die fich
! fogar heftig gegen die unfchuldigen antiken Statuetten
< in unfere öffentlichen Anlagen wenden oder fich zu der
: fehr beftreitbaren Behauptung verfteigen, gerade unter den
I Vertretern der klaffifchen Philologie gebe es belbnders
; wenig Vertreter chriftlicher Gerinnung. Auch was fonft
| gelegentlich an perfönlicher Abneigung des Verfaffers
j gegen .Rationalismus und Liberalismus' hervorbricht, er-
> höht nicht die Wirkung feiner fachlichen Ausführungen,
j Vor allen Dingen fehlt ein einheitlich leitender Gedanke,
j und fehr treffliche Beobachtungen und zutreffende Ur-
teile wechfeln mit Übertreibungen und offenbaren Miß-
verftändniffen. Zu letzteren rechne ich den Bericht (S. 17),
j W. Herrmann habe in der Chriftlichen Welt (1915 S. 219 ff.)

gefagt, daß der ,Iflam mit unferm Glauben im wefent-
i liehen eins ift', oder Bouffet habe die chriftliche Gottesidee
j für lediglich bildlich erklärt (S. 83). Jedenfalls muß der
! Lefer fich danach fowohl von Herrmann wie von Bouffet
j ein ganz falfches Bild machen. Sehr treffend ift die Be-
merkung Lemmes, daß die humanitäre Liebesarbeit der
Kriegszeit im vaterländifchen Sinne nicht mit der chrift-
] liehen verwechfelt werden folle, wie denn überhaupt viel
! richtige Einzelbeobachtungen über den deutfehen Idealis-
i mus, über fittliche Mißftände und kirchliche Probleme
: gemacht find. Insbelondere beachte man die Entwürfe
: zu Verpflichtungsformeln der jungen Theologen, von
denen die eine fchon vor der elften theologifchen Prü-
fung, die zweite bei der Ordination gebraucht werden
foll. L. erkennt jedenfalls ein Reformbedürfnis in diefen
Fragen an, zumal über feine zweite Formel ließe fich
reden. Wer die kirchlichen Stimmen zur .Neuorientierung'
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