Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

43.1918

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Theologifche Literaturzeitung 1918 Nr. 1.

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der fachlichen Bildung; er zeigt fich deutlich auch in der
gefchlechtlichen Erziehung, wenn Baumgarten fordert,
daß vor allem bei den akademifchen und militärifchen
Volkserziehern das unbegründete Vorurteil gebrochen
werden müffe, als ob fexuelle Selbftbeherrfchung eine
utopifche und naturwidrige Forderung fei. Aber nicht
kaftenmäßig, fondern ethifch ift diefe Unterfcheidung ge-
meint; daher feine Forderung, die utiliftifche Bekämpfung
der Gefchlechtskrankheiten durch den Staat dürfe nicht
fo geübt werden, daß fie die ethifchen Kräfte und Motive
der ,Edelmenfchen' breche. Auch auf religiöfem Gebiet
macht Baumgarten diefe Unterfcheidung, wenn er näm-
lich die religiöfen und überhaupt die metaphyfifchen
Kräfte vor allem in den geiftigen Führern wecken will,
damit ihr Heldenfinn die Maffe mit fich reiße, und wenn
er der Menge die Laft der intellektuellen Durcharbeitung
der metaphyfifchen Probleme abnehmen und ihnen durch
Pflege des Gemüts- und Phantafielebens, durch fchlichte
und feite Einprägung eines gediegenen praktifch wert-
vollen Schatzes von religiöfen Kernfatzen und Ausdrucks-
formen nützlichen Dienft leiften will.

Wenn B. dabei die Weisheit der großen Volkserziehe-
rin Rom, ihre Maffenpfychologie und Einzelpädagogik
anerkennt (S. 204), auch fonft gelegentlich (S. 167) hervor-
hebt, daß die evangelifche, zumal die lutherifche Ethik, die
alle einzeln enfittlichen Verhaltungsweifen frei aus deminner-
ften Glaubensleben erfließen läßt, gegen die Pfychologie der
Maffe verftoße und der katholifchen Volkspädagogik unter-
legen fei, fo bekundet fich in diefer realiflifchen Unter-
fcheidung von Maffe und Edelmenfch noch ein dritter
kennzeichnender Zug, Baumgartens lebhaftes Bemühen
um Gerechtigkeit für die Gegenfeite. Diefes Be-
mühen führt ihn m. E. zuweilen reichlich weit, fo im Ver-
ftändnis für fremde Volksart, bei der Bekämpfung des
Chauvinismus; und im Verftändnis der Gründe für Be-
fchränkung der Kinderzahl, bei Empfehlung der Volks-
vermehrung. Aber folche kleine Anftöße können mich
nicht im minderten hindern, dem gehaltreichen Buch in
allem Wefentlichen dankbar zuzuftimmen und ihm weite
Beachtung und Beherzigung zu wünfchen.

In eine ganz andere Welt verfetzt uns zunächft Bur-
dach. Seine Schrift ift nach Einleitung und Schluß, dem
Untertitel entfprechend, pädagogifcher Art — daher wird
fie von mir und in diefem Zufammenhang, befprochen
—, aber ihre Hauptmaffe ift gefchichtlich, eine Schilde-
rung der Renaifianceidee nach Urfprung, Wirkung und
Wandlung. Und diete Darfteilung ift fo gehaltreich und,
foweit ich fehe, oft neu, daß ich, wenn auch nur rein be-
richtend, ihren Inhalt kurz andeuten muß. Die Renaiffance
entftand in Italien im Trecento, ihre Hauptfchöpfer find
Dante, Petrarca und Rienzo. Das Wort R. bedeutet
nach dem Sprachgebrauch des 14. Jahrhunderts ,innere
Wiedergeburt (Verjüngung) der damaligen Gegenwart
und der in diefer lebenden Menfchen', nicht aber Wie-
dergeburt der Antike, wenngleich die Rückkehr zur Antike
(die für den Italiener Rückkehr zur eigenen Vergangen-
heit zu bedeuten fchien und auch weithin bedeutete)
ein Mittel zu diefer Verjüngung fein follte. Sie ift eine
nationale Bewegung, ein leidenlchaftlicher Proteft gegen
die bis dahin auch in Italien geltende franzöfifche Kultur-
hegemenie (alfo das Gegenteil der jetzt fo viel geprie-
fenen Kultureinheit der lateinifchen Nationen). Rienzo,
der Schüler Dantes, überführt fie aus ihrem urfprünglichen
Kulturgebiet in das Strombett des politifchen Gedankens
der nationalen Volkseinheit und Selbftbeftimmung Italiens.
Es ift durchaus irrig, der R. realiftifche oder gar natura-
liftifche Tendenzen unterzufchieben, oder fie mit dem
Rationalismus in innere Verbindung zu bringen; erft der
im Schema der Schule verflachenden Spätrenaiffance ver-
bindet fich fpäter die Schulmeifterei der Aufklärung.
(Diefes Problem fcheint mir von Burdach noch nicht
befriedigend gelöft.) Die R. trägt in fich das ,Grundge-
fühl für KunfiV, fie bringt Befreiung der unbewußten,

trieb- und gefühlsmäßigen, finnlichen und feelifchen Kräfte
des Menfchen, in denen die Quelle der urfprünglichen
Religion des naiven Menfchen ftrömt. Daher ihre leiden-
fchaftliche Auflehnung gegen den Intellektualismus der
Hochfcholaftik, ihre Begeifterung für Plato ftatt Ariftoteles,
den Rienzo einen Schwätzer fchilt. Kirchenfeindlich ift
die R. nicht, aber den finfteren, unfreien, asketifchen Geift
lehnt fie ab, fie ift ,eine Säkularifierung, eine Entdüfterung
der Religion, eine neue Andacht, ein neuer Gottesdienft,
der in der Schönheit und Herrlichkeit der diesfeitigen
Welt ihren Schöpfer verehrt'. — Ausführlich und feffelnd
fchildert Burdach dann die Wirkung der R. im Deutfch-
land Karls IV und im 16. Jahrhundert, im Frankreich
Franz' I, in feinem Klaffizismus, aus dem fich fchließlich
der in Napoleon gipfelnde franzöfifche nationale Kultur-
imperialismus entwickelt (in deffen Bann unfere Feinde
noch heute ftehen). Während der politifch-nationalen
Revolution in Frankreich hat Deutfchland unbeachtet die
folgenreichfte Umwälzung des Menfchheitsgedankens voll-
zogen: der franzöfifche Kuiturimperialismus wird über-
wunden durch die deutfche Entdeckung des Organifchen,
des natürlichen Wachstums geiftigen Lebens, durch die
neue Humanitätsidee der Perlönlichkeit, die revolutionäre
Freiheitsidee durch ein deutfches Freiheitsideal von all-
gemein menfchlicher Geltung. Das ift die edelfte Blüte
der zweiten deutfchen Renaiffance, der weimarifchen.

Freilichhaftetauchihrnoch einErdenreft klaffiziftifchen
Schulftaubes an, der Trugglaube an das abfolute Menfch-
heitsideal der Antike. Das hat es nie gegeben, Griechen
und Römer wie auch die Renaifiance, kannten nur eine
nationale Kultur. Beide wurzeln in der nationalen Into-
leranz, die der Barbarenbegriff kennzeichnet. Wirklich
allgemeines Menfchheitsgut ift nur das Chriftentum und
nicht die Antike oder Renaifiance gewefen. Aber phan-
taftifch, wenn auch begreiflich und liebenswert, meint
Burdach, ift auch der Verfuch von Benz, (Blätter von
deutfcher Art und Kunft') und feiner romantifchen Freunde,
eine neue deutfche Renaiffance auf Wiedererweckung
des ,deutfchen' Mittelalters zu gründen. Eine gemein-
fame nationale Kultur habe das deutfche Mittelalter,
feitdem es deutfche Literatur gibt, nicht mehr befeffen.
Bis in die deutfcheften Stücke, bis in Sage und Mär-
chen, reiche die Abhängigkeit von fremden Einflüffen.
Trotzdem will auch Burdach eine deutfche Renaifiance.
Er möchte vor allem der deutfchen Jugend den Geift
von 1914, der trunkenen Begeifterung, geläutert, erhalten.
Unfer Bildungsziel fei, nach einem Goethe-Wort aus einem
Fauft-Fragment, ,Schaflende Spiegel' zu werden, m. a. W.
,tiefes Erleben und eigenes Wirken vereinen'. Innere
Bildung des Menfchen foll das Gymnafium erftreben, Aus-
bildung und Entfaltung der perfönlichen Kraft zum Berten
der Nation; praktifche oder Fachkenntniffe zu vermitteln
fei andern Schulen überlaffen. Daraus entwickelt nun
B. feine Reformforderungen.: Verbefferungen des deut-
fchen und des gefchichtlichen Unterrichts im Sinne einer
lebenweckenden Deutfehkunde, Verbefierung der Lehrer-
bildung auf der Univerfität, (innere Verfchmelzung der
deutfehkundlichen und der antiken Ausbildung, philolo-
gifches Phyfikum in weitfehauender Allgemeinbildung,
Durchbrechung der philologifchen Schlagbäume, vorwärts-
gerichtete Unterweifung: Auguftin, Vulgata, M.-A. Latein,
Meffe). Vielwifferei aber ift der Tod jeder wahren Bil-
dung. Ziel: Wir hoffen (trotz Schillers bekanntem Spruch)
endlich uns auch geiftig zur Nation zu bilden und gerade
dadurch unfere Weltrolle im Verein der Menfchheit am
freieften und vollkommenften zu fpielen.

Spranger führt uns in den Wandel des deutfchen
Bildungszieles während des 19. Jahrhunderts ein. Über
dem Gymnafium des 19. Jahrhunderts leuchtet W. v. Hum-
boldts individualiftifches Ideal der Selbftvollendung, Die-
fes an fich ganz unpolitifche Ideal ift aber nicht ohne
politifche Beziehungen. Es entfpricht der liberalen Staats-
auffaffung, die feit 1789 den ftändifch abfolutiftifchen Staat
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