Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

42.1917

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Chr.) zurückgeht und auf eine noch ältere Zeit zurück-
blickt; erft Moritz hat die Bedeutung diefer Nachricht
ans helle Licht geftellt. Danach ftand zurzeit der Ptole-
mäer in dem heiligen ,Palmenhain' eine Infchrift, die in
alter, unbekannter Schrift abgefaßt war, alfo nicht ägyp-
tifch gewefen zu fein fcheint. Ein Priefter und eine
Priefterin verfahen damals den Dienft der ,Ortsgötter',
denen die Bewohner der Umgegend bei den alle fünf
Jahre ftattfindenden Wallfahrten fette Kamele zu opfern
pflegten. Das Wafler der eiskalten Quellen galt als hei-
lig und wurde von den Pilgern mit in die Heimat ge-
bracht. Das Kamelopfer ift durch die Jahrhunderte das-
felbe geblieben; ,Nilus' (Migne PGr. 79, 613B) fchreibt
es den Sarakenen, Moritz (p. 59) den heutigen Sinaibe-
duinen zu. Trotz der phantafievollen Übertreibung des
,Nilus' wird ein hiftorifcher Kern nicht zu leugnen fein;
das Menfchenopfer dagegen, von dem Diodor nichts
weiß, wird ein Motiv des Abenteuerromans fein, wenn-
gleich es fonft vereinzelt bei den Arabern bezeugt ift.
Vgl. Karl Heuffi: Nilus der Asket und der Überfall
der Mönche am Sinai (Neue Jahrbücher. 1916. I. Abt.
Bd. 37 p. 107 ff".). Übrigens ift Oftracene bei Plinius nicht,
wie Moritz anzunehmen fcheint, ein Landfchafts-, fondern
ein Ortsname, == 'OorQaxiv)] Jof. Bell. Jud. IV 11, 5 zwifchen
dem mons Cafius und Rhinocorura; ,Idumaea' ift hier alfo
nicht Edom, fondern Negeb, und der Zufammenhang
mit 2c(Qaxr)vrj ift hier ebenfo zweifelhaft wie bei fipUCÄ.
Über diefes vgl. Ed. Meyer: Ifraeliten p. 373.

Moritz lokalifiert das vornabatäifche Heiligtum mit
feinem ,Palmenhain' und feinen Quellen in der Palmen-
oafe des wädi firän (p. 36), ohne fleh mit Ed. Meyer:
Ifraeliten p. 100 ff. auseinanderzufetzen, der es nach Tor
verlegt. An fleh wäre beides möglich, da fleh an bei-
den Orten große Palmenhaine finden und da Ptolemäus
und Diodor die Ortslage nicht genau befchreiben. Aber
die Wahrfcheinlichkeit fpricht mehr für Moritz als für
Ed. Meyer: 1. Das wädi firän ift die bedeutendfte Pal-
menoafe der Halbinfel. 2. Dort muß, wie die Klofter-
ruinen lehren, das chriftliche <PaQtxv gelegen haben, deffen
Name in dem Tal erhalten blieb; Tor dagegen ift 'PaWov.
Genauer wird man fagen müfien, daß PaWov in der
Nähe von Tor lag (Moritz p. 11). Dann bleibt die Mög-
lichkeit, Tor mitPofeidion zu identifizieren. 3. Den Na-
men der Garindäer hat das wädi rarandel bewahrt, das
dem wädi firän benachbart ift, während Tor weiter ent-
fernt ift. 4. Bei 'Por gibt es zwar außer dem Palmen-
walde eine heilkräftige fchwefelhaltige Quelle, aber fie ift
warm, während Diodor ausdrücklich von fchneekaltem
Waffer fpricht. Im wädi firän gibt es Waffer genug,
die Oafe zu bewäffern; heute fcheint es nicht mehr für
heilig zu gelten, aber daß die Gegend einft heilig war,
lehren die .finaitifchen' Infchriften, die bei Tor ganz
fehlen. Nach alledem wird man den .Palmenhain' Dio-
dors ebenfo wie die tfagavlrat des Ptolemäus im wädi
firän fuchen müfien. Soweit hat Moritz Recht. Aber mit
Unrecht will er den Namen MaQavlzai (bei Diodor) in
'Paoavlxai .verbeffern'; von einem .Palmenhain der Mara-
niter' redet Diodor nicht, im Gegenteil: wenn zuerft die
zurückgebliebenen Maraniter und dann die vom Feft
heimkehrenden niedergemacht werden, können fie nicht
in dem Palmenhain gewohnt haben, in dem das Pilger-
feft ftattfand.

Das chriftliche und vornabatäifche <PaQav lagen alfo
im wädi firän; wo lag das hebräifche Pharan? Moritz
(S. 10 f. 36 fr. 62) unterfcheidet drei verfchiedene Pharan:
1. Im wädi firän, ,fchon in der Bibel genannt'; die Belege
bleibt er leider fchuldig. 2. Bei Kades (Dtn. 33, 2;
I Reg. 11, 18). Aber die zweite Stelle beweift nichts
Sicheres, da die Lesart fraglich ift; vgl. Ed. Meyer: Israe-
liten S. 362. Nach der erften Stelle würde man aller-
dings Pharan bei Kades fuchen; eine wertvolle Beftäti-
gung wäre es, wenn der füdliche Teil des Gebirgsmaffivs
von el-Makräh gebel farän hieße, wie Moritz behauptet.

Nach Guthe PRE^ 24, 307,38 ff. ift diefe Angabe indeffen
ungenau; ob man fich überhaupt auf den Namen ver-
laffen kann, deffen einzige Autorität bisher eine englifche
Karte ift? Eufebius Onom. 166,15 (Kloftermann) fucht
Pharan nicht bei Kades, fondern weltlich von Aila (bei
'■ Hieronymus ift ab zu ftreichen!), drei Tagereifen entfernt.
Das ftimmt genau zum wädi firän, wenn man die Angabe
Strabons XVI, 4 berückfichtigt, wonach von Petra bis
zum .Palmenwalde' fünf Tagereifen gewefen feien. 3. Ein
Berg im Higäz, der für das AT nicht in Betracht kommt.
| — Es ließe fich mancherlei zu gunften einer Identifikation
; des biblifchen Pharan mit dem wädi firän geltend machen;
, vor allem würden fich die drei Örtlichkeiten oder Namen
I erklären: die ,Wüfte von Pharan', der ,Berg von Pharan'
(=Serbäl) und ,El(e?) Pharan'(Gen. 14,6) =Elim mit feinen
; zwölf Quellen und fiebzig Palmen (Ex. 15,27). Wenn man
will, kann man im Anfchluß an Päd. Meyer das neben
Elim genannte Mara (Ex. 15,23) mit den Maranitern
kombinieren, obwohl es nach meiner Meinung (Mofe und
| feine Zeit S. 412 fr.) eher bei Kades lag. Sicherheit ift
nicht zu gewinnen, wenngleich fich kaum leugnen läßt,
daß fich betreffs Pharan die Wagfchale ein klein wenig
zu gunften des finaitifchen wädi firän neigt. Noch weniger
läßt fich über den biblifchen ,Sinai' ausfagen. Moritz will
nicht nur, wie es fcheint, zwifchen ,Sinai' und Horeb,
fondern auch zwifchen dem Sinai der Gefetzgebung und
dem der Poefie unterfcheiden; aber er führt keine Gründe
an, berückfichtigt weder die Gefamtheit der Stellen
(befonders wichtig Dtn. 1,2; cf. Mofe und feine Zeit S.
| 418) noch die modernen Hypothefen, die den Sinai als
Vulkan auffaffen.

Alles in allem wird man Moritz fehr dankbar fein
müffen für das, was er bietet. Er hat den großen Vor-
! zug, die Stätten aus eigener Anfchauung zu kennen, von
l denen er handelt. Außerdem hat er die Infchriften, die
in Betracht kommende femitifche und klaffifche Literatur
! eifrig ftudiert und viele Einzelheiten zu einem lebens-
vollen Bilde zufammengeftellt. In den meiften und
I wichtigften Punkten dürfte er allgemeine Zuftimmung
j finden; denn fein Urteil ift klug und ficher. Befonders
J glänzend find die Ausführungen über den Zweck und
die Urheber der .finaitifchen' Infchriften und die zufatn-
menfaffende Darftellung über die fpätere Gefchichte der
Nabatäer und Palmyrener, die man anderswo vergeblich
fucht. In Einzelheiten würde er gewiß an Überzeugungs-
kraft noch gewinnen, wenn er fich entfchließen könnte,
auch die Arbeiten anderer Forfcher in ftärkerem Maße
heranzuziehen und von ihnen zu lernen, wie fie fich gern
von ihm belehren laffen. Jedenfalls follte kein Alttefta-
mentler an diefem wertvollen Werke vorübergehen, das
für die biblifche Sinai-Frage um fo bedeutfamer ift, als
es faft nur außerbiblifches Material verwendet.

Schlachtenfee bei Berlin. Hugo Greßmann

Urkunden des ägyptifchen Altertums, 5. Abteiig., Heft 2.
Religiöfe Urkunden. 2. Heft. Ausgewählte Texte
des Totenbuches, bearb.v. Herrn. Grapow. (S. 65 —136
40 in Autogr. u. deutfehe Überfetzg. S. 25—52 8°
in Buchdr.) Leipzig, J. C. Hinrichs 1916. M. 7.50

Das zweite Heft der Ausgabe der wichtigeren Teile
des Totenbuches durch Grapow, welches nach etwajahres-
frift erfchienen ift (vgl Theol. Lit. Zeitg. 41. Jahrg. Sp. 121 f.)
bringt zunächft den Schluß des religionsgefchichtlich be-
! fonders wichtigen Kapitels 17. Dann folgen die Kapitel
I 20 und 18, welche der Rechtfertigung und damit Sieg-
reichmachungdes GottesOfiris und des diefem entfprechen-
den Ofiris des Toten vor den großen Gerichtshöfen der
i Götter durch den Gott Thoth gewidmet find. Das in
den gleichen Zufammenhang gehörende Kapitel 19 foll
das nächftelleft bringen. Die Anlage der Veröffentlichung
entfpricht der für das erfte Heft gewählten. Der ägyp-
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