Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

42.1917

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Theologifche Literaturzeitung 1917 Nr, 18/19.

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Naturphilosophie auf phänomenologifcher Grundlage' vor-
geführt, wobei letzterer als dem kühneren und intereffan-
teren Unternehmen der Vorrang eingeräumt wird. Im
Unterfchiede von diefen umfaffenden, überall, es fei denn
etwa bei Herbart, mit Liebe ausgeführten Analyfen bleibt
die Uberficht über die naturphilofophifchen Strömungen
der Gegenwart allzu fummarifch; der Verfaffer hat ihre
Darftellung (die ihm urfprünglich allein als Ziel vorfchwebte)
einem befondern Werke vorbehalten. Möge es ihm ver-
gönnt fein, dies Vorhaben auszuführen; man darf da-
von gewiß keine geringere Fülle von Anregungen als
fie der vorliegende Band enthält, erwarten, zumal wenn
S. fich nicht, wie bisher, auf die Leiftungen der eigent-
lichen Philofophen befchränken, fondern, wie es not-
wendig fein würde, den Theorien der Naturforfcher felbft
genügende Beachtung fchenken wollte.

Eine erwünfchte Ergänzung bietet Baeges Vortrag
über die Naturphilofophie Ernft Mach's8. Die kritifche
Prüfung der Grundbegriffe Newtons (abfoluter Raum,
Maffe ufw.) und der Atomiftik, die Ablehnung des Sub-
ftanz- und des Kaufalitätsbegriffs, die Zurückführung des
Phyfifchen wie des Pfychifchen auf Empfindungs- ^Erleb-
nis'-, wie B. interpretiert) demente, die biologifche Orien-
tierung des Erkennens als eine Anpaffung der Gedanken
an die Tatfachen und das hieraus lieh ergebende Prinzip
der Denkökonomie finden kurze, aber präzife Darftellung.
Dagegen wird der Verfuch einer Kritik der Pofition
Machs nicht unternommen, wenn es auch an Anfätzen
zu weiterer Fortbildung nicht ganz fehlt.

Zehnder9 ftellt in feinem für Studierende aller
Fakultäten beftimmten Werke unfere Kenntnis vom Welt-
all, foweit es fubftantieller Natur ift, fowie die Hypothefen
über feine Entftehung in lichtvoller und durch zahlreiche
gute Abbildungen wirkfam unterftützter Weife dar. Faft
die Hälfte des Ganzen nimmt dann die Durchführung
feiner eigenen, fchon in früheren Schriften vertretenen
,Nebularhypothefe' ein. Er führt hier vom ,Chaos' d. h.
einer unermeßlich fein über den Raum von einigen
taufend Siriusweiten verteilten Gasmaffe, die bei abfo-
luter Nulltemperatur in ihre Atome aufgelöft ift, unter .
vorfichtiger Extrapolation der bekannten Gefetze nament- 1
lieh der Energie und Schwere folgerichtig zur Bildung
von kosmifchem Staube, meteoritifchen Gebilden (bei denen
fchon chemifche Kräfte in Erfcheinung treten können),
fchließlich Sonnen. Der Zufammenftoß zweier Sonnen
läßt ein Spiralfyftem entftehen, das fich allmählich in
eine flache rotierende Scheibe und fchließlich in ein
Planetenfyftem wandelt. Da die Mafien durch die Schwer-
kraft immer mehr zum Schwerpunkt des Syftems ge-
zogen werden, mithin die großen Weltkörper immer mehr
die kleinen abforbieren, fo muß der Sturz der Planeten
in die Sonne, entfprechend die Zufammenballung aller
Sonnen in eine Zentralfonne, als wahrfcheinlich gelten.
Um von hier aus eine Rückkehr zum Chaos und fomit
den ewigen Kreislauf des Weltalls zu gewinnen, baut Z.
die Ätherhypothefe in der Richtung aus, daß die un-
regelmäßige Ätheratombewegung das fei, was wir Elektri-
zität nennen (,gewißermaßen die Wärme des Äthers').
Wird weiter angenommen, daß die in der Zentralfonne
vereinigte Gefamtmaffe den elektrifchen Zuftand des da-
felbft befindlichen Äthers annimmt, während gegen die
Grenze der Ätherkugel hin die Elektrifierung abfolut ge-
nommen Null ift, fo muß bei höchfter elektrifcher Spannung
fchließlich die elektrifche Abftoßung der Teilchen die
Gravitation übertreffen, die wägbaren und alsdann die
Ätheratome ftieben auseinander, und das Spiel beginnt
von neuem. In dies allgemeine mechaniche Schema wer-

8. Baege, Dr. M. H.: Die Naturphilofophie v. Ernft Mach. (31 S.)
kl. 8°. Berlin, Pfychologiich-Soziolog. Verlag 1916. M. —25

9. Zehnder, Ludwig: Der ewige Kreislauf des Weltalls. Nach
Vorlefgn. üb. phyfikal. Weltanfchaugn. an der k. techn. Hochfchule
Berlin. (IX, 408 S. ra. 214 Abbildgn. u. 1 Taf.) gr. 8°. Braunfchweig,
Vieweg & Sohn 1914. Geb. M. 10.50

den auch die Kriftallifation und der Lebensprozeß ein-
geordnet. Letzterer derart, daß fich neben anderen
Molekelgruppierungen kriftallinifch aufgebaute Röhrchen
mit durchläffiger Membran bilden (Ciftellen). Sie befitzen
Durchläffigkeit, Ouellbarkeit und Kontraktilität, zugleich
eignet ihnen, wie andern Subftanzen vermöge einer von
ihren Molekeln ausgehenden Strahlung die Fähigkeit,
immer nur gleichartige Molekeln der gleichen Subftanz
aus anderm Material zu bilden und fich ihren Dafeins-
bedingungen anzupaffen, evtl. durch Differenzierung.
Endlich erhöht, ebenfalls auf Grund der angenommenen
Strahlung, ,die Funktion das Beftreben der Subftanz, fich
zu erhalten', und fo wird das ganze Leben im organifchen
Reich in die Bahnen der Zweckmäßigkeit geleitet. Es
verlieht fich darnach von felbft, daß Urzeugung prin-
zipiell jederzeit möglich ift und auch wirklich vorkommt,
und daß im Weltall Leben an vielen Orten angenommen
werden kann.

Der Reiz der Darftellung beruht darin, daß fie, auf
dem Boden der überlieferten atomiftifchen Anfchauung
verbleibend, mit möglichft einfachen Mitteln arbeitet, nicht
unnötig Hypothefen häuft und das Hypothetifche der
| eignen Aufftellung zumeift deutlich hervorhebt. Damit
verbindet fich nüchterne Kritik gegenüber den Modetheo-
rien und reiche Sachkunde. Sehr zu empfehlen wären bei
1 wichtigen Punkten Literaturangaben.

Ein fehr eigenartige Theorie ftellt Silbermann10 auf, der ins-
befondere von den Ergebniffen der heutigen Chemie ausgeht und da-
raus auf die allgemeinen Bedingungen vom Werden, Sein und Vergehen
von Kraft und Stoff fchließt. Seine grundlegenden Gedanken find: 1) Die
Subftanzen, als folche auch die Grundftoffe, beftehen aus Energien.
2) Energien find Spannungszuftände, .Drang', Bewegung auszuführen;
Energien find mithin nur quantitativ von einander verfchieden. 3) Je-
der Energieausgleich vollzieht fich in einer oszillierenden Bewegung
analog der Schwingung des (konifchen) Pendels. 4. Die Spannungen
find daher (relativ) polar zu einander. 5. Die geleiftete Arbeit ift in
ihrer Effektfumme in Bezug auf die Pendellage gleich Null. Wenden
wir diefe Gedanken auf das Weltgefchehen an, fo ergibt fich dies als
eine oszillierende, in der Spirale verlaufende Bewegung, an deren Anfang
wir das Nichts (teilen miiffen. Bei dem Drange des TJrnichts, fich zum
Räume auszubreiten und diefen Raum zu vergrößern, entftanden die
Spannungszuftände (Energien). Mit der wachfenden Ausdehnung über
einen immer größeren Raum findet aber notwendig eine Degradation
der Spannungen ftatt, die in Form von Wärme und Licht fich zerftreuen.
Dadurch gerät aber der von Spannungen erfüllte Raum in Abkühlung
und unter ihrem Einfluß bildet fich, indem nunmehr dem Ausbreitungs-
drang der Zufammenfaffungsdrang folgt, die Zufammenhangsenergie
und mit ihr die fubftantielle Welt. Infolge der Betätigungen und der
damit verbundenen Degradation der andern Energien wird die Zufammen-
hangsenergie immer größer, bis fchließlich die fteigende Abkühlung fie
wieder zertrümmert und fo die Welt in den chaotifchen Zuftand und ins
Nichts zurückführt und damit die Reihe der Schwingungen neu beginnt.
So können die Subftanzen als folche nur in dem der heutigen Weltlage
entfprechenden Temperaturintervall zwifchen dem untern Zerfallspunkte
durch die Kälte und dem oberen Zerfallspunkt durch die Wärme exifti-
ren. Noch viel begrenzter ift die Exiftenzmöglichkeit für die kolloidalen
Subftanzen, unter ihnen das Protoplasma, an duften Exiftenz der phyfi-
kalifch-chemifche Prozeß des Lebens gebunden ift. — Die Schrift ift für
fachwiffenfehaftliche Lefer berechnet; fie ftellt eine Reihe kühner Hypo-
thefen über das Wefen der Gravitation, das Syftem der chemifchen
Grundftoffe u. a. auf, worauf hier nicht weiter einzugehn ift. Philofo-
phifche Bildung geht dem Verf. ab, fonft könnte er nicht die Null einer
mathematifchen Gleichung der Spannungszuftände mit einem metaphyfi-
fchen .Urnichts', wie er allen Emdes tut, gleichfetzen. Doch nimmt
das feinen Ausführungen nichts von ihrem Reiz.

Hegg's11 Kosmogonie leitet aus demVollen (dynamifch zu faffende
Uratome) und dem Leeren (Raum) als den beiden TJrprinzipien die
Welt ab. H. folgt dabei im Wefentlichen, doch unter Ablehnung der
materialiftifchen Tendenz, den von der zünftigen Wiffenfchaft abgewie-
fenen oder ignorierten kühnen Konftruktionen des Naturphilofophen I.
H. Ziegler, die bisher abfchließend in der Schrift ,Die Umwälznng in
den Grundanfchauungen der Naturwiffenfchaff 1914 formuliert find.
In dem Gmndgedanken einer Doppelfeitigkeit der Entwicklung aller er-
fcheinenden Dinge, die vom Liebte bis zur Gefchlechtspolarität des

10. Silbermann, Dr. Theophil: Der Weltanfang und die Bil-
dung von Energien und Stoffen. Eine wiffenfchaftl. Löfg. des Problems
ohne Zuhilfenahme v. älteren und ohne Aufftellung v. neuen Hypothe-
fen. Mit e. Tafel des period. Syftems der Bildg. der Elemente.
(143 S.) gr. 8°. Halle, L. Nebert 1917. M. 3 —

11. Hegg, Doz. Dr. med. Emil: Das Ewige im Zeitlichen. Eine
natnrwiffenfchaftl. Formulierg. (VI, 101 S. m. 3 Fig. u. 1 Bildnis.) gr. 8°.
Bern, K. Franke 1914. M. 2.40
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